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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
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XI.

König Mathias kam nach Prag. Er hielt dem Bruder ein prachtvolles Leichenbegängniß, ordnete mehrere Landesangelegenheiten und reiste bald darauf mit seinem gesammten Hofstaat, des siebenbürgischen Krieges wegen, nach Wien ab, nachdem er den Ständen zugesagt, im folgenden Jahre einen Landtag abzuhalten. –

Janko Scherbic war an seiner Wunde nicht gestorben; doch siechte er langsam hin, zumal er seine unmäßige Lebensweise trotz aller ärztlichen Verbote nicht aufgab; seine riesige Körperkraft setzte den Verwüstungen des unheilbaren Uebels einen hartnäckigen und langwierigen Widerstand entgegen. Der Ritter Sadsky war ihm treu geblieben und pflegte sein mit Sorgfalt und warmer Theilnahme, die eines besseren Gegenstandes würdig gewesen wäre.

Als Janko Walperga's Schicksalswechsel erfuhr, sagte er: »Bah! Nun möchte ich sie nicht mehr – sie ist ein Edelfräulein – die Sorte liebe ich nicht. Es war doch, als ob's ihr auf der Stirn geschrieben stände; sie spürte den Hochmuth im Blute und wollte kein Stundenliebchen sein. Nun hat sie Ruhe vor mir – denn mit dem alten Slavata ist nicht zu spaßen; der könnte uns ein Logement im weißen Thurm geben auf ein paar Jahre. Weiß auch beim Teufel nicht, was mich so versessen gemacht hat auf das Mädchen; 's giebt noch Hunderte, die gleich hübsch sind und mir für mein Geld gar freundlich zu Willen gewesen wären! Da hätte ich meine Lunge geschont und den Schädel. Es war der Widerstand, wodurch mich der Teufel reizte.«

Nachdem Vojta hergestellt war, meldete er sich wieder bei Scherbic; er wollte nach wie vor in seinem Dienst sein. Die Krankheit hatte seine Sparpfennige aufgezehrt und er begann Noth zu leiden. Hatte er doch in Janko's Dienst seine Gliedmaßen darangesetzt und diese Verstümmelung davongetragen. Er rechnete auf Lohn und Versorgung.

Aber Janko ließ ihm die Thür weisen und drohen, er würde ihn mit den Hunden forthetzen lassen, wenn er wieder käme.

»Der Schuft ist an allem Schuld,« sagte Janko, »ich wollte schon abspringen vom ganzen Abenteuer nach der verfluchten Geschichte im Keller; er aber hetzte und reizte – bloß um den Lohn zu verdienen, den ich ihm für die Dirne versprochen, und trieb und stieß mich förmlich ins Elend hinein. Davon habe ich nun das Loch in der Lunge! Daß ihn die Pest – er mag froh sein, wenn ich ihn den Häschern nicht verrathe, sonst baumelt er.«

Vojta schlich ingrimmig fort und fluchte dem Undank der Vornehmen und Reichen, die nur das Gelingen belohnen und nicht die Anstrengung. –

König und Kaiser Mathias hielt auch zur festgesetzten Zeit den versprochenen Landtag, aber in Budweis, nicht in Prag, denn daselbst wüthete die Pest auf eine entsetzliche Weise. Gegen den neuen Erzbischof Lohelius wurde Beschwerde geführt; er war es, der den Samen zu den nachfolgenden, so verhängnißvollen Religionsunruhen streute, indem er die protestantischen Prediger aus der Bergstadt Grab, welche zum Prager Erzbisthum gehörte, vertrieb und so offenbar wider den von Rudolf gegebenen und von Mathias bestätigten Majestätsbrief handelte.

Die protestantischen Stände führten Beschwerde; Mathias versprach auf dem künftigen Landtag Abhilfe, ordnete einige unwesentliche Angelegenheiten und eilte nach Wien.

Der nächste Landtag war auch einer der wichtigsten und merkwürdigsten. Die Stände aus Böhmen, Schlesien und der Lausitz versammelten sich am heiligen Dreifaltigkeitstage auf dem Prager Schlosse und stifteten einen Vertheidigungsbund aller der Krone Böhmen einverleibten Länder, sie setzten die Zahl der Truppen fest, welche sie im Falle eines Angriffes einander zu Hilfe zu schicken versprachen und erneuerten alle Verträge und Erbeinigungen mit den benachbarten Reichsfürsten.

