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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neue Heimat

Als ich erwachte, war ich so freudig wie ein Kind am Christmorgen, wenn es sich der Einbescherung vom vorhergehenden Abend erinnert, der vielen Gaben, die er gebracht, und der Knecht-Ruprecht-Furcht, die glücklich überstanden ist. Es war erst einhalb acht Uhr. Trotzdem stand ich schon auf. Meine erste Betrachtung galt wieder dem riesigen Himmelbette, dem ich nun entronnen war. Mit äußerster Vorsicht befühlte ich die alten, grünseidenen Vorhänge.

Wer mochte sie zuerst gerafft haben? Vielleicht die schöne Frau mit dem harten, traurigen Gesichte, deren Bild an der Wand hing? Warum sah sie so traurig aus? Gab es auch damals schon Herzeleid – Witwenkummer – Muttersorgen – oder auch Ehen ohne Liebe?

O du alter Betthimmel, was für Gedanken mögen zu dir schon emporgestiegen sein! Wenn du ein bißchen Glück aufgespeichert hast, taue es auf mich hernieder. Den Kummer mögen die Würmer fressen, die in deinem Holze bohren!

Mit diesen Gedanken wandte ich mich dem Wasserkruge zu. Der dickbäuchige Geselle war so schwer, daß ich ihn nur mit beiden Händen regieren konnte. Es ist traurig, daß wir Neuen so schwach sind. Körperkraft ist eine der besten Gottesgaben. Das wissen alle die, die sie nicht haben.

Ich wusch mich und kleidete mich an; dann trat ich ans Fenster. Ein wunderbarer Herbstmorgen lag auf den Fluren. Mir ist es immer so gegangen: Wenn ich in einem fremden Hause morgens ans Fenster trat und die Sonne scheinen sah, da faßte mich eine so jugendstarke, wanderlustige Seligkeit, ein Drang hinaus auf die fremde, sonnige Flur, als ob da tausend nicht gekannte Wonnen harrten, die ich nun finden sollte.

Und dann, bei diesem Gesundheits- und Glücksgefühl waren auch immer die Gottes- und die Menschenliebe am stärksten in meinem Herzen.

So sah ich jetzt mit einer Liebesregung hinüber nach der Dorfkirche und dann mit einem brüderlichen Freundlichkeitsgefühl auf die kleinen Häuser im Tale.

Kurz darauf besichtigte ich den Bankettsaal, jetzt mein Arbeits- und Wohnzimmer. Der Raum nahm die ganze Breite der Burg ein. Er hatte sechs Fenster. Drei davon gewährten den Blick nach dem Burghofe, die drei entgegengesetzten den über den Wallgraben hinüber nach dem Tale hin.

Ich sah in den Hof hinab. Er bildete ein unregelmäßiges Viereck, das von drei Seiten mit Gebäuden, auf der vierten aber nur durch die Burgmauer mit der kleinen gotischen Pforte begrenzt war. An das Hauptgebäude, in dem ich mich befand, fügte sich rechtwinklig ein niedriges Seitenhaus, das sich auf der mir entgegengesetzten Seite abermals winklig abbiegend fortsetzte und in einem niederen, baufälligen Turm endete. Mitten im Hofe war ein Brunnen, und ganz nahe davor breitete ein Lindenbaum sein gelbes Blätterdach aus.

Da trat Baumann aus der Tür des Hauptgebäudes. Er trug wieder die Barchentjacke von gestern abend, hatte eine alte Mütze auf dem Kopf, eine blaue Leinwandschürze vorgebunden und klappte in Holzpantinen über den Hof, um zwei mächtige Wasserkannen am Brunnen zu füllen.

Als er zurückkam, rief ich hinab.

»Morgen, Herr Oberkellner! Was tragen Sie denn da?«

Er erschrak, guckte nach oben und machte sofort eine so tiefe Verneigung, daß ein reichlich Teil aus seinen Kannen floß und über seine Fußbekleidung eine Sündflut hereinbrach.

