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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XVI.

Bevor Walperga heimlich in ihr Schlafzimmer trat – denn nur die Schwester wußte von ihrem nächtlichen Gange – eilte sie zu Marga und umarmte diese dankbar unter Freudenthränen. Die Alte war noch wach; sie saß völlig angekleidet vor einem Tische und starrte, in Nachdenken versunken, in einen kleinen Spiegel, den sie vor sich aufgestellt.

Als ihr Walperga mit begeisterten Worten Albrecht's gelungene Rettung verkündete, erwiderte die Alte schmunzelnd: »Ei, mein Töchterlein, dabei ist weder zu danken noch zu verwundern; denn, was ich krumm gelegt, mußt' ich wieder g'rad' legen, und meine Heiltränke, die kenne ich; da ist kein Zweifel, daß er danach genesen mußte, hätt' ihm auch der Tod schon auf der äußersten Zungenspitze gesessen. Was ich dem schlechten Weib, der Camilla gegeben, das war auch ganz ordentlich und genau zubereitet; sie sollte den vierten Theil trinken, das wär' ihr ohne Schmerzen in die Knochen und Adern gedrungen und hätte sie nur häßlich und welk gemacht. Mehr wollt' ich nicht, aber die Abscheuliche hat ihm vermuthlich die ganze Flasche gegeben, in der Absicht, ihn vor Liebe rasend zu machen. Ob sie mich nur nicht verrathen hat?«

»Matusch erfuhr,« versetzte Walperga, »daß sie schon am frühen Morgen, als sie den schrecklichen Ausgang ihres Anschlages vernommen, Prag flüchtig verlassen habe.«

»Nun, dem Himmel sei gedankt!« rief Marga, »dann hätten wir also Ruhe vor ihr, denn die Angst wird sie sobald nicht wieder nach Prag kommen lassen. Wenn sie auch erfährt, daß Waldstein wieder genesen ist, so wird sie doch seine und besonders seiner Gemahlin Rache fürchten. Denn die Frauen sehen sich's nicht gleichgiltig an, wenn man ihnen einen heißgeliebten Mann entführen oder gar umbringen will. Was jede hat, will sie allein haben. Aber, mein gnädiges, schönes Töchterlein!« unterbrach sie sich und zog eine lachende Miene, »ich habe hier meinen Spiegel zu Rathe gezogen und meinen rechten Daumen und die Punktirtafel gefragt; der Waldstein, mein süßes Kind, wird noch recht lange leben, in Glanz und Ruhm, und ein gewaltiger Herr werden; aber – – er wird bald Witwer sein, das ist gewiß! – Was wird dann lieb' Marinka dazu sagen, was – wenn er frei ist?«

Walperga neigte das blasse Antlitz und senkte die schwarze Wimper tief über die Augensterne herab, dann sagte sie mit fast tonloser Stimme: »Nichts! Ich habe keine Zukunft mehr – und meine Blumen keinen Sonnenschein!«

»Die erste Lieb',« versetzte Marga, »ist die tiefste Lieb' und stirbt niemals ganz.«

Walperga reichte der Alten die Hand und schwankte aus dem Gemache. Ungesehen von der Mutter, suchte sie ihr Lager. Es war bereits heller Tag, Jaroslava war erwacht. Ihr erzählte sie mit leiser Stimme Albrecht's glückliche Rettung.

»Du glückliche Schwester!« seufzte das junge Mädchen, »Du kannst doch für den Geliebten noch wirken, bringst ihm Segen; ich nicht. Er mag keinen Dank und kein Opfer von mir.«

»Erhalt' ihm Deine Liebe,« versetzte Walperga, »sie wird ihm dereinst sein schönster Segen sein, wenn er ausgeträumt,« setzte sie leise hinzu. Dann drückte sie die Schwester an das Herz und überdeckte ihr Antlitz mit heißen Küssen.

