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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
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Im Herbstnebel

Der Herbst hatte dem Walde Wunden geschlagen, tausend und abertausend. Überall, wo sich ein Blattstiel vom Zweige gelöst hatte, war eine solche Wunde.

Ein Zucken ging durch den königlichen Wald, und ein leises mühselig unterdrücktes Wimmern zitterte von ihm herauf.

Da legte der allgütige Vater seinem schönen, kranken Kinde ein weiches, feuchtes Tüchlein auf die schmerzenden Glieder. Herbstnebel spann sich von Baum zu Baum, und durch sein seidenweiches Gewebe sickerten seine Wassertröpflein. Das tat dem Walde wohl, das kühlte sein Fieber, das würde ihm den Winterschlaf bringen und darauf die Heilung.

»Es sind ein Brief an den Herrn Doktor angekommen.«

»Ein Brief an mich, Baumann? Das ist ja nicht möglich.«

»Wenn's dem Herrn Doktor angenehm ist, so liegen der Brief im Arbeitszimmer auf dem Tische.«

»Aber woher ist er denn?«

Baumann legte die Hand aufs Herz.

»Ich bin nicht so frei gewesen, ihn aufzumachen, aber er ist sehr lang.«

»Da will ich doch gleich mal nachsehen.«

Neugierig stieg ich in mein Zimmer. Da lag wirklich ein Brief auf dem Tische. Er hatte das große Format der amtlichen Schriftstücke und war fünfmal versiegelt. Wer in aller Welt konnte denn meine Adresse erfahren haben? Ich entfaltete den großen Bogen und las:

»Freiherrliche Oberförsterei Steinwernersdorf.

Nachdem ich leider vom Herrn Baron veranlaßt bin, erteile ich hierdurch die gewünschte Jagdberechtigung in meinem Revier. Mit dem Hinzufügen, daß meine allerhöchsten Einwendungen erfolglos geblieben sind, ebenso die nervösen Anfälle. Womit ich sämtliche Verantwortlichkeiten, so aus dieser Berechtigung erwachsen, ablehne. Und den alten Weibern für diesen Winter das Holzsammeln verbiete. Wodurch natürlich nur die Armut und die Sozialdemokratie gestärkt werden wird.

Das erlegte Wild ist (falls solches vorkommen sollte) in der Oberförsterei binnen 12 Stunden abzuliefern bei Vermeidung der Veruntreuung. Ebenso ist das ganze Jagdgesetz inne zu halten und die Verordnungen, die ich sonst für das Revier getroffen habe. Widrigenfalls diese Berechtigung verfällt.

Steinwernersdorf, den 25. Oktober 1899.

Gezeichnet Heinrich Bernhard Gerstenberger,

Freiherrlicher Oberförster.«

Ich lachte. Das Schriftstück mochte dem alten Bären sauer geworden sein. Ich nahm das offene Schreiben in die Hand und ging hinab nach der Wirtsstube, um es Waldhofer zu zeigen.

Als ich die Tür öffnete – saß der Oberförster in der Stube. Der alte Knasterbart war also wirklich schon da, um zu beobachten, was für eine Wirkung seine Epistel auf mich geübt haben würde.

Ich bezwang mich und machte ein ernstes Gesicht. Die »Berechtigung« legte ich vor mich hin, entfaltete sie, stützte den Arm darauf und machte eine nachdenkliche Miene.

Der Herr Oberförster hustete. Er hustete ein zweites und drittes Mal. Das störte mich aber nicht. Ich las die »Berechtigung« immer wieder von Anfang, drehte sie hin und her, zuckte von Zeit zu Zeit die Achseln und machte immer bedenklichere Gesichter dazu. Da hielt es Herr Gerstenberger endlich nicht mehr aus.

»Was haben Sie denn eigentlich?« platzte er los.

»Ich? Ihr amtliches Schreiben habe ich!«

»Na, ja, ja, aber, ich meine, es ist doch nichts Besonderes dran an dem Schreiben.«

»Wie man's nimmt, Herr Oberförster!«

»Zum Deibel, was ist denn dabei zu nehmen?«

Ich erhob mich. »Es wundert mich, Herr Oberförster, daß in einem amtlichen Schriftstück von Stärkung der Sozialdemokratie die Rede ist.«

»Was? Sozialdemokratie? Stärkung? Is ja gar nich.«

»Ist sehr wohl, Herr Oberförster. Es ist sogar von einer amtlichen Maßnahme Ihrerseits die Rede, wodurch die Sozialdemokratie gestärkt werden soll.«

»Aha, verstehe! Passus von den alten Weibern! Aber das ist ja ganz anders gemeint!«

»Wie's gemeint ist, darauf kommt's in der Welt nie an, Herr Oberförster, sondern lediglich auf den Buchstaben! Und der Buchstabe steht hier! Ich vermute aber, daß Sie als Privatbeamter politisch keine Rücksichten zu nehmen haben.«

Er glotzte mich an.

»Ja – ich bin ja auch stellvertretender Amtsvorsteher,« sagte er betroffen. »Geben Sie mal den Wisch her!« »Ihr Schreiben? Bedaure, das gehört mir!«

»Ähä, Sie wollen, Sie sind ein – ähä – ähä – ich, ich muß mir einen Kognak holen.«

Er ging, und ich konnte endlich lachen. Dem guten Manne war schlecht geworden, ich war ihm »in den Magen gefallen«.

Als er wiederkam, sagte ich: »Ich bin bereit, Ihnen Ihr Schreiben zurückzustellen, Herr Oberförster, aber nur unter zwei Bedingungen.«

»Was für Bedingungen?«

»Erstens, Sie stellen mir einen neuen, kurzen Berechtigungsschein aus und zweitens, Sie geben auch in diesem Winter die unbeschränkte Erlaubnis zum Holzsammeln.«

»Ja, das geht nicht,« sagte der Oberförster, »da schießen Sie mir mal so 'ne alte Schachtel kaput, und dann haben wir die Bescherung.«

Ich wandte mich ab.

»Ja, dann bedaure ich, dann bleibt alles beim alten.«

Gerstenberger machte eine finstere Miene und ballte die Hand auf der Tischplatte. Politische Sorgen hatte er offenbar noch nicht gehabt. Plötzlich fragte er:

»Sagen Sie mal, haben Sie schon eine Flinte?«

»Büchse wollen Sie wohl sagen? Nein, hab' ich noch nicht.«

»Ja, Büchse! Es wundert mich, daß Sie das wissen; ich dachte, ›Flinte‹ verstünden Sie besser. Na, wo wollen Sie denn die Büchse hernehmen?«

»Ich werde mir eine aus der Stadt schicken lassen nebst der nötigen Munition.«

»Ähä!«

Nach einer Pause kam er auf mich zu. »Es wäre besser, wir vertrügen uns wieder – wir sind ja sonst ausgekommen, und daß Sie – daß Sie so ein greulicher Demokratenriecher sind, das – das glaub' ich nicht.« Ich sah ihm hell in die Augen.

»Also,« fuhr er fort, »geben Sie mal den blödsinnigen Wisch her, ich werd' einen neuen schreiben, und die alten Weiber – na, meinetwegen – der Himmel wird ein Einsehen haben. – Ja, und was ich sagen wollte – eine Büchse werd' ich Ihnen pumpen, eine tadellose Büchse!«

»Aber wollten Sie wirklich, Herr Oberförster? ... Das wäre ja sehr liebenswürdig; bitte, hier ist der Brief!«

»Danke –!«

Er seufzte schwer auf.

