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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIII.

König Mathias kam wieder nach Prag. Er fühlte sein herannahendes Alter und die Abnahme seiner Kräfte. Noch bei seinen Lebzeiten wollte er den Böhmen einen Nachfolger und Thronerben geben und diesen auch in der Regierung befestigen. Aber er, sowie seine Brüder, die Erzherzoge Albrecht und Maximilian, waren kinderlos. Seine Wahl fiel daher auf seinen Vetter, den steirischen Ferdinand, einen Enkel Ferdinand's I. Diesen beschloß er an Sohnes statt anzunehmen und zum Nachfolger in seinen Reichen zu erklären. Er hatte zu diesem Zwecke einen Landtag ausgeschrieben und traf mit den Erzherzogen Max und Ferdinand in Prag ein.

Das Vorhaben des Kaisers und Königs erfüllte die protestantischen Stände mit Schrecken, und laut erhoben sie ihre Stimmen dagegen, denn Ferdinand war ein Zögling der spanischen Mönche, war als Feind der protestantischen Lehre bekannt, sein blutiges Regiment in Steiermark hatte das Lutherthum dort ausgerottet; wie konnten sie sich von diesem bigotten, herzlosen Manne eines Besseren versehen?! Sie führten namentlich an, daß die Böhmen nach altem Gebrauch und Recht ihre Könige selbst wählen und sich sie nicht aufdringen ließen. Zwar hörte man den Kaiser in der Versammlung, wo er Ferdinand als seinen künftigen Nachfolger bezeichnete und empfahl, ruhig an; desto lauter aber machte sich hinterher die Erbitterung Luft.

Mathias Thurn und Colon Fels, an der Spitze der Mehrzahl der protestantischen Stände, erklärten, sie würden Ferdinand nie als König in Böhmen anerkennen, der geschworene Feind ihres Glaubens könne nie ihr Herrscher sein; aber die katholischen Herren, vertreten von Adam von Sternberg, Johann von Talenberg, Andreas Schlik (Albin's Oheim), Zdenko und Wilhelm Popel von Lobkovic zeigten sich bereit, dem Kaiser zu willfahren, und die Friedenspartei unter den Protestanten war nicht abgeneigt, auf sichere Bedingungen hin dem neuen König den Huldigungseid zu leisten.

Mathias Thurn rief ein dreifaches Wehe aus in der Versammlung, und verkündete im prophetischen Geiste einen Tag des Schreckens und den gewaltsamen Untergang der evangelischen Lehre. »Ihr verlaßt Euch jetzt selbst, Böhmen!« sagte er, »denkt an mich – Ihr werdet verlassen sein in Eurer bittersten Stunde!«

Aber sie hörten nicht – sie wollten den Frieden, und Mathias, ebenso wie sein Nachfolger, waren freigebig mit Versprechungen und Zugeständnissen.

Fels, Thurn, Kinsky, Albin Schlik und die, so entschieden ihres Sinnes waren, verließen Prag und gingen auf ihre Güter, um den neuen König nicht anerkennen und ihm den Eid leisten zu müssen.

Gleich darauf wurde von den zurückgebliebenen Ständen Erzherzog Ferdinand von Steiermark und Kärnten zum künftigen König von Böhmen angenommen, jedoch unter folgenden Bedingungen: Erstens sollte er den Ständen bei der Krönung die gebührliche Pflicht thun und den Eid leisten, ihre Privilegien und Majestätsbriefe, Begnadigungen, Freiheiten und Rechte, sowie die Landesordnung in allen Punkten, und wie es seine Vorgänger gethan, bestätigen. Zweitens soll Seine fürstliche Durchlaucht, der Erzherzog, sofort bei der Krönung verpflichtet sein, einen Revers auszustellen, worin er gelobt, sich während seiner kaiserlichen Majestät Lebzeiten aller und jeder Regierung in Böhmen zu enthalten, es geschehe denn dieses auf ausdrückliche Bewilligung des Kaisers und mit Genehmigung und unter Berathschlagung der obersten Landesofficiere und Landrechtsbeisitzer, sowie zweier ständischer Abgeordneten aus jedem Kreis, und sechs Abgeordneter der Prager und anderer Städte. Würde dessenungeachtet, so lautete die Schlußklausel, Seine herzogliche Durchlaucht noch bei Lebzeiten sich eine Regierungshandlung anmaßen, so sollen in diesem Falle die Stände nicht verpflichtet sein, Gehorsam zu leisten. Uebrigens erhielt Ferdinand den Titel eines gekrönten Königs und sollte als solcher gehalten werden.