Die alte Marga schien durch den plötzlichen Schrecken bei Waldstein's Vergiftung und durch die Ereignisse der letzten Tage, Vojta's Hinrichtung, Janko's Todesbotschaft und ihres Bruders heftige Vorwürfe wegen Verabfolgung des Zaubertrankes an Camilla, etwas sinnenverwirrt geworden zu sein. Die ganze Nacht hatte sie nicht geschlafen; sie wandelte ruhelos in den Zimmern auf und ab, summte mit leiser Stimme für sich alte Lieder, lachte manchmal auf und kramte im alten Hausrath und abgelegten Gewändern, die sie aus früherer Zeit bewahrt, jedoch seither unbeachtet gelassen hatte.

Matusch sah ihr Treiben, doch störte er sie nicht und fragte nicht nach der Ursache desselben. Seine Brust erfüllte es mit Freude, daß Albrecht gerettet war; hatte er doch in dem verhängnisvollen Momente Walperga's engelreines Gemüth wieder erkannt und ihr rührendes Bild am Krankenbett des Leidenden hatte sein altes Herz mit einer Ehrfurcht und Zerknirschung vor etwas Heiligem erfüllt, das seinen Begriffen nach nicht von dieser Erde war. – Nicht der Heiltrank der Schwester; nein! des schönen und edlen Mädchens Gebet allein mußte das schwindende Leben gerettet haben, diese Hilfe kam sichtbar vom Himmel – glaubte er; denn dieser – wenn gerecht und gütig – konnte nicht taub bleiben bei solchem Opfer und solchem Gebet. Diese Rettung kam von Gott, sichtbar, weil augenblicklich, vor seinen Augen; nicht von dem Heiltrank Marga's.

Und von neuem gelobte er sich, all sein Streben und Trachten dem Dienst des wunderbaren Mädchens zu weihen, das gleich im ersten Augenblicke seine liebevolle Treue und Anhänglichkeit gefangen nahm.

Als es zu dunkeln begann, verschloß Marga ihre Stube, in der sie zwar leise, aber unstet und heimlich wie ein Gespenst gewirthschaftet. Sie legte die alte, abgetragene Kleidung wieder an, welche sie trug, als sie auf den Straßen zu Walperga's Liedern das Tambourin schlug, sie ordnete ihr Haar wie damals, oder versetzte es vielmehr in den nachlässigen und verworrenen Zustand; dann betrachtete sie sich wohlgefällig im Spiegel und lachte auf und sagte leise zu sich: »Ganz gut, so wird er mich schon wieder erkennen, der liebe Junge – er soll auch seine Freude haben!«

Sie wandelte noch lange in der Stube unthätig und doch wie geschäftig auf und ab und sprach halblaut für sich, als bereite und ermuthige sie sich zu einem Geschäfte: »Das wird gelingen und ihm ganz gut gedeihen. Ein jeder von den Bösen hat seinen Lohn bekommen, und schon auf Erden; das beruhigt – uns, die Armen, die sonst nur da wären, um von den Uebermüthigen und Stärkeren getreten zu werden; der Vojta ist gehangen, der Scherbic hat's in der Lunge, die Gräfin über alle Berge – die Angst im Rücken, daß ihr die Blutrichter wegen Giftmordes folgen und – selbst Herr von Waldstein, der meinem frommen Kinde Liebe gelogen, ihr das arme Herz und den Sinn verwandelt, und wegen des Geldes und Ranges doch eine Andere geheiratet, auch er hat seine Buße bekommen von rechtswegen und wegen der göttlichen Gerechtigkeit. – O, es ist am besten, wenn alles auf Erden noch abgemacht wird. Dort drüben sind die seligen Geister und dürfen uns nichts vorzuwerfen haben, das würde Gott erzürnen; denn wozu sonst hätte er uns in die irdische Lebensschule geschickt? – O, die Marga ist weise und klüger als Alle, die sich unterstanden, sie für dumm zu halten. – Sie stiftet Gutes selbst gegen ihren Willen; denn der abscheuliche Trank hat die Gräfin für immer beseitigt und dem Herrn von Waldstein gewiß die Lehre gegeben, nicht mehr leichtsinnig zu lieben und Versprechungen zu geben, wo er sie nicht halten will. – O, o! Die Lüge wär' schon gut und helfe uns Allen in der größten Noth, wenn man sich nur immer darauf berufen und darauf verlassen könnte. Sie hätt' die Wahrheit auf Erden schon längst umgebracht, steck' ein gesunder Kern in ihr. Aber das ist's nicht. Und so wird die Welt schon einmal so bleiben und die Wahrheit neben der Lüge. – Amen! Amen – Amen!«

