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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
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XII.

Am folgenden Tage sollte Vojta hingerichtet werden. Er verlangte nach einem Priester. Pater Anselm, der das Jesuitencollegium von St. Ignaz bewohnte, erbot sich unaufgefordert, den Verbrecher zum Tode vorzubereiten. Er wußte, daß Vojta bei einem Raubanfall auf Elisabeth's wiedergefundene Tochter verstümmelt worden war, er hoffte von ihm mehr über das Mädchen, dem auch er einmal räuberisch nachgestellt, und dessen Schicksale zu erfahren. Er hatte Walperga in Begleitung der Mutter und Schwester in der Kirche gesehen. Ja, sie war der einstigen Elisabeth wunderbares Ebenbild, in ihr erkannte er die Mutter wieder, die er als Jüngling mit glühender Leidenschaft geliebt. Er konnte sich nun nicht trennen von Mutter und Tochter, ohne einen entschiedenen Schritt gethan zu haben. Sollte dieses langjährige Ringen und Trachten umsonst gewesen sein, sollte ihm keine Befriedigung, keine Beruhigung werden!? Wie war die Tochter so schön, schön wie einst die Mutter! und sie lag schon vorlängst als Kind in seinen Armen, sie hatte er geraubt, um ein Pfand zu haben, das ihm die Mutter verband und verpflichtete. Alle seine Pläne hatte das feindselige Geschick zu Schanden gemacht, alle seine mühselig errungenen Vortheile waren im Augenblick des Gelingens zertrümmert worden. Er verlangte Rache, und aus der Rache Liebe, und in der Liebe Genugthuung seiner Rache. Weinen sollten sie vor ihm und in der Ausdauer die frühere Macht seines Geistes anerkennen, dann sich ihm demüthig ergeben.

Er trat mit einer Fackel in Vojta's dumpfe Zelle. Hier herrschte eine glühende Hitze, mit Mühe nur brach sich Licht und Flamme Bahn durch die verpestete Luft. Der Kerkermeister, nachdem er das Windlicht in einer Mauerspalte befestigt, verließ ihn wieder.

Anselm nahm auf einer Steinbank Platz, dem Verurtheilten gegenüber. Das volle Licht beschien ihn, während Vojta im düsteren Schatten saß, nur erkennbar in seinen Umrissen, wenn seine Glieder sich regten, um für Augenblicke die Last der Fesseln auf einen Punkt zu wälzen.

»Du verlangst im Glauben zu sterben,« sagte ernst und mit priesterlicher Weihe Anselm; »ich bringe Dir Sacramente; doch bevor ich sie Dir spende und Deine letzte Beichte höre, bekenne mir Deine letzten Vergehen, in deren Folge Du verstümmelt worden bist; ich muß alles wissen, um den Grad der Gnade zu ermessen, deren ich Dich theilhaftig machen kann durch die Gnade Gottes.«

Vojta erzählte sein Zusammentreffen mit Scherbic, seine Anschläge gegen Walperga und Waldstein, seine Raubversuche, seine endliche zufällige Gefangennehmung: alles ohne Reue und Demuth, vielmehr mit einem Selbstgefühl, das von seinem Muth und seiner Wagniß Beweis liefern sollte. Er wußte zum Schlusse nun, daß Walperga, die sein undankbarer Junker in roher Leidenschaft verfolgt, als Nichte des Freiherrn von Slavata anerkannt worden war, und daß er deshalb auf keine Begnadigung zu rechnen habe, selbst für den Fall, daß sein Beichtiger, seine reuige Zerknirschung, seine martervolle Verstümmelung, die er sich doch nur im Auftrage seines Herrn zugezogen, ihn der Fürsprache des Erzbischofs und dem Schutze der Jesuitencongregation empfehlen würde.

Anselm hatte, gedrückt von der Glut des engen Raumes, den noch dazu die Fackel mit ihren harzigen Dünsten schwängerte, seinen priesterlichen Habit über die Schultern herabgeworfen; er öffnete sein weißes Untergewand und beugte sich herüber gegen den Schächer, indem er ihm die Hand reichte und die Generalbeichte zu eröffnen im Begriffe war.