Um dieselbe Zeit war ein spanischer Gesandter, Don Guevara, in Prag angelangt. Er hatte die Vollmacht, zwischen Oesterreich und Spanien einen Erbvertrag abzuschließen. Diesem zufolge sollten die Prinzen des Erzherzogs Ferdinand in Spanien erben und herrschen, wenn König Philipp III. ohne männliche Erben stürbe. Ebenso sollte Böhmen, Ungarn etc. an Spanien fallen, wenn Ferdinand, dessen Söhne oder Enkel ohne männliche Erben – wenn auch Prinzessinnen vorhanden wären, aussterben würden. Diese Erbeinigung wurde auch geschlossen und bestätigt. So geheim man sie auch bei Hofe hielt, so erfuhren doch die böhmischen Stände davon und zitterten schon von fern vor der spanischen Inquisition. Auch war ein solches Bündniß ein Eingriff in ihre Wahlgerechtigkeit und regte die Gemüther gegen Ferdinand auf, der jedoch klug verstand, sie vor der Hand zu beschwichtigen.

Waldstein war in Prag. Bei einer feierlichen Audienz; welche der neu erwählte König dem vornehmsten Adel gab, erkannte ihn Ferdinand aus der Menge heraus und, ihn näher winkend, rief er: »Sieh da, Herr von Waldstein – seid mir willkommen!«

Er reichte ihm leutselig die Hand.

»Eure königliche Durchlaucht erkennt mich noch!« versetzte Waldstein und neigte sich ehrerbietig.

»Ihr traut uns für unsere Freunde ein kurz Gedächtniß zu; bei Gott und der gebenedeiten Jungfrau, daran leiden wir nicht.«

»Möge mir bald eine Gelegenheit werden,« sprach Waldstein, »durch einen treuen Dienst diese gütige Erinnerung aufzufrischen und diese Gnade mir zu erhalten!«

»Ei dazu,« antwortete Ferdinand, »dürfte in Kurzem Rath werden. Die Herren von Venedig, unsere Nachbarn zu Hause, werden uns lästig. Sie erlauben sich Eingriffe in ungarisches Gebiet und brechen einen Grenzstreit vom Zaune. Wir führen das ungarische Grenzgeneralat und werden auf Seiner Majestät Befehl, wenn Wort und Unterhandlung nicht verfangen will, anbinden müssen mit den Doppelrittern. Ich nenn' sie so, weil sie mit dem Schwert zugleich die Elle führen. – Wenn Ihr davon hört, Waldstein, so denkt an uns! Wir hoffen Euch dann zu sehen.«

»Ich werde mich glücklich schätzen, unter Euer königlichen Durchlaucht Fahne zu treten,« antwortete Albrecht.

Ferdinand schritt weiter im Kreise; er war herablassend, mild, heiter und ließ es an Schmeichelworten und freundlichen Zusagen nicht fehlen. Er war ein ziemlich hochgewachsener Mann von mittleren Jahren. Das schwarze Haar trug er kurz geschnitten und glatt anliegend über der hohen Stirn, die Augen waren klein, doch funkelnd, stechend, die Gesichtsfarbe braun; er hatte in der Haltung und dem Ausdruck seines Hauptes etwas Geistliches, Mönchisches; die spanische Abkunft sah man ihm an; war nicht das sammtene Wams, der breite weiße Spitzenkragen, die Kette des goldenen Vließes auf der Brust und der zierliche Knebelbart, so konnte man ihn für einen Dominikaner halten. Doch diente er den Vätern der Inquisition auch ferner auf seinem Throne mit größerem Eifer noch, als wäre er ihr General gewesen.

Am 29. Juni wurde er in der Metropolitankirche vom Erzbischof Johann Lohelius feierlich gekrönt. Hierbei legte er folgenden Königseid ab: »Wir schwören zu Gott, der Mutter Gottes und allen Heiligen, auf dieses heilige Evangelium, daß Wir die Herren, Ritterschaft, Adel, Prager und andere Städte und die ganze Gemeinde des Königreiches Böhmen, wollen und sollen bei ihren Ordnungen, Rechten, Privilegien, Aussatzungen, Freiheiten und Gerechtigkeiten, auch allen guten, alten, löblichen Gewohnheiten erhalten, und von diesem Königreich Böhmen nichts entfremden oder versetzen, sondern dasselbige vielmehr nach Unserem Vermögen erweitern und mehren, und alles das thun, was zum Nutzen und zur Ehre dieses Königreiches Böhmen gelanget. Dazu helfe Uns Gott und alle Heiligen!«

Sobald der neue König aber von der Krönung zurück in seine Zimmer kam, sprach ihn der päpstliche Nuntius los von seinem Eide, wie auch von jeder Verbindlichkeit des ausgestellten Reverses!