»Wasser trage ich,« sagte er; »Brunnenwasser, wenn dem Herrn ein Glas gefällig wäre.«

»Danke! Ist der Kaffee fertig?

Abermalige Verneigung.

»Kaffee zu jeder Tageszeit,« sagte er; »ich bestelle sofort!«

Und er eilte mit seinen Kannen nach der Küche.

Ich schloß belustigt das Fenster und wandte mich nach meinem »Arbeitszimmer« zurück. Wenn die Größe meiner Arbeit mit diesem Räume in einigem Verhältnis stehen sollte, mußte ich sehr fleißig sein.

Ich zählte die riesigen Stühle. Acht Stück! Vermutlich wog jeder einen halben Zentner. Die Schwere des Tisches entzog sich meinem Tarierungsvermögen; jedenfalls ist es mir nie gelungen, ihn um einen Zoll breit zu rücken. Die Wände entlang standen einige leichtere Sessel, ein Schrank mit alten Trinkgefäßen und einigem alten Porzellan und ein anderer Schrank, der seit gestern abend mein »Kleiderspind« bildete. An den Wänden waren Waffenarrangements.

Jetzt erst betrachtete ich die Decke. Sie wies Malereien auf, die nicht aus gar zu alter Zeit stammen mochten oder wenigstens erst in diesem Jahrhundert geschickt restauriert worden waren.

Das Mittelbild stellte die Gralsburg dar, die Eckfelder zeigten die Artusrunde, Lohengrin mit dem Schwan, Tristan und Marolf, wie jeder in einem kleinen Kahn, der nur einen Mann und ein Roß zu tragen vermag, nach der kleinen Insel im Meere fährt, wo sie ihren Zweikampf ausfechten wollen, und Marolf, den Spielmann, der mit seiner »deutschen Laute« seine heidnischen Verfolger so begeistert, daß sie zu tanzen anfangen, anstatt ihn zu ergreifen.

Ich war entzückt von meinem Arbeitszimmer. Ein großstädtischer Hauswirt hätte aus einem solchen Raum eine »freundliche, geräumige Wohnung von drei Zimmern, Mädchenkabinett und Küche« konstruiert. Und das sollte mein Arbeitszimmer sein! Wie großartig würde sich's hier auf und ab wandern lassen, wenn die Gedanken nach Gestaltung rangen und es dem unruhigen Körper nicht möglich war, am Schreibtisch fest zu sitzen.

Da klopft es, und die Tür öffnete sich. Baumanns Kopf erschien in der Spalte in einer Höhe von 1,60 m und sank, als er meiner ansichtig ward, in derselben Spalte mit einem Ruck auf die Höhe von 80 cm herunter.

»Wenn der Herr Doktor belieben, der Kaffee wäre so weit!«

»Ich komme, Baumann, ich komme!«

Und ich stieg die Treppe hinab, wieder an den vielen Herzogs -, Bischofs-, Ritter-, Frauen« und Kindergesichtern vorüber.

Als ich ins Gastzimmer trat, saß der Oberförster da.

»Ah – je – guten Morgen, Herr Oberförster!« rief ich überrascht.

»Morgen, Herr Doktor – ich bin bloß im Vorbeigehen mal auf 'ne Schnapslänge hereingekommen – wollte mich doch mal erkundigen, wie Sie sich hier eingerichtet haben -«

»Das ist ja riesig liebenswürdig von Ihnen! Ich danke, mir gefällt es recht gut hier.«

»Ah – faktisch?«

»Aber gewiß! Zweifelten Sie daran?«

»Hm! Sie wohnen doch oben – im ersten Stock meine ich-«

»Ganz recht, im Bankettsaal und in dem Zimmer nebenan.«

»Mit Erlaub zu sagen, mir sind die alten Buden greulich! Es mufft so – nach Blut drin, nich?«

»I wo!«

»Ja, und dann muß ich immer an eingemauerte Weiber, an Folterkammern und an verhungerte Gefangene denken, und da krieg ich Ihnen eine Wut, wissen Sie, daß ich gleich – prosit!«

Er trank seinen Kognak aus.

