Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Keller >

Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectida2189526
Schließen

Navigation:

Im Krankenzimmer

In der Nacht war ich wohl sehr krank.

Ich erwachte und sah mit unendlicher Vorsicht einen Mann durch das Zimmer schleichen. Es war Baumann.

»Baumann, lieber Baumann!«rief ich matt. Da stürzte er herbei, kniete an meinem Bette nieder und schluchzte.

»O, lieber Herr Doktor – ach, lieber Gott im Himmel du! Sie müssen krank sein, und so ein schlechter Kerl wie ich ist gesund!«

Er war ganz fassungslos.

»Wo bin ich denn getroffen. Baumann?« fragte ich. Da richtete er sich auf und kam wieder in seinen gewohnten Tonfall.

»Nichts Lebensgefährliches, Gott sei Dank! Streifschuß links! Rehposten im linken Oberarm – Rehposten in der linken Schulter – Rehposten im linken Halse –«

»Im Halse auch?«

Ich fühlte mühsam mit der rechten Hand nach dem Verbände.

»Haben aber der Herr Doktor sehr viel Blut verloren, und wären der Herr Doktor gestorben, wenn nicht Hartwig, der Teufel, den Herrn Doktor verbunden hätte.«

Ich lächelte.

»So ist er doch kein Teufel, wenn er mich verbunden hat.« Baumann weinte schon wieder.

»Nein,« sagte er, »wenn er das nicht getan hätte, dann hätte ich ihn nie rausgelassen aus dem Speisegewölbe.« »Habt Ihr ihn freigelassen?«

»Ja, weil doch der Herr Doktor es gewünscht haben. Ich hab' selber aufgeschlossen. Er wollte gar nicht raus. Und wie er dann im Burghofe war, wurde er ohnmächtig.«

»Hartwig?«

»Ja, Hartwig! Aber jetzt ist er im Dorfe. Die ganze Burg muß reinen Mund halten. Das hat Herr Waldhofer befohlen. Der Arzt hat's auch gesagt. Und meine Alte laß ich sechs Wochen zu keinem Menschen. Ach, jetzt haben der Herr Doktor wieder ein bißchen gelacht; da wird's schon wieder werden.«

»Ja, es wird werden. Geben Sie mir zu trinken, Baumann!«

Das tat er mit der Behutsamkeit einer Mutter.

Bald darauf kam der Arzt. Er sah meine Verbände nach, prüfte die Temperatur und den Pulsschlag und war befriedigt.

Meine Wunden würden bald geheilt sein, sagte er, nur Ruhe und Schonung seien nötig. Freilich, die Schwäche würde anhalten. Ob ich nicht nach dem Süden gehen wollte, ich hätte unbändig viel Blut verloren.

Ich besann mich und schüttelte den Kopf.

»Sie kommen auch hier wieder zu Kräften,« sagte er da. »Sie sind jung und von guter Konstitution. Das ist die Hauptsache.«

Dann hieß er mich ruhen, und ich schlief auch bald wieder ein.

Als ich erwachte, standen zwei Sträuße herrlicher Rosen neben meinem Bette. Baumann war wieder im Zimmer. Wie ich später erfuhr, hätte er nur durch Zwangsmaßregeln von mir entfernt werden können. Er vernachlässigte unten im Haushalt alle seine Pflichten.

»Von wem sind die schönen Rosen, Naumann?«

»Von Ingeborg und von der neuen Dame, wenn der Herr Doktor belieben. Sie haben sie von der Reise mitgebracht.«

Ich betrachtete die Rosen.

»Welcher Strauß ist von Fräulein Ingeborg?« fragte ich.

»Das weiß ich nicht genau; aber ich glaube, der rechts.«

»Geben Sie ihn mal!«

Er reichte mir die Rosen.

»Nehmen die Damen Anteil?« fragte ich.

»Sehr viel Anteil; Fräulein Ingeborg hat feuerrote Augen, so geweint hat sie. Die Neue sagt weiter nicht viel.«

»Wie gefällt Ihnen denn die Neue, Baumann?«

»Nu je, Herr Doktor, gefällt mir nicht gerade schlecht.