Vojta, der sich während seiner Geständnisse, so weit es seine Ketten gestatteten, zu dem Priester herübergeneigt, traf mit einem Blicke plötzlich die entblößte Brust Anselm's. Er stierte in sein Antlitz, in ihm flammte es auf wie Erinnerung – Vermuthung – Gewißheit – seine Augen gingen wirr im Kopfe, dann faßten sie einen festen Punkt.

»Hochwürdiger,« sagte er, »lasset vorerst die Beichte – vielleicht liegt mein Heil Euch näher und Ihr könnt mich retten. Vielleicht vermag ich noch auf Erden gutzuthun und zu büßen, was ich verbrach. Mich gelüstet's noch nicht nach dem Himmel – ich bin noch zu unvorbereitet. Ich möchte noch leben – leben, um mich zu bessern. O, glaubt mir's, bei allen Sacramenten! Jetzt war ich ein Thier – ich will ein frommer, reuiger Mensch werden. Gebt mir noch für kurze Frist das irdische Dasein – und ich will vergelten. Ich will Euch ein Geheimniß verrathen, das Euch groß und reich und glücklich macht.«

Anselm horchte überrascht auf; er glaubte, der arme Sünder habe etwas verschwiegen, was Elisabeth betraf, seine Gedanken und Entwürfe hafteten nur auf diesem Punkte.

»Sprich erst,« sagte er, »dann will ich ermessen, ob ich Dir etwas versprechen kann.«

»Nein, nein!« versetzte Vojta hastig und seine Seelenangst klammerte sich an die neue Hoffnung, »Ihr müßt mir erst schwören, daß Ihr nicht Rache nehmen wollt an mir um Euretwegen, und dann, daß Ihr mich erretten wollt vom schimpflichen Tode. Dann, dann erst – kündige ich Euer Glück mit einem Worte. Ja – ja, der Himmel hat gerade Euch hierher geschickt zu unserer Beider Heil! Ermeßt das, hochwürdiger Vater!«

»Um meinetwillen?« versetzte Anselm – »Du hast mich oder das Gotteshaus, in dem ich diente, während Deiner verbrecherischen Laufbahn vielleicht bestohlen? Es sei Dir vergeben; doch sprich!«

»So ist es – etwas Aehnliches. Doch Ihr müßt erst schwören, daß Ihr mich meines Lebens versichern wollt, sonst gehe ich schweigend in den Tod.«

»Sage es so, Mensch!« drängte Anselm gespannt und neugierig, »in der heiligen Beichte mußt Du mir doch alles gestehen, und Dich trifft die ewige Verdammniß, empfängst Du das Sacrament und hast mir Deine Sünden verschwiegen.«

»O, nur der Himmel,« versetzte leichtfertig und beinahe frech Vojta, »ist gnädig, er giebt ohne Eigennutz, ohne Dank und Vergeltung zu wollen; die Menschen sind es nicht. Ich werde mich hüten, noch bin ich auf der Erde und an diese klammere ich mich an. Es ist mein, wie Euer Heil, Ihr habt noch mehr zu gewinnen als ich. Wollt Ihr hören, so schwört.«

Anselm ließ seine durchbohrenden Blicke auf dem Verbrecher forschend ruhen; es war, als jage er einer alten Erinnerung nach und vermöge sie doch nicht zu ereilen.

»Darauf – darauf schwört,« rief Vojta – »hier auf den Leib Christi und das Chrysam, daß Ihr mir Wort halten wollt, Euch nicht rächen wegen einer kleinen Schuld – mir verzeihen und diesen Kerker öffnen, mich befreien! Das könnt Ihr leicht, Ihr helft mir meine Fessel sprengen, die ich schon halb gebrochen, verweilet bis zum Abend, leiht mir Euer Gewand, legt Euch mit meinem Kittel bedeckt hier auf die Steinbank – gebt Euch erst morgen zu erkennen, sagt, daß ich Euch durch einen Schlag betäubt, entkleidet – und ich bin frei. Nur aus diesen Mauern müßt Ihr mir helfen, draußen stehe ich schon meinen Mann. Im Freien bin auch ich frei und habe Hilfsmittel. Ich gebe Euch hohen Preis für geringen!«

»Wenn Du mich täuschest?«

»Dann bindet Euch der Schwur nicht. Was nützte mir auch Täuschung – mir, dem morgen der Galgen gewiß?! O, ich verkaufe nur, um zu gewinnen!«