»Es wird einem ganz flau dabei,« fuhr er fort. »Na, und ganz abgesehen davon – haben sie Ihnen wirklich das alte Ungetüm, diese Arche von Bettstelle, in die Stube gestellt?«

»Gewiß haben sie das!«

»Und da haben Sie sich reingelegt?«

»Freilich, ich mußte doch schlafen.«

Der Oberförster hieb mit der Faust auf den Tisch.

»Da hört doch alles auf! In so eine verfaulte Rumpelkammer! Wer weiß, wer in der schon alles geschlafen hat! Ich sage Ihnen, das ist ein niederträchtiger, wackliger Gemüllekasten, ein ganz greuliches Mäuse- und Rattennest. Ich muß mir schnell noch einen Kognak – sonst – aah, Fräulein Ingeborg!«

Das Mädchen erschien mit meinem Frühstück. Es sah womöglich noch reizender und frischer aus als gestern abend. Jetzt im jungen Lichte des Morgens sah ich erst recht den tiefen Glanz ihrer dunklen, blauen Augen und den weichen Schimmer ihrer Haare. Leider ließ mich der Oberförster nicht zu Worte kommen, sondern donnerte gleich los: »Sagen Sie mal, Fräulein Ingeborg, Sie sind doch sonst ein anständiger, braver Christenmensch, wie können Sie bloß zugeben, daß dieser Herr in einem so blödsinnigen Gerüste von Bettstelle, wie dort oben steht, kampieren muß?«

»Sind sie unzufrieden gewesen?« wandte sich Ingeborg ganz erschrocken an mich.

»Gewiß nicht, mein Fräulein; ich habe im Gegenteil ganz ausgezeichnet geschlafen.«

»Das ist nicht wahr!« schrie der Oberförster, »das kann gar nicht wahr sein, das ist ganz ausgeschlossen! Das lügt er bloß aus Höflichkeit.«

»Aber, ich muß sehr bitten, Herr Oberförster!«

»Reden Sie nicht! Gestern haben Sie auch zum Sternitzke gesagt, sein Fuchs wäre ein Staatspferd, und das ist doch, weiß der Himmel, das elendeste Vieh auf Gottes weiter Erde. Sternitzkes Fuchs als Pferd ist dasselbe, was das alte Gerüst dort oben als Bettstelle ist. Beide sind polizeiwidrig.«

»Sie haben, wie's scheint, eine starke Abneigung gegen a name="page 43" title="Dieter56/Ralf55" id="page43"> alles Altertümliche,« bemerkte ich und zwinkerte Ingeborg belustigt zu.

»Da wird's nichts helfen,« sagte das Mädchen, »wenn der Herr Doktor nächstes Frühjahr auszieht, zieht der Herr Oberförster mal in die Zimmer und überzeugt sich, daß –«

»Fräulein Ingeborg! Wenn ich wirklich mal sterben sollte, es ist ja leider alles möglich auf der Welt, und sie begraben mich in diese sogenannte Bettstelle da oben, verstehen Sie – da – da geh ich um! Nicht gemalt möchte ich dort oben hängen, viel weniger wohnen.«

Er wandte sich nach der Tür.

»Wohin wollen Sie denn, Herr Oberförster?«

»Einen Kognak hol ich mir noch beim Baumann!« knurrte er und stampfte hinaus.