Es dunkelte bereits – Marga verließ leise ihre Stube; sie nahm aus dem mächtigen Camin, welcher den Corridor und die daranstoßenden Zimmer heizte, eine große Ofengabel, prüfte diese wie einen Speer in der Luft und huschte, leicht wie ein Gespenst, die schmale Seitentreppe hinab. Hier erlauschte sie den Moment, wo die Diener und Gardisten auf und ab gehend und im Wortwechsel begriffen sich nach dem Hofe bewegten, und entschwand hinter ihrem Rücken aus dem Hause. – Durch die finsteren Straßen schwebte sie mehr als sie lief, in die Altstadt hinüber zu Scherbicen's Hause.

»Der Ritter Sadsky ist noch nicht hier?« fragte sie die Diener, welche im Vorgemach standen.

»Nein,« war die Antwort, »der kommt erst um Mitternacht, um beim Herrn zu wachen. Was willst Du?«

»Ich bin die Wunderfrau, die er schickt,« versetzte Marga mit Entschiedenheit, »ich soll Eurem gnädigen Herrn die Schwindsucht versprechen – soll ihn messen – ob noch zu helfen ist. Die Aerzte können doch nichts.«

»Du!?« sagte einer der Diener höhnisch.

»Ich – freilich,« versetzte sie giftig, »oder soll ich Dir etwa das kalte Fieber in den Leib jagen – weil Du mein spottest? Das kann ich, wie ich die Hand umdrehe, Du Fant mit dem gelben Schnabel und den Eierschalen auf dem Kopf!«

»Es wird schon richtig sein,« meinte ein älterer Bedienter des Scherbic; »der Herr hat gestern zum Sadsky gesagt, die Aerzte nützten ihm nichts und er wollte sich lieber einem alten Weibe anvertrauen. Bei mir zu Hause in Strakonic curiren die alten Frauen alle Lungensüchtigen durch Verspruch und einen Kräutertrank. Erst muß sich aber der Kranke auf den Boden legen und wird gemessen von der Zehe bis zum Scheitel, und von einer ausgebreiteten Hand bis zur anderen. Wenn er so die Kreuz und Quere das gleiche Maß hat, so ist ihm zu helfen; sonst nicht. Zu diesem Zweck hat das Mütterchen da auch wohl den Spieß mit, denn jeder Soldat hat seine Waffe, jeder Handwerker sein Werkzeug.«

»Nun, wie eine Hexe sieht die Alte aus,« brummte der Andere leise.

Marga, die trotzdem seine Aeußerung gehört hatte, wandte sich giftig zu ihm und geiferte: »Wart' nur, Du mausköpfiger Schlingel – wenn Dir die Gicht erst einmal in den Knochen steckt und d'rin wirthschaftet wie der Fuchs in der Falle, dann wirst Du schon zum Kreuze kriechen und gern bei einem alten Weibe Hilfe suchen! – Aber jetzt« – unterbrach sie sich – »lasst mich hinein zu Eurem elenden Herrn und entfernt Euch aus dem Vorzimmer; es darf bei meiner Cur niemand in der Nähe sein und Keiner was davon hören. Wenn Ihr mich oder den Ritter auch laut rufen hört, so soll Euch das nicht beirren – es gehört zur Besprechung, die dürft Ihr nicht stören; und sollt' er etwa schreien, daß man's durch zwei, drei Zimmer hört, dann ist ihm geholfen und ich bin fertig.«