»Wenn man schon schreiben muß! – Ja, und Munition kriegen Sie natürlich auch bei mir; aber die müssen Sie mir bezahlen.«

»Das ist selbstverständlich! Ich bin Ihnen sehr dankbar!« Wir saßen zusammen und plauderten. Als er ging, war es ½ 11 Uhr vormittags.

Am Nachmittage hüllte sich der Himmel in immer trübere Wolken. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und schrieb an meinem Epos. Aber die Arbeit wollte nicht vor sich gehen. Ich brauchte Frühlingsstimmung. Und draußen rann der Regen. Zuletzt fröstelte ich und wanderte in großen Schritten auf und ab.

Da klopfte es, und Baumann steckte nach seiner bekannten Art den Kopf ins Zimmer.

»Wenn der Herr Doktor nichts dagegen haben, so wird es schon recht kühl bei uns um diese Zeit.«

»Nein, Baumann, ich hab' gar nichts dagegen! Sie wollen wohl Feuer machen?« »Ja, Fräulein Ingeborg hat es gesagt, und da werd' ich mich beeilen, wenn's beliebt.«

Er beeilte sich, erschien bald mit Holz und Kohlen und fing in dem altertümlichen Ofen ein so unheimliches Rumoren an, daß ich trotz aller Dauerhaftigkeitserklärungen Waldhofers doch meine Bedenken hatte.

»Sagen Sie mal, Herr Ober,« sagte ich, während er so am Ofenloch kniete, »wo steckt denn eigentlich Ihre Frau? Die sehe ich ja gar nicht!«

Er sprang sofort auf, um eine Verneigung machen zu können.

»Steckt immer in der Küche, wenn der Herr Doktor die Güte haben; ist weiter keine empfehlenswerte Sehenswürdigkeit, wird sich aber sehr geehrt fühlen, wenn der Herr Doktor so freundlich sein wollen, mal Notiz zu nehmen.«

»Aber gewiß will ich Notiz nehmen; ich interessiere mich für alles, was zur Burg gehört.«

Herr Baumann machte eine sehr freudige Verneigung und waltete dann wieder seines Amtes am Ofen.

Als er ging, begegnete er Ingeborg vor der Tür. Ich hörte, wie das Mädchen eine Frage an ihn stellte. Er gab Antwort und mäßigte sich dann zu einem mir immerhin noch ganz vernehmbaren Flüsterton herab.

»Was Neues! Der Herr Doktor interessieren sich für meine Frau.«

»Oha, Baumann, nicht möglich!«

»Jawohl, er hat es selbst gesagt. Muß ich gleich der Alten erzählen!«

Und er stampfte die Treppe hinab. Als er fort war, öffnete ich die Tür, um Ingeborg zu sehen. Sie war aber schon fort. Schade, wenn ich sie gesehen hätte, würde mir die Maistimmung wohl gekommen sein!

Nun wanderte ich wieder auf und ab, starrte zuweilen in den rinnenden Regen hinaus oder befühlte den Ofen, dessen bemalte Kacheln nach und nach warm wurden.

Endlich saß ich wieder am Tische und schrieb. Ich fing eben an, in die richtige Stimmung zu kommen, da klopfte es. »Wenn der Herr Doktor jetzt mal Notiz nehmen wollten – meine Alte wäre oben!«

Er öffnete die Tür vollends, und herein kam eine etwa fünfzigjährige Frau von einer ganz respektablen Leibesfülle.

»Also, das ist sie,« sagte Baumann mit einem etwas peinlichen Lächeln.

Das gutmütige Gesicht der runden Dame glänzte in verlegen-freundlichem Schimmer, und ihre fleischigen Hände strichen beständig über die riesige »gedruckte« Schürze. »Das freut mich, Frau Baumann,« sagte ich und gab ihr die Hand. »Ich muß doch wenigstens meine Hausgenossen kennen lernen. Sie räumen mir wohl immer das Zimmer auf?«

»Sobald sich der Herr Doktor zum Frühstück bemüht haben,« antwortete Baumann.

»Schön, schön,« sagte ich; »werden Sie mir auch meine Wäsche besorgen? Das ist auch ein wichtiger Punkt.«

»Sehr wichtiger Punkt,« fiel Baumann ein; »können sich der Herr Doktor aber ganz auf meine Frau verlassen. Wäscht für mich, für Fräulein Ingeborg und für Herrn Waldhofer. Alles zur Zufriedenheit! Plättet auch ganz sauber – mit Glanz und ohne Glanz, wie der Herr Doktor belieben.«

Baumann behielt immer das Wort.

»Und wenn dem Herrn Doktor mal was fehlen sollten – Westenknopf oder so was – oder Schnupfen, Heiserkeit, verstauchter Fuß und so – brauchen sich der Herr Doktor nur an meine Frau zu bemühen. Besorgt alles!«

Ich freute mich im voraus dieser hilfreichen Gönnerin und entließ sie und ihren Gemahl aus dieser Vorstellungsaudienz in höchster Gnade. Erst als sie draußen waren, fiel mir ein, daß die Frau auch nicht einen einzigen Ton geredet hatte. Das hatte Baumann besorgt.

Es war schwer, in mein Epos zurückzufinden. Schließlich gelang es aber, und als der Abend hereinbrach, mehrte sich mein Behagen.

Eine mächtige Lampe brannte auf dem Tische, der Ofen strömte eine wohlige Wärme aus, ein gutes Glas Wein stand vor mir, und so saß ich, saß im alten Rittersaal, rauchte eine Zigarre und hörte mit Behagen den Regen an die alten Fenster schlagen. Es goß jetzt in Strömen. Ich wollte arbeiten bis zum Abendbrot und dann mit Waldhofer und Ingeborg plaudern. Auf einen solchen Abend freute ich mich mehr als auf die »genußreichste« hauptstädtische Soiree.

Da höre ich Schritte draußen und dann klopfte es. Wohl wieder Baumann! Nein, ein Grunzen und Schnauben ertönt, und dann tritt der Oberförster ein. Er ist pudelnaß und trägt zwei Gewehre auf dem Rücken.

»Guten Abend!« sagte er. »Entschuldigen Sie nur, daß ich mal in Ihre alte Räuberhöhle raufkomme! Ich komm' Sie zur Jagd abholen.«

»Zur Jagd? Heute?« »Na, was denn? Oder wollen Sie bis Johanni warten, ehe Sie mal auf den Anstand gehen?«

Ich durchschaute den alten Fuchs. Er hatte es absichtlich so spät werden lassen und das heutige Wetter gewählt, um mir die Jagd von Anfang an gründlich zu verleiden.

»Aber wir sehen ja gar nichts mehr im Walde,« wandte ich ein. Er lachte spöttisch.

»Pumpen Sie sich doch eine Laterne,« sagte er, »eine Laterne und einen Regenschirm; da soll'n Sie mal sehen, wie sich die Rehböcke wundern werden!«

Ich nahm's ihm nicht übel.

»Bitte, nehmen Sie eine Zigarre; ich mache mich schon zurecht!«

Dem wollte ich's beweisen. Ich zog im Schlafzimmer meinen dicksten Rock und meine festesten Schuhe an. Trotzdem lächelte Gerstenberger höhnisch, als er mich sah.

»Also bitte, da ist Ihre Büchse und da sind Patronen!«

Die Büchse schien gut zu sein, Patronen waren nur zwölf Stück.

Ich gestehe, daß ich mit Bedauern meine warme, heimliche Stube verließ. Es war Nacht. Zwar die Zeit war gar noch nicht so weit vorgeschritten, und es hätte sogar Mondschein sein müssen, aber der ganze Himmel hing voll Wolken.

