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Gutenberg > Friedrich Schiller >

Wallenstein

Friedrich Schiller: Wallenstein - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Schiller
titleWallenstein
publisherDirectmedia
seriesDigitale Bibliothek
volumeBand 103
noteText von Directmedia kopiert aus dem Projekt Gutenberg-DE
year2003
correctorreuters@abc.de
senderFritz Gross
created20070629
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Zweiter Aufzug

Ein Zimmer.

Erster Auftritt

Wallenstein. Octavio Piccolomini. Bald darauf Max Piccolomini.

Wallenstein.
Mir meldet er aus Linz, er läge krank,
Doch hab ich sichre Nachricht, daß er sich
Zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.
Nimm beide fest und schick sie mir hieher.
Du übernimmst die spanischen Regimenter,
Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,
Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,
So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.
Ich weiß, daß dir ein Dienst damit geschieht,
In diesem Spiel dich müßig zu verhalten.
Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;
Extreme Schritte sind nicht deine Sache,
Drum hab ich diese Rolle für dich ausgesucht,
Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmal
Am nützlichsten – Erklärt sich unterdessen
Das Glück für mich, so weißt du, was zu tun.

(Max Piccolomini tritt ein.)

Jetzt, Alter, geh. Du mußt heut nacht noch fort.
Nimm meine eignen Pferde. – Diesen da
Behalt ich hier – Macht's mit dem Abschied kurz!
Wir werden uns ja, denk ich, alle froh
Und glücklich wiedersehn.

Octavio (zu seinem Sohn). Wir sprechen uns noch.

(Geht ab.)

Zweiter Auftritt

Wallenstein.
Max Piccolomini.

Max (nähert sich ihm).
Mein General –

Wallenstein.
Der bin ich nicht mehr,
Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.

Max.
So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?

Wallenstein.
Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.

Max.
Und willst das Heer verlassen?

Wallenstein.
Vielmehr hoff ich,
Mir's enger noch und fester zu verbinden. (Er setzt sich.)
Ja, Max. Nicht eher wollt' ich dir's eröffnen,
Als bis des Handelns Stunde würde schlagen.
Der Jugend glückliches Gefühl ergreift
Das Rechte leicht, und eine Freude ist's,
Das eigne Urteil prüfend auszuüben,
Wo das Exempel rein zu lösen ist.
Doch, wo von zwei gewissen Übeln eins
Ergriffen werden muß, wo sich das Herz
Nicht ganz zurückbringt aus dem Streit der Pflichten,
Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,
Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.
– Die ist vorhanden. Blicke nicht zurück.
Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwärts!
Urteile nicht! Bereite dich, zu handeln.
– Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,
Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.
– Wir werden mit den Schweden uns verbinden.
Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.

(Hält ein, Piccolominis Antwort erwartend.)

– Ich hab dich überrascht. Antwort mir nicht.
Ich will dir Zeit vergönnen, dich zu fassen.

(Er steht auf und geht nach hinten. Max steht lange unbeweglich, in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht, kömmt Wallenstein zurück und stellt sich vor ihn.)

Max.
Mein General! – Du machst mich heute mündig.
Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,
Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.
Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ich
Zu sehn und war des rechten Pfads gewiß.
Zum ersten Male heut verweisest du
Mich an mich selbst und zwingst mich, eine Wahl
Zu treffen zwischen dir und meinem Herzen.

Wallenstein.
Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,
Du konntest spielend deine Pflichten üben,
Jedwedem schönen Trieb Genüge tun,
Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.
So kann's nicht ferner bleiben. Feindlich scheiden
Die Wege sich. Mit Pflichten streiten Pflichten.
Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg,
Der zwischen deinem Freund und deinem Kaiser
Sich jetzt entzündet.

Max.
Krieg! Ist das der Name?
Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,
Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.
Ist das ein guter Krieg, den du dem Kaiser
Bereitest mit des Kaisers eignem Heer?
O Gott des Himmels! was ist das für eine
Veränderung! Ziemt solche Sprache mir
Mit dir, der wie der feste Stern des Pols
Mir als die Lebensregel vorgeschienen!
Oh! welchen Riß erregst du mir im Herzen!
Der alten Ehrfurcht eingewachsnen Trieb
Und des Gehorsams heilige Gewohnheit
Soll ich versagen lernen deinem Namen?
Nein! wende nicht dein Angesicht zu mir!
Es war mir immer eines Gottes Antlitz,
Kann über mich nicht gleich die Macht verlieren;
Die Sinne sind in deinen Banden noch,
Hat gleich die Seele blutend sich befreit!