Ganz adrette Dame sonst! Aber so hübsch wie Fräulein Ingeborg ist sie nicht. Ein bißchen zu schwarz, denke ich.« Mein Humor kommt wieder.

»Sie sind mehr fürs Blonde, weil Ihre Frau blond ist.« Baumann schüttelt heftig den Kopf.

»Haben sich der Herr Doktor getäuscht – meine Frau ist schwarz!«

Er reicht mir noch einmal die Rosen. Ich liege ganz still und schlafe allgemach wieder ein. Nur zuweilen schrecke ich empor, wenn mich eine Wunde schmerzt.

In der Nacht wacht Waldhofer bei mir. Ich will mit ihm sprechen, ihn befragen, wie mich Hartwig nach der Burg gebracht, er lehnt alles ab. Still sitzt er an einem Tisch und liest. Später würde er mir vorlesen, sagte er. Die Nacht vergeht langsam. Die Wunden brennen mich. Aber ich sage nichts. Vor jenem Manne verstummt meine Klage. Drei- oder viermal guckt Baumann zur Tür herein und fragt, ob er nicht gebraucht werde. Da weist ihn endlich Waldhofer ziemlich schroff ab und sagt, er solle nicht mehr stören.

Am Morgen fand er ihn im kalten Bankettsaal in einem Lehnstuhl sitzen.

Im Laufe des Tages erschien Waldhofer mit Ingeborg und dem neuen Gaste.

Ingeborg eilte gleich auf mich zu. Sie nahm meine Rechte mit beiden Händen, und Tränen stürzten aus ihren Augen. »Es tut mir so furchtbar leid um Sie,« sagte sie. »So schrecklich sehr leid.«

Ich zog ihre Hand an meinen Mund und küßte sie.

»Das ist unser neuer Gast, Herr Doktor!«

Eine junge, zwanzigjährige Dame, hochgewachsen, eine durchaus edle Erscheinung! Ihr Gesicht ist wohl etwas zu weiß. Die schwarzen Haare fallen in Wellenlinien vom Scheitel aus um die hohe Stirn. Sie hat große, schwarze Augen, solche Augen, daß ich sie selbst im Fieber bemerkt habe. Sie steht neben Ingeborg wie die feierliche Nacht neben dem jungen Morgen.

Jetzt spricht sie. Ihre Stimme ist tief, wohlklingend und sehr ruhig.

»Es tut mir leid, daß ich einen Hausgenossen unter so traurigen Verhältnissen kennenlernen muß.«

»Ich passe jetzt freilich schlecht in eine tröstliche Umgebung,« sagte ich.

»Es ist natürlich nicht um mich,« antwortete sie.

»Sie haben mir eine so große Freude mit den reizenden Rosen bereitet. Ich danke Ihnen, Fräulein Ingeborg, und auch Ihnen, gnädiges Fräulein.«

»O bitte! Die Sträuße hat uns mein Bruder mit auf die Reise gegeben. Wir freuten uns, sie als Gruß für einen Kranken benutzen zu können!«

»Ja, und wenn ich ganz ergebenst was bemerken darf,« kommt da Baumann heran, »der Herr Doktor wollten gern wissen, welcher Strauß von Fräulein Ingeborg und welcher vom gnädigen Fräulein von Soden sind, und ich wußte es nicht genau.«

Das war das erstemal, daß ich auf Baumann böse war. Ingeborg wurde rot, auch Waldhofer schien unwillig. Fräulein von Soden aber kam ruhig an den Nachttisch heran, hob einen Strauß aus der Vase und sagte:

»Dieser mit dem roten Bande ist von Ingeborg, und der andere mit dem schwarzen ist von mir.«

Mir war die Sache peinlich, und ich suchte mir durch eine Menge von Dankesworten über die Situation wegzuhelfen. Da sagte Fräulein von Soden:

»Es lohnt doch gar nicht der Entschuldigung. Sie kannten Fräulein Ingeborg, und mich kannten Sie nicht. Wollen wir nicht gehen, Herr Waldhofer?«

Ja, sie gingen, ein jedes mit einem guten Wunsche für mich. Als sie fort waren, kam Baumann heran.