»Es gefällt ihm gar nicht bei uns,« sagte Ingeborg lachend, »und er schimpft jedesmal so schrecklich. Aber Papa sagt, er sei der bravste Mann von der Welt.«

»Das glaube ich wohl. Meine Wohnung oben ist entzückend.«

»Ja wirklich? Ach, das freut mich! Ich hab's so gern, wenn jemand den Waldhof lobt. Und mein Papa heißt auch Waldhofer. Ist das nicht merkwürdig?«

»Ja! Und der Name paßt wie kein anderer für ihn. Ihr Herr Papa ist ein sehr umsichtiger und liebenswürdiger Herr.«

Ingeborgs Augen leuchteten.

»Haben Sie das schon erkannt? O, Sie können gar nicht glauben, wie gut Papa ist. Und klug ist er; Walter hat das auch immer gesagt. Bloß sehr still ist er und seit Walters Tode hat er nie mehr gelacht. – Aber ich soll ja nicht immer von dem Traurigen mit Ihnen sprechen.

Sonst bin ich gar nicht so sehr trübsinnig. Nein, wirklich nicht! Den Baumann kennen Sie jetzt auch schon.«

»Wenn das Fräulein befehlen, so kenne ich ihn,« sagte ich mit einer Verneigung bis auf die Tischplatte.

Ingeborg lachte.

»Ja, er ist so komisch höflich, nicht? Aber nur zu den Fremden ist er so; gegen uns benimmt er sich wie jeder andere Haushalter.«

»Er ist wohl früher mal Kellner gewesen, daß er sich die Phrasen so angelernt hat?«

»Nein, bloß Hausknecht in einem Hotel, und seine Frau war Köchin da; später haben sie geheiratet und eine kleine Wirtschaft gepachtet, aber es ist ihnen schlecht gegangen, und da sind sie zu uns gekommen. Wir können sie gut gebrauchen, auch die Frau; denn alles kochen kann ich noch nicht, da bin ich doch noch zu jung.«

»O, Fräulein Ingeborg, Sie sind so jung, daß ich Ihnen nicht mal 'ne Wassersuppe zutrauen würde.«

»Aber Herr Doktor! So was! Das – das verdien' ich nicht.«

Ich sah sofort mein verunglücktes Kompliment ein. Achtzehnjährigen darf man nicht mit zu großer Jugendlichkeit schmeicheln wollen. Das nehmen sie übel.

Da kam zum Glück der Oberförster zurück.

»Haben Sie die blödsinnigen Bilder oben schon gesehen?«

»Welche Bilder?«

»Nu, halt hier oben in der Burg die!«

»Erscheinen Ihnen die so blödsinnig?«

»Furchtbar! Lauter Idioten! Sehn Sie sich mal die Frauenzimmer an, die haben alle Augen wie die Kühe.«

»Aber Herr Oberförster!«

»Ja, und die Männer sehen alle aus, als ob sie Essig gesoffen hätten. Solche Bilder mal ich auch.«

»Na, na, Herr Oberförster!«

»Mal ich auch, sag ich! Mal ich im Finstern! Oben in Ihrem Bankettsaal da sind zwei Männer an die Decke gemalt, die fahren in Kähnen, und jeder hat einen Ziegenbock bei sich. Waldhofer sagt, das sollen Pferde sein.«

»Es sind auch Pferde!«

Der Oberförster schüttelte grimmig den Kopf. »Solche Pferde gibt's nich! Sternitzke hat einen Ziegenbock; den lassen Sie sich mal zeigen, und dann sehen Sie sich die Bilder an; zum Meckern ähnlich, sag' ich Ihnen.«

»Es hat sich eben jede Kunst erst entwickeln müssen, Herr Oberförster!«

»Ich pfeif auf die ganze Kunst,« knurrte der brave Mann, »ob sie sich entwickelt oder nicht! Es ist nichts Reelles dabei.«

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein hochgewachsener, junger Bursche trat ins Zimmer.

»Guten Morgen!« sagte er kurz und setzte sich abseits an einen Tisch. »Um a Seidel Bier möcht ich bitten!«

»Guten Morgen, Herr Hartwig; nu, was ist Ihnen denn? Sie sehn ja so böse aus!« fragte Ingeborg.