Wallenstein.
Max, hör mich an.

Max.
Oh! tu es nicht! Tu's nicht!
Sieh! deine reinen, edeln Züge wissen
Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat.
Bloß deine Einbildung befleckte sie,
Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.
Ein böser Traum bloß ist es dann gewesen,
Der jede sichre Tugend warnt. Es mag
Die Menschheit solche Augenblicke haben,
Doch siegen muß das glückliche Gefühl.
Nein, du wirst so nicht endigen. Das würde
Verrufen bei den Menschen jede große
Natur und jedes mächtige Vermögen,
Recht geben würd' es dem gemeinen Wahn,
Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt
Und nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.

Wallenstein.
Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.
Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.
Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,
Das Äußerste! Doch hier ist keine Wahl,
Ich muß Gewalt ausüben oder leiden –
So steht der Fall. Nichts anders bleibt mir übrig.

Max.
Sei's denn! Behaupte dich in deinem Posten
Gewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,
Wenn's sein muß, treib's zur offenen Empörung,
Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,
Will, was ich nicht gut heiße, mit dir teilen.
Nur – zum Verräter werde nicht! Das Wort
Ist ausgesprochen. Zum Verräter nicht!
Das ist kein überschrittnes Maß, kein Fehler,
Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
Oh! das ist ganz was anders – das ist schwarz,
Schwarz, wie die Hölle!

Wallenstein (mit finsterm Stirnfalten, doch gemäßigt).
Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.
Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,
Bös oder gut – und was die Einbildung
Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,
Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen.
Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen;
Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken,
Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben;
Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.
– Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,
Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt
Im leichten Feuer mit dem Salamander
Und hält sich rein im reinen Element.
Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur,
Und zu der Erde zieht mich die Begierde.
Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht
Dem guten. Was die Göttlichen uns senden
Von oben, sind nur allgemeine Güter;
Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,
In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.
Den Edelstein, das allgeschätzte Gold
Muß man den falschen Mächten abgewinnen,
Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.
Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,
Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst
Die Seele hätte rein zurückgezogen.

Max (mit Bedeutung).
Oh! fürchte, fürchte diese falschen Mächte!
Sie halten nicht Wort! Es sind Lügengeister,
Die dich berückend in den Abgrund ziehn.
Trau ihnen nicht! Ich warne dich – Oh! kehre
Zurück zu deiner Pflicht. Gewiß! du kannst's!
Schick mich nach Wien. Ja, tue das. Laß mich,
Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.
Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,
Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,
Und sein Vertrauen bring ich dir zurück.

Wallenstein.
Es ist zu spät. Du weißt nicht, was geschehn.

Max.
Und wär's zu spät – und wär' es auch soweit,
Daß ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,
So falle! Falle würdig, wie du standst.
Verliere das Kommando. Geh vom Schauplatz.
Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.
– Du hast für andre viel gelebt, leb endlich
Einmal dir selber, ich begleite dich,
Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen –

Wallenstein.
Es ist zu spät. Indem du deine Worte
Verlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andern
Zurückgelegt von meinen Eilenden,
Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.
– Ergib dich drein. Wir handeln, wie wir müssen.
So laß uns das Notwendige mit Würde,
Mit festem Schritte tun – Was tu ich Schlimmres,
Als jener Cäsar tat, des Name noch
Bis heut das Höchste in der Welt benennet?
Er führte wider Rom die Legionen,
Die Rom ihm zur Beschützung anvertraut.
Warf er das Schwert von sich, er war verloren,
Wie ich es wär', wenn ich entwaffnete.
Ich spüre was in mir von seinem Geist.
Gib mir sein Glück, das andre will ich tragen.

(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht schnell ab. Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach und steht in tiefe Gedanken verloren.)

Dritter Auftritt

Wallenstein.
Terzky. Gleich darauf Illo.

Terzky.
Max Piccolomini verließ dich eben?

Wallenstein.
Wo ist der Wrangel?

Terzky.
Fort ist er.

Wallenstein.
So eilig?

Terzky.
Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.
Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,
Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch – weg war er,
Und niemand wußte mir von ihm zu sagen.
Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,
Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.

Illo (kommt).
Ist's wahr, daß du den Alten willst verschicken?

Terzky.
Wie? Den Octavio! Wo denkst du hin?