»Wohlan,« versetzte Anselm, und hob mit der Linken das silberne Tabernakel, worin die Heiligthümer verschlossen waren, und legte die Rechte darauf: »Ich schwöre Dir bei diesen allerheiligsten Sacramenten Verzeihung und Errettung von schimpflichem Tode! Amen.«

»Gut,« sagte Vojta, »die Rettung besprechen wir später. Habt Ihr mich erst befreit – dann geht hinauf auf den Hradschin – ins Schloß. Herr Julius von Oesterreich ist in Prag, gebt Euch ihm zu erkennen, zeigt das Mal auf Eurer Brust; Ihr seid sein Bruder!«

»Wie – ich?« stöhnte Anselm und warf das Haupt zurück und seine Augen traten starr aus ihrer Höhle.

»Ja, Ihr,« versetzte Vojta, »des Kaisers Rudolf Sohn! Ihr hießet als Knabe Max – und ich – ich hieß nur Euer Bruder Vojta und mein Vater hieß auch Euer Vater, der alte Sliva. Ein Höfling gab Euch ihm zur heimlichen Erziehung und zur strengen Zucht; wie Ihr entflohet, da verrieth er uns im Schrecken Eure Abkunft. Da war's freilich zu spät; Ihr über alle Berge, und wir flüchteten auch aus der Hütte aus Furcht vor des Kaisers Zorn. Mein Vater starb im Elende, nachdem wir alles, was wir an Habe gerettet, aufgezehrt und ich – ich ward, wie Ihr nun seht – ein Taugenichts – soll morgen hängen.«

Anselm's Antlitz verzerrte sich gräßlich, seine Augen leuchteten irre, es war, als ob blutige Thränen aus ihnen hervorbrechen wollten, Glut überhauchte sein blasses Gesicht, sein Mund schäumte und er schrie mit bebender Stimme: »Also – Du! – Du! – Du warst mein Feind, der Peiniger meiner Jugend, Du, der verfluchte, der verruchte Henker meiner Kindheit, elender Dieb und Mörder meiner Vergangenheit, Dich hab' ich endlich, und Dein elender Vater, den die Marter der Hölle tausendfältig vernichten mag – Ihr – o, die Hölle hat auch ihre Vergeltung; statt des Sacramentes einen Fluch auf Dein Haupt – und –« Er suchte und riß mit der Hand in seinem Gürtel, die Stimme versagte ihm.

Vojta hielt den gefesselten Arm schützend vor sich und rief in Todesangst: »Ich habe Euren Schwur beim Sacramente! Ihr habt geschworen!«

»Hier!« kreischte mordgierig der Priester und zuckte den Dolch und senkte ihn zweimal mit raschen Stößen in die Brust seines Gegners.

Dieser brüllte heulend auf und bäumte sich gegen die Macht seiner Ketten, als wollte er vorne überstürzen, dann röchelte er dumpf und seine physische Kraft wehrte sich riesenkräftig gegen die Gewalt der tödtlichen Verletzung, er sank auf die Steinbank, aus Brust und Mund quoll Blut; der erste Strahl desselben hatte Anselm's Hände und Angesicht bespritzt.

Der Gemordete, dessen Leib von den Fesseln gehalten auf die Steinbank niederglitt, während die Arme in der Schwebe hingen, schien auszuathmen; ein Fieberfrost schüttelte Anselm's Gebeine, während es in seiner Brust noch tobte und raste, er hielt den blutigen Dolch in der Hand, die Blicke waren noch lauernd auf sein Opfer gerichtet.

Nach geraumer Zeit erst faßte er sich, Besonnenheit zog in sein fieberisch erhitztes Gehirn, er betrachtete die Umgebung und den zuckenden Leichnam, er fand sich endlich selbst wieder.