»Nichts is,« sagte der Bursche, »in die Stadt will ich.«

»Na, da machen Sie aber einen kolossalen Umweg hier übern Berg,« meinte der Oberförster.

»Ich geh nicht gern auf der Straße,« brummte der Bursche.

Ingeborg gab ihm das Bier, das er gleich zur Hälfte austrank. »Sagen Sie mal, schmeckt Ihnen denn so früh am Tage das Bier schon?« fragte der Oberförster.

»Schmeckt Ihnen denn der Kognak?« gab der Bursche unfreundlich zurück. Das wurmte den Alten.

»Hartwig,« sagte er, »ich hab' den Kognak schon vertragen, als Sie noch am Lutschbeutel saugten!«

Ingeborg ging hinaus. Der Bursche sprang auf.

»Herr Oberförster,« keuchte er, »das – das – das –«

»Aber so regen sich doch die Herren wegen einer harmlosen Äußerung nicht auf,« mischte ich mich in den unerwartet ausgebrochenen Streit.

»'s ist unsere Sache!« knirschte mich der Bursche mit einem feindseligen Blicke an.

»Jawohl, Hartwig, unsere Sache, und die fechten wir schon mal aus, unsere Sache!«

Über diese Äußerung lachte Hartwig kurz und hart auf, warf ein Geldstück auf den Tisch, zuckte die Achseln und ging hinaus, ohne sein Bier ausgetrunken zu haben. Der Oberförster sah ihm mit einem langen Blick nach.

»Was ist denn mit diesem jungen Manne?« fragte ich.

»Äh,« machte der Oberförster, »Amtsgeheimnis! Er wildert!«

»Er wildert? Wissen Sie das genau?«

»Genau leider nich, sonst säß er schon! Aber ich laß mir von einem Karnickel die Ohren abbeißen, wenn's nich wahr ist. Doch ich krieg ihn schon! Oder er kriegt mich! Kann auch sein! Ich muß mir übrigens noch einen Kognak holen, der verdammte Kerl ist mir in den Magen gefallen.«

Er ging hinaus. Ingeborg kam und blieb an der Tür stehen. »Ist das nicht schrecklich?« fragte sie.

»Ja, ich glaube allerdings, daß Ihnen das schrecklich sein muß, Fräulein.«

»Ich bin ja sonst nicht in der Gaststube, bloß wenn mal gute Bekannte da sind, und der Vater ist heute frühzeitig nach der Stadt gegangen. – Aber was sollen wir uns ärgern?«

Sie lachte wieder, und ihr Gesichtchen strahlte im alten Schelmenglanze. Dann hüpfte sie fort. Ich sah ihr ganz entzückt nach. Und wie ich immer tue, wenn mir etwas gar zu reizend vorkommt und ich die Regung niederkämpfen will, schloß ich eine Weile die Augen und ballte die Hände.

»Nu, Sie haben sich wohl uff'n hohlen Zahn gebissen?«

Das war der Oberförster.

»Würde ich Ihnen einen Kognak empfehlen,« fuhr der brave Mann fort, »der überbeißt!«

»Danke, es vertut sich schon wieder!«

»Ja, aber Kognak ist für Ihren Fall sehr gut,« behauptete er hartnäckig.

»Das glaube ich, aber ich trinke nicht gern Kognak.«

Er schüttelte den Kopf.

»Komische Menschen gibt's,« brummte er.