Wallenstein.
Er geht nach Frauenberg, die spanischen
Und welschen Regimenter anzuführen.

Terzky.
Das wolle Gott nicht, daß du das vollbringst!

Illo.
Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?
Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,
In diesem Augenblicke der Entscheidung?

Terzky.
Das wirst du nicht tun. Nein, um alles nicht!

Wallenstein.
Seltsame Menschen seid ihr.

Illo.
Oh! nur diesmal
Gib unsrer Warnung nach. Laß ihn nicht fort.

Wallenstein.
Und warum soll ich ihm dies eine Mal
Nicht trauen, da ich's stets getan? Was ist geschehn,
Das ihn um meine gute Meinung brächte?
Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ich
Mein alt erprobtes Urteil von ihm ändern?
Denkt nicht, daß ich ein Weib sei. Weil ich ihm
Getraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.

Terzky.
Muß es denn der just sein? Schick einen andern.

Wallenstein.
Der muß es sein, den hab ich mir erlesen.
Er taugt zu dem Geschäft, drum gab ich's ihm.

Illo.
Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.

Wallenstein.
Weiß wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,
Weil ich sie achte, liebe, euch und andern
Vorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,
Drum sind sie euch ein Dorn im Auge! Was
Geht euer Neid mich an und mein Geschäft?
Daß ihr sie haßt, das macht sie mir nicht schlechter.
Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt,
Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,
Weiß doch, was mir ein jeder von euch gilt.

Illo.
Er geht nicht ab – müßt' ich die Räder ihm am Wagen
Zerschmettern lassen.

Wallenstein.
Mäßige dich, Illo!

Terzky.
Der Questenberger, als er hier gewesen,
Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.

Wallenstein.
Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.

Terzky.
Und daß geheime Boten an ihn kommen
Vom Gallas, weiß ich auch.

Wallenstein.
Das ist nicht wahr.

Illo.
Oh! du bist blind mit deinen sehenden Augen!

Wallenstein.
Du wirst mir meinen Glauben nicht erschüttern,
Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.
Lügt er, dann ist die ganze Sternkunst Lüge.
Denn wißt, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,
Daß er der treuste ist von meinen Freunden.

Illo.
Hast du auch eins, daß jenes Pfand nicht lüge?

Wallenstein.
Es gibt im Menschenleben Augenblicke,
Wo er dem Weltgeist näher ist als sonst
Und eine Frage frei hat an das Schicksal.
Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,
Die vor der Lützner Aktion vorherging,
Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,
Hinaussah in die Ebene. Die Feuer
Des Lagers brannten düster durch den Nebel,
Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,
Der Runden Ruf einförmig nur die Stille.
Mein ganzes Leben ging, vergangenes
Und künftiges, in diesem Augenblick
An meinem inneren Gesicht vorüber,
Und an des nächsten Morgens Schicksal knüpfte
Der ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.
Da sagt' ich also zu mir selbst: "So vielen
Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
Und setzen, wie auf eine große Nummer,
Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind
In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
Doch kommen wird der Tag, wo diese alle
Das Schicksal wieder auseinanderstreut,
Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.
Den möcht' ich wissen, der der Treuste mir
Von allen ist, die dieses Lager einschließt.
Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
Entgegenkommt mit einem Liebeszeichen."
Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.
Und mitten in die Schlacht ward ich geführt
Im Geist. Groß war der Drang. Mir tötete
Ein Schuß das Pferd, ich sank, und über mir
Hinweg, gleichgültig, setzten Roß und Reiter,
Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,
Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.
Da faßte plötzlich hilfreich mich ein Arm,
Es war Octavios – und schnell erwach ich,
Tag war es, und – Octavio stand vor mir.
"Mein Bruder", sprach er, "reite heute nicht
Den Schecken, wie du pflegst. Besteige lieber
Das sichre Tier, das ich dir ausgesucht.
Tu's mir zu Lieb'. Es warnte mich ein Traum."
Und dieses Tieres Schnelligkeit entriß
Mich Banniers verfolgenden Dragonern.
Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,
Und Roß und Reiter sah ich niemals wieder.

Illo.
Das war ein Zufall.

Wallenstein (bedeutend). Es gibt keinen Zufall;
Und was uns blindes Ohngefähr nur dünkt,
Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.
Versiegelt hab ich's und verbrieft, daß er
Mein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr! (Er geht.)

Terzky.
Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.

Illo.
Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.