»Das war dumm,« sagte er athemlos, »entsetzlich dumm – die Rache blieb mir doch gewiß – morgen der Galgen, und ich habe ihm den Tod so leicht gemacht, die Qual der Todesangst erspart, das war thöricht; denn die Entdeckung ist jetzt noch Goldes werth. Aber ich darf die Besonnenheit nicht verlieren; wie rett' ich mich, wo ist ein Ausweg?«

Er versank in Nachdenken. Die Augen rollten, die Stirne glättete und faltete sich, als wenn in seinem Gehirn die Gedanken sich wie Blitze jagten. Endlich rief er, tiefaufathmend: »Ich hab' es – man muß mir glauben.« Er warf sein Gewand um und riß an dem Glockenzuge, welcher sich zunächst der Thür befand. Der Schließer stürzte herbei. Er ließ diesen nicht eintreten, sondern warf vor ihm die Gefängnißthür zu und befahl ihm zu schließen. »Führ' mich zum Richter,« sagte er, »ich habe ihm Wichtiges zu sagen – beinahe wäre etwas Gräßliches geschehen.«

Vor dem Blutrichter angelangt, sagte er in einer Aufregung und Verstörung, die seinen Worten Glaubwürdigkeit und Beweiskraft lieh, er habe des verhärteten Bösewichts Beichte gehört, dieser, statt zerknirscht zu sein, habe um sein Leben gefleht, habe ihn gebeten, ihn von den Fesseln zu befreien, ihm sein Gewand zu leihen und ihm auf diese Art zur Flucht behilflich zu sein. Als er sich dessen geweigert, den Sünder zu zerknirschen gesucht und ihm eben das Sacrament reichen wollte, habe dieser seine Kette ihm um den Hals geschlungen, in der Absicht, ihn zu erdrosseln; sein Hilfeschrei sei nicht gehört worden und, um sein Leben zu schützen und zu retten, habe er in der Verzweiflung von einem Dolche, den er zufällig oder vielmehr durch göttliche Eingebung zu sich gesteckt, Gebrauch gemacht und den doppelten Mörder aus Nothwehr getödtet.

Der Richter glaubte unbedingt Anselm's Aussage, denn Vojta war als ein verhärteter, heimtückischer, jeder Unthat fähiger und rückfälliger Bösewicht bekannt. Er begab sich sofort mit einigen Schergen in Vojta's Gefängniß, nachdem er den Priester gebeten, am folgenden Tage wieder zu erscheinen, um die Unthat mit allen Nebenumständen vor den versammelten Richtern und Schöppen zu Papier zu geben.

Anselm eilte in den Convent zurück. Hier erzählte er dem Provincial alles, was sich mit ihm begeben; denn nöthigenfalls mußte ihn der Orden schützen. Der Provincial war erfreut über Anselm's Entdeckung, denn dessen vornehme Herkunft konnte für den Orden nur von Nutzen sein. Von dem in der Wuth des Zornes und der Rache verübten Morde absolvirte er ihn sofort.

Es war schon ziemlich später Abend; aber Anselm verließ trotzdem eiligst das Collegium und eilte auf den Hradschin zu Julius von Oesterreich. Er mußte noch heute Gewißheit haben.

Er fand Julius nicht in dem Ferdinand'schen Lustschlosse, welches dieser während seiner Anwesenheit in Prag bewohnte. Er war am frühen Morgen zur Jagd nach dem Hajek geritten und wurde erst in später Nacht erwartet. Als Anselm erklärte, seine Zurückkunft abwarten zu wollen, führte ihn die Dienerschaft in ein Gemach, welches sie ihm, als dem Priester eines geachteten und mächtigen Ordens, bereitwillig und ehrerbietig anwies.

Hier harrte und brütete Anselm geraume Zeit; bevor aber noch Julius, sein Bruder, dem er sich zu erkennen geben wollte, und von dessen Anerkennung nunmehr alles abhing, denn er hatte nur das Mal auf der Brust, und Vojta, dessen Geständniß in diesem Falle von großer Wichtigkeit für ihn war, hatte er unüberlegt im Jähzorn mit seinem Dolche für ewig den Mund geschlossen, zurückkam, wurde ihm ein Pater der Gesellschaft Jesu gemeldet, der ihn dringend zu sprechen wünschte. Es war dies der Vertraute des Provincials, seine Botschaft mußte von Wichtigkeit sein. Er ließ ihn eintreten.