Der ältere Diener öffnete die zweite Thür und Marga trat in Janko's Krankenzimmer. Er schlief; sein Antlitz war bleich, abgemagert, fahl, der Tod hatte bereits mit lesbaren Zügen sein Memento darauf geschrieben; die sonst riesige Gestalt war ein Schemen geworden, welches unter den Decken und Kissen beinahe verschwand. Zu Häupten seines Bettes stand auf dem Tische ein großes Glas mit Wein und ein anderes mit einem weißlichen trüben Heiltranke. Vom Ersteren nur schien Janko bereits getrunken zu haben.

Als Marga ziemlich geräuschvoll einen Stuhl zum Bette zog und sich darauf, die Ofengabel wie eine Hellebarde in der Hand haltend, setzte, erwachte Scherbic.

Seine halb erloschenen Blicke trafen und erkannten Marga. Er sagte, das Haupt erhebend, mit schwacher, heiserer und keines lauten Tones mehr fähiger Stimme: »Was willst Du, Scheusal? Wer hat Dich hereingelassen?«

»Scheusal!?« wiederholte Marga und lachte höhnisch – »wie Ihr doch immer gütig seid, Junkerchen! Ei – Ihr habt mich ja so sehr geliebt, Janko, daß Euch meine Lieb' auch in der Todesstunde nicht lassen kann. – Ja, Junker, ich bin treu; das hättet Ihr von mir nicht erwartet – und für alles Gute, was Ihr mir gethan, muß ich doch Vergeltung üben.«

»Hebe Dich weg von mir, satanisches Weib!« keuchte Scherbic und strengte sich an, nach den Dienern um Hilfe zu rufen; aber die Stimme versagte ihm, ein schrecklicher Husten erschütterte seine Brust. – »Ich mag Dich, ob lebend oder todt, nicht sehen – geh' – geh'!«

»Ja – das sagt Mancher,« antwortete mit gesteigertem Hohn Marga; »aber er kann's nicht ändern. Den Tod mag auch Keiner sehen und möcht' ihn gern fortschicken durch Drohen oder Bitten; aber der geht nicht, der bleibt. Und der sitzt schon auf Eurer Stirn; ich seh' ihn, wenn Ihr ihn auch nicht seht.«

Janko wollte sein Antlitz abwenden, aber ihm fehlte die Kraft dazu. Kalter Schweiß rieselte über seine Stirn, er ächzte: »Aber – was willst Du von mir, schreckliches Weib – jetzt, wo ich schwach und elend. Verlangst Du Geld dafür, daß ich Dich und Deine Tochter geärgert? – Du sollst es haben, aber verlasse mich – ich kann Deinen Anblick nicht ertragen. Meine Diener – meine Diener!«

»Das alles nicht, gnädiger Herr! Im Gegentheile, ich bring' Euch Hilfe; die alte Marga ist gut, engelgut gegen Euch und Ihr habt sie doch getreten, angespieen, verflucht, geschimpft; sie war Euch eine Hexe, eine Zigeunerin, ein Scheusal, ein Wechselbalg, eine alte Kröte, ein Affe. O, das fordert Dank, viel Dank heraus.«

»Du willst Dich rächen! – Vollende und geh'!«

»Ei, ich geh' nicht, bis ich erst gesehen habe, wie der Teufel Eure Seele knapp vor dem Munde auffängt, damit ich ihm zu dem Fang Glück wünschen kann. – Ich will Euch ja helfen – Herr Ritter, gestrenger Janko! – O, auch ein Edelmann soll meine Hilfe nicht verschmähen! Ihr habt so oft von der Ofengabel gesprochen, auf der ich Nachts mit den Hexen zum Teufelssabbath reite; nun seht, die hab' ich Euch mitgebracht – 's ist wahrhaftig meine Gabel, darauf sollt Ihr in die Hölle fahren, sie soll Euch den Ritt erleichtern. Da – nehmt, steckt sie zwischen die Beine – in einem Schwunge seid Ihr fort – in der Höllenglut unten. O, da ist's schön, Januschku – für Leute Eures Schlages, wunderschön, warm, so warm, daß das Mark aus den Knochen wie Schweißperlen auf die Haut tritt.«