Wallenstein (bleibt stehen und kehrt sich um).
Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig
Zurück nur kommen auf ihr erstes Wort,
Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
– Des Menschen Taten und Gedanken, wißt!
Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,
Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,
So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln.

(Gehen ab.)

Vierter Auftritt

Zimmer in Piccolominis Wohnung.

Octavio Piccolomini reisefertig. Ein Adjutant.

Octavio.
Ist das Kommando da?

Adjutant.
Es wartet unten.

Octavio.
Es sind doch sichre Leute, Adjutant?
Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?

Adjutant.
Von Tiefenbach.

Octavio.
Dies Regiment ist treu.
Laßt sie im Hinterhof sich ruhighalten,
Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hört;
Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,
Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.

(Adjutant ab.)

Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,
Denn meines Kalkuls halt ich mich gewiß.
Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist groß,
Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.

Fünfter Auftritt

Octavio Piccolomini. Isolani tritt herein.

Isolani.
Hier bin ich – Nun! wer kommt noch von den andern?

Octavio (geheimnisvoll).
Vorerst ein Wort mit Euch, Graf Isolani.

Isolani (geheimnisvoll).
Soll's losgehn? Will der Fürst was unternehmen?
Mir dürft Ihr trauen. Setzt mich auf die Probe.

Octavio.
Das kann geschehn.

Isolani.
Herr Bruder, ich bin nicht
Von denen, die mit Worten tapfer sind
Und, kommt's zur Tat, das Weite schimpflich suchen.
Der Herzog hat als Freund an mir getan,
Weiß Gott, so ist's! Ich bin ihm alles schuldig.
Auf meine Treue kann er baun.

Octavio.
Es wird sich zeigen.

Isolani.
Nehmt Euch in acht. Nicht alle denken so.
Es halten's hier noch viele mit dem Hof
Und meinen, daß die Unterschrift von neulich,
Die abgestohlne, sie zu nichts verbinde.

Octavio.
So? Nennt mir doch die Herren, die das meinen.

Isolani.
Zum Henker! Alle Deutschen sprechen so.
Auch Esterhazy, Kaunitz, Deodat
Erklären jetzt, man müss' dem Hof gehorchen.

Octavio.
Das freut mich.

Isolani.
Freut Euch?

Octavio.
Daß der Kaiser noch
So gute Freunde hat und wackre Diener.

Isolani.
Spaßt nicht. Es sind nicht eben schlechte Männer.

Octavio.
Gewiß nicht. Gott verhüte, daß ich spaße!
Sehr ernstlich freut es mich, die gute Sache
So stark zu sehn.

Isolani.
Was Teufel! Wie ist das?
Seid Ihr denn nicht? – Warum bin ich denn hier?

Octavio (mit Ansehen).
Euch zu erklären, rund und nett, ob Ihr
Ein Freund wollt heißen oder Feind des Kaisers.

Isolani (trotzig).
Darüber werd ich dem Erklärung geben,
Dem's zukommt, diese Frag' an mich zu tun.

Octavio.
Ob mir das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren.

Isolani.
Wa – was? Das ist des Kaisers Hand und Siegel.
(Liest.) "Als werden sämtliche Hauptleute unsrer
Armee der Ordre unsers lieben, treuen,
Des Generalleutnant Piccolomini,
Wie unsrer eignen" – Hum – Ja – So – Ja, ja!
Ich – mach Euch meinen Glückwunsch, Generalleutnant.

Octavio.
Ihr unterwerft Euch dem Befehl?

Isolani.
Ich – aber
Ihr überrascht mich auch so schnell – Man wird
Mir doch Bedenkzeit, hoff ich –

Octavio.
Zwei Minuten.

Isolani.
Mein Gott, der Fall ist aber –

Octavio.
Klar und einfach.
Ihr sollt erklären, ob Ihr Euren Herrn
Verraten wollet oder treu ihm dienen.

Isolani.
Verrat – Mein Gott – Wer spricht denn von Verrat?

Octavio.
Das ist der Fall. Der Fürst ist ein Verräter,
Will die Armee zum Feind hinüberführen.
Erklärt Euch kurz und gut. Wollt Ihr dem Kaiser
Abschwören? Euch dem Feind verkaufen? Wollt Ihr?

Isolani.
Was denkt Ihr? Ich des Kaisers Majestät
Abschwören? Sagt' ich so? Wann hätt' ich das Gesagt?

Octavio.
Noch habt Ihr's nicht gesagt. Noch nicht.
Ich warte drauf, ob Ihr es werdet sagen.