»Ihr sollt,« sagte dieser, nachdem er sich überzeugt, daß sie nicht belauscht werden konnten, »befiehlt der hochwürdige Provincial, Euch sofort auf flüchtigen Fuß begeben, wie auch immer hier Eure Erkundigungen ausgefallen sein mögen. Der Verbrecher ist wieder ins Leben zurückgerufen worden; er ist nicht todt, er hat sich erholt und eine ganz andere Aussage vor dem Richter abgelegt als die Eurige war. Das weltliche Gericht verlangt Eure Auslieferung behufs einer Vernehmung und Gegenüberstellung mit dem Maleficanten. Die Schergen wollten Euch aus dem Convent bereits abholen; der Provincial meint – um kein Aergerniß zu geben – könne er Euch vorderhand nicht beschützen. Ihr sollt Euch in Sicherheit bringen. Hier dieser Brief empfiehlt Euch beim Pater Rector in Venedig; dort werdet Ihr Schutz finden – bis auf Weiteres.«

Anselm war wie vom Blitze gerührt, er nahm mit zitternder Hand das Schreiben, dann preßte er die Hand vor die Stirn und murmelte: »Verflucht – verflucht! Mein altes Mißgeschick, das sich an jede meiner Handlungen mit satanischer Schadenfreude klammert. Darauf war ich freilich nicht gefaßt. Ich muß fort, wieder meilenweit fort von meinem Ziele – und glaubte ihm doch so nahe zu sein! Erst aber muß ich Gewißheit haben, ob jener Schurke nicht gelogen, ob Julius mein Bruder, ob er in das Geheimniß meiner Herkunft eingeweiht, ob er mich anerkennen will und helfen wird! Freilich, er ist fast noch ein Kind, allein glaubt er an mich, weiß er von mir, dann ist er auch fügsam wie ein Kind und nicht ängstlich und besonnen, er wird und muß helfen.«

Anselm entließ den Frater, nachdem ihm dieser noch vom Provincial eine reichgefüllte Börse für die Reise übergeben.

Eine halbe Stunde später kehrte Julius von der Jagd zurück. Man benachrichtigte ihn von der Anwesenheit des Priesters, der ihn schon seit geraumer Zeit erwartete.

Der Prinz trat mit ihm in ein Cabinet. »Sind wir allein, gnädiger Herr?« fragte Anselm feierlich.

»Wir sind es!« versetzte Julius.

Anselm entblößte seine Brust. »Hat Euch,« fragte er, »Euer hochseliger Vater, Kaiser Rudolf, von diesem Zeichen nicht gesprochen und eines verlorenen Sohnes nie erwähnt, Max zubenannt?«

»Um Gotteswillen,« rief Julius und breitete die Arme aus und wollte an des Priesters Brust stürzen, »Ihr seid es, mein Bruder, den ich so eifrig und bis jetzt vergebens gesucht! Mein Bruder! Noch in der Todesstunde legte mir der Vater diese Verpflichtung auf und gedachte segnend Eurer, den ihm ein grausames Geschick entrissen, und erflehte Eure Verzeihung.«

»Ich dank' ihm's nicht,« entgegnete grollend Anselm, »die Raben lieben zärtlicher ihre Jungen als die Könige. Seine Reue giebt mir mein elendes, verspieltes, zerrissenes, schaudererfülltes Leben nicht wieder.«

»Warum kamt Ihr nicht früher?« rief Julius und versuchte zum zweitenmale den Wiedergefundenen an sein Herz zu drücken. Anselm wehrte ihn ab.

»Noch nicht!« sagte er finster, »Ihr wißt noch nicht alles und mögt bedenken, ob Ihr dann noch Eure reine Hand in die meinige legen wollt. Erst vor wenig Stunden erfuhr ich von dem Buben, der mit mir erzogen ward, für meinen Bruder galt und schon damals meine Kinderjahre verbitterte und mich verzweiflungsvoll in die Welt hinaustrieb, das Geheimniß meiner Herkunft. Er ist zum Henkertod verurtheilt, ich bereitete ihn vor zum Abschied vom Leben; da, als ein Zufall ihn mich wiedererkennen ließ und sein Mund das Geheimniß verrieth, übermannte mich Zorn und Rache und ich erdolchte ihn.«

»Barmherziger Gott!« stöhnte Julius erbleichend, »so ahnte der Vater doch wohl und die Sterne verkündeten recht, daß Unheil an Euer Dasein geknüpft sei.«