»Gott, mein Gott!« flehte Janko – »es ist entsetzlich. Lass' mich, Alte, bedenk', ist erst der böse Husten vorbei, so werde ich genesen und dann – dann – kann ich mich rächen, bedenk' das wohl.«

»Ei, Du wirst nicht genesen, Du lieber Fant, das wär' ja schade und ein Verlust für die Hölle. Der Tod, der auf der Stirn sitzt – fühlst Du ihn nicht? – winkt mir bejahend zu und streckt die kralligen Finger aus und fragt mich, ob er Dir den Hals umdrehen soll. Auf meine Fürbitte muß er noch warten; ich hab' noch ein Wörtlein mit Dir zu reden, Janko. Du warst ja so mild und grundgütig auf der Welt, und es wär' schade, wenn Du stürbest wie jeder andere gewöhnliche Mensch.«

»Die Schurken,« seufzte Scherbic, »und Sadsky auch – sie lassen mich allein – dieser Megäre preisgegeben und niemand erbarmt sich mein – und sie füllt mit Wahnsinn mein Gehirn! O, Gott – Gott!«

»Zu dem hättet Ihr früher beten sollen, Janko! Der ist vornehmer als ich – ich nur komm' gutmüthig in der letzten Stunde, um Euch zum Tode vorzubereiten. Ich werd' Euch sagen, wie der Tod kommt, damit Ihr darauf gefaßt seid und muthig sterbet, wie ein Mann. Ihr ward doch sonst so muthig, Janko, ein gewaltiger Schläger und Raufer, und habt den Tod herausgefordert. Schlagt nun die Augen auf, blickt über Euch – er sitzt auf Eurer Stirn, die Beine ausgebreitet und lacht über Euch, daß ihm die kahlen Hüftenknochen schlottern. Mit mir ist er gut Freund und hat seine Lust d'ran, daß ich Euch so gut ins Gebet nehme. Ja – aber Ihr wollt erfahren, wie's mit dem Sterben ist; das will ich Euch sagen. – Doch Ihr scheint durstig, Janko, ich will Euch zu trinken geben.« Sie reichte ihm das Glas mit Wein – er fuhr erst widerwillig zurück, dann aber faßte er mit den Lippen verzweiflungsvoll den Rand des Glases, und leerte, wie zum Sterben gefaßt, den ganzen Inhalt.

