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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
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Waldwinter ist aus

Es sei mir noch vergönnt, ein Frühlingsbild anzufügen.

Am Ostertage schon haben wir Verlobung gefeiert auf der Burg. Ganz still im Familienkreise, nur den Oberförster hatten wir eingeladen. Im Bankettsaal war die Feier.

Wir hatten beschlossen, unsere Vermählung schon nach vierzehn Tagen vollziehen zu lassen. Dann wollte ich mit meinem jungen Weibe reisen – dorthin, wo die Welt am schönsten ist. Da war es ganz gleich, wohin wir reisten.

In den folgenden Tagen hielt der Frühling seinen Einzug in unser Waldtal. Das letzte Schneeflöcklein wich im Walde, die Quellen und Bäche brausten in stattlicher Wasserfülle, die weißen Birken schmückten sich mit zartem Grün, ein Sängerlein nach dem anderen stellte sich ein, und der Waldboden war weithin mit Anemonen bedeckt.

Marianne und ich wanderten alle Tage in den Frühling hinaus. Wir sprachen immer von unserer Zukunft. Sie baute felsenfest auf das Glück. Die Bangigkeit, das Mißtrauen hatte sie von sich geworfen, nun kannte auch ihr Vertrauen keine Grenzen. Da war ich besorgt.

Einmal fragte ich sie: »Weißt du, wie der Mensch am ehesten der Enttäuschung entgeht?«

Sie sah mich klar und hell an.

»Ja, wenn er nicht zuviel hofft!«

»So ist es, Marianne! Wenn er das Leben nimmt, wie es ist! Wenn er keinen Maßstab anlegt, den nun einmal die Verhältnisse unmöglich machen! Mein süßer Schatz, auch über uns wird der Himmel manchmal dunkler sein –«

»Ich weiß es! Hab' keine Sorge! Ich hoffe nicht zuviel! Aber wenn ich selbst in Not und Tod müßte, ich ginge mit dir! Doch das kommt nicht! Wir werden nie miteinander und nie aneinander verzweifeln!«

Ich atmete tief und glücklich auf. – Eines Tages schrieb mir der Pfarrer, mein besonderer Wunsch, in der früheren Burgkapelle getraut zu werden, könne erfüllt werden.

Darüber freute ich mich. Was das Leben auch Hartes und Alltägliches gebracht hatte, einen romantischen Anhauch hatte es hier oben nicht verloren. Nun, da ich aus der Burg schied und zurückkehrte ins moderne Leben, wollte ich die alte Romantik mir und Mariannen noch einmal aufleben lassen. Auch unsere naturalistische Zeit lugt ja schon wieder von ihrer harten, scharfbelichteten Straße hinüber nach den dämmernden Wäldern der Romantik.

So kam mein Hochzeitstag – der St. Georgstag des Jahres 1900. Auch ihn will ich hier noch kurz schildern.

Zeitig erwachte ich. Es ging mir, wie es den sentimentalen Deutschen nun einmal geht: ich mußte Abschied nehmen, auch von den toten Gegenständen meiner Umgebung. Dankbar betrachtete ich das alte, riesige Himmelbett, in dem ich nun zum letzten Male geschlafen hatte; ich hielt eine kurze Zwiesprache mit dem tönernen Wasserkruge und mit meiner großen Waschschüssel, ich schaute noch einmal zu allen Fenstern hinaus.

Dann ging ich durch die ganze Burg. Im Zimmer der blonden Gertraud verweilte ich ein bißchen; ich war im Gerichtssaal und tappte sogar bis ins Verließ. Schließlich ging ich zurück. Lange war ich in meinem lieben Bankettsaal. – Und – ich schäme mich nicht – ich habe die Arme über den Kachelofen ausgebreitet und meine Wange auf einen Moment an seine kühlen Kacheln geschmiegt. Wieviel traute Stunden hatte mir der gute Bursche bereiten helfen! Zuletzt stieg ich auf den Turm.

Da traf ich meine Braut. Ich küßte sie und schlang die Arme um sie. So standen wir ganz regungslos. Unten im Morgenschimmer lag das frühlingsheitere Tal. Und weit – in blauer Ferne – war die Welt.