Noch von größerer Wichtigkeit aber für die inneren Verhältnisse war eine die Aufrechterhaltung und Ausbreitung der böhmischen Sprache betreffende Verordnung. Zufolge dieser sollte von nun an kein Ausländer, der nicht der böhmischen Sprache in dem Umfange mächtig war, daß er sich an den Gerichtsstellen in derselben deutlich ausdrücken konnte, zum Einwohner des Landes oder zum Bürger einer Stadt angenommen werden. Ein Ausländer, wenn er gleich die böhmische Sprache erlernt und danach das Bürgerrecht erlangt hatte, sollte doch ebenso wenig wie seine Kinder zu einer öffentlichen Bedienstung gelangen können. Erst seine Kindeskinder sollten als eingeborene Böhmen betrachtet und zu Staatsstellen für fähig erkannt werden. – In den Pfarreien, Kirchen und Schulen, wo vor zehn Jahren in böhmischer Sprache gepredigt und gelehrt worden, sollte dieser löbliche Gebrauch fortgesetzt werden; wo bis jetzt ein deutscher Pfarrer und Schulmeister vorhanden war, dort sollte nach seinem Tode ein böhmischer angestellt werden. – Wer sich unterfangen würde, in einem solchen Orte in deutscher Sprache zu predigen und zu lehren, sollte eine Strafe von fünfzehn Schock böhmischer Groschen bezahlen. – Weil man in Erfahrung gebracht, daß Personen, sowohl höheren als niederen Standes, bei ihren Zusammenkünften sich nicht der böhmischen, sondern einer anderen Sprache bedienten, was einer Verachtung der eigenen Muttersprache gleichsieht und der ganzen Nation zur Schande gereicht, so sollen diese Leute, wenn sie böhmisch können und doch in ihrem Vorhaben beharren, binnen einem halben Jahre das Land räumen, bis dahin aber als Störer des allgemeinen Besten betrachtet und keiner Vorrechte und Freiheiten der übrigen Bewohner von Böhmen theilhaftig werden. Nachdem endlich einige Einwohner der großen Städte eine Gemeinde, die sich die deutsche nennt, untereinander errichtet haben, in diesem Königreiche aber zu alten Zeiten von keiner anderen als von der böhmischen Gemeinde die Rede gewesen, so sollen alle diejenigen, die sich zu der sogenannten Gesellschaft oder Gemeinde bekennen und dreist genug sind, in ihrem Vorhaben zu verharren, mit den oben genannten Strafen belegt werden.

Durch diese Verordnung war sonach allem Deutschen und Fremdländischen der Krieg erklärt, Böhmen inmitten der unter Mathias' Scepter stehenden Staaten national und sprachlich isolirt und zu einer Selbstständigkeit gebracht, wie es einer solchen unter den früheren österreichischen Herrschern, die dem deutschen Elemente neben dem böhmischen bisher fast gleiche Geltung verschafft und gewährt hatten, sich nie zu erfreuen gehabt hatte.

König Mathias bestätigte ohne alle Widerrede diese äußerst wichtige Verordnung und erwarb sich dadurch im hohen Grade die Verehrung der Böhmen; aber die Protestanten mit ihren Beschwerdepunkten stellte er keineswegs zufrieden und gestattete einen Riß in den Majestätsbrief, dessen Verletzung später die schlimmsten Früchte trug. Er ließ die intolerante Maßregel des Erzbischofs, trotz aller Beschwerden, ungerügt hingehen, und verbot noch überdies den Gottesdienst der Unkatholischen in der Pfarrkirche zu Brüx, welche dieselben laut eines Majestätsbriefes des Königs Wladislav vom Jahre 1485 mit den Katholischen gemeinschaftlich innehatten.

Die protestantischen Stände sagten laut, der König handle wider den Eid, den er bei seiner Krönung abgelegt, zumal, da er nicht lange danach die protestantischen Bürger von Straschic bestrafte, weil sie sich weigerten, einen katholischen Geistlichen bei ihrem Gottesdienst anzunehmen.

Bald darauf schloß Mathias in Prag mit dem ottomanischen Gesandten einen zwanzigjährigen Frieden und ließ seine Gemahlin Anna zur Königin von Böhmen krönen. Bei dieser festlichen Veranlassung hielt er mehrere Turniere auf dem Hradschin und reiste mit seinem ganzen Hofstaate wieder nach Wien ab.