»So, Janko,« fuhr Marga fort, »das giebt Euch wieder einen Augenblick Luft, wenn auch nicht auf lange. – Also wie es mit dem Sterben ist und wie es bei Euch kommen wird – hört an: Erstlich wird Euer Herz ein großer, kalter Scorpion werden und sich selbst langsam auffressen; das werdet Ihr spüren und Euer Blut wird dabei nach und nach erkalten. Dann wird aus dem Loch, das Ihr in der Lunge habt und woher der greuliche Husten kommt – ja hustet Euch nur aus – es geht immer ein Stück Leben mit fort – da wird ein Maikäfer herauskriechen – Ihr kennt doch die Maikäfer – sie krallen und kratzen so hübsch, und dem wird ein zweiter, und ein dritter, ein vierter und so fort und fort folgen, und der erste wird Eure Lunge anfressen und der zweite und der dritte, alle in einer Reihe und dann rechts und links. Da werdet Ihr schreien wollen und werdet's nicht können und werdet dann athmen wollen und auch nicht mehr können. Und weil Euch so immer kälter und kälter in der Brust werden wird, so werde ich diese Ofengabel hier heiß machen in einer Esse, bis sie weiß glüht, und werde sie Euch dann in den Unterleib rennen, daß es zischt und sie darin herumdrehen, in den Gedärmen und Eingeweiden, und das wird Euch zu Kräften bringen, denn es wird Euch warm machen. Dann werdet Ihr athmen, oder wohl gar schreien wollen; aber da wird plötzlich hinten im Schlunde über der Luftröhre eine kalte klebrige Kröte sitzen, die wird Euch die Luft von außen und innen benehmen und unablässig schreien, daß es an Euren Gehirnwänden wiederhallt: »Gieb's auf! Gieb's auf!« Und endlich, da Ihr nicht athmen könnt, werdet Ihr denken wollen. Aber statt des Gehirnes wird plötzlich eine eiskalte, nasse, ekelhafte Schlange in Eurem Schädel sein, die wird sich bald enger bald loser zusammenrollen und an den Wänden Eurer Gehirnschale mit der Zunge lecken, als wollte sie hinaus – hinaus aus der engen Behausung. Und da Ihr nicht denken wollt, werdet Ihr sehen wollen: da werden aber aus Euren Augen schwarze Blutegel werden, die werden sich hin und her bäumen, als wollten sie sich aus den Augenhöhlen losreißen, da dieses aber nicht angehen wird, so werden sie sich zurückbeugen und sich in den Augentiefen festsaugen mit ihren Rüsseln. – Und da Ihr nicht mehr sehen könnt, so werdet Ihr fühlen wollen; aber die Teufel werden Euch Löcher in die Arm- und Beinknochen bohren und d'rauf Flöte blasen. – Des Satans Großmutter, eine brave und herzliche Frau, wird Euch auf einem alten Hausschlüssel dicht vor den Ohren das Wiegenlied pfeifen:

Eia, Popeia, Dideldidu!
Schlafe, mein Kindlein, in sanfter Ruh'!

Seht mal – eben streckt der Knochenmann über Euch die Knochenhand aus und wird Euch die spitzen Finger in die Brust hacken. Zur Genesung, Januschku, der Teufel gesegne es Euch! Hehe he!!«

Janko betete mit leiser, gebrochener Stimme: Erbarm' Dich mein, Du gütiger Gott – nur diesmal noch – und geh' nicht so schrecklich ins Gericht mit mir armen Sünder! – Ach – entsetzlich, und keine Ruhe – keine!«

Er schloß die Augen und senkte das Haupt kraftlos in die Kissen – seine Mienen waren still, es war, als ob der Tod über ihn hinweg wehte.

»Er hat gebetet,« sagte Marga leise, »nun kann ich ihn lassen, ich habe ihn mürbe gemacht.«

Sie schritt sachte zur Thür hinaus und sagte zu den harrenden Dienern: »Es hat geholfen, morgen wird Euer Herr ganz gesund sein – für immer. Aber stört ihn jetzt nicht, er schläft. Wenn Euch etwas fehlt, denkt an mich; Ihr dürft aber mit mir keinen Spott treiben – ich bin ein armes, altes Weib – und kann recht böse werden, wenn man mich reizt.«

Sie entfernte sich. Später kam Sadsky und erfuhr von den Dienern den seltsamen Besuch. Er machte ihnen Vorwürfe wegen ihrer thörichten Leichtgläubigkeit; denn er hatte kein Weib der Art – er rieth nach der Beschreibung auf Marga – hierher beschieden. Als er zu dem Kranken trat, schlief dieser fest oder lag vielmehr in einer starren Ohnmacht. Da er erwachte, sah er wirr um sich und schien die Gestalt seiner Peinigerin zu suchen – er erkannte Sadsky, diesem erzählte er von der Erscheinung und der ausgestandenen Marter, wie von wirklichen Erlebnissen. Seine Darstellung war verworren und träumerisch. Sadsky suchte ihn zu überreden – er habe dies alles nur geträumt und verschwieg ihm die wirkliche Anwesenheit der Alten. Dies schien den Kranken einigermaßen zu beruhigen; doch wurde er immer schwächer, und als der Morgen mit dem hellen Finger ans Fenster pochte, verlangte er noch einen Trunk starken Weines, als wolle er sich gegen den fühlbar herannahenden Tod rüsten – und verschied.