Der kalte Regen traf mich ins Gesicht und durchweichte meine Kleider. Und der Weg, den mich Gerstenberger führte, war fürchterlich.

Es war einfach verrückt, jetzt in den Wald zu laufen. Sehen würden wir nicht eine Katze, davon war ich überzeugt. Aber um alles in der Welt wollte ich mir vor dem Oberförster keine Blöße geben. Wie finster der Wald war! Gleich schwarzen Gestalten standen rechts und links die Stämme, und die kahlen Äste knirschten über mir im Winde. Da blieb der Oberförster stehen.

»Glauben Sie an Gespenster?« fragte er leise und stockend.

»Nein,« sagte ich laut, »gar nicht!«

»Ähä!« machte er enttäuscht. Er hatte die löbliche Absicht gehabt, mir ein bißchen gruselig zu machen. Da verfiel die edle Seele auf eine andere Unterhaltung. Er erzählte von Wilddieben. Sein Vorgänger war erschossen worden. Auch in einer Herbstnacht war er mit Wilderern zusammengetroffen.

»Denken Sie sich eine Stelle weit ab vom Dorfe. Kein Mensch kommt dorthin. Und es ist Nacht. Der Wind braust und der Regen rinnt. Der Förster geht ganz allein. Da sieht er eine schwarze Gestalt. Ist's ein Baumstumpf oder ist's ein Mensch? Nein, es bewegt sich – es ist ein Mensch!

›Halt! Wer da?‹

Und der Förster hebt seine Büchse. Der Mann erschrickt, er ist verloren. Langsam, Schritt für Schritt, immer die Kugel auf das Menschenwild gerichtet, geht der Forstmann näher. Da kracht ein Schuß – vornüber fällt der Förster – der Kumpan des Wilderers hat ihn von hinten erschossen. – Die Kerle stehen mit bleichen Gesichtern bei der Leiche – dann fassen sie an. – Einen Holzstoß räumen sie beiseite – und türmen ihn wieder auf über dem Toten. Zu Hause warten Weib und Kind. – Nach langem, langem Suchen spürt ein Hund den Toten auf. – So etwas passiert im stillen Walde.«

»Und wer war der Mörder?« fragte ich. Da bleibt der Oberförster stehen und sieht mich an.

»Hartwigs Vater,« sagte er. »Hüten Sie sich vor Hartwig!«

Jetzt überkam mich wirklich ein Gruseln. Dieser Hartwig war ja schon mein Feind. Und er war auch ein Wilderer.

»Wann ist denn das gewesen?«

»Vor siebzehn Jahren! Hartwig wurde zum Tode verurteilt; aber da war gerade der jetzige Kronprinz geboren worden, und da hat der alte Kaiser den Mörder begnadigt. Zu lebenslänglichem Zuchthaus! Er sitzt noch jetzt, und sein Sohn wird bald bei ihm sitzen. Bei einem Wilderer nutzt nichts – keine Lehre. Und ich denke, ich werde etwas dabei zu tun haben – so oder so.«

Wir gingen schweigend eine ganze Weile weiter.

Dann blieb Gerstenberger wieder stehen.

»Wollen Sie nicht lieber die Jagd sein lassen?« fragte er.

»Wegen des Hartwig? Unter keinen Umständen! Daß er mir allerdings jetzt schon nicht grün ist, weiß ich.«

»Ja, wegen der Ingeborg! Das Mädel müßte blödsinnig sein! So einen Kerl! Aber der Alte – ich meine den Waldhofer – der müßte den Schubiack aus der Burg rausschmeißen, daß er Hals und Beine bräche.«

»Ich glaube, er sucht durch seinen Einfluß und Zuspruch den Hartwig auf bessere Wege zu bringen.«

»Jawohl, der! Der hätte Pfarrer werden sollen! Mich hat er auch schon mal auf bessere Wege bringen wollen. Nicht so viel Kognak soll ich saufen, sagt er. Und das nennt sich Gastwirt! Feiner Geschäftsmann, was?«

»Aber er ist Ihnen sehr gut, Herr Oberförster!«

»So! Bin ich ihm auch! Verknusen kann ich ihn nicht; aber zu ihm gehen tu ich immer wieder. Auch wegen des Mädels. Das ist ein Racker – hübsch, freundlich, ein bißchen schnippisch – ganz mein Fall!«

»Verheiratet sind Sie nicht?«

»Nee, glücklicherweise nich! Ich hab' früher mal die Sternitzken poussiert, wie sie noch 'n Mädel war, verstehn Sie, aber sie hat lieber den Sternitzke genommen – na, und seit der Zeit beneidet er mich.«

»Ja, aber eine gemütliche Häuslichkeit hat doch auch etwas für sich, nicht, Herr Oberförster?«

»Gemütlich – ja, da sitzt eben der Hase im Pfeffer! Gemütlich ist's eben meistens nicht. Na, sehn Sie mal, und eine Wirtin hab' ich ja auch. Viel besser wie die Sternitzken is sie auch nich, aber ich kann sie doch von Zeit zu Zeit mal rausschmeißen, und dann kommt sie gekrochen wie ein Hund und benimmt sich vier Wochen lang ganz passabel. Na, und die Elternfreuden! Die nassauere ich bei Sternitzken! Die Jungens kosten mich zum Jahrmarkte und zu Weihnachten 'n Heidengeld, und die Mädels, die lern' Gedichte zu meinem Geburtstage, in den' sie immer stecken bleiben, und ich muß ihnen partout, wenn ich mal hinkomme, die Zöppe flechten. Schreckliche Bande solche Kinder! Man kann so grob sein, wie man will, man wird sie nich los!« Ich mußte lachen, obwohl mir gar nicht danach zumute war. Es war sicher kein trockener Faden mehr an mir, und der Weg wurde so schauderhaft, daß ich aus dem Stolpern gar nicht mehr herauskam.

»Wie weit woll'n wir denn eigentlich noch?«

»Knappe halbe Stunde,« sagte Gerstenberger, »einen Rehbock Hab' ich auf dem Gicker.«

»Aber wir sehen doch gar nichts!«

»Ja, lieber Herr, bengalische Beleuchtung könn' Sie zu so was nich verlangen! Ich denke, wenn sich der Wind erhebt, kommt noch der Mond raus!«

Das waren erbauliche Aussichten. Mit Wehmut dachte ich an meinen gemütlichen Bankettsaal. Wenn ich jetzt hätte arbeiten können! Mir graute vor der ganzen Jägerei.

Endlich machten wir halt. Eine kleine Waldlücke war's, an die eine Wiese grenzte.

»Hier wechselt er,« sagte Gerstenberger.

»Ob er wohl heute kommt?« fragte ich.

»Ich glaube nicht,« sagte mein wohlwollender Führer. »Denken Sie mal bei dem Sauwetter! Da wird er wohl lieber zu Hause bleiben! Im übrigen müssen Sie jetzt still stehen wie ein Ast. Laden Sie mal erst Ihre Büchse!«

Ich biß mich auf die Lippen. Aber ausharren wollte ich, Gerstenberger zum Trotz, dem ja die Geschichte ebenso langweilig sein mußte wie mir.

Als ich so stand, fing mich an zu frieren; aber ich muckte nicht. Und siehe da – nach zehn Minuten kam der Mond, und nach abermals zehn Minuten – der Rehbock. Das Herz schlug mir, sonst regte sich keine Faser an mir. Ich war schon oft auf der Jagd gewesen, aber ich bekam das Jagdfieber aufs neue. Dem wollte ich's beweisen!

