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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid89ec15fc
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IX.

Matusch trat in die Schenkstube zu seinen Freunden. Nur Hostal und der Fleischer waren erst da. Am Ofen saß eine Musikbande und lärmte in gar grellen und rauschenden Weisen. Die Freunde grüßten den Ankömmling. »Ich bitt' Euch,« sagte Matusch, »schafft die Musikanten fort; mein Kopf ist so voll, daß ich darin keinen Platz habe für das Schrillen und Pfeifen. Hier habt Ihr Geld, Leute! Geht hin, wo Ihr einen Fröhlicheren findet!«

»So verstimmt, Matusch?« redete ihn der Fleischer an und reichte ihm die Hand, »und ich wollte Dich, alter Freund, um so Vieles befragen, was sich seitdem ereignet hat. Wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Ich wollte,« sprach Matusch, indem er Platz und den vollen Krug aus Miklasch' Hand nahm, »die Zeit wäre gar nicht gewesen, seit der wir uns nicht gesehen.«

»Ei, wie bist Du so ingrimmig geworden!« scherzte Sojka.

»Nun, diese Zeit,« belehrte der Kürschner Hostal, »ist gerade nicht die schlimmste zu nennen. Wenn ich's sage, hat's etwas zu bedeuten. Wir haben schon schlimmere erlebt, zum Beispiel –«

Der Fleischer unterbrach ihn, indem er sich zu Matusch wandte: »Es ist also wahr, daß eine von den Brabanter Sängerinnen Deine Schwester und die andere gar eine Verwandte des Herrn von Slavata geworden ist. Es freut mich aus der Seele heraus, des schönen Mädchens wegen, die just gar apart und stolz und dann wieder nicht stolz war. Nun, unter uns ward sie erzogen; was vom Volk war, das hängt am Volke. Darum war sie auch so freundlich und sah mich gar wunderbar an, als ich des Buben Hand absäbelte, der sie zerreißen wollte. Höre, Matusch, der hat sich nicht wieder gemeldet um sein Eigenthum. Und dergleichen mißt man doch nicht so leicht wie einen Fetzen, den sie Einem bei der Rauferei vom Rock gerissen. Ha! Ich bin Dir ordentlich stolz auf meinen Dienst und möcht' noch einen solchen dankbaren Blick haben von der Walperga.«

»Ihr habt in dieser Zeit,« äußerte der Kürschner, »recht viel Freude erlebt durch das, was Euch so nah' berührte – will's glauben.«

»Ja,« versetzte Matusch düster, »ich hab' recht viel herzinnige Freud' erlebt und hab' Gott auch herzinnig gedankt dafür. Aber wenn die Freude ein recht lieber guter Engel ist, so kommt hinter ihr gleich ein Teufel, der ist die Schadenfreude, und der verbittert zehnmal allen Genuß, so daß man – am Ende besehen – sich gar nicht wünscht, die Freude gehabt zu haben. Ich kann es nicht so ganz sagen, aber ich wünschte, ich könnte jemanden die Rippen brechen, um nur die Galle los zu werden.«

»Da ist der Miklasch,« lachte der Fleischer, »versuch's an ihm, ich glaub', seine Knochen sind spröd' wie Eichenholz; zudem hat er mir gestern saueres Bier gegeben und sieht jetzt, daß mein Krug schon seit einer halben Stunde leer ist, und sperrt das Maul auf. Er könnte Deine Faustprobe billig genießen!«

Miklasch raffte den Krug vom Tische und war mit einem Satz zur Thür hinaus. Hier stieß er an den kleinen Bader, der eben hereinhüpfen wollte, daß er zurücktaumelte.

»Für die Blinden,« schalt dieser, »ist ein Mensch wie eine Wand und die Tollen gehen mit ihrem harten Schädel durch Beides.«

Er trat in die Stube.

»Gott zum Gruß, meine Herren! Neuigkeiten, die neuesten Neuigkeiten, ich komm' vom Carolin und wette, daß Ihr von dem, was ich bringe, noch kein Sterbenswörtlein wißt. Es wird sich wieder etwas ereignen.«

»Im Saazerkreise ist eine Viehseuche,« spottete der Fleischer, »seid Ihr als Wunderdoktor dorthin berufen?«

»Wenn Ihr einmal schmerzhaft darniederliegt,« antwortete Kostelecky und legte pathetisch die Hand auf Sojka's Schulter, »und nach mir seufzet, weil Euch das Blut die Adern zersprengen möcht', dann will ich Euch d'ran erinnern und Ihr sollt mir's abbitten. Die Gesunden verspotten uns, ganz richtig, aber den Kranken erscheinen wir wie Engel! – Wir müssen uns alles gefallen lassen!«

»Und Eure Neuigkeiten?« unterbrach der Kürschner.