Die Böhmen ahnten damals noch nichts von diesem Wort- und Eidbruch; die Folgen erst sollten sie darüber belehren.

Der Kaiser Mathias begab sich mit dem ganzen Hofstaat nach Wien, nachdem er folgende Herren zu Statthaltern des Reiches eingesetzt hatte: Adam von Sternberg, Adam von Waldstein, Georg von Talenberg, Wilhelm von Slavata, Jaroslav von Martinic, Diepold von Lobkovic und noch drei Andere. Davon sieben katholischer und nur drei evangelischer Confession. Nicht ohne Erbitterung sahen die Böhmen die beiden verhaßten Männer Slavata und Martinic in der Regentschaft Platz nehmen.

Der neu gekrönte König Ferdinand reiste in Begleitung des obersten Kanzlers Lobkovic nach Mähren, Schlesien und der Lausitz, welche Länder ihn, unter eben den Bedingungen, wie die Böhmen, als ihren künftigen Landesfürsten annahmen und ihm die Huldigung ablegten. Er kam wieder nach Prag zurück, war sehr gnädig und herablassend gegen seine neuen Unterthanen und ging hierauf ganz vergnügt nach Ungarn, um sich die Krone dieses Königreiches aufsetzen zu lassen.

Während Albrecht von Waldstein ungeduldig der nächsten Zukunft entgegen sah, die ihn aus langer Ruhe zu neuer Thätigkeit rufen sollte, beschäftigte sich Lucretia nur mit der Liebe zu dem angebeteten Gatten, überhäufte ihn bald mit einem Uebermaß von Zärtlichkeiten, bald bestürmte sie ihn wieder mit Klagen und Vorwürfen über seine Kälte, über die laue Erwiderung ihrer Liebesproben.

Sie schüttete ihr bekümmertes Herz vor Camilla aus, die seit ihrer Rückkehr fast täglich ihr Haus besuchte und ihr eine unentbehrliche Freundin geworden war, ohne jedoch Albrecht zu bewegen, sich ihr auch nur mit einem Schritt zu nähern.

»Glaubt Ihr,« fragte Lucretia nach einer langen Unterredung schüchtern und verstohlen, »an die Macht eines Liebestrankes? Man hat mir mancherlei – und wohl Unglaubliches davon erzählt.«

»Ich glaube daran,« versetzte Camilla lächelnd, »so daß ich selbst mir einen bereiten ließ, nicht um geliebt zu werden, sondern um zu lieben. In Brüssel war's, da sah ich wunderbare Wirkungen solcher Zaubertränke. Das Zigeunerweib, das dergleichen bereitet, ist hier in Prag und mir dienstbar. Ich werde mein widerspenstig Herz mit Liebe füllen und den endlich erhören, der schon lang um meine Neigung fleht.«

»Und solch ein Trank übt keinen schädlichen Einfluß aus und streitet nicht gegen die Natur?«

»Gewiß nicht!« versetzte Camilla mit innerer Freudigkeit, denn mit einemmale sah sie sich jetzt am Ziel und Albrecht's Gattin selbst lieh ihr die hilfreiche Hand; »würde ich sonst mich seiner bedienen? An mehreren meiner Freundinnen hat seine Kraft sich erprobt und ich selbst beobachtete an ihnen die zauberische und glückselige Wirkung. Er flößt eine milde, innige und doch heiße Leidenschaft für das bestimmte Wesen in unser Herz, die dauernd ist wie das Leben. Der geliebte Gegenstand erscheint uns als der schönste und theuerste auf dieser Erde, und wachend und träumend erfüllt uns sein Bild mit namenloser Seligkeit.«

»O, ich bedarf der Liebe nicht,« rief Lucretia schmachtend aus, »mein ganzes Wesen ist davon erfüllt zu dem theuren Manne; nur er – er sollte sie gleich heiß empfinden.«

»Gebt ihm den Trank – die Wirkung ist dieselbe. Sein Wesen wird sich zauberisch umgestalten, er wird in Liebe glüh'n, doch nicht verglühen – Ihr werdet wie zwei Flammen sein, die sich umschlingen, ihr Feuer wechselseitig ergänzen; Ihr werdet glücklich sein – schöne Frau!«

»Ihr kennt das Weib?« fragte Lucretia weiter und vermochte ihre Freude nicht zu bergen.