Das Tier kommt näher. Vorsichtig wendet es den Kopf – steht – lauscht – geht weiter – 40 Schritt entfernt – 30 – jetzt – es steht prachtvoll – ich hebe unhörbar die Büchse – nehme den Bock scharf aufs Korn – dicht hinters Schulterblatt – krach! – Der Rehbock springt auf und – läuft wohlbehalten davon. Ich schicke ihm den zweiten Schuß nach – umsonst!

»Bravo, bravo! Der hat seinen Schreck weg!« lacht der Oberförster laut auf. »Ich – ich – habe ihn wohl gefehlt?« stammle ich.

»Glaube auch,« lacht der Alte, »auf 30 Schritt, das ist keine Kleinigkeit! Der Schuß wird ungefähr rechtwinklig in jene alte Weide gegangen sein – ihi – ich – es ist um die Krämpfe zu kriegen.«

»Aber – das – das ist unmöglich – ich hab' ihn doch so scharf aufs Korn genommen – die Büchse –«

»Die Büchse? Sie machen's gerade wie ich als Schuljunge, wenn ich mal 'n Fehler gemacht hatte – da schob ich's auf die Feder. – Geben Sie mal her!«

Er nahm meine Büchse, lud sie und sagte:

»Ich bin sonst nicht für zweckloses Knallen; aber passen Sie mal auf – ich muß die Ehre meiner Büchse retten. Sie erlauben wohl!«

Er nahm mir ohne Umstände den Hut vom Kopfe, hing ihn an einen Baumstumpf, nahm ziemlich entfernt Aufstellung und schoß ab. Mein Hut war genau in der Mitte von der Kugel durchlöchert.

»Bitte sehr, so schießt die Büchse! Den Hut will ich gern ersetzen! Wollte Ihnen bloß zeigen, wie geschossen wird. – Na, so, und nun gehen wir heim! Dem Rehbock haben Sie eine solche Heidenangst eingejagt, daß er nicht wiederkommt.«

Tief verstimmt folgte ich dem Oberförster, der immer leise vor sich hin lachte. Ich war in miserabler Stimmung. Daß mir auch so etwas passieren konnte! Es war mir ganz unbegreiflich. Den Heimweg würzte mir der Forstmann damit, daß er mir von allerhand Jagdunglücken erzählte und behauptete, die meisten Jäger gingen am Gelenkrheumatismus »kaput«.

Ich schämte mich, nach Hause zu kommen. Aber ich beschloß, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und nächstens die Scharte auszuwetzen.

Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich um. Dabei ging mir natürlich die dumme Geschichte meines Fehlschusses nicht aus dem Sinn.

Da kam mir plötzlich ein Gedanke. Ich betrachtete die Patronen näher, die mir der Oberförster geliefert hatte, und untersuchte eine. Es waren Platzpatronen – blinde Dinger ohne Kugel –

Für den Augenblick wurde ich wütend. So erlaubte er sich, mich zu prellen? Aber ich beruhigte mich bald. Ich stieg hinab in die Gaststube. Da saß der Oberförster bei einem dampfenden Glase Grog und erzählte tränenlachend mein Abenteuer. Ich würde wohl jetzt die Jagd sein lassen, sagte er.

Ich ließ ihn reden und aß inzwischen mit wahrem Wolfshunger mein Abendbrot. Erst nachher sagte ich ruhig zu Waldhofer: »Ich muß dieser Tage einmal nach der Stadt. Ich will mir einen Jagdanzug kaufen und Patronen besorgen.«

»Patronen?« fragte Gerstenberger erstaunt. »Taugen Ihnen meine etwa nicht?«

»Nein, ich werde jetzt mal mit solchen versuchen, wo Kugeln drin sind; Ihre Platzpatronen können Sie wiederbekommen!«

Da wurde das Gesicht des alten Fuchses sehr lang. »Er hat's rausgekriegt,« keuchte er; »nun geb' ich's auf!« Leute im Tale

Am Sonntag war Gottesdienst im Dorfe, und bei dieser Gelegenheit machte ich die Bekanntschaft des jungen Lehrers. Das kam so:

Waldhofer sang Baß auf dem Chore und Ingeborg Sopran, und ich hätte mich mit meinem bescheidenen Tenor auch ganz gern an den kirchlichen Gesängen beteiligt, aber infolge meines Jagdausfluges hatte sich meiner eine Heiserkeit bemächtigt, die all den vorzüglichen Mitteln Frau Baumanns, »an die ich mich bemüht hatte«, noch nicht gewichen war. Also stand ich an die Orgel gelehnt und folgte dem Hochamte.

Da geschah es, daß während des Credo der junge Lehrer Nasenbluten bekam, das so heftig wurde, daß eine Fortsetzung des Spiels unmöglich ward. Ich flüsterte dem Organisten einige Worte ins Ohr, schwang mich auf die Orgelbank und griff in die Tasten. Meine Aufgabe wurde mir sehr leicht, denn ich hatte lange Zeit guten Unterricht im Orgelspiel erhalten. Ingeborg wandte sich um und warf mir einen maßlos erstaunten Blick zu, auch die anderen Sänger machten lange Hälse, nur Waldhofer bewegte sich nicht. Diesem Manne schien auf der Welt alles selbstverständlich zu sein.

Nach dem Gottesdienste wurde mein Spiel über die Maßen gelobt; nur der Oberförster, der sich auf dem Kirchberge zu uns gesellte, sagte, es hätte im »Gloria« nicht alles »geklappt«, worauf der wohlwollende Mann zu seiner Enttäuschung erfuhr, daß ich im Gloria noch nicht gespielt habe. Der junge Lehrer aber betrachtete mich mit glänzenden Augen; er war schon am nächsten Tage bei mir auf der Burg, und ich versprach, bald einmal zu ihm zu kommen. Am Mittwoch machte ich mich auf. Auf der Dorfstraße fiel mir unerwartet die Rolle des Friedensrichters zu. Ein Büblein versuchte durchaus ein Mädchen zu zwingen, mit ihm »Pferdchen« zu spielen. Er ergriff ihren blonden Zopf als Leine und schmitzte ihr, da sie kurze Röcke trug, mit einer kleinen Peitsche auf die Waden. Das Mädchen heulte, und der Junge schrie »Hü!« und »Hott!« Ich schlich mich heran, faßte den Übeltäter buchstäblich hinten am Kragen und hob ihn mit strafenden Worten in die Höhe.

Herr des Himmels, fängt der Junge an zu gurgeln, als ob er am Spieße stecke, und das Mädel sieht kaum ihren Bedränger zappeln, so schlägt sie bald dasselbe Zeter- und Mordgebrüll an wie dieser. Mir wurde angst wegen des Aufsehens, das entstehen mußte.

»So schreit doch nicht so entsetzlich!« sagte ich und ließ den Jungen los. »Wie heißt ihr denn, Kinder?« »Fritz Sternitzke heeß ich,« heulte er, »huuuh!« »Und ich heeße Ida Sternitzke, huuuh!« Also dieses edle Geschwisterpaar hatte ich in seinem Nachmittagsvergnügen gestört. Und noch dazu Sternitzkes Kinder! Das war peinlich. Ich versuchte einzulenken. Das hatte aber keinen Erfolg. Der Junge faßte seine Schwester brüderlich an der Hand, und beide wandten mir den Rücken und wanderten die Dorfstraße hinab, dem »Silbernen Löffel« zu.

»Die gutte Jacke hat a mir zerrissen,« heulte er. »Die gutte, neue Jacke hat a ihm zerrissen,« heulte sie.

Ich nahm mir vor, mich niemals im Leben mehr zum unberufenen Retter bedrängter Unschuld aufzuwerfen.