Isolani.
Nun seht, das ist mir lieb, daß Ihr mir selbst
Bezeugt, ich habe so was nicht gesagt.

Octavio.
Ihr sagt Euch also von dem Fürsten los?

Isolani.
Spinnt er Verrat – Verrat trennt alle Bande.

Octavio.
Und seid entschlossen, gegen ihn zu fechten?

Isolani.
Er tat mir Gutes – doch wenn er ein Schelm ist,
Verdamm' ihn Gott! die Rechnung ist zerrissen.

Octavio.
Mich freut's, daß Ihr in gutem Euch gefügt.
Heut nacht in aller Stille brecht Ihr auf
Mit allen leichten Truppen; es muß scheinen,
Als käm' die Ordre von dem Herzog selbst.
Zu Frauenberg ist der Versammlungsplatz,
Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle.

Isolani.
Es soll geschehn. Gedenkt mir's aber auch
Beim Kaiser, wie bereit Ihr mich gefunden.

Octavio.
Ich werd es rühmen.
(Isolani geht. Es kommt ein Bedienter.)
Oberst Buttler? Gut.

Isolani (zurückkommend).
Vergebt mir auch mein barsches Wesen, Alter.
Herr Gott! Wie konnt' ich wissen, welch große
Person ich vor mir hatte!

Octavio.
Laßt das gut sein.

Isolani.
Ich bin ein lust'ger alter Knab', und wär'
Mir auch ein rasches Wörtlein übern Hof
Entschlüpft zuweilen, in der Lust des Weins,
Ihr wißt ja, bös war's nicht gemeint. (Geht ab.)

Octavio.
Macht Euch
Darüber keine Sorge! – Das gelang!
Glück, sei uns auch so günstig bei den andern!

Sechster Auftritt

Octavio Piccolomini. Buttler.

Buttler.
Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant.

Octavio.
Seid mir als werter Gast und Freund willkommen.

Buttler.
Zu große Ehr' für mich.

Octavio (nachdem beide Platz genommen).
Ihr habt die Neigung nicht erwidert,
Womit ich gestern Euch entgegenkam.
Wohl gar als leere Formel sie verkannt.
Von Herzen ging mir jener Wunsch, es war
Mir Ernst um Euch, denn eine Zeit ist jetzt,
Wo sich die Guten eng verbinden sollten.

Buttler.
Die Gleichgesinnten können es allein.

Octavio.
Und alle Guten nenn ich gleichgesinnt.
Dem Menschen bring ich nur die Tat in Rechnung,
Wozu ihn ruhig der Charakter treibt;
Denn blinder Mißverständnisse Gewalt
Drängt oft den Besten aus dem rechten Gleise.
Ihr kamt durch Frauenberg. Hat Euch Graf Gallas
Nichts anvertraut? Sagt mir's. Er ist mein Freund.

Buttler.
Er hat verlorne Worte nur gesprochen.

Octavio.
Das hör ich ungern, denn sein Rat war gut.
Und einen gleichen hätt' ich Euch zu geben.

Buttler.
Spart Euch die Müh – mir die Verlegenheit,
So schlecht die gute Meinung zu verdienen.

Octavio.
Die Zeit ist teuer, laßt uns offen reden.
Ihr wißt, wie hier die Sachen stehn. Der Herzog
Sinnt auf Verrat, ich kann Euch mehr noch sagen,
Er hat ihn schon vollführt; geschlossen ist
Das Bündnis mit dem Feind vor wen'gen Stunden.
Nach Prag und Eger reiten schon die Boten,
Und morgen will er zu dem Feind uns führen.
Doch er betrügt sich, denn die Klugheit wacht,
Noch treue Freunde leben hier dem Kaiser,
Und mächtig steht ihr unsichtbarer Bund.
Dies Manifest erklärt ihn in die Acht,
Spricht los das Heer von des Gehorsams Pflichten,
Und alle Gutgesinnten ruft es auf,
Sich unter meiner Führung zu versammeln.
Nun wählt, ob Ihr mit uns die gute Sache,
Mit ihm der Bösen böses Los wollt teilen?

Buttler (steht auf).
Sein Los ist meines.

Octavio.
Ist das Euer letzter
Entschluß?

Buttler.
Er ist's.