Auf dem Altstädter Ring bei der heutigen Eisengasse war ein Auflauf. Der Wagen, welcher die Leichen der Pestkranken aufnahm, um sie vor das Neuthor zu fahren, wo sie dutzendweise in eine mit Kalk ausgeschüttete Grube geworfen wurden, ward plötzlich aufgehalten. Denn zwischen den, bloß mit einer dünnen Strohschicht bedeckten Körpern regte es sich, und ein nackter, gräßlich entstellter Menschenleib erhob sich und stieß ein gellendes Hilf- und Wehgeschrei aus. Er war nur scheintodt gewesen und wieder erwacht während des Gerütteltwerdens zwischen den anderen Körpern, zu einem schrecklichen Dasein. Das Volk versammelte sich, man warf dem Auferstandenen Tücher zu, um seine Blöße zu decken, und führte ihn zurück ins Hospital der barmherzigen Brüder; aber der Pöbel fiel empört über den Leichenwardein und Krankenwärter, welcher die Ladung begleitete, und dem man Schuld gab, leichtsinnig mit den Halbtodten zu verfahren, um nur an Bestattungskosten zu gewinnen, da ihm die Todten stückweise bezahlt wurden. Man mißhandelte ihn dermaßen, daß er todt auf dem Platze blieb.

Der Fleischer Sojka zog sich eben aus dem Gedränge zurück und wollte nach der Jesuitengasse gehen, da stieß ihm ein bekanntes Gesicht auf; ein Mann, der den rechten Arm unter seinem Kittel verborgen trug. Es war Vojta. Der Fleischer erschrak, denn er befürchtete, der Verstümmelte könne ihn vor Gericht ziehen; da er aber bemerkte, daß Vojta bei seinem Anblicke nicht nur auswich, sondern sich auch bemühte, ihm aus dem Gesicht zu kommen, so rief er ihm im wilden, spöttischen Uebermuthe nach: »Heda, Landsmann! Hört doch! Ihr habt was eingebüßt – ich muß Euch noch was zurückstellen – ich bin Euer Schuldner!«

Vojta, statt zu hören, beschleunigte seine Schritte; der Fleischer rief immer lauter: »So steht doch – hört Ihr nicht – steht doch!« Der noch aufgeregte Pöbel, der da meinte, es handle sich um einen Diebstahl, rief nun instinctmäßig: »Haltet ihn, haltet ihn!«

Vojta, außer Fassung gebracht, fing nun an zu laufen, und warf mehrere, die ihm in den Weg traten, zu Boden. Dies war jedoch das Signal zu seiner allgemeinen Verfolgung, ein Menschenhaufe, der beständig »Haltet ihn!« schrie, umringte ihn – die Scharwächter und Büttel vom Altstädter Rathhaus waren in der Nähe, man riß dem Riesen Mütze und Augenbinde ab, und ein hereingekommener Scherge, der sich über den Grund des Auftrittes unterrichten und den Maleficanten nöthigenfalls fassen wollte, erkannte ihn plötzlich. »Bei allen Teufeln,« schrie er auf, »das ist ja der Delinquent, der auf der Neustadt hat gehangen werden sollen und uns entwischt ist. Straf' mich Gott, das ist der Mörder Vojta, der dem Galgen entlaufen ist!«

Vojta verstellte seine Stimme, zeigte den handlosen Arm und sagte: »Da irrst Du, Freund – ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt!«

»Ja,« versetzte der Büttel, »an dem Arm fehlt die Hand, die damals d'ran war; aber der Kopf und der Hals ist derselbe, den kenne ich wohl, und der gehört dem Galgen. Das ist gar nichts Seltenes, daß sich entlaufene Verbrecher verstümmeln, um nicht wiedererkannt zu werden. Sie meinen: leichter ein Arm weg, als ein Kopf.«