Den jungen Lehrer traf ich nicht zu Hause. Sein Zimmer war verschlossen. Aber als ich die Treppe hinabstieg, hörte ich aus dem Parterrezimmer ein Seufzen. Ich klopfte an, um mich nach dem jungen Leuthold zu erkundigen. Da öffnete er selbst.

»O Herr Doktor! Herzlich willkommen! Ich bin gerade einen Augenblick bei meinem Vorgänger. Er ist sehr krank.«

»Dann bitte, lassen Sie sich nicht stören! Ich komme einmal wieder.« ^ »Ach nein – das heißt, weg kann ich jetzt nicht; er ist allein – die Tochter ist in die Stadt nach Medizin – und ich weiß nicht, ob ich Ihnen anbieten darf, in die Krankenstube zu kommen. Es wäre mir aber sehr lieb; ich bin so allein mit ihm.«

»Wenn's den Kranken nicht stört – ich bin sehr gern bereit.«

Ich trat ein. In einem sauberen Zimmer lag der Kranke. Er mochte in den Fünfzigern stehen; die Krankheit hatte ihm furchtbar zugesetzt. Ich sah bald, daß er der Auflösung nicht weit sei.

»Das ist der Herr, der am Sonntag so schön bei uns Orgel gespielt hat.«

Der Kranke sah mich an mit seinen müden Augen und reichte mir die Hand.

»Ich kann nicht mehr spielen,« sagte er.

Ich setzte mich zu ihm. Wir konnten nicht viel reden, dazu war der Kranke schon zu matt. Leuthold stand am Fenster und schaute hinaus in den herbstlichen Garten.

»Kommt die Anna?« fragte der Kranke. –

»Nein, sie kommt noch nicht; aber ich denke, sie kann nicht mehr lange sein.«

»Wenn sie doch käme – ich – ich weiß nicht –«

Er atmete sehr schwer, dann schloß er die Augen. Nach einer Weile sah er mich an.

»Denken Sie – lieber Herr – die Freude! – Der Franz wird – die Anna heiraten – er – hat es mir vorhin gesagt«

Leuthold trat ans Bett. Ich reichte ihm die Hand. »Ich wünsche Ihnen herzlich Glück!«

»Ich danke, Herr Doktor!«

Der Kranke sah auf den jungen Mann mit glücklichen Augen.

»Ich – - hatte immer so Kummer – um die Anna – meine Stelle hat mir nicht – viel gebracht, und viel – habe ich nicht sparen –«

»Sprich doch nicht so, lieber Vater –«

Der Kranke faßte die Hand des jungen Mannes und streichelte sie. »Ich bin – so glücklich – und ich betrüge – dich nicht – die Anna ist – ein gutes Kind –«

»Wir werden sehr glücklich sein, Vater!«

Da liegt der Kranke ganz ruhig und schaut mit glänzenden Augen den Jüngling an – unverwandt. Ich bin tief ergriffen; aber ich möchte draußen sein, ich möchte hier nicht stören.

Deswegen sage ich, ich würde jetzt gehen und ein andermal wiederkommen.

»Wollen Sie nicht warten?« fragt Leuthold.

Der Kranke macht einen mühsamen Versuch zu lächeln.

»Die Anna – kommt bald – dann feiern wir – Verlobung –«

»Herr Kantor, ich wünsche das aller-allerreichste Glück.« »Ich – - ich möchte – Sie etwas bitten – wenn es nicht – unbescheiden wäre. – Sie kennen den Herrn Baron – er ist der Patron der Schule. – Möchten Sie ein – gutes Wort einlegen – für Leuthold – daß er meine Stelle bekommt – wenn ich sterbe –«

Ich wandte mich erschüttert ab. Dieser Mann hatte sein Lebenlang schwer gearbeitet; nun, da er (vielleicht infolge seiner Anstrengungen) auf einem vorzeitigen Sterbebett lag, mußte er einen Fremden um ein gutes Wort bitten, daß nur der Schwiegersohn dieselbe karge Stelle bekam, auf der er sein Leben gefristet hatte.

»Herr Kantor,« sagte ich, »ich wünsche Ihnen noch ein recht langes Leben. Sollten Sie aber Ihr Amt nicht mehr übernehmen können und sich keine bessere Stelle für Herrn Leuthold finden, so seien Sie gewiß, daß ich all meinen Einfluß aufbieten werde, um ihm diese Stelle zu verschaffen, und er bekommt sie bestimmt!«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor! – Ach, das ist so ein glücklicher Tag heute!«

Ich nahm sehr rasch Abschied und ging. Draußen betrachtete ich mir diese Volksschule. Wenn sie nicht im Tale stände, würden keine anständigen, klugen Bürger darin wohnen, sondern idiotische Barbaren.

»Du kleines Haus, du segensreiches Haus,« dachte ich; »Gott segne dich und deine armen Apostel!« – –

Auf der Dorfstraße begegnete mir ein Gefährt. Ein schmuckes, aber sehr blasses Mädchen saß darin, dem die Ungeduld, heimzukommen, vom Gesichte zu lesen war. Sie a name="page 93" title="Wasa/Ralf55" id="page93"> hielt ein kleines Paket in der Hand, darin war wohl die Medizin für den Vater. Er würde sie kaum noch brauchen. Das also war auch eine Braut, auch ein Mai, auch eine Liebe -!

Ich ging nach dem Walde zurück, weil ich jetzt keinem Bekannten begegnen wollte; erst als ich mich ein wenig beruhigt hatte, ging ich wieder nach dem Dorfe.

Ein Haufen Kinder stand auf der Straße lärmend, lachend und kreischend beieinander. Plötzlich sah ich, daß ein Weib wie eine Wütende in den Haufen hineinfuhr und die Kinder verjagte. Und da trat – das war sicher Zufall – auch Waldhofer aus einer Seitengasse hinzu.

Ein Mensch lag auf der Straße, der vielleicht die Krämpfe hatte. Ich ging näher, da sah mich Waldhofer und winkte mir ab. Ich blieb stehen und sah, daß er gemeinsam mit dem Weibe einen jungen Menschen emporraffte, der völlig betrunken war. Die drei verschwanden in der Seitengasse, und ich folgte von ferne. Danach traf ich mit Waldhofer wieder zusammen.

»Ich würde einen Betrunkenen nur im größten Notfall transportieren,« sagte er, »aber das Weib tut mir leid, es ist seine Mutter.«

Und ich erfuhr eine kurze, tragische Geschichte.

Die Böhmert hatte einen Weber geheiratet, den sie maßlos liebte. Als sie aber fünf kleine Kinder hatten, wurde dem Manne die Not zur Last, und er lief in alle Welt. Das Weib blieb mit ihren Kindern im größten Elend zurück. Und es geschah, daß die jüngsten vier Kinder kurz nacheinander starben. Da erhob sich das fürchterliche Gerücht, die Frau habe ihre Kinder umkommen lassen, und sie erhielt den Namen »Engelmacherin«. Einige Zeit darauf mußte die Böhmert vor Gericht, aber nicht wegen ihrer Kinder, die lediglich aus Not gestorben waren, sondern wegen eines anderen Falles. Die Böhmert hatte eine Magd mit einem Holzscheit halbtot geschlagen. Das Frauenzimmer hatte ihr ein uneheliches Kind gebracht, angeblich zur Pflege, und dabei durchblicken lassen, sie würde dankbar sein, wenn das Kind nicht alt würde. Die Böhmert wurde verurteilt, aber nach kurzer Zeit begnadigt. Trotzdem blieb sie im Dorfe verfemt. Frau Fama wirkt im kleinen Kreise am fürchterlichsten. Und diese Böhmert war ein Weib, dessen Herz nach Liebe schrie. Da hat sie alle ihre Liebe auf ihren ältesten Sohn, der ihr geblieben war, gerichtet und um Liebe gebettelt – das Kind um Liebe gebettelt. Und da er ein spröder Knabe war, hat sie alles getan, um sein Herz zu gewinnen, hat ihm jeden Wunsch erfüllt. Und da ist er ein Lump geworden.«

»Das gibt ja Stoff zu einer Tragödie,« sagte ich.