Octavio.
Bedenkt Euch, Oberst Buttler.
Noch habt Ihr Zeit. In meiner treuen Brust
Begraben bleibt das raschgesprochne Wort.
Nehmt es zurück. Wählt eine bessere
Partei. Ihr habt die gute nicht ergriffen.

Buttler.
Befehlt Ihr sonst noch etwas, Generalleutnant?

Octavio.
Seht Eure weißen Haare! Nehmt's zurück.

Buttler.
Lebt wohl!

Octavio.
Was? Diesen guten, tapfern Degen
Wollt Ihr in solchem Streite ziehen? Wollt
In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch
Durch vierzigjähr'ge Treu verdient um Östreich?

Buttler (bitter lachend).
Dank vom Haus Östreich! (Er will gehen.)

Octavio (läßt ihn bis an die Türe gehen, dann ruft er).
Buttler!

Buttler.
Was beliebt?

Octavio.
Wie war es mit dem Grafen?

Buttler.
Grafen! Was?

Octavio.
Dem Grafentitel, mein ich.

Buttler (heftig auffahrend).
Tod und Teufel!

Octavio (kalt).
Ihr suchtet darum nach. Man wies Euch ab.

Buttler.
Nicht ungestraft sollt Ihr mich höhnen. Zieht!

Octavio.
Steckt ein. Sagt ruhig, wie es damit ging. Ich will
Genugtuung nachher Euch nicht verweigern.

Buttler.
Mag alle Welt doch um die Schwachheit wissen,
Die ich mir selber nie verzeihen kann!

– Ja! Generalleutnant, ich besitze Ehrgeiz,
Verachtung hab ich nie ertragen können.
Es tat mir wehe, daß Geburt und Titel
Bei der Armee mehr galten als Verdienst.
Nicht schlechter wollt' ich sein als meinesgleichen,
So ließ ich mich in unglücksel'ger Stunde
Zu jenem Schritt verleiten – Es war Torheit!
Doch nicht verdient' ich, sie so hart zu büßen!
– Versagen konnte man's – Warum die Weigerung
Mit dieser kränkenden Verachtung schärfen,
Den alten Mann, den treu bewährten Diener
Mit schwerem Hohn zermalmend niederschlagen,
An seiner Herkunft Schmach so rauh ihn mahnen,
Weil er in schwacher Stunde sich vergaß!
Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm,
Den Willkür übermütig spielend tritt –

Octavio.
Ihr müßt verleumdet sein. Vermutet Ihr
Den Feind, der Euch den schlimmen Dienst geleistet?

Buttler.
Sei's, wer es will! Ein niederträcht'ger Bube,
Ein Höfling muß es sein, ein Spanier,
Der Junker irgend eines alten Hauses,
Dem ich im Licht mag stehn, ein neid'scher Schurke,
Den meine selbstverdiente Würde kränkt.

Octavio.
Sagt. Billigte der Herzog jenen Schritt?

Buttler.
Er trieb mich dazu an, verwendete
Sich selbst für mich, mit edler Freundeswärme.

Octavio.
So? Wißt Ihr das gewiß?

Buttler.
Ich las den Brief.

Octavio (bedeutend).
Ich auch – doch anders lautete sein Inhalt.
(Buttler wirkt betroffen.)
Durch Zufall bin ich im Besitz des Briefs,
Kann Euch durch eignen Anblick überführen.
(Er gibt ihm den Brief.)

Buttler.
Ha! was ist das?

Octavio.
Ich fürchte, Oberst Buttler,
Man hat mit Euch ein schändlich Spiel getrieben.
Der Herzog, sagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt? –
In diesem Briefe spricht er mit Verachtung
Von Euch, rät dem Minister, Euren Dünkel,
Wie er ihn nennt, zu züchtigen.

(Buttler hat den Brief gelesen, seine Knie zittern, er greift nach einem Stuhl, setzt sich nieder.)

Kein Feind verfolgt Euch. Niemand will Euch übel.
Dem Herzog schreibt allein die Kränkung zu,
Die ihr empfangen; deutlich ist die Absicht.
Losreißen wollt' er Euch von Eurem Kaiser –
Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen,
Was Eure wohlbewährte Treu ihn nimmer
Erwarten ließ bei ruhiger Besinnung.
Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel
Verworfner Zwecke Euch verächtlich brauchen.
Er hat's erreicht. Zu gut nur glückt' es ihm,
Euch wegzulocken von dem guten Pfade,
Auf dem Ihr vierzig Jahre seid gewandelt.