»Habe ich etwas Dummes gesagt?« fragte er.

»Ja, Baumann, etwas sehr Dummes!«

Da schlich er, wie ein Pudel, der Prügel gekriegt hat, von dannen.

Ich war allein.

Wieder betrachtete ich die Rosen. Ingeborgs Strauß stand mir jetzt ganz nahe. In mechanischem Spiel bog ich ein paar Rosen auseinander.

Da gewahrte ich einen weißen Zettel. Trotz meiner Schwäche klopfte mir das Herz. War er von Ingeborg? War sie deshalb so rot geworden? Mühsam machte ich den Zettel frei – er riß ein wenig ein.

Und ich las:

»Denken Sie oft. Sie lieber Engel, an Ihren einsamen, kämpfenden Heinrich von Soden.«

Der rechte Arm sank mir herab und lag so still und müde auf der weißen Decke wie der kranke linke. – – –

Sonntag war wieder Gottesdienst im Dorfe gewesen. Gegen mittag besuchten mich Ingeborg und Waldhofer. »Denken Sie sich,« rief mir gleich das schöne Mädchen zu, »der Hartwig wird heiraten!«

»Die Schmiedstochter?«

»Ja – Sie wissen das schon? Ach, wie ich mich freue! Die Martha ist glückselig. Ich habe sie nach der Kirche gesehen – und denken Sie nur – sie sind bald das erste- und zweitemal zusammen aufgeboten worden, und heut über acht Tage nochmals, und dann ist gleich die Hochzeit.«

»Der Lehrer Leuthold ist heute nach dem Gottesdienst in aller Stille getraut worden,« sagte Waldhofer.

»Ja,« sagte Ingeborg, »die Braut hat natürlich ein schwarzes Kleid an, nur mit einer weißen Halsspitze, aber sie sah doch lieb aus, nicht wahr, Papa?«

»Gewiß! Leuthold läßt Sie übrigens herzlich grüßen und wünscht Ihnen baldige Genesung.«

»Weiß man denn im Dorfe von meiner Verwundung?« »Man weiß, daß Sie krank sind, und munkelt dies und das.«

»Und Hartwig?«

»Ich hoffe, es wird alles gut.«

Ehe sie gingen, sagte ich zu Ingeborg: »Fräulein, Sie wünschten immer einmal Webers ›Goliath‹ zu lesen; ich habe das Buch zurechtlegen lassen; da ist es.«

»Ach, ich danke sehr. Ich werde dann bald darin lesen.«

In dem Buche lag Heinrich von Sodens Zettel bei drei Rosenblättern. –

Das Wundfieber hatte sich nicht mehr eingestellt, und ich blieb bei gutem Appetit und schlief immer ausgezeichnet. So konnte ich schon sehr bald das Bett auf kurze Zeit mit dem Lehnstuhl vertauschen. Nur eine bedeutende Schwäche fühlte ich und litt zuweilen an Kopfschmerzen.

Baumann war den größten Teil des Tages bei mir; auch Waldhofer brachte viele Stunden bei mir zu. Dann las er mir vor, und zwar auf meinen Wunsch romantische Dichter. Kleist kam an die Reihe, Scotts »Ivanhoe«, Hauffs »Lichtenstein«, auch Eichendorff. Waldhofer hatte eine gute Bibliothek, zum Teil ererbt von seinem Sohne, der auch ein Freund der schönen Künste gewesen war.

Mitten im »Lichtenstein« unterbrach ich Waldhofer.

»Warum heiratet Hartwig so plötzlich?«

Er sah mich an.