»Das Leben!« sagte Waldhofer. »Es ist mir manchmal, als ob die ganze Welt in diesem Tale wohne. Es gibt nichts, das nicht bei uns geschähe oder doch nicht geschehen könnte.«

»Weil der Hauptmotive, die uns Menschen leiten, sehr wenige sind,« sagte ich; »so ist alles auf der Welt nur immer Variation von irgendeinem der wenigen großen Themata.«

Ein Reiter kam – Hartwig! Er grüßte sehr kurz, aber Waldhofer sprach ihn an.

»Nu, Hartwig, nach der Schmiede?«

»Ja; wer weiß, ob er da ist.«

Und er ritt weiter.

»Er meint den Schmied,« sagte Waldhofer, »und er kann a name="page 95" title="Dieter56/wob" id="page95"> recht haben. Der Schmied vertrödelt seine Zeit. Er bildet sich ein, ein Erfinder zu sein, und ist doch bloß ein Tändler. Er versteht nichts von irgendeinem physikalischen Gesetz. Ich hab' ihm einmal ein paar physikalische Bücher besorgt; ich dachte, es würde ihm wenigstens die ungeheure Schwierigkeit der Probleme dämmern, die er lösen will. Aber er hat mir die Bücher zurückgegeben und gesagt, mit gelehrtem Kram ließe er sich nicht ein. Nun trödelt er weiter.«

»Es scheint mir überhaupt,« sagte ich, »als ob die Dorfleute einen Widerwillen gegen alles Wissenschaftliche hätten. Sie lassen allenfalls nur den Mutterwitz gelten und freuen sich riesig, wenn nach ihrer Meinung ein ›Gelehrter‹ einmal hineinfällt. ›Die Gelehrta sein die Verkehrta‹, heißt nicht so ein schlesisches Sprichwort?«

»Ja,« sagte Waldhofer, »besonderes Mißtrauen haben die Leute gegen landwirtschaftliche Neuerungen. Sie meinen, das alles besser zu verstehen. Aber was wird auch manchmal empfohlen! Unerprobte, unpraktische Dinge! Das bringt die wissenschaftliche Landwirtschaft in Mißkredit. Der kleine Bauer hat zum Experimentieren weder Zeit noch Geld.«

Wir kamen zur Schmiede. Ein junger, schmucker Schmiedegeselle beschlug den Rappen Hartwigs. Derweil plauderte der junge Bauer am Fenster mit der schönen Schmiedetochter. Hartwig schien sehr gleichgültig, aber das Gesicht des Mädchens glänzte so eigen, daß ich gleich alles wußte. Und der junge Schmied sah scheel nach dem Fenster.

»Ein Jüngling liebte ein Mädchen,
Das hat einen andern erwählt,
Der andere liebt eine andere –«

Ich hatte diese heineschen Verse nur gedacht, und es berührte mich überraschend, daß Waldhofer meinen Gedankengang laut fortsetzte, als wir an der Schmiede vorbei waren.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie ewig neu,
Und wem sie just passieret,
Dem bricht's das Herz entzwei.

Es war mir ein Genuß, mit diesem Manne durchs Dorf zu gehen; er gab mir ganz andere Aufschlüsse, als ehedem Sternitzke getan hatte. Und doch waren beide Gastwirte in demselben Dorfe.

Ein Kindergeschrei erhob sich. Ein Büblein wollte ein kleines Mädchen durchaus zwingen, mit ihm »Pferdchen« zu spielen. Er ergriff ihren blonden Zopf als Leine und schmitzte ihr, da sie kurze Röcke trug, mit einer kleinen Peitsche auf die Waden. Das Mädel heulte, und der Junge schrie »Hü!« und »Hott!«

Als die beiden kleinen Rangen unserer ansichtig wurden, kniffen sie aus, und aus weiter Ferne tönte wieder ihr liebliches Duett: »Die neue Jacke hat a mir zerrissen!«

Ich erzählte Waldhofer die Entstehung dieses schönen Refrains, und er lachte.

»Da sehen Sie, wo die Kleinen hingehen!«

Ich sah sie eben über die Brücke mit dem doppelten Geländer nach der Oberförsterei wandern.

»Jetzt werden Sie verklagt,« sagte Waldhofer.

»Ja,« sagte ich, »und der Herr Oberförster wird unverhofft dazu kommen, ›Elternfreuden nassauern‹ zu müssen.«

»Der Herr Oberförster wird Ihnen den Fall gewaltig übelnehmen; denn der Junge ist sein Liebling! Wenn Sie sich übrigens bald freiwillig stellen wollen, so kommen Sie doch mit zu Sternitzke!«

»Sie gehen in den ›Silbernen Löffel‹, Herr Waldhofer?«

»Ja. Es ist eine Gemeindesitzung heute, an der ich natürlich teilnehmen will. Es handelt sich um den Bau einer Chaussee.«

»Hier durch Wernersdorf soll eine Chaussee gebaut werden? Sie sind wohl natürlich dagegen?«

»Warum meinen Sie das?«

»Nun, ich denke, in diesen idyllischen Waldwinkel paßt keine Chaussee. Eine so harte, gerade, langweilige Straße würde doch die Romantik gewaltig stören!«

Waldhofer sah mich an.

»Die Straßen können nicht gut genug sein. Und es ist ganz egal, ob sich die Burg hier oben ein Handwerksbursche mit dem Stab und Ränzel ansieht oder ein Radler in kurzen Hosen. Wenn er sie nur ansieht! Wenn er sich nur was Echtes denken kann; wenn er nur ein bißchen Herz hat!«

»Na ja, aber eine alte Dorfstraße hat doch ihr Poetisches – diese Krümmungen, diese Unterschiede in der Breite, die Dörnerzäune, Hecken, Winkel, stillen Plätzlein, der verwilderte Graben –«

»Alles ganz richtig! Wollen Sie das nicht in der Versammlung sagen?«

»Habe ich denn dort Sitz und Stimme?«

»Es wird nicht so genau genommen. Kommen Sie nur!« –

Herr Sternitzke empfing mich sehr zurückhaltend; ich hatte ihn bisher recht stiefmütterlich behandelt. Dazu kam, daß er heute als Gemeindevorsteher die Sitzung zu leiten hatte und daher gegen alle seine Gäste eine gewisse Objektivität zur Schau tragen mußte. Die ganze Stube war bereits voll Bauern; ein mächtiger Tabaksqualm fiel mir unangenehm auf die Geruchsnerven, und da uns Frau Sternitzke mit wenig freundlicher Miene bediente, hätte ich unter anderen Umständen sicher lieber mit Waldhofer meinen Gang durchs Dorf fortgesetzt.

Da ging die Tür auf, und der Herr Oberförster erschien. Wie liebliche Englein schwebten an seiner Seite Fritz und Ida Sternitzke. Die drei Gestalten gönnten mir nur je einen sehr vernichtenden Blick und verfügten sich dann nach der Küche, wo ich alsbald Madame Sternitzke zwei deutliche Ohrfeigen austeilen und den Oberförster in einen wütenden Streit mit ihr ausbrechen hörte.