Der Pöbel jubelte und höhnte; man hörte Vojta's Erklärungen und Betheuerungen nicht, Hunderte von Menschen umdrängten ihn, die Stadtknechte schlossen ihn ein und führten ihn in den Thurm des Neustädter Rathhauses. Hier wurde er erkannt und mit schweren Fesseln belegt in den engsten Kerker geworfen. – Alle Flüche, deren seine Gedanken fähig waren, beschwor er jetzt auf Scherbic's Haupt; denn dieser hatte ihn dadurch, daß er ihn verstieß, der Noth preisgegeben und ihn gezwungen, dem zufälligen Erwerb, dem Bettel und dem Diebstahl auf den Straßen nachzugehen. In dem Gedränge um den Leichenwagen hatte er eben auch Gelegenheit gesucht, etwas zu stehlen, als ihn der Fleischer erkannte und auf solche verhängnißvolle Weise die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. – Nun gab er alles verloren; denn wenn er auch in früheren Zeiten sich der Fesseln entledigt, Eisengitter und Mauern durchbrochen und sich schlau und gewaltsam befreit hatte, so schwand doch diesmal die Hoffnung, denn ihm fehlte die rechte Hand, ohne diese hatte er kaum die Kraft eines gewöhnlichen Menschen. »Hätte der Hund, der Janko,« sagte er ingrimmig für sich, als er in der dichten Finsterniß, mit einem Ring an die Wand gekettet, auf dem feuchten Gestein lag, »mich damals sterben lassen; so wär's jetzt längst vorbei, so aber steht mir der hundsföttische Tod noch bevor, und was hab' ich davon gehabt? – Ein Leben voll Angst, gräßliche Schmerzen, Siechthum und verstümmelte Gliedmaßen. Wenn mir der Teufel nur noch einmal davonhilfe, so möcht' ich's verschwören, je wieder einem Edelmann zu dienen; im Gegentheil, ich wollt' mir's angeloben, ihnen den Hals umzudrehen, wo ich einen finde!« – –

»Theuere Schwester,« sagte Jaroslava wehmüthig lächelnd zu Walperga, und die Worte glitten nur leise und ängstlich über ihre Lippen, »ich wage die erste Bitte – gewähre sie, erhöre Otto von Los!«

Walperga sah das blasse Mädchen verwundert an, dann schüttelte sie überrascht und zweifelnd das Haupt und erwiderte: »Dieselbe Bitte könnte ich an Dich richten.«

»Nein, nein!« entgegnete Jaroslava und senkte das Köpfchen, »er liebt mich nicht – er liebt nur Dich.«

»Er liebt uns vielleicht beide, liebe Schwester, und sein Verstand schwankt über die Wahl; allein sein Herz ist Dein. Nur der Widerstand ist's, der ihn reizt und zu mir zieht; das Wunderbare und Seltsame meines Geschickes webt er um meine Person und liebt es mit; doch seines Herzens stille Stätte füllt gewiß Dein Bild, und wird es dereinst allein und ganz erfüllen. Ja – er wird Dein, geliebte Schwester!«

»Er liebt mich nicht – vielleicht seit er Dich sah. Soll ihn, von Dir zurückgewiesen, nur das Mitleid zu mir führen, ich ihn nur trösten für empfundenen herben Schmerz? – Du kannst ihn beglücken; beglücke ihn nun auch, ich will Dich segnen.«

»Ich beglücken?« wiederholte Walperga, und ihr Blick umdüsterte sich; »Du gutes Kind – was nennst Du so? Weißt Du nicht, daß an der Wiege schon ich verurtheilt war, nur Schmerz zu säen, sie, die mich liebten, zu verwunden, und Unheil zu ernten; Du kennst mein ganzes farb- und blüthenloses Dasein; sprich, wo hat mir die Freude, wo das Gelingen, wo das Glück gelächelt!? Diese Hand ist nicht gesegnet, und ich glaub', und glaube es mit Schauder, daß sich in ihr der Nektar, den sie kredenzt, in Wermuth wandelt. – Nennst Du mein und der Mutter Wiederfinden ein Glück? Was das feindselige Geschick nicht länger hindern konnte, das gewährte es, doch flocht es neidisch in den schwer errungenen Kranz noch Dornen und mischte bitt're Tropfen in den Freudenbecher! – Ich forderte keine Kronen von der Welt, allein sie verlangte mein Haupt, um den Dornenkranz darauf zu drücken. – Wie könnt' ich, theure Seele! – liebte ich Otto – grausam genug sein und sein Los an das meinige knüpfen, und ihn hinabziehen in die Tiefen meines Unheils! Die Blitze und die Stürme haben Dein frommes, unschuldvolles Haupt gemieden, Du bist des Himmels Liebling; Du kannst – Du wirst ihn beglücken. In jedem Geschlechte sucht sich der Himmel ein Haupt, das muß büßen für aller Anderen Schuld, vergangene und gegenwärtige, bis das Geschick entsühnt ist. Ein höherer Rathschluß wählte mich, ich trage und schweige.«

»Glaubst Du, Schwester,« entgegnete Jaroslava mit feuchten Blicken, »ich kennte ein Glück, wüßte ich nicht zugleich Dich beglückt, die Schwergeprüfte?«