»Es ist ihm doch jetzt klar, daß seine Neigung für Ingeborg aussichtslos ist. Und dann – ich denke, er will fort.«

»Fort von hier?«

»Ja! Es ist auch das einzig Vernünftige. Hier ist seines Bleibens nicht; denn eines Tages wird alles herauskommen.« »Meinen Sie?«

»Ich fürchte nur, daß er überhaupt nicht erst fortkommt. Wenn der Oberförster etwas erfährt, ist Hartwig verloren.«

»Würde er kein Erbarmen mit ihm haben?«

»Mit einem Wilderer nicht! Die Anzeige wäre auch seine Pflicht.«

Ich schwieg eine Weile, dann sagte ich:

»Wollen Sie mir heute sagen, wie es war, als mich Hartwig brachte?«

Er überlegte.

»Ich wollte sie nicht aufregen; aber ein Recht zu fragen haben Sie ja. Wir waren mit einer Lohnfuhre vom Bahnhof aus angelangt. Baumann erzählte, Sie seien in den Wald gegangen, ohne Büchse. Es wurde indes acht Uhr abends. Trotzdem beunruhigten wir uns nicht; denn ich dachte, sie seien bei Sternitzke. Da wurde die Tür aufgerissen, und Hartwig brachte Sie – blutüberströmt, fast wie eine Leiche. – Das andere schenken Sie mir. Eins will ich bloß sagen: es kann kein Mensch sich verzweifelter selbst anklagen, als Hartwig getan hat. Er hat, als er eingeschlossen war, nur die eine Frage gehabt, ob Sie noch leben. Da tat mir's wohl, daß Sie ihn freigaben. Dieser Mensch gehört nicht ins Zuchthaus. Um zehn Uhr haben wir ihn freigelassen.«

»Und haben Sie ihn seitdem gesehen?«

»Einigemal! Er bittet mich an irgendeinen Ort in den Wald. Und dann bleibt er immer ein paar Schritte weit von mir stehen. – Morgen wird er übrigens sein Gut verkaufen.«

»Schon morgen?«

»Ja, er hat rasch einen Käufer gefunden; denn er verkauft seine Wirtschaft für einen Spottpreis.«

»Das ist fürchterlich, daß er die Heimat verliert. Um meinetwillen!«

»Er hat nie eine rechte Heimat gehabt. Es lag ein Fluch auf ihm von seinem Vater her. Und hier hätte ihn doch einmal das Unheil getroffen.«

Hier klopfte es. Baumann kam.

»Der Herr Oberförster will durchaus den Herrn Doktor besuchen, obwohl ich ihm gesagt habe, der Herr Doktor seien noch sehr schwach.«

Ich sah Waldhofer an.

»Lassen Sie ihn kommen,« sagte er. »Es fällt sonst zu sehr auf. Nur vorsichtig wollen Sie sein.«

»Ich lasse den Herrn Oberförster bitten!«

Es stolperte jemand im Bankettsaal. Der Oberförster hatte wohl den mißlungenen Versuch gemacht, auf den Zehen zu gehen. Jetzt klopfte es sehr behutsam.

»Herein!« rief Waldhofer.

Er kam – ganz vorsichtig.

»Darf ich ganz rein?« fragte er flüsternd.

»Bitte, Herr Oberförster!«

Da kam er näher und reichte mir die Hand. Seine Augen wurden sehr groß; sein Gesicht verzog sich und er platzte heraus:

»Dunnerwetter, Sie sehen ja katzmiserabel aus!«

»Ja, es geht mir noch nicht gut,« sagte ich.

»Ich – ich muß mich zu allererst setzen. Mir is so 'n Schreck in die Beine gekommen. Na, sagen Sie doch bloß mal, alter Schwede, was haben Sie denn da wieder Dummes angestellt?« »Verunglückt bin ich, Herr Oberförster.«

»Verunglückt – ähä! Der Doktor sagt, Sie haben sich aus Versehen selber angeschossen.«

»Na, und glauben Sie das etwa nicht?«

»Nee! Das heißt, ich Hab' ja gleich gesagt. Sie sollen nicht auf die Jagd gehen. Aber in die Schulter, in den Arm und in den Hals! Wie haben Sie das fertig gekriegt? Da müßten Sie ja der reine Kunstschütze sein!«