Buttler (mit der Stimme bebend).
Kann mir des Kaisers Majestät vergeben?

Octavio.
Sie tut noch mehr. Sie macht die Kränkung gut,
Die unverdient dem Würdigen geschehn.
Aus freiem Trieb bestätigt sie die Schenkung,
Die Euch der Fürst zu bösem Zweck gemacht.
Das Regiment ist Euer, das Ihr führt.

Buttler (will aufstehen, sinkt zurück. Sein Gemüt arbeitet heftig, er versucht zu reden und vermag es nicht. Endlich nimmt er den Degen vom Gehänge und reicht ihn dem Piccolomini).

Octavio.
Was wollt Ihr? Faßt Euch.

Buttler.
Nehmt!

Octavio.
Wozu? Besinnt Euch.

Buttler.
Nehmt hin! Nicht wert mehr bin ich dieses Degens.

Octavio.
Empfangt ihn neu zurück aus meiner Hand
Und führt ihn stets mit Ehre für das Recht.

Buttler.
Die Treue brach ich solchem gnäd'gen Kaiser!

Octavio.
Macht's wieder gut. Schnell trennt Euch von dem Herzog.

Buttler.
Mich von ihm trennen!

Octavio.
Wie? Bedenkt Ihr Euch?

Buttler (furchtbar ausbrechend).
Nur von ihm trennen? Oh! er soll nicht leben!

Octavio.
Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen
Bei Gallas sich und Altringer versammeln.
Viel andre bracht' ich noch zu ihrer Pflicht
Zurück, heut nacht entfliehen sie aus Pilsen.

Buttler (ist heftig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu Octavio mit entschlossenem Blick).

Graf Piccolomini!
Darf Euch der Mann
Von Ehre sprechen, der die Treue brach?

Octavio.
Der darf es, der so ernstlich es bereut.

Buttler.
So laßt mich hier, auf Ehrenwort.

Octavio.
Was sinnt Ihr?

Buttler.
Mit meinem Regimente laßt mich bleiben.

Octavio.
Ich darf Euch traun. Doch sagt mir, was Ihr brütet?

Buttler.
Die Tat wird's lehren. Fragt mich jetzt nicht weiter.
Traut mir! Ihr könnt's! Bei Gott! Ihr überlasset
Ihn seinem guten Engel nicht! – Lebt wohl! (Geht ab.)

Bedienter (bringt ein Billet).
Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder.
Des Fürsten Pferde stehen auch schon unten. (Ab.)

Octavio (liest).
"Macht, daß Ihr fortkommt. Euer treuer Isolan."
– Oh! läge diese Stadt erst hinter mir!
So nah dem Hafen sollten wir noch scheitern?
Fort! Fort! Hier ist nicht länger Sicherheit
Für mich. Wo aber bleibt mein Sohn?

Siebenter Auftritt

Beide Piccolomini.

Max (kömmt in der heftigsten Gemütsbewegung, seine Blicke rollen wild, sein Gang ist unstet; er scheint den Vater nicht zu bemerken, der von ferne steht und ihn mitleidig ansieht. Mit großen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder stehen und wirft sich zuletzt in einen Stuhl, gerad vor sich hin starrend).

Octavio (nähert sich ihm).
Ich reise ab, mein Sohn.
(Da er keine Antwort erhält, faßt er ihn bei der Hand.)
Mein Sohn, leb wohl!

Max.
Leb wohl!

Octavio.
Du folgst mir doch bald nach?

Max (ohne ihn anzusehen).
Ich dir?
Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht.

(Octavio läßt seine Hand los, fährt zurück.)

Oh! wärst du wahr gewesen und gerade,
Nie kam es dahin, alles stünde anders!
Er hätte nicht das Schreckliche getan,
Die Guten hätten Kraft bei ihm behalten,
Nicht in der Schlechten Garn wär' er gefallen.
Warum so heimlich, hinterlistig lauernd
Gleich einem Dieb und Diebeshelfer schleichen?
Unsel'ge Falschheit! Mutter alles Bösen!
Du jammerbringende, verderbest uns!
Wahrhaftigkeit, die reine, hätt' uns alle,
Die welterhaltende, gerettet. Vater!
Ich kann dich nicht entschuldigen, ich kann's nicht.
Der Herzog hat mich hintergangen, schrecklich,
Du aber hast viel besser nicht gehandelt.

Octavio.
Mein Sohn, ach! ich verzeihe deinem Schmerz.