»Ich will von meinem Trank Euch mittheilen,« sprach Camilla, »und wenn ich fern bin und Ihr glücklich seid – mögt Ihr ein dankbar Andenken mir bewahren. Eins jedoch ist zu merken: Er darf nicht wissen, daß Ihr diesen Zauber übt, Ihr müßt ihm heimlich die wunderbaren Tropfen kredenzen – soll die Wirkung eine sichere sein, und nie, nie darf er davon erfahren, sonst schwindet nicht nur die Kraft, ja Liebe kann in Haß sich verwandeln.«

»Ich werde schweigen wie das Grab und Euch ewig mit dankbarer Seele verehren,« betheuerte Lucretia.

»Gut – gut!« versetzte Camilla – »ich schaff' Euch das Zaubermittel.«

Sie ging zu Marga. Wohl wußte sie, daß die Alte ihr nur mit dem größten Mißtrauen begegnen würde; aber sie rechnete, allen Vorwürfen gegenüber, auf die Macht der Lüge, die ihr im hohen Grade zu Gebote stand. Sie fand die Alte allein und gewahrte es nicht, daß in dieser – bei ihrem Erscheinen, ein Strahl von Schadenfreude aufblitzte. Keine Beschwerde, kein Vorwurf kam über ihre Lippen.

»Ich verlasse Prag,« sagte Camilla, »und folge meinem Bräutigam nach Venedig. Du versprachst mir einen Trank, der mir Liebe geben soll für ihn – ich komme ihn zu holen. So werd' ich endlich Ruhe finden.«

»Der ist schon längst bereit, gnädige Frau, und steht Euch zu Diensten,« versetzte Marga gleichgiltig, »ich dachte, Ihr hättet Euch anders besonnen, und bedürftet seiner nicht mehr.«

»O nein, ich zauderte nur, weil ich der Ehe Joch gefürchtet; doch seitdem Waldstein sich eine Gattin gewählt, älter als er an Jahren, und ihr doch treu anhängt, was sollte ich mich meines Freiers schämen? Ich werd' ihn lieben, wenn Dein Trank nicht lügt.«

»Das soll er nicht, dessen bin ich sicher!« versetzte Marga und versuchte zu lächeln; aber es zog wie ein schadenfrohes Grinsen über ihr Angesicht. Die Gräfin selbst bemerkte dies nicht; sie war mit sich selbst zu sehr beschäftigt, sie wollte unbefangen scheinen, keinen Verdacht erregen; die Alte sollte ja ihre Lüge von dem erdichteten Bräutigam glauben, und ihr – wußte sie davon – keine Vorwürfe über ihre Heiratsvermittlung Waldstein's mit Lucretia machen.

Marga holte aus einem Schranke eine kleine gläserne Phiole, worin sich eine braune Flüssigkeit befand.

»Hier,« sagte sie, »habt Ihr den Himmelstrank, das wahre Goldwasser, das mich reich machen würde wie eine Königin, dürfte ich's öffentlich verkaufen. – Freilich – es würde nur Unheil stiften, und die gelehrten Herren möchten mich auf den Scheiterhaufen bringen. Denn alles, was sie nicht wissen und begreifen, ist ja vom Teufel! – Ihr werdet mich doch nicht verrathen und unglücklich machen, Gräfin?«

»Sei keine Thörin!« versetzte Camilla und griff hastig nach dem Fläschchen, »bin ich doch straffällig wie Du. – Und dann – dann bediene ich mich doch allein dessen, wie würde ich mich meines Zaubermittels rühmen? Man glaubt an Liebe nur, wenn sie freiwillig ist.« – Sie reichte der Alten eine von Gold schwere Börse; denn Lucretia hatte ihr für das Wundermittel fünfzig Ducaten übergeben.