Nach einer Weile fragte er:

»Sagen Sie mal, was werden Sie denn nu den ganzen Tag hier anfangen?« »Ich? Arbeiten werde ich!«

Der Oberförster tat, als ob er nicht gut gehört habe. »Was? Arbeiten? Sie? Na hör'n Sie mal! Was woll'n Sie denn arbeiten?«

»Schreiben werde ich.« »Schreiben, ach so, das nennen Sie arbeiten! Was werden Sie denn schreiben, wenn die Frage erlaubt is?«

»Ein Epos.«

»Was?«

»Ein Epos! Sie wissen schon, ein Buch aus lauter Versen.«

»Ähä, Gedichtsbuch! Da werd ich Ihnen gelegentlich mal ein feines Gedicht geben:

»König Wilhelm saß ganz heiter
Jüngst zu Ems, dacht' gar nicht weiter
An die Händel dieser Welt;
Friedlich, wie er war gesunnen.
Trank er seinen Krähnchenbrunnen
Als ein König und ein Held!
Da trat in sein Kabinette
Eines Morgens Benedette –«

»Kenn ich, Herr Oberförster, kenn ich!«

Ähä, kennen Sie schon! Famoses Ding, nich? Das ist das schönste Gedicht von der Welt. Überhaupt alles, was so vom alten Kaiser Wilhelm ist, das gefällt mir riesig.«

»Bravo, Herr Oberförster!«

»Fangen Sie heute schon an mit dem Abschreiben?«

»Nein, ich denke nicht!«

»Na, da werd ich Ihnen mal'n Vorschlag machen. Kommen Sie ein bißchen mit in den Wald!«

»Da bin ich mit Vergnügen dabei.«

Wir gingen nach dem Walde. Die sonnige Herbstmorgenluft, die bunten Bilder rings um mich her, der blaue Himmel über mir machten mich froh. Ich fühlte das Glück, frei zu sein von einem zwingenden Beruf, frei von allem konventionellen Zwang, frei von Sorgen, frei von grüblerischen Fragen, frei von jedem anderen heftigen Gefühl als eben der Freude am bloßen Leben.

Und ich hatte eine neue Heimat.

Die Bäume rauschten über mir – meine Seele ward jung. Da riß ich den Hut vom Kopfe, schlug ein paar Räder mit ihm durch die Luft und fing an zu laufen wie ein Knabe. Die Wangen fingen mir an zu glühen, das rote, aufgewirbelte Laub flog um mich herum, und so lief ich in den roten Wald hinein.

An einer Quelle machte ich halt und badete meine Hände in dem klaren Wasser. Nach einiger Zeit kam pustend der Oberförster nach. Er sah mich mit bedenklichem Gesicht an.

»Sagen Sie mal, haben Sie öfters solche Anfälle?«

»Was für Anfälle?«

»Nu, so nervöse!«

Ich merkte, daß er meine Lustigkeit für einen kleinen Wahnsinnsausbruch gehalten haben mochte, und sagte, das käme selten bei mir vor und sei übrigens nicht gefährlich. Er schien aber nicht ganz überzeugt. Um ihn abzulenken und mir einen Spaß zu machen, sagte ich: »Sagen Sie mal, Herr Oberförster, Sie sind doch mit allem, was Wald und Feld anbetrifft, sehr wohl vertraut. Wie mag's denn nun eigentlich kommen, daß aus einer solchen Quelle immerfort Wasser läuft, Tag um Tag, jahrhundertelang, und daß das Wasser da drinnen nie alle wird?«

Er machte ein tiefsinniges Gesicht und kratzte sich heftig den Bart.

»Ja – hm, ja – es stimmt! – Wie kommt das? – Das ist gar nicht so leicht zu erklären. – Na, denken Sie sich a name="page 50" title="Dieter56/Ralf55" id="page50"> mal die Erde als ein riesiges Faß. Können Sie sich das denken?«

»Ich gebe mir Mühe!«

»Aber nicht als ein Faß mit einem Spundloche, sondern mit tausend Spundlöchern. Und jedes Spundloch ist eine Quelle. Die ganze Tonne ist voll Wasser, na, und da läuft's eben aus den Spundlöchern heraus. Können Sie das verstehen?«

»Ach ja, aber leer müßt's doch einmal werden.«

»Na, sehen Sie mal! Erstens hat in der Erdtonne schon eine gehörige Plumpe Platz und dann läufts doch immer ins Meer – und dort im Meerboden sind Löcher, und da läuft immer das große Faß wieder voll.«

»Aha! Ich danke!«

Herr Gerstenberger holte tief Atem; die unerwartete Lektion hatte ihn angestrengt. Dafür wollte er sich offenbar entschädigen und fing, indem wir weiter wanderten, fürchterlich an zu lügen.