Max (steht auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken).
Wär's möglich, Vater? Vater? Hättest du's
Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen?
Du steigst durch seinen Fall. Octavio,
Das will mir nicht gefallen.

Octavio.
Gott im Himmel!

Max.
Weh mir! Ich habe die Natur verändert,
Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
Nein! Nein! Nicht alles! Sie ja lebt mir noch,
Und sie ist wahr und lauter wie der Himmel.
Betrug ist überall und Heuchelschein
Und Mord und Gift und Meineid und Verrat,
Der einzig reine Ort ist unsre Liebe,
Der unentweihte in der Menschlichkeit.

Octavio.
Max! Folg mir lieber gleich, das ist doch besser.

Max.
Was? Eh' ich Abschied noch von ihr genommen?
Den letzten – Nimmermehr!

Octavio.
Erspare dir
Die Qual der Trennung, der notwendigen.
Komm mit mir! Komm, mein Sohn! (Will ihn fortziehn.)

Max.
Nein! So wahr Gott lebt!

Octavio (dringender).
Komm mit mir, ich gebiete dir's, dein Vater.

Max.
Gebiete mir, was menschlich ist. Ich bleibe.

Octavio.
Max! In des Kaisers Namen, folge mir!

Max.
Kein Kaiser hat dem Herzen vorzuschreiben.

Und willst du mir das einzige noch rauben,
Was mir mein Unglück übrigließ, ihr Mitleid?
Muß grausam auch das Grausame geschehn?
Das Unabänderliche soll ich noch
Unedel tun, mit heimlich feiger Flucht,
Wie ein Unwürdiger mich von ihr stehlen?
Sie soll mein Leiden sehen, meinen Schmerz,
Die Klagen hören der zerrißnen Seele
Und Tränen um mich weinen – Oh! die Menschen
Sind grausam, aber sie ist wie ein Engel.
Sie wird von gräßlich wütender Verzweiflung
Die Seele retten, diesen Schmerz des Todes
Mit sanften Trostesworten klagend lösen.

Octavio.
Du reißest dich nicht los, vermagst es nicht.
Oh! komm, mein Sohn, und rette deine Tugend!

Max.
Verschwende deine Worte nicht vergebens,
Dem Herzen folg ich, denn ich darf ihm trauen.

Octavio (außer Fassung, zitternd).
Max! Max! Wenn das Entsetzliche mich trifft,
Wenn du – mein Sohn – mein eignes Blut – ich darf's
Nicht denken! dich dem Schändlichen verkaufst,
Dies Brandmal aufdrückst unsers Hauses Adel,
Dann soll die Welt das Schauderhafte sehn,
Und von des Vaters Blute triefen soll
Des Sohnes Stahl im gräßlichen Gefechte.

Max.
Oh! hättest du vom Menschen besser stets
Gedacht, du hättest besser auch gehandelt.
Fluchwürd'ger Argwohn! Unglücksel'ger Zweifel!
Es ist ihm Festes nichts und Unverrücktes,
Und alles wanket, wo der Glaube fehlt.

Octavio.
Und trau ich deinem Herzen auch, wird's immer
In deiner Macht auch stehen, ihm zu folgen?

Max.
Du hast des Herzens Stimme nicht bezwungen,
So wenig wird der Herzog es vermögen.

Octavio.
Oh! Max, ich seh dich niemals wiederkehren!

Max.
Unwürdig deiner wirst du nie mich sehn.

Octavio.
Ich geh nach Frauenberg, die Pappenheimer
Laß ich dir hier, auch Lothringen, Toscana
Und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken.
Sie lieben dich und sind dem Eide treu
Und werden lieber tapfer streitend fallen,
Als von dem Führer weichen und der Ehre.

Max.
Verlaß dich drauf, ich lasse fechtend hier
Das Leben oder führe sie aus Pilsen.

Octavio (aufbrechend).
Mein Sohn, leb wohl!

Max.
Leb wohl!

Octavio.
Wie? Keinen Blick
Der Liebe? Keinen Händedruck zum Abschied?
Es ist ein blut'ger Krieg, in den wir gehn,
Und ungewiß, verhüllt ist der Erfolg.
So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen.
Ist es denn wahr? Ich habe keinen Sohn mehr?

(Max fällt in seine Arme, sie halten einander lange schweigend umfaßt, dann entfernen sie sich nach verschiedenen Seiten.)

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