»Die Schwergeprüfte ist allein die Mutter, an ihrem inneren Dasein nagt ein Wurm; wie mild auch oft ihr Antlitz blickt, so toben Stürme doch in der schwerverletzten Brust; darum lass' uns alles meiden, was sie, die Herrliche, betrüben könnte. Und Deinen Otto, Schwester, führe ich liebend noch zu Deinen Füßen.«

»Sonst war er anders; ich hegte keinen eitlen Wahn, ich durfte glauben, daß er mich lieben würde, doch –«

»Doch,« ergänzte bitter lächelnd Walperga, »da kam ich und trübte Deinen Himmel. Siehst Du, mein theures Schwesterlein, wie das Unheil in meinem Gefolge schreitet?«

»Nein, nein!« rief Jaroslava, und sank an die Brust der Schwester; »Du hast mir und der Mutter doch nur Glück und selige Stunden gebracht. O, unser Himmel war viel düsterer, ehe Du kamst. Die Mutter weint nicht mehr, und betrachtet sie Dich in stillen Augenblicken, dann tritt wohl eine Freudenthräne in ihre Wimpern; doch keine des Schmerzes mehr. Diesen milden Himmel hast nur Du uns heraufbeschworen!« – –

Die Bösen leichter als die Guten finden sich im Leben und vereinen sich zu ihren gemeinschaftlichen Zwecken. Pater Anselm hatte die Bekanntschaft Camilla's im Beichtstuhl gemacht. Das schöne, üppige Weib hatte bereits früher, als sie die Kirche besuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich gelockt. Als sie eines Tages dem Sacristan sagte, sie wünsche das Sacrament des Altares und der Buße zu empfangen, da trat Anselm in den Beichtstuhl. Die Leichtfertigkeit, mit welcher Camilla sich der religiösen Handlung, wie eines gewöhnlichen Geschäftes, entledigte, ließ ihn erkennen, welch ein Weltkind er vor sich habe; ihre Geständnisse waren zudem von der Art, daß sie seine Vermuthungen nicht nur bestätigten, sondern auch seine weitere Neugierde rege machten. Nachdem er sie losgesprochcn, bot er ihr ferneren geistlichen Trost an und fragte nach ihrem Stand und ihrer Wohnung. Camilla fixirte den Priester eine Weile; trotz der entstellenden Wunde im Gesicht, die ihm in der That ein kriegerisches Ansehen gab, war er nicht unschön zu nennen mit seinen geistreichen, gebieterischen, fast dämonischen Augen, seinen nachtschwarzen wirren Locken über der weißen Stirn. Es war damals in allen höheren Lebensverhältnissen hergebracht, sich des Rathes und der Mithilfe der Jesuiten zu bedienen; sie regierten die Welt und die wichtigeren Familienverhältnisse.

Camilla forderte den Priester, der sie so leicht und weltgewandt ohne jede überflüssige Ermahnung von ihren Sünden losgesprochen, zu einem baldigen Besuche auf, kniete dann vor den Altar, wo Messe gelesen wurde, und nahm aus der Hand eines anderen Geistlichen die Hostie.

Anselm erschien auch am folgenden Tage. Das schöne leichtfertige Weib hatte seine Sinnlichkeit rege gemacht, er versprach sich einen leichten und lohnenden Triumph; die Verfolgung seines Racheplanes hatte keineswegs seine Begierden abgestumpft und eingeschläfert, er genoß die Freiheiten, die ihm sein Orden mehr als jeder andere gestattete, mit Bewußtsein und Auswahl.

Aber noch in anderer Beziehung fand er in Camilla eine verwandte Natur. Schon in der ersten Stunde ihres Beisammenseins hatten sie einander wechselseitig ihre Geheimnisse anvertraut; ihre Geschicke hatten so viel Aehnlichkeit, sie griffen wundersam ineinander und sie jubelten über diese Entdeckung. Bedurfte Camilla auch jetzt, wo sie zur Geduld angewiesen war und abwarten mußte, wo Albrecht des Landlebens und seiner Gattin überdrüssig, nach Prag und aller Berechnung nach zu ihren Füßen zurückkehren würde, keines Helfers, so diente ihr doch ein Vertrauter; dem Priester dagegen war die Gräfin durch ihre Bekanntschaft mit Marga und Walperga und durch ihren Haß gegen die letztere ein kostbarer Fund, sie war ein hilfreicher Arm mehr zu seinen Zwecken. Sie verfolgte das Mädchen noch immer mit grausamer Ausdauer. Der entsetzliche Auftritt, den sie ihr in der Prämonstratenserkirche bereitete, hatte den gewünschten Erfolg nicht gehabt; weder brach der Armen das Herz, noch versank sie in Wahnsinnsnacht – wie Camilla gehofft. Ihre Seelenkraft, ihr Stolz, auf inneren Werth gebaut, hielt sie aufrecht. Wohl wußte sie, daß Walperga nunmehr Albrecht hasse und verachte; aber ebenso wohl fühlte sie auch, daß er sie noch immer liebte und ihr gezwungen entsagt. Ja in ferner Zukunft – wenn Lucretia vielleicht früher starb, befürchtete sie eine Verbindung Albrecht's mit dieser seiner Geliebten, und darauf wollte sie allein Anwartschaft haben.