»Es regt mich zu sehr auf, Herr Oberförster; bitte, sprechen wir nicht davon!«

»Ja,« sagte Waldhofer, »der Arzt will solche Gespräche durchaus nicht.«

»Will sie nicht-ähä! Entschuldigen Sie nur! Ich komm aber noch mal darauf zurück. Später, wenn Sie gesünder sind! Es interessiert mich sehr – fabelhaft interessiert mich's, und rauskriegen tu ich's ja, das ist klar. So ein Lumpenhund! Na ja, es regt Sie auf! – Warten Sie mal, ich Hab' Ihnen da was zur Stärkung – Kognak – feinsten Kognak –«

»Sehr freundlich, Herr Oberförster. Ich darf aber jetzt keinen Alkohol trinken. Das verbietet die Kur.«

»Komische Kur! Na, heben Sie ihn auf. Es ist 'ne gute Marke! Ich sage Ihnen, der macht Ihnen Blut und Courage. – Ich war' nämlich schon längst mal dagewesen, aber ich war verreist.«

»Sie waren verreist?«

»Ja, bei einer Nichte in Oberschlesien Pate gestanden.«

»Sie waren wohl schon oft Pate?«

»Siebenundsechzig mal. Neun Fälle kommen allein auf den Sternitzke. Kostet mich immer ein schweres Geld; aber was will ich machen? Getauft müssen die Kinder mal werden. Und wenn so 'ne junge Mutter schreibt, kann ich's nicht abschlagen; ich hab' zu 'n scheußlichen Respekt vor den jungen Muttern! Was ich sagen wollte, man soll zwar einem Kranken nichts Trauriges erzählen, aber es passieren doch sehr viele Unglücke auf der Welt. Es is 'n sehr betrüblicher Todesfall im Dorfe vorgekommen.«

»Wo? Wer?« fragte Waldhofer.

»Hm, es war'n guter Bekannter von Ihnen, Herr Doktor.«

»Ein Bekannter von mir?«

»Ja, Freund sozusagen! Haben sehr große Stücke auf ihn gehalten.«

»Auf den Toten? Aber wer ist's denn?«

»Sternitzkes Fuchs! Gestern abend um sieben! Ganz plötzlich! Sternitzke ist fassungslos.«

Ich mußte das erstemal wieder laut lachen.

»Der gute Fuchs! Woran ist er denn gestorben?«

»An Altersschwäche! Sternitzke quasselt was von Schlag.

Aber wenn ein Pferd so annähernd fünfzig ist –«

»Ich denke, er war erst achtzehn?«

Der Oberförster sah mich mitleidig an.

»Ich sage Ihnen, siebenundzwanzig hat der Sternitzke selber eingestanden; also weit von fünfzig war der Fuchs nich. – Na ja, und dann das Schmiedsmädel heiratet den Hartwig – und gleich so plötzlich – der Schmied ist verrückt! Das gibt auch ein Unglück. – Ja, richtig, es regt Sie auf. Reden wir lieber von was Anständigem! Haben ja jetzt 'ne neue Dame da!«

»Ja! Kennen Sie Fräulein von Soden schon?«

»Flüchtig! Scheint 'ne feine Marke zu sein! Wollte mich 'n bißchen mit ihr unterhalten, aber wir kamen nich in Fluß. Kommt wohl manchmal zum Krankenbesuch?«

»Sie war nur einmal hier, am Tage nach meiner Verwundung.«

»Aha – wenig Gemüt! So 'n armen, zerschossenen Krüppel muß man doch 'n bißchen aufheitern! Ich werde jetzt alle Tage mal nachfragen. Der Sternitzke wird übrigens nich kommen. Das is zu ein dämlicher Kerl! Der fürchtet sich vor Kranken und vor Toten wie vor der Pest. Dem wird jetzt alle Nächte der Geist von seinem verstorbenen Fuchse einkommen.«