»Ja, und sehen Sie dort drüben, dort an dem freien Platze – Schonung nennt man das, daß Sie mir ja nicht mal reingehen – also dort drüben habe ich einen Bären geschossen.«

»Einen richtigen Bären? Das war doch wohl wenigstens im strengen Winter?«

»Nee, 25. August 92, nachmittags halb drei!«

»Aber wie kam denn das?«

»Ja, wie soll das kommen! Ich hörte, daß die Umgegend von einem Bären unsicher gemacht werde, und da hab ich ihn einfach aufs Korn genommen. Sehr fein, so was! 's war ein riesiger Kerl! Schwarzbraun! Als er mich sah, kam er auf den Hinterbeinen auf mich zu. Ich ließ ihn a name="page 51" title="Dieter56/Ralf55" id="page51"> kommen, denn ich putzte mir gerade die Nase. Aber wie er nahe genug war, schoß ich ihm gemächlich eine Kugel ins Herz. Das ist die ganze Geschichte. Ganz einfach, nicht wahr?«

»Brr, nein, das wäre nichts für mich!« Herr Gerstenberger lächelte.

»Wenn Sie mal zu mir kommen – ich hoffe, daß Sie mich bald mal beehren ^ werde ich Ihnen die Zähne und das Fell zeigen.«

»Von dem Bären?«

»Nu natürlich, – Sie glauben's wohl gar nich?«

»Aber warum sollte ich denn zweifeln? Bei dieser Gelegenheit fällt mir übrigens etwas ein. Ich bin auch ein Freund der edlen Weidmannskunst und besitze auch einen Jagdschein. Möchten Sie mir nicht die Berechtigung geben, auf die Jagd zu gehen?«

»Was? Sie die Jagdberechtigung? Nu, fällt mir ja im Traume nicht ein.«

»Aber warum denn nicht, Herr Oberförster?«

»Warum? darum! Nee, nee, nee, nee! Halten Sie mich nich für ungefällig. Alles könn' Sie von mir verlangen – und wenn ich Ihnen gleich Geld pumpen sollte – alles sage ich – aber auf die Jagd – gibt's nich! – Sie müssen sich das nich so einfach vorstellen wie's Bücherabschreiben –«

»So einfach denk ich mir's ja auch nicht. Aber ich hab' schon geschossen!«

»In der Schießbude – na, da können Sie ja meinetwegen schießen – aber im Freien, nee, lieber Herr!«

»Sie trauen mir zu wenig zu! Wir wollen eine Probe machen. Sehn Sie mal dort die schmale Birke! Treffe ich die, so geben Sie mir die Jagdberechtigung, fehle ich, so sollen Sie recht behalten. Bitte, borgen Sie mir mal Ihre Büchse.«

Ein so entsetztes Gesicht habe ich selten gesehen. So müßte ungefähr ein Violinvirtuos aussehen, wenn ein erbärmlicher Stümper zu ihm sagte: »Sie, Kollege, bitte, pumpen Sie mir mal Ihre Geige!«

Gerstenberger wurde sehr ernst.

»Herr Doktor, ich sage Ihnen in allem Ernste – amtlich, verstehen Sie – daß ich nie zugeben werde, daß Sie in meinem Revier auch nur einen einzigen Schuß abgeben.«

»Das tut mir leid, Herr Oberförster. Denn da muß ich erst extra an den Herrn Baron schreiben. Sie werden mir deshalb nicht böse sein.«

»Wegen dem Schreiben? Nee! Schreiben könn' Sie ja, wie gesagt, soviel Sie wollen. Das ist nicht lebensgefährlich. Aber schade ist's um die Briefmarke, das sage ich Ihnen im voraus – denn die Jagdberechtigung kriegen Sie auch vom Herrn Baron nicht. Das macht er nicht; da ist er zu gewissenhaft.«

Unser Disput wurde abgebrochen, denn Waldhofer kam uns entgegen. Er kam aus der Stadt zurück, wo er Einkäufe besorgt hatte.