Es war morgens gegen 10 Uhr. Mit Naumanns Hilfe hatte ich meine Bräutigamstoilette beendet. Der gute Alte war in einer nicht zu beschreibenden Aufregung! Nun war er gegangen. In tiefernsten Gedanken stand ich am Fenster. Unten ging die kleine Pforte. Der Geistliche kam mit dem Kirchendiener, auch Gerstenberger und Sternitzke, die ich als meine Trauzeugen eingeladen hatte. Mariannes Zeugen würden der Assessor und Waldhofer sein. Sonst sollten nur Ingeborg und das Baumannsche Ehepaar noch bei der Trauung zugegen sein.

Der Oberförster sah in seiner Gala-Uniform sehr stattlich aus, und Sternitzke steckte in seinem eigenen Bräutigamsanzuge. Es war mir ganz beklommen, als ich die beiden Männer in so feierlichem Aufzuge kommen sah.

Nicht lange darauf traten beide bei mir ein. Sternitzke gratulierte mir in wortreicher Weise; der Oberförster faßte sich sehr kurz.

Und bald nachher kamen Waldhofer, der Assessor und Ingeborg mit meiner Braut.

Ich reichte Marianne beide Hände und sah sie lange an. Das Bild wollte ich in meiner Seele einprägen, daß es nie mehr daraus schwinde.

Sie war so holdselig schön in dem schlichten, weißen Kleide und dem duftigen Schleier. Über ihrer reinen Stirn lag die Myrtenkrone mit den seinen, weißen Blüten. Sie weinte nicht, wie sonst wohl Bräute tun. Ein feines Rot nur lag auf ihren Wangen, und ihre Augen schauten mich an mit ihrer ganzen Tiefe.

Ehrerbietig neigte ich mich vor ihrer bräutlichen Schönheit und küßte sie auf die Stirn und den Mund.

Dann reichte ich ihr den Arm. Der Assessor folgte uns mit seiner lieblichen Ingeborg, dann kamen die Herren, und den Beschluß machte Baumann mit seiner Frau. So ging der kleine Hochzeitszug den sonderbaren Weg durch die verträumten Gänge und romantischen Zimmer der Burg nach der Kapelle. Dort wartete schon der Geistliche im Ornate am Altare. Ich schaute auf das uralte Altarbild. Frühlingsblumen umkränzten es, und Frühlingsblumen blühten zwischen den Kerzen.

Der Priester hielt eine Ansprache.

»Ich nenne euch diese drei: den Glauben, die Hoffnung und die Liebe; das Köstlichste aber ist die Liebe.

Der Glaube geht über in Schauen; die Hoffnung geht in Erfüllung; die Liebe bleibt.

Einen Glauben gibt es, der leicht zusammenbricht: der Glaube an irdisches Glück; eine Hoffnung gibt es, die sterben kann. Wo aber die Liebe bleibt, baut sich der Glaube neu auf und ersteht aufs neue die Hoffnung.«

Dann kam der Treueschwur, und dann der Segen.

Marianne war mein Weib.

Zwei Kniebänke standen da, auf die knieten wir zum Gebete. Eine heilige Stille herrschte in der Kapelle. Aber die Fenster standen offen, und die goldene Frühlingssonne schien herein. Da tönte ein schlichtes, frommes Trauungslied an unser Ohr. Aus dem Hofe drang es herauf. Dort stand der Lehrer Leuthold mit den Schulkindern.

»Du Vater voller Gnaden,
Wollst geben das Gedeih'n«
Wollst allen ihren Pfaden
Der treue Führer sein!

In Freuden und durch Leiden,
Durch Nacht und Sonnenbrand
Wollst führen du die beiden
An deiner guten Hand!«

Das Lied verklang. Eine kurze Weile noch, dann verließen wir die Kapelle.

Langsam gingen wir den alten Weg zurück.

Im Bankettsaal trennten wir uns. Unten im Wohnzimmer beglückwünschten mich die Freunde. Waldhofer schloß mich lange in die Arme. Ich liebte diesen Mann wie einen Vater. Mit übervollem Herzen dankte ich ihm für das Gute, das ich und Marianne durch ihn erfahren.

Nun trat auch der Oberförster an mich heran. Er wollte wohl eine Rede halten; aber er brachte nicht viel heraus. Das Feierliche des Tages hatte ihn aus dem Gleichgewichte gebracht.