»Ausgesöhnt sind Sie wieder mit Herrn Sternitzke?«

»Ausgesöhnt? Nee! Hingehen tu ich ja. Aber nur wegen der Kinder. Er selber kann sich meinethalben mit seinem Fuchse begraben und einbalsamieren lassen.«

»Na, na, Herr Oberförster!«

»Das heißt: sprechen tu ich ja auch mit ihm, aber kein vernünftiges Wort, das können Sie mir glauben. Ich uze ihn bloß. Ich ärgere ihn manchmal ganz toll. Einen Hanswurst brauch' ich nu mal.«

Ich glaube wirklich, daß die beiden Männer nicht imstande waren, ernsthaft miteinander zu reden. Es gibt Naturen, die sofort in eine närrische Pose verfallen, sobald sie sich berühren, wennschon sie anderen Leuten gegenüber sich ganz normal betragen. Geistesverwandte, lebhaft veranlagte Leute, die sich beständig anziehen und abstoßen wie närrisch tanzende, elektrisch gemachte Holundermarkkügelchen.

Da hörten wir leises Klavierspiel.

»Es ist Fräulein von Soden,« sagte Waldhofer. »Sie spielt sehr gut. Aber sie wollte natürlich Ihretwegen nicht spielen. Da habe ich ihr gesagt, sie solle nur jetzt ruhig hin und wieder einmal spielen.«

»Ja, ich lasse sogar die Dame darum bitten. Das Fräulein wohnt wohl im zweiten Stock?«

»Ja, mit Ingeborg zusammen in den ehemaligen Zimmern meines Sohnes.«

Wir hörten das Spiel ganz deutlich, da das Klavier offenbar über uns stand. Es wurde ganz meisterhaft gespielt. Chopin!

Ganz still war's im Zimmer, auch Gerstenberger lauschte andächtig. Als das Stück beendet war, fragte er:

»Was war das?«

»Das war ein Walzer von Chopin.«

»Ein Walzer – hm, dann war es ein Trauerwalzer. Nach so was kann man doch nicht tanzen!«

Ich erzählte ihm eine Geschichte.

Ein rauher Postillon, der nichts von der Kunst verstand, fuhr Chopin über Land. In einem Gasthause mußten die Pferde gefüttert werden. Ein altes Spinett stand in der Wirtsstube. Da setzte sich Chopin an das Klavier und spielte. Plötzlich hörte er lautes Schluchzen. Dem rauhen Rosselenker war das Herz weich geworden.

»Von dem Klavierspiel?« fragte Gerstenberger ungläubig.

»Von dem Spiel.«

Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Heulen würd' ich auf keinen Fall – aber etwas schwummerig wird einem dabei – überhaupt in einer so trübseligen Bude. Entschuldigen, ich gehe jetzt.« –

Als Gerstenberger fort war, blieb ich allein. Ich sah immer hinunter ins Tal. Da war ein so müder, melancholischer Spätherbsttag. Die Fichten kaum brachten ein wenig Abwechslung in den toten Wald. Die Sonne ging zur Neige, ohne einen Strahl auf die Erde zu schicken.

Da wurde mir in meiner Schwäche und Einsamkeit bange. Es war mir, als sei auch in mir und um mich vieles tot. Drüben auf dem Nachttisch standen zwei leere Vasen. Rosen waren darin gewesen. Mit den Rosen war eine liebe Hoffnung gestorben.

Ganz still lag ich im Lehnstuhl. Die Wunden schmerzten mich, und das Herz war mir bedrückt. Ich wünschte wohl, daß eine weiche Frauenhand mir tröstend über die Stirn striche. Aber ich wußte keine auf der Erde.

Als die Dämmerung kam, klangen wieder leise Klaviertöne von oben. Und bald darauf sang eine tiefe, wunderweiche Frauenstimme das süße Kinderlied von Brahms:

»Guten Abend, gute Nacht!
Mit Rosen bedacht,
Mit Näglein besteckt,
Schlupf unter die Deck,
Morgen früh, wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.