»Aber, Mossoun, wie brauch' ich es klug und erfolgreich – dies Zauberwasser?«

»Ihr müßt den vierten Theil nur davon nehmen – mehr könnte schädlich sein – und müßt Euch eine Locke von Eurem Bestimmten verschaffen, die brennt zur Asche, mischt sie in den Trank und gießt diesen in den Wein. Es wird eine seltsame Glut Eure Adern durchwallen – Ihr werdet schlafen und wunderselig träumen, und wenn Ihr erwacht – dann werdet Ihr lieben – lieben und nicht wissen warum.«

»Doch wenn ein Anderer, mein Bräutigam, davon genösse,« warf Camilla fragend ein, »wie wäre die Wirkung dann?«

»Ihr müßtet Euch erst,« versetzte Marga gleichgiltig, »in den Finger stechen und einen Tropfen Blut hineinthun, »dann wäre er gezwungen Euch zu lieben. Doch Ihr braucht's ja allein, Ihr wollt zur Liebe befeuert werden, nun dann thut, wie ich gesagt. Und nehmt auch den vierten Theil, es ist genug – das andere spart für andere Fälle. Die sehe ich kommen, gnädige Gräfin; denn die Liebe ist doch Euer Leben.«

»Gewiß, gewiß – für mich allein,« versetzte Camilla rasch, indem sie einen aufsteigenden Verdacht der Alten beschwichtigen wollte – »also schlafen – träumen und dann lieben. Und alles ist ohne Gefahr, sagst Du, Mossoun?«

»Ohne Gefahr – Haha! Als wenn ich mit dem Teufel etwas zu schaffen hätte; so eine hohe Frau und abergläubisch. Es sind einfache Naturkräfte, Kräuter, die die Erde erzeugt, nur die Zusammensetzung ist ein Geheimniß. Ein jeder Arzt möcht's Euch verordnen, kennte er sie. Aber wir haben auch unsere Weisheit, nur lehren wir sie nicht an allen Straßenecken, sonst wäre es aus mit uns. Ihr könnt meinetwegen das Abendmahl vorher nehmen – es schadet nicht; also ist der Teufel nicht dabei. Es schmeckt nicht einmal bitter.«

»Habe Dank, Mossoun! Du betrügst mich doch nicht!? Ich möchte Ruhe gewinnen, möchte lieben können, um reich und mächtig zu werden; 's ist meine einzige Rache, nachdem ich verrathen worden bin. Kann ich nur erst ihn lieben, werde ich auch ein treues und genügsames Weib. O, meine wilden Leidenschaften sind schlafen gegangen, und ich bin eine andere geworden. Mißgeschick und Untreue waren meine strengen Lehrerinnen.«

»Warum sollte ich Euch betrügen?« grinste Marga; »habt Ihr mich doch so reich belohnt und könnt mir Kundschaft verschaffen, hier wie in Brüssel! Ich liebe einmal das Geld und brauche es. Hier esse ich das Gnadenbrot. Seit ich keine Tochter mehr habe, sammle ich auch keine Schätze mehr. Es war besser, als wir noch auf den Straßen sangen und mein Kind nicht wußte, daß es ein Edelfräulein. Doch davon wäre viel zu sprechen. Nun – der Himmel behüte Euch, Frau Gräfin – Gott befohlen! Denkt der alten Marga – wenn Ihr liebt. Ja, die Liebe ist für das junge Geblüt doch der Himmel auf der Welt; ich habe auch einmal geliebt. Lebt wohl, gnädigste Frau – ich küsse Euch die Hand für Eure reiche Belohnung.«

Sie geleitete Camilla mit vielen Bücklingen bis zur Thür; als diese verschwunden war, trat sie in die Mitte des Zimmers, verzog das Antlitz zu höhnischer Schadenfreude, ballte die knochige Faust und erhob sich, daß sie noch einmal so groß erschien, dann sprach sie mit zornbebender Stimme: »Gehe hin! Der Teufel gesegne Dir den Trank. Das ist der alten Marga Rache: die schleicht und kommt spät, aber sie trifft. Sterben sollst Du nicht, aber ein Viertel des Trankes ist genug, um Dir durch die Glieder zu fahren, wie eine höllische Gicht, und Dich häßlich zu machen; häßlicher als ich bin – hehe! Die schöne Gräfin abscheulicher als Mossoun; so edles Blut und doch keine Hilfe. Dein glattes Gesicht und Dein schöner Leib sollen mir keinen mehr verführen, und abspenstig machen sollst Du auch keinen mehr; denn sie werden Dir nicht glauben, weil Du gar zu abscheulich bist. Ich hatte Dir den Tod geschworen, weil Du mein Kind elend gemacht, weil Du es wohl gar noch elender machen möchtest; so aber ist es bester – leben und häßlich sein, das ist die schlimmste Strafe für die stolze Gräfin van Meer.«

Sie lachte hell und grell auf und sprang in dämonischer Lust in der Stube auf und nieder. Matusch trat ein.