»Als der harte und wahnbefangene Vater mich verstieß – grausamer als die wilden Thiere des Waldes – knüpfte er das Unheil an mein elendes Dasein. Der Himmel hat es nicht gethan. Ich vermag dieses Vaters Angedenken nicht zu segnen. Ja, mein Bruder, ich habe gemordet. Doch Ihr, Prinz, Ihr wißt nicht, was es heißt, elend, verworfen, geschmäht, zertreten sein und doch königlich Blut in seinen Adern haben.«

»O, Max!« betheuerte Julius, »hättest Du den Vater gekannt und sein liebend Herz, Du würdest nicht also sprechen.«

»Meine Zeit ist gemessen,« drängte Anselm, »wir sehen uns wieder; jetzt aber muß ich fliehen; denn der Elende, welchen mein Rachestahl traf, ist nicht todt – und hat alles gestanden. Weder Ihr noch der Orden vermag mich jetzt vor der Macht des peinlichen Gerichtes zu schützen. – Du hast mich als Bruder erkannt, Julius! Dies genügt mir vorderhand. Lass' mir ritterliche Kleidung reichen und weise mir eine Freistätte an, wo ich in den ersten Tagen vorläufig geborgen bin.«

»Unglückseliger Bruder!« wehklagte Julius und trocknete seine Thränen, »also mußten wir uns so wiedersehen. O, meine Seele hat auf ein freudiges Erkennen gehofft und – es ist so schrecklich geworden. Ja, Du mußt fliehen, armer Bruder – bis wir Deine Freisprechung erwirkt. Eile nach Krumau auf mein Schloß. Dort findest Du meinen – unseren väterlichen Freund; er hat Dein väterliches Erbe, fünfzigtausend Ducaten, die Dir Rudolf für den Fall Deines Wiederfindens ausgesetzt, in Verwahrung; er wird sie Dir überantworten. Ein Brief von mir soll ihn von allem, was jetzt geschehen, in Kenntniß setzen. – Von dem Vergangenen ist er unterrichtet. Er wird Dich verbergen, so lange Du es räthlich findest, und Dich sicher weiter befördern.«

»Ich weile dort nicht lange,« entgegnete Anselm, »es ist zu nahe bei Prag; meiner Geburt Enträthselung, wie meine That, werden hier Aufsehen machen – sie dürfte eine Waffe in der Hand der Protestanten gegen unseren Orden werden. Erst in Venedig bin ich sicher und geborgen. – Leb' wohl – wir sehen uns wieder – wenn meine grauenhaften, dämonischen Sterne dereinst glücklicher scheinen.«

Er erhielt ein Schreiben, Geld und Kleidung, entriß sich den Armen des weinenden Julius und stürmte fort.

Aber er verließ in dieser Nacht noch nicht Prag; er ging zu Camilla – von dieser mußte er erst Abschied nehmen, diese von dem Geschehenen in Kenntniß setzen, mit ihr gemeinschaftlich einen Plan für die Zukunft fassen.

Es war schon Mitternacht, als er in der Altstadt anlangte. Auf das bekannte Zeichen öffnete ihm die Dienerin.

Camilla befand sich bereits in ihrem Schlafgemach und hatte das Lager gesucht. Er warf sich ungestüm an ihre Brust und schilderte ihr die Ereignisse der letzten Stunden. So verhängnißvoll auch der Ausgang, und so drohend immer die Gefahr war, aus Anselm's Schilderung leuchtete doch die Freude hervor über die anderweitige Wendung des Schicksals; er war, wenn auch ein Bastard, doch eines Kaisers Sohn und gegenwärtig Besitzer eines reichen Erbes, der Bruder von Julius und ein Verwandter der Fürsten von Oesterreich. Welche Aussichten zu einer glänzenden Laufbahn in die Zukunft!

»Zieh mit mir, schönes Weib!« sagte Anselm und umschlang ihren Nacken.