Bei Tische waren Marianne und ich schon im Reisekostüm. Der Pfarrer war mit da, auch der Lehrer Leuthold. Den Schulkindern wollte Waldhofer am ersten sonnigen, freien Nachmittage im Burghofe ein Fest veranstalten. Eine eigentliche, fröhliche Unterhaltung kam nicht zustande. Am betrübtesten war die kleine Ingeborg. Ich suchte sie zu trösten.

»Wirst halt auch einmal fort müssen, liebe, kleine Schwägerin.«

Seit gestern sagten wir uns »du«. Sie schüttelte den Kopf.

»Das Heiraten ist ja schön – aber das Fortgehn ist sehr traurig.«

»Wir finden uns alle wieder hier zusammen.«

Da erhob sich der Oberförster.

»Meine Herrschaften, ich bitte ums Wort! Mein gnädiger Herr Baron hat mich beauftragt, dem verehrten Paare seine und der Frau Baronin ihre Wünsche auszusprechen. Der Herr Baron hat in den Doktor einen Narren... das heißt, ich wollte sagen, er ist ihm sehr wohlwollend gesinnt. Also er ist merkwürdigerweise auf die hochfeine Idee verfallen, dem Herrn Doktor nebst Frau Gemahlin als Hochzeitsgeschenk eine Waldparzelle, die ganz in der Nähe der Oberförsterei liegt, in Größe von einundeinhalb Hektar behufs Erbauung einer Villa und Anlegung eines Gartens erb- und eigentümlich zu vermachen. Ich vermelde das hiermit als Bevollmächtigter des Herrn Barons und füge hinzu, daß nach dieser einzig vernünftigen Erledigung der Platzfrage die Villa selbstverständlich gebaut wird, da – nach meinen genauen Erkundigungen das Brautpaar über die Mittel reichlich verfügt und ich mich auch erbiete, im Notfalle mein ganzes persönliches Vermögen von fünftausend Mark zur letzten Hypothek zu pumpen. Gleichzeitig liefere ich diesen Gratulationsbrief ab. Die Schenkungsurkunde wird nachgeschickt.« Nun griff eine stürmische Freude Platz. Von allen Seiten drangen sie auf mich ein, ich müsse »Ja!« sagen. Ich sah Marianne an. Sie nickte glücklich; es war die erste Frage, die wir in der Ehe miteinander entschieden.

»Also mein teurer Herr Oberförster! Nächstes Frühjahr kommen wir hierher. Wir wohnen mit Herrn Waldhofers Erlaubnis auf der Burg, und indessen wird unten die Villa gebaut. Dabei rechne ich auf Ihren wertvollen Rat.«

»Werde ich tun, werde ich mit kolossalem Gaudium tun, liebster Herr Nachbar! Und nu müssen wir aber noch Brüderschaft machen!«

»Jawohl, lieber Freund Bernhard, das müssen wir!«

Er war ganz toll vor Freude, fiel mir um den Hals und versuchte mich zu küssen. Es gelang auch, obwohl er anscheinend keine Übung besaß. Ich habe später sehr oft nach dem Oberförster Gerstenberger Sehnsucht gehabt. –

Was ist noch zu sagen?

Baumann kam mit nassen Augen und meldete, die Fuhre stehe draußen vor der Brücke.

Es wurde ganz still. Ich erhob mich noch einmal. »Meine geliebten Freunde! Das Scheiden ist immer eine bittere Sache, auch für mich und mein liebes Weib heute, obwohl wir ins Glück ziehen. Wir lassen hier zu viel Liebe zurück – Liebe und Dankbarkeit für euch alle! Wir werden uns wiedersehen, wieder zusammen wohnen in diesem schönen Waldtale, das ist unser Trost. Behüt' euch Gott alle! Ein treueres Andenken, als wir für euch und den lieben Waldhof mit fortnehmen, kann es nicht geben. Und nun mit diesem letzten Trunk herzlich: Auf Wiedersehen!« Das Dorf ist längst verschwunden, aber der Turm des Waldhofes ragt noch über die Hügel. Es stehen Menschen dort oben, Leute, die uns nachschauen. Eine Fahne flattert im Winde, uns zum Gruße.

Der Frühlingswald nimmt uns auf, da ist auch der Turm verschwunden. Die Vögel singen, die Veilchen blühen, zwei glückselige Menschen reisen in die Welt.

Waldwinter ist aus!

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