Sie duldete die sündhaften Huldigungen Anselm's, sie gab sich ihm wirklich preis, wenn auch ohne Liebe und höhere Neigung; hatte er doch die Macht, sie und sich von allem loszusprechen, was das stumpfe Gewissen allenfalls noch für Fehltritt oder Sünde hielt und worüber sich in seiner Tiefe zuweilen ein leiser Vorwurf regen mochte. Sie bedurfte der Liebe niederster Gattung. Der Priester war schon um seinetwillen verschwiegen. Otto von Los, den sie zu verlocken gehofft und getrachtet, hatte sich zurückgezogen; sie verzweifelte an der Möglichkeit, die starre Eisrinde, welche sein Herz oder seine Sinne vielmehr umgab, zu schmelzen; zudem ahnte sie auch, daß er gleichfalls Walperga liebe – Grund genug, um ihn zu hassen.

Schon am zweiten Abend erschien Anselm nicht mehr in seiner priesterlichen Kleidung. Er hatte die spanische Tracht, die Kleidung eines Edelmannes gewählt. So konnte er mit geringerem Aufsehen selbst zur Nachtzeit das Haus der Gräfin besuchen. Ihre Dienerschaft war vertraut und verschwiegen, mit dem Lebenswandel ihrer Herrin einverstanden.

So feierten sie Nächte voll erotischer und bacchantischer Genüsse, denn wo die Sünde eingekehrt ist, da folgt bald die Gemeinheit nach!

Camilla versprach dem Priester, die alte Marga, die wohl Grund haben mochte, ihm zu mißtrauen, wieder zu bethören, sich in ihrem Vertrauen wieder festzusetzen. Sie wollte Mittel und Wege finden, Walperga – die wiedergefundene und darum doppelt theure Tochter Elisabeth's, in seine Gewalt zu liefern; denn nur dadurch glaubte er sich auch dieser versichern und bemächtigen zu können. Nöthigenfalls sollte das Mädchen als sein Opfer fallen, seine Rache und Lüsternheit kühlen. Nur erniedrigt konnte er ferner Elisabeth lieben, dieser Triumph war ihm gewiß lockender, als der Besitz ihrer bereits schwindenden Reize, die nur die Vergangenheit und das seltene Interesse so begehrlich erscheinen ließen.

Anselm dagegen wollte durch die Macht seines Ordens, dessen Einfluß Waldstein – warf jener erst sein Augenmerk auf ihn – nicht entgehen konnte, für Camilla wirken; neben oder nach Lucretia sollte sie wieder in Recht und Besitz von Waldstein's Liebe gelangen. Er versprach, sie einflußreich zu machen, der ehrgeizige, nach Macht und Größe strebende Albrecht sollte ihr verpflichtet, ihr unterthänig werden.

Wie Spinnen wob das verruchte Paar Netze, und wie Schlangen zogen sie Ringe, um ihre Opfer zu umwinden, sie zu verderben oder sich dienstbar zu machen.

Camilla erhielt Briefe von Lucretia aus Mähren. Sie schrieb, daß sie demnächst mit ihrem Gatten, den sie je länger, desto leidenschaftlicher liebte und dessen ernste und gemessene Neigung, die kalt erschien gegen ihre Glut und nicht gleichen Schritt halten mochte mit ihrer Zärtlichkeit, sie allein in manchen Augenblicken beunruhigte und betrübte, nach Prag zurückkehren würde.

Dort, hoffte sie, würde auch mehr Frohsinn und leidenschaftliche Erregung in ihn zurückkehren; hier verdüstere ihn die Einsamkeit des Landlebens. Der Kaiser sollte nach Prag kommen, wichtige Ereignisse bereiteten sich vor; Waldstein mußte jetzt an den Hof. Sein Rang, sein Reichthum eröffnete ihm hier – wenn sich die Ereignisse günstig gestalteten – eine Laufbahn.

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