Krebsrot erschien er endlich wieder in der Gaststube und nahm, ohne Waldhofer und mich weiter zu beachten, gegenüber von Sternitzke Platz.

Die Sitzung begann.

Sternitzke, der Gemeindechef, hub an zu einer langen Rede. Er wies, gestützt auf ein zahlreiches Aktenmaterial, die unbedingte Notwendigkeit des Chausseebaues nach, machte Mitteilung, wie weit die Verhandlungen mit dem Kreisausschuß gediehen seien, wieviel »Lasten« auf die Gemeinde kämen und wie sich diese, der Morgenzahl des Grundbesitzes gemäß, auf die einzelnen Besitzer »repetieren« würden. Er schien sich übrigens für verpflichtet zu halten, hochdeutsch zu sprechen, und das strengte ihn an. Als er geendet hatte, erhob sich ein wüstes Durcheinander. Jeder suchte seinem Nachbarn auf möglichst deutliche Weise seine Ansicht über das eben Gehörte auseinanderzusetzen.

»Zilentium!« schrie der Gemeindechef sehr energisch, »es geht nich, daß hier su a jeder Michel quatscht, was a will! Wer wünscht das Wort, meine Herren?«

»Ich! Ich! Ich!«

»Zuerst der Päsler Gustav!«

Ein stämmiger Bauer erhob sich.

»Na ja, meine Herrn – sähn Se – ich meene halt – na ja äben – ma will ja nich gerade räs'nieren – aber 's muß doch oll's beducht sein – und äben deswegen – 's konn's em kee Mensch nich übel nähm –«

»Zur Sache!« brüllte der Oberförster.

Päsler erschrak so, daß er sich ohne weiteres setzte.

»Haben Se sonst noch was zu erwähnen?« fragte der Präsident.

»Nee!« sagte Herr Päsler und tat einen Trunk.

Ein zweiter Redner kam an die Reihe. Er faßte sich bedeutend kürzer, indem er nur folgende Anfrage anbrachte: »Nu, ich will amol fragen, was wird denn do eegentlich aus meim Schweinstalle – hä?«

Sternitzke machte eine Amtsmiene.

»Herr Krause – wer'n Schweinstoll so nahe an de Straße baut, der muß sich's gefoll'n lassen, wenn a ihm behufs Straßenverbreiterung amtlich weggerissen wird.«

Ein Brummen erhob sich, halb Zustimmung und halb Widerspruch. Ein cholerischer Bauer fuhr dazwischen.

»Na, dos wer'n mer a mol sahn! Entschädigung wull'n mer! Entschädigung is de Hauptsache!«

Zustimmung von allen Bänken.

»Jawull! Und eene anständige Entschädigung! Vo meim Gorten werd o eene Ecke obgeschnitten, und do sticht grode dar eenzige Appelbom, dar iberhaupt was taugt. Is dos nich 'ne Gemeenheet?«

»Gemeenheet darfst du vom Chausseebau nich sagen,« bemerkte Sternitzke mit parlamentarischem Takte. Er war ebenso wie Gerstenberger ein eifriger Leser der Reichstagsberichte.

»Mer derfa iberhaupt nischt sogen, mer derfa bloß bezohlen!« schrie einer.

Diese Rede zündete. Ein neuer Tumult brach los.

Da meldete sich Waldhofer. Augenblicklich war große Stille. Ja, der Mann traf den richtigen Ton. Er beachtete alles und tat keinem wehe. Er respektierte den bedrohten »Appelboom« und redete dem unglücklichen Schweinestallbesitzer tröstlich zu; er sprach von den Entschädigungsansprüchen und kam dann auf den Nutzen zu reden, den die Chaussee dem ganzen Dorfe bringen würde. Zuerst dachte er an die armen Weber. Ihnen würde auf der neuen Straße ein neues, ein besseres Brot gebracht werden. Der Verkehr würde sich heben, und davon würden alle Geschäftsleute profitieren.

»Ja, und uff die Burg kumma viel neue Gäste,« schrie ein roher Kerl.

Waldhofer nickte dem Manne freundlich zu, und er sagte, da hätte er ganz recht. Dann fuhr er ruhig fort zu reden. Er sprach von dem schlechten, in der rauhen Jahreszeit kaum passierbaren Wege, von der Sauberkeit, die dem Dorfe not tue, und davon, daß alle Häuser und Güter viel mehr an Wert gewinnen würden, als der einzelne zum Chausseebau beizutragen hätte.

Als er fertig war, hatte er die meisten Leute auf seiner Seite.

Da konnte der Oberförster, der schon immerfort unruhig auf seinem Stuhle hin- und hergezappelt hatte, nicht mehr länger an sich halten.

»Bitte ums Wort!« sagte er und trank mit einem Zuge sein Bier aus. Dann räusperte er sich effektvoll und nahm eine Pose an, wie Bismarck bei einer seiner großen Reichstagsreden.

Er machte noch eine sehr eindrucksvolle Kunstpause und erhob dann seine Stimme zu folgender rednerischer Leistung.

»Schweinerei! – Schweinerei, sage ich!«

»Schweinerei darfst du vom Chausseebau nich sagen,« unterbrach ihn Sternitzke.

Aber da kam er schlecht an.

»Was? Nicht sagen darf ich? Alles kann ich in einer öffentlichen Versammlung sagen! Da bin ich kommun! Das merk' dir mal, du Schwachkopp!«

Da fuhr Sternitzke giftig in die Höhe.

»Was?! Schwachkopp?! Das sagst du mir als Schulze? In der Sitzung? Is das ein Ruppsack! Sie haben gehört, meine Herren – ich verklag'n!«

Schwapp, saß er wieder. In Gerstenbergers Gesicht wetterte ein ganzes Feuerwerk; er pustete und schüttelte sich wie ein Bär, der einen Schrotschuß ins Gesicht bekommen hat. Aber dann gab er sich einen Ruck und nahm plötzlich eine vornehme und ruhig sein sollende Haltung an.

»Es bleibt dabei – Schweinerei sage ich! Der ganze Chausseebau! Denn warum? Erstens kommen die blödsinnigen Kerle, die Steinmetzker, und pinken den ganzen Tag auf der Straße rum. Haben Sie schon mal so'n gottlosen Radau gehört, meine Herren? Nervös werden Sie alle und kriegen Anfälle, das sag' ich Ihnen. Und dann! Kein Mensch kann mehr fahren auf der Straße, und wenn man abends nach Hause geht, ist die Passage einfach unmöglich. Das ist 'ne Schweinerei, sag ich! Wegen einer Chaussee braucht kein Mensch den Hals zu brechen! Das ist unverschämt! Kommt dazu, daß bloß unnötig viel Fuhrwerk, Spaziergänger, Radler und anderes Gesindel ins Dorf kommt. Das macht alles Spektakel und verscheucht mir das Wild. Und dann kann ich fuchsteufelswilde werden, ob's dem Herrn Schulzen paßt oder nicht! Also, meine Herren, lassen Sie sich nischt vorreiben! Auf unserer Straße is noch keiner im Drecke ersoffen! Und wem's nicht paßt, braucht nich herzukommen! – Im übrigen sage ich, daß ich Befehl habe, für den Chausseebau zu sein und im herrschaftlichen Auftrage des Herrn Baron erkläre, daß er auch dafür ist und seinen Teil von den Kosten tragen wird. Ich habe gesprochen!«

Erschöpft setzte sich der gute Mann. Ein lebhafter Gedankenaustausch folgte seinen lichten Ausführungen. Nur Sternitzke saß ihm mit verhaltenem Zorn gegenüber. Plötzlich erhob sich dieser.