Marga erzählte unter Lachen ihrem Bruder das gehabte Abenteuer und wie sie den Janko zum Tode vorbereitet und Reue und Buße bei ihm erweckt. – Matusch tadelte sie deshalb; sie aber erwiderte:

»Was willst Du? Lass' mir meinen Glauben! Ich weiß, daß die, so auf Erden ihre Sünden abgebüßt, dafür in der Hölle nicht zu leiden haben. Die arme Seele des Janko muß es mir Dank wissen, daß ich sie noch hier von Schmutz und Moder, von Gicht und Aussatz rein gefegt und rein gebrannt. Der Scherbicer wird mich vom Jenseits herab segnen für die Seelencur, welche ich an ihm unternommen.«

»Wenn er aber wieder genesen sollte,« warf Matusch ein; »dann Wehe uns!«

»O – der wird auf Erden nicht wieder gesund,« sagte Marga, »der Tod saß ihm in der That schon auf der Zunge und er hat, glaub' ich, schon jetzt vollendet.« –

Waldstein genas, seine kräftige Natur überwand die letzten Spuren des giftigen Trankes, aber Lucretia sank auf das Krankenlager; die ausgestandene Angst, der Schrecken, Seelenschmerz und Gewissensbisse stürmten so gewaltig auf sie ein, daß bald jede Lebenshoffnung schwand. Albrecht überhäufte sie mit aller Lieb' und Zärtlichkeit, deren er fähig war; hatte doch ihr ungeheuchelter Schmerz während seiner Krankheit ihn tief gerührt und ihm die unzweideutigsten Beweise ihrer aufopfernden Neigung gegeben.

Aber Lucretia wollte noch über das Grab hinaus geliebt in seiner Erinnerung leben, was sie unwissentlich an ihm verschuldet, wollte sie verwischen, sie wollte ihm vergelten für seine Leiden und ernannte ihn in einem rechtsgiltigen Testamente zum alleinigen Erben all ihrer Güter und Schätze. – Als sie ihr Ende herannahen fühlte, sagte sie zärtlich zu ihm: »Das Schicksal hat mir nur kurze Zeit vergönnt, an Deiner Seite zu leben, mein Geliebter; aber ich war namenlos glücklich. Die letzten Stunden meines Glückes hat ein unseliger Wahn mir gestört – allein Du verzeihst, Du hast verziehen und – ich habe bereut. Du trittst in ein neues Leben – mein Scheiden giebt Dich der Freiheit zurück, das was meine Liebe Dir hinterläßt, auch der Freude. Gedenke mein, wenn Dich das Dasein anlächelt, wenn Dir die Wonne Kränze windet! Du hast mich nie betrübt, Albrecht! Warum konnt' ich nicht jung und blühend sein und länger, länger an Deiner Seite durchs Leben wandeln? Allein ich murre nicht – ich danke dem Herrn auch für das kurze Glück und werde an seinem Throne für Dein Heil und Wohlergehen beten.«

Sein Auge feuchtete sich, er drückte einen Kuß auf die Lippen der Sterbenden; bald darauf hatte sie vollendet.

Albrecht ließ seine Gemahlin, die er zwar nie schwärmerisch geliebt, aber wahrhaft geachtet und mit der ihrem Range, wie ihren edlen Eigenschaften gebührenden Würde behandelt hatte, mit großem Glanze in der Karthause zu Valtic bei Jiczin beisetzen. Rechts vom Altare in der Gruft ruhen ihre irdischen Ueberreste und die böhmische Inschrift auf dem zinnernen Sarge nennt die »hochansehnliche Frau Lucretia von Waldstein, geborene Nekysch zu Landeck, Herrin auf Vschetin, Lukau, Nymnic und Milotic«.

Otto von Los, der gleich anderen protestantischen Ständen mißvergnügt auf das Land gezogen war, kehrte wieder nach Prag zurück; denn hier bereiteten sich allmählich großartige Ereignisse vor.