»Sind von wichtiger Art,« fuhr Kostelecky fort, nachdem er aus dem vollen Kruge, welchen Miklasch gebracht, getrunken; »unser neuer König ist in Frankfurt zum deutschen Kaiser gekrönt worden und kommt demnächst nach Prag.«

»Der neue Rang,« brummte Sojka, »wird uns wieder Geld kosten und man wird diejenigen belasten, die Grundstücke haben, Häuser oder Felder; die müssen immer herhalten.«

»Er will,« erzählte der Bader weiter, »seinem seligen Bruder Rudolf ein prächtiges Leichenbegängniß veranstalten; eines, wie's dem Kaiser ziemt. Das verwichene war nur vorläufig und das Hauptfest kommt nach. Der Sarg wird wieder aus der Gruft geschafft, der neue Kaiser wird dem dreitägigen Requiem selbst beiwohnen. Es wird gar glänzend ausfallen.«

»Da er dem Lebenden so viel abgenommen hat,« bemerkte der Fleischer, »kann er sich's schon etwas Erkleckliches kosten lassen, um den Todten prachtvoll zu begraben.«

»Wenn auch,« warf Matusch ein, »so rührend wird es nicht, als wie das junge blonde Herrlein, der Julius, in die Gruft hinabstieg, dem alten Vater nach! Er war der einzige von des Königs Verwandtschaft gegenwärtig, es ging Einem zu Herzen, und zählte doch nicht für voll, weil er nicht ebenbürtig. Nun, seine Lieb' schien mir doch ebenbürtig; denn die Thränen, die er weinte, waren von der aufrichtigen Sorte. Die – weint nicht jeder!«

»Es ist so der Welt Lauf,« sprach Sojka; »die am dicksten bekommen, weinen die dünnsten Thränen. Ich hab' gestern einen Bettelbuben gesehen, der folgte dem Karren seiner alten Mutter und geberdete sich wie rasend. Dummkopf, sagten zu ihm die Leute, sei froh, Du brauchst nun nicht mehr für sie zu betteln! Ach, antwortete der Bub', wenn ich für sie nicht mehr betteln kann, dann brauch' ich gar nicht mehr auf der Welt zu sein! Ich sag' Euch, die gemeinen Leute haben meist das beste Herz; sie können's nur nicht so von sich geben und wissen kein Wesen davon zu machen wie die Vornehmen. Da erfährt's freilich niemand.«

»Und was ich Euch noch weiter erzählen wollte,« sagte der Bader, »der König wird nur kurze Zeit hier bleiben, und auf dem Schlosse sind sie noch ungewiß darüber, ob er ganz hier residiren wird, wie Rudolf, oder nicht. Er geht vorerst nach Wien, er hat einen kleinen Krieg mit dem Fürsten von Siebenbürgen und will dem Schauplatz dort näher sein. Wenn er nur nicht ganz in Wien sein Hoflager aufschlägt und uns als Stiefkinder betrachtet. Das wär' vom Unheil und ein großer Schaden für eines Jeglichen Nahrung.«

Miklasch, der einen Augenblick hinausgegangen war, trat jetzt ein und stotterte: »Ich habe auch eine Neuigkeit – die allerneueste: der Erzbischof Karl von Lamberg ist eben gestorben – an Schwäche oder Verzehrung. Hat lang gelitten. Sie werden sogleich mit allen Glocken läuten.«

Eine Pause entstand; dann nahm Matusch das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: »Gott sei seiner Seele gnädig. Er war ein milder Mann – gut gegen die Protestanten; er hat dem seligen Rudolf selbst zum Majestätsbrief gerathen. Der Himmel weiß, ob ein besserer, ob nur ein gleich guter folgen wird.«

»Wer folgen wird?« fiel der Bader ein, »das ist schon ausgemacht, das weiß ich; der Abt vom Strahof, Johann Lohelius, ein Mönch, ein Kuttenträger, ein Feind der Protestanten.«

»Dann fängt das Unheil freilich wieder an,« äußerte der Fleischer und schlug die nervigen Arme ineinander, »ich dachte es wohl, daß die auf der anderen Seite drüben nicht lange Frieden halten können.«

Ein anderer Gast trat jetzt in die Stube. Er schien sehr aufgeregt.

»Giebt's was?« fragte Hostal und kehrte das Haupt nach ihm.

»Gott sei's geklagt,« versetzte der Handwerker und schüttelte sich vor Schauder, »gerade auf dem Ring zwei Schritte von mir ist ein armer Mann niedergestürzt – er hat die Pest. Das fehlte noch zu allem Elend!«

»Die Pest!?« erscholl es ringsum wie aus einem Munde und eine lange Pause entsetzensvollen Schweigens folgte.

»Dann möge sich Gott unser erbarmen!« sprach Matusch.

»Ja, dann hat alle Freude auf lange Zeit ein Ende,« äußerte betrübt der Fleischer – »wer's noch von uns überlebt – Gott gnade uns allen!«

»Die Pest!« rief der Bader und schlug den Deckel seines Bierkruges zu, »das ist mein Feldgeschrei, da muß ich zu den Waffen – nach Haus – meine Medicamente in Bereitschaft setzen; 's wird eine schlimme Zeit. Gott sei mit Euch, Freunde!«

Er sprang zur Schenkstube hinaus. Die Anderen folgten ihm niedergeschlagen und schweigend.

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