Mein Wirt kam mir freundlich entgegen.

»Guten Morgen,« sagte er, »wie geht es Ihnen?«

»Ich danke, Herr Waldhofer, ganz ausgezeichnet! Ich habe sehr gut geschlafen und habe ein gemütliches Plauderstündchen mit dem Herrn Oberförster gehabt.«

»Gemütlich war's nicht,« protestierte dieser, »sondern ungemütlich. Er will schießen. Denke dir, Waldhofer, dieser Herr will die Jagdberechtigung!«

»Wenn es ihm Vergnügen macht, warum denn nicht?«

Darüber geriet Gerstenberger außer sich.

»Vergnügen – so? Also nur aufs Vergnügen kommt's an? Und das sagst du auch noch, Waldhofer! Da könnte also hier jeder, dem's Vergnügen macht, im Walde rumknallen und Birken anschießen und alte Weiber und Rehricken, ich – ich – ich empfehle mich, meine Herren! Ich – ich hab sowieso nicht länger Zeit.«

Er bog wirklich abseits. Wir riefen ihm ein paar freundliche Worte nach, aber er ging.

»Er wird bald wieder gut sein,« sagte Waldhofer.

Ich erzählte ihm einiges von unserm Zusammensein, auch die Geschichte von dem Bären.

»Die ist wahr,« sagte Waldhofer, »wenigstens in der Hauptsache. Der Bär war aus einer wandernden Menagerie ausgerückt. Übrigens war es ein ganz zahmes Tier. Aber es ist erklärlich, daß die Leute Angst hatten. Der Menageriebesitzer bot zwar alles auf, um sie zu beruhigen. Er sagte, wenn er bloß das Tier finde, bringe er's zurück, ohne daß irgendein Schaden entstehen würde. Aber der Oberförster machte sich gleich auf und hat den Bären wirklich erschossen. Als er dann den Jammer des armen Tierbändigers sah, hat er, obwohl er natürlich dazu gar nicht verpflichtet war, den Bären bezahlt. Er soll ihn sogar sehr teuer bezahlt haben. Und ich glaube das, denn er ist ein kindsguter Mensch.«

»Irgendwelche höhere Schule hat er wohl nicht besucht?«

»Nein! Aber in seinem Fache ist er tüchtig wie kaum einer, und darauf kommt's ja an!«

Als wir in den Burghof kamen, flog uns Ingeborg entgegen. Sie fiel dem Vater um den Hals, und gleich darauf untersuchte sie seine Taschen, mitten im alten Burghof. Die Untersuchung war nicht erfolglos. In der Brusttasche des Vaters fand Ingeborg ein Büchlein: Storms »Immensee« und – drei Tafeln Vanillen-Schokolade.

Wir gingen nach der Gaststube, und ich bekam vorzüglich »gewärmte« Rebhühner. Ingeborg aß mit uns, und die Heiterkeit ihrer reinen Seele umfing mich wie ein Zauber. In meinem »Arbeitszimmer« schrieb ich dann einen Brief an den Baron. Das war ein Brief freudigen Dankes.

»Hier, wo das Leben an den Traum und unsere moderne Zeit an die Romantik so nahe grenzt, ja, wo die Grenzlinien ganz verschwinden, hier bin ich zu Hause. Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese neue Heimat gegeben haben.«

In einer Nachschrift erst dachte ich daran, um die Jagdberechtigung zu bitten, wobei ich natürlich nicht vergaß, auf den guten Oberförster ein Loblied zu singen. >

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