»Was ist Dir?« fragte er erstaunt. »Bist Du wahnwitzig geworden, Schwester, oder befällt Dich die Pest, die heute wieder hundert Menschen hingerafft hat? Bei manchen ist der erste Anfall von der Art. Es ist ein Jammer.«

»Nein, Matuschku,« versetzte lachend Marga, »ich weiß nur, daß die Rache ebenso süß, fast noch süßer schmeckt als die Liebe.«

»Du hast doch nichts Böses gethan, Schwester?«

»Gewiß nichts Böses, Bruder! Ich habe Einem Feuer gegeben, der des Anderen Haus verbrennen will; aber er wird nur die eigene Hand verbrennen.«

»Wie versteh' ich das, Marga? Bedeutet's ein Unheil?«

»Die Gräfin van Meer, lieber Matuschku, die giftige Schlange, die unser Kind – so nenn' ich einmal Marinka, und wär' sie tausendmal ein Edelfräulein geworden; denn wir Beide haben mehr an ihr gethan, als je ihre Eltern vermögen – die Gräfin also verlangte einen Liebestrank, den will sie nehmen, um einen lieben zu können, um ihn elend zu machen – einen blinden Thoren vermuthlich; denn sie kann nur elend machen, wenn sie liebt. Aber das Tränklein ist von der Art, daß darin von der Liebe keine Spur. Die Zigeuner gaben's bösen Leuten. Es wird ihr das Gesicht verziehen und die Haut runzlich machen – und alle Fülle wird schwinden vom Leibe; sie wird alt werden, knochig und häßlich, und wird keinen mehr verführen. Und das, Matuschku, hat sie um uns verdient. Ich bin froh, Matuschku, so froh, als hätte ich was recht Gutes gethan. Das ist des Himmels Strafgericht; es kommt schon auf Erden.«

»Marga!« versetzte Matusch ernst, »Du hättest das nicht thun sollen; dem Himmel allein gehört die Rache – nicht uns, den schwachen und blinden und selbst sündigen Menschen. Ihr sollt nicht richten, sagt die Schrift, und was geschrieben ist, das ist geschrieben. Pfui, Marga, ich hass' die Gräfin auch – aber nur im Streit und im gerechten Zorn wäre ich im Stande, ihr meinen Degenspieß durchs falsche Herz zu rennen. Es muß alles seine Art haben und nichts heimtückisch sein. Ich laufe ihr nach und entreiße ihr das Gift.«

»O die,« frohlockte Marga, »konnte es nicht erwarten und hat's gewiß schon auf der Treppe ausgeleert. Ihr böser Geist hat sie hierhergetrieben und – ich mußte folgen. Also wir sollen ehrlich sein, wenn alles gegen uns tückisch ist!? Nein – nein! der Wurm hat auch seinen Stachel. Und sollen wir uns immer treten lassen? Ich habe doch Jahre lang den Hohn und Spott geduldet wegen meiner Häßlichkeit, die ich nicht einmal verschuldet; ei nun, die schöne, böse Gräfin kann auch einmal garstig werden – ich – ich – Matuschku, war immer gut, das weiß mein Kind, und nur, weil sie mein frommes Kind elend gemacht – suche ich zu vergelten. Das ist ihr zum Heil, mein Bruder! Leidet sie schon auf Erden und grämt sich, hat sie dort oben desto weniger abzubüßen. Wir sollten allen, die hier im Wohlleben schwelgen, das Dasein verbittern, um sie für den Himmel reifer zu machen.«

»Aber bedenke doch, Schwester,« entgegnete Matusch und schüttelte mißbilligend das Haupt, »wenn sie Dein giftig Gebräu mißbraucht – es einem Anderen einflößt, dem, den sie lieben will, wenn sie gelogen hat.«

»Dann wird er häßlich und sie ist um die Lieb' betrogen. Auch gut – mich kümmert's nicht. Hab' ich ihr doch den Willen gethan, und Marga ist nicht so dumm, den Schlangen Gift zu geben, daß sie die Marga wieder beißen.«

»Das sind verfluchte, thörichte Weibergeschichten!« rief Matusch ärgerlich, »ich hab' Vernunft genug für Männer – allein für Weiber nicht.

Er verließ das Gemach.

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