Waldstein's Trauerzeit war vorüber, er saß mit Otto in seinem Gemache. Nachdem sie geraume Zeit die öffentlichen Angelegenheiten des Vaterlandes besprochen, sagte Albrecht:

»Otto – wie stehst Du jetzt mit Walperga? Dein Freund ist berechtigt zu dieser Frage.«

»Die hat mich an die Schwester gewiesen,« versetzte Otto düster.

»Ein engelschönes Mädchen – mild wie die Mutter, und –«

»Ich würde sie lieben, liebte ich Walperga nicht. Ich baue auf die Zeit – die Zukunft, meine Ausdauer, mein bescheidenes Werben erwirbt mir vielleicht noch ihre Neigung.«

»Nein, lieber Bruder,« warf Waldstein mit wehmüthigem Tone ein – »die Zeit – die Zukunft schafft keine Liebe. Liebe ist ein Kind der Gegenwart, des Augenblickes; sie kommt wie der Blitz!«

Er schwieg – nach einer Weile faßte Albrecht Otto's Hand und sprach mit Wärme: »Mein brüderlicher Freund – ich baue auf Deine Nachsicht – Deine Treue; es gilt wieder ein Opfer! Du siehst, daß ich stets ärmer bin als Du; ich habe nichts, um Dir's zu opfern. Es giebt edle Naturen, denen man des Edelmuthes nicht genug zumuthen kann – sie übertreffen unsere kühnsten Erwartungen und Ansprüche. Ich bin frei – reich – unabhängig, das Geschick hat den Standesunterschied ausgeglichen. Und – noch liebe ich heiß. Wirb für mich bei Walperga! Biete ihr meine Hand!«

»Wie – ich – Albrecht!?« rief Otto wehmüthig und eine Thräne drängte sich in sein Auge.

Albrecht preßte seine Hand und sagte: »Habe ich Dich verletzt, dann verzeihe mir, Otto!«

»Nein, nein!« betheuerte Otto sich aufraffend und den bitteren Schmerz, der durch seine Seele zog, niederkämpfend: »Ja, ich will es thun – aufrichtig und warm wie ein Freund. Ich will bei Walperga werben, da Du jetzt, wie es scheint, der Werbung bedarfst. Lebe wohl!«

Otto trat vor Walperga. Mit einer gewaltigen Selbstüberwindung entledigte er sich in zarten Worten seines Auftrages.

Sie sprach mit einem wehmüthigen, fast bitteren Lächeln, indem sie seine Hände an ihre Brust drückte: »Ich muß es wiederholen: Ihr seid ein edler Mensch, Herr von Los, und suchte ich auf Erden noch ein Glück, ich würde es nur an Eurer Hand suchen; doch darf und mag ich keinen Raub an meiner Schwester begehen. Sagt dem Herrn von Waldstein, es fromme uns beiden nicht, eine Vergangenheit heraufzubeschwören, über die das Geschick gerichtet. Wir wollen nicht eingreifen in sein Walten und die Frühlingsblumen im Herbst zur Blüthe bringen. Ein welker Kranz gehört der Vergangenheit; wer wollte sein Haupt damit schmücken? Jede neue Zeit bringt ihre neuen Rosen. Auf den Gräbern des Vergangenen mögen wir wehmüthig beten, doch keine Jubellieder der Zukunft singen. Sagt ihm: ich habe schon lange entsagt und auf das, was jetzt kam, die Hoffnung nie gesetzt. Sagt ihm das, lieber, theurer Otto!« Sie winkte ihm zum Abschied. Er wollte sich entfernen.

Sie rief ihn zurück und deutete nach einer Thür: »Dort ist meine Schwester – habt Ihr keinen Gruß für Jaroslava. In diesem Hause waret Ihr doch stets ein milder Engel.«

Sie öffnete rasch das Gemach und ließ Otto eintreten, der zu befangen war, sich entschuldigen zu können.

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