»Der Oberförster hat hier die Leute gegen die Chaussee aufgehetzt, während a doch uff Befehl seines Herrn Barons dafür sein sollte! Ich frage den Herrn Doktor, der uns die Ehre gibt und ein Freund vom Herrn Baron ist, was er dazu meint!«

Also ich sollte reden! Aller Augen richteten sich auf mich, und wieder war eine große Stille. Die Augen des Oberförsters funkelten wie die eines grimmen Leuen. Die Sache machte mir Spaß, und ich redete.

»Meine verehrten Herren! Wir stehen hier offenbar vor einer sogenannten Komplikation der Pflichten. Im allgemeinen gilt vom Herrn Oberförster der alte lateinische Satz: Si tacuisses philosophus mansisses.«

»Sehr richtig!« applaudierte Gerstenberger im Brustton der Überzeugung.

»Im übrigen meine ich, Herr Gerstenberger hat seine Pflicht, als Beamter des Barons hier dessen Meinung mitzuteilen, prompt erfüllt.«

»Bravo!« rief der Oberförster ganz entzückt.

»Daß er privatim, in seiner Eigenschaft als Mitglied der Gemeinde, seine persönliche, gegenteilige Meinung hier zum Ausdruck gebracht hat, ist sein einfaches Bürgerrecht.« »Famos!« brüllte Gerstenberger und klatschte in die Hände.

»Deshalb meine ich, meine verehrtesten Herren, der erste Teil der Rede des Herrn Oberförsters ist als Privatäußerung, der letzte aber als eine berufliche Kundgebung aufzufassen, alles in allem ein kleines Meisterstück der Redekunst.«

»Herr Doktor, ich komm Ihn' einen Halben!« schrie der Oberförster, und während er trank, trank, bis nichts mehr im Glase war, blinzelten seine kleinen Äuglein voller Rührung und Begeisterung zu mir herüber.

Da kam ein schriller Mißton in die Stimmung. Eine vor Aufregung bebende Stimme erhob sich:

»Und ich sage, meine Herren, daß einer, der nicht ins Dorf gehört, in der Gemeindesitzung gar nichts zu sagen und überhaupt nichts zu suchen hat!«

Das war Hartwig!

Ich gestehe, daß ich mich ein wenig verfärbte. Ein Tumult brach los, und der Oberförster sprang auf und machte ein paar wütende Schritte nach Hartwigs Tische hin. Da erhob sich Waldhofer.

»Ruhe, Ruhe, liebe Freunde!« rief er laut in das Lokal. »Ich möchte bloß eine Frage an Sie richten: Hat einer von Ihnen etwas dagegen, daß der Herr Doktor unserer Sitzung beiwohnt?«

»Nein! Nein! Nein! Aber woher denn?«

»Also, lieber Hartwig, ich denke, Sie können sich schon beruhigen! Der Herr Doktor hat ja gar nicht zu einer Gemeindeangelegenheit, sondern nur zu einer Sache des Herrn Oberförsters gesprochen.«

Der Bursche war glühendrot vor Aufregung. Daß Waldhofer für mich Partei nahm, ärgerte ihn wütend. Ächzend brachte er heraus:

»Er verteidigt ihn – a muß – 's is ja der Schwiegersohn – deswegen is a ja da!«

»Hartwig!«

Das war das einzige Mal, daß ich den stillen Mann erregt sah. Er wurde aber sofort wieder ruhig. Mitleidig sah er den wilden Burschen an.

»Hartwig, es tut mir leid um Sie!«

Und er setzte sich.

Der Oberförster aber kochte vor Wut.

»Schmeißt 'n doch raus, den Kerl, schmeißt 'n raus, die lose Fresse – den – den –«

Großer Tumult.

»Rausschmeißen? – Was? – Mich?«

Mit drei Sätzen war der junge Bauer beim Oberförster und krallte wie ein wildes Tier alle zehn Finger um seinen Hals.

»Ich – ich – ermurkse dich du – du –« Der Kopf des Oberförsters wurde blaurot. Ich sprang hinüber, auch Waldhofer, aber da war Hartwig schon von kräftigen Bauernfäusten ergriffen. Die Tür wurde aufgerissen, und ich sah durchs Fenster, wie Hartwig in den Hof flog mit dem Gesicht auf die Erde.

Ich hörte nichts mehr von dem Lärm um mich; ich sah nur durchs Fenster auf den blutenden, beschmutzten Burschen, der sich draußen im Hofe erhob.

Er sah übel aus. Die Kleider waren zerrissen und schmutzig, das Gesicht blutete, und die Augen traten ihm aus den Höhlen. So schüttelte er die geballten Hände über seinem Kopf. Er wollte wohl etwas sagen, fluchen, drohen, aber er brachte die Lippen nicht voneinander. Taumelnd wie ein Betrunkener wankte er schließlich die Dorfstraße hinab.

»Das ist fürchterlich!« sagte Waldhofer.

Auch ich war höchst aufgeregt. So sagte ich noch ein paar Worte, es tue mir leid, daß ich der unfreiwillige Anlaß zu so bedauerlichen Vorfällen geworden sei, und ging. Ich hörte kaum auf das, was man mir nachrief; nur eines erkannte ich deutlich: der Sohn des Mörders hatte seine Heimat verloren. Liebe und Vertrauen hatte er wohl nie genossen.

Durch den trüben Wald ging ich mit Waldhofer. Wir sprachen beide nicht. Was war da auch zu sagen? Hartwig war einer von den Unglücklichen, denen nicht zu helfen ist. Es stieg auch ein Trotz auf in meiner Seele. Wie konnte mir dieser Bauer das Recht streitig machen, Ingeborg zu lieben wie er? Und das Mädchen, das das Ziel einer so heißen, trotzigen, leidenschaftlichen Liebe war, kam mir begehrenswerter vor denn je. Es war mir, als müsse ich es schützen vor jener unordentlichen, wilden Glut, und in diesem Augenblick war ich überzeugt, daß ich Ingeborg liebe.

Eine Waldlichtung kam, da blieben wir stehen und sahen hinunter ins Tal. Es war ganz still. Nur die Nebelschleier spannen sich über die Berge.

Da klang eine Glocke. Deutlich hörte ich ihren zitternden Ton. Waldhofer nahm den Hut ab.

»Die Sterbeglocke,« sagte er leise und wies nach der Schule.

Ich trat ein paar Schritte zurück und lehnte mich an einen Baum. Ein paar späte Blätter fielen von den Ästen und sanken langsam durch die schwere Luft.

Wie feierlich diese Glocke klang! Die Seele, der sie nachklingt, ist wohl schon weit. Sie ist hinaus über das Tal mit seinen Sorgen und Freuden, seinem Haß und seiner Liebe. Die Erde bleibt im Nebel zurück, die kleine Erde, auf der Menschen meinen, groß sein zu können. Und die Sonne kommt! Aber auch sie ist nur ein Lichtlein, das verglimmt. Neue Sonnen überstrahlen sie, Millionen neuer Sonnen, und alle sind gewaltig und glänzend, und um alle kreisen Sterne. Ob sie in Dunstschleiern wirbeln, oder ob sie glühen wie Feuer, ob Berge und Wälder von ihnen herüber grüßen, oder ob sie erstorben sind im ewigen Eise – die Seele sieht es nicht. Das ist alles klein, winzig und gleichgültig. Nur das, worauf die Seele hofft und wohin sie zieht, ist groß und ewig.

Himmelfahrt! – Wo bleibt die Erde? – Und wo bleibt unsere Größe? >

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