»Jetzt schon?« versetzte sie, »und wir sollen all unsere Entwürfe hier verlassen, ohne Erfolg und Sieg, aufgeben die Rache und den Triumph unserer geistigen Ueberlegenheit. Was wir gebaut, sollte niederstürzen und Deine unüberlegte That ihnen für immer Frieden und Ruhe gewähren?«

»Wohl gesprochen, Camilla! Ein Priester und ein Weib geben die Rache nie auf, bevor sie vollbracht. Sie sind beharrlich im Hasse! – Allein, wenn Du den Waldstein wieder köderst, wo ist mein Gewinn, ich muß Dich dann lassen, Du süßes Weib, und diese Glut der Liebe, die Dir entströmt und die mir zum Bedürfniß geworden, weil sie die Leere meiner Brust zuerst durchweht hat mit sengendem und doch erwärmendem Odem. Dem allem muß ich entsagen.«

»Und wenn,« entgegnete sie in demselben Tone, »die Mutter zur Rache und die Tochter, das schöne Mädchen, zur Liebe in die Arme Dir gelegt wird, werd' ich es nicht auch dulden müssen, werd' ich' nicht entsagen und Dein entbehren. Aber können wir uns nicht auch dann noch angehören, da wir uns verstehen, da wir im Bündniß. O, heimlich und verstohlen, Max, selbst von Gefahr bedroht, ist alles dies noch köstlicher, viel reizender und genußreicher. – Nun aber legst Du dies verhaßte Priestergewand für immer ab und gehörst der Welt und ihren Freiheiten. Rom kann Dich dispensiren, den Sohn eines Kaisers, und für Dein Geld, oder – Du wirst Protestant.«

»Warum, Camilla?« warf er mißbilligend ein; »wüßtest Du, wie viel Macht mir dies Gewand verleiht, Du würdest es nicht geringschätzen und glauben, es sei eine Fessel. Unsichtbar und überall hab' ich meine Helfer. Wie könnt' ich sonst auch so viel vollbringen. Und dieses Gewand wieder ist's, was mir keine der Freiheiten entzieht, die ich zu meinen Zwecken passend oder nothwendig und behaglich finde. – O, wir sind mächtiger als alle Könige der Erde, Camilla, und ich, der Einzelne, selbst mächtiger als ein König. – Bedenke, schönes Weib! für uns giebt's keine Sünde, und für das, was Ihr Vergehen nennt oder Verbrechen für uns keine Strafe. Wie Götter, sind wir erhaben über die weltliche Macht, und sie – uns überall dienstbar.«

»Ich werde Dich doch schwer missen in der ersten Zeit,« sagte er nach einer Pause, indem er ihr Mund und Augen küßte und sie mit verzehrenden Blicken betrachtete. »Fand ich Dich früher, Du konntest meiner Freiheit verderblich werden. Allein Du bleibst vor der Hand und giebst mir wöchentlich Nachricht von dem Stande unserer Angelegenheiten hier und von der Haltung unserer Feinde. Reift etwas zur That, dann komm' ich selbst; heischt es die Nothwendigkeit, so eilst Du nach Venedig. Ich werde mich dort einer Freiheit versichern, die unsere seligen Stunden nicht beeinträchtigen soll.«

Er schwelgte die Nacht in ihren Armen. Erst im Morgengrauen verließ er das Haus und Prag. Ein schnelles Roß trug ihn auf der Taborer Straße nach Krumau hin.

Nachdem er geschieden, verhüllte Camilla ihr Antlitz und brach in Thränen aus. »So tief bin ich also gesunken,« klagte sie, »daß ich mich dem hingebe, den ich nicht liebe, nur fürchte und vielleicht gar verachte! – Albrecht! Das ist Dein Werk. Ich war nur einmal treulos – dem Gatten – um Deinetwillen. Hättest Du mich nicht verstoßen – ich wäre Dir ewig, ewig treu geblieben. – Ach, die Rache ist ein doppelschneidig Schwert und schwer zu handhaben für ein Weib!«

»Was aber ändern meine Klagen,« fügte sie zurechtweisend hinzu, »es ist einmal so, und die Kugel rollt dem Ziele zu. Und Max ist eines Königs Sohn; es lohnt sich doch, einen solchen dienstbar sich zu Füßen zu sehen, ihn zum Sklaven zu machen und wenn nicht – im Bunde mit ihm mächtig zu sein. Die Liebe hat mich in dies Gewirre von Unthat und Liebe gestürzt; sie soll mir auch zum Siege helfen, und – ohne Demüthigung, ohne Vernichtung des Feindes giebt es keinen Sieg! – Noch einmal Albrecht liebeflehend zu meinen Füßen, und ihn dann verschmähen, dann verstoßen, an seiner Qual mich weiden: das soll der Gipfelpunkt meiner Rache sein!«

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