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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectida2189526
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Auferstehung

Es wurde Frühling!

Vom 1. März an lag etwas in der Luft wie eine ferne, frohe Kunde. Von Herzen zu Herzen, von Munde zu Munde flog's wie ein dunkles Gerücht von einem fernen Siege. Und ob's auch bloß ein Gerücht war; ich glaubte daran.

Wir gaben auf alles acht. Wie die Eiszapfen kleiner wurden, wie auf dem Dache mitten in der weißen Fläche eine dunkle Furche entstand, wie die silbernen Tropfen klingend vom Simse fielen, um welche Minute abends die Lampe angezündet werden mußte: auf lauter solche Kleinigkeiten.

Auf der Südseite des Burgberges gab es ein paar Stellen, die waren schon ganz frei von Schnee. Zwischen dem grauen, toten Herbstgrase schimmerten gelbe Spitzen.

Die Spatzen lärmten über die Maßen. Sie saßen immer in der Sonne und balgten sich, und der Wind spielte mit den ausgerissenen Winterfedern.

In der Nacht, wenn ich erwachte, hörte ich oft lange auf das Brausen des Frühlingssturmes. Er heulte und tobte mit besonderer Heftigkeit um die alte Burg. Manchmal stand ich auf und öffnete das Fenster. Dann wurde meine Phantasie rege, und ich sah den Kampf zwischen Frühling und Winter, den Kampf auf Leben und Tod. Das schallte und prasselte, das hieb und stach mit tausend Waffen im Walde; in donnernder Frühlingsattacke sprengte der Bach vom Berge herab, und hoch am nächtlichen Himmel jagten dunkle Reiter, Boten des Frühlings, Boten des Winters, mit Siegesmeldungen und mit Todesnachrichten.

Im Walde war eine kleine Quelle. Sie plauderte noch nicht munter, sie wimmerte erst noch und maulte wie ein Kind, das nicht ausgeschlafen hat. Einmal sah ich ein Hasenmännlein an der Quelle frühstücken. Ich glaube nicht, daß ihm der Eiskaffee mundete. Es sah sehr nachdenklich aus. Es ist für einen solchen Mann auch keine Kleinigkeit, um diese Zeit eine Frau mit fünf unmündigen Kindern standesgemäß zu erhalten.

Kam noch ein anderes Nagetierchen dazu: eine Maus. Beide sahen sich respektvoll an und hielten sich in sicherer Entfernung voneinander. »Man kann nicht wissen!« dachte jeder. Aber dem Herrn im grauen Pelz war nicht wohler als dem im braunen. In seiner Kellerwohnung wimmelte es jetzt auch von kleinen Kinderchen, und es herrschte da das richtige Proletarier-Elend.

Da ging's Mutter Baumanns Gänsen wesentlich besser. Sie hatten einen warmen, sicheren Stall unten im Burgturme und genossen ausgezeichnete Kost. Nur ich ärgerte sie; denn ich hatte mir die Vertrauensstellung ausgewirkt, die Gänseeier abnehmen zu dürfen. 31 Stück hatte ich schon erbeutet. Dadurch hatte ich besonders unfreundliche Gefühle im Herzen des alten Gänserichs erweckt, der in seinen Freistunden wütende Schimpfreden vom Hofe aus nach meinen Bankettsaalfenstern hinaufschickte. Ich gebe ja nicht viel auf Gassendemonstrationen; aber wenn's gar zu arg wurde, ging ich ans Fenster.

Was er denn so zu räsonnieren hätte, fragte ich hinunter. Ich sei ein Frechling, schrie er herauf. Er solle nur den Schnabel halten, bemerkte ich geistreich. Das werde er nie und nimmer, behauptete er frech. Er sei ein blödsinniges Vieh, sagte ich. Ich brauche mir auf meine Klugheit auch nichts einzubilden, erwiderte er. Ob er denn keinen Verstand im Kopfe hätte, fragte ich. Ob mir denn gar kein Ehrgefühl im Leibe säße, gab er zurück. Wofür er mich denn eigentlich hielte, wollte ich wissen. Für einen Spitzbuben, sagte er grob. Ich würde ihm eins auf den Pelz hauen, drohte ich. Ich solle mich nur herunterwagen, schnarrte er.

So ging es hinüber und herüber, bis das ganze Gänsevolk für seinen Anführer Partei nahm und einen so wüsten Spektakel erhob, daß meine ganze Rhetorik rettungslos in lauter gegnerischen Schallwellen versank. Dann schloß ich das Fenster und sah bloß noch, wie Baumann kraftlos vor Lachen am Brunnen lehnte.

Und merkwürdig: seit der Zeit machte er mir keine Verneigung mehr; er hielt mich jetzt für einen Einheimischen.

Es gab noch andere Frühlingszeichen. Frau Baumann hatte einmal tagelang den »Herenschuß«, der Oberförster schimpfte immer auf das »latschige« Wetter, und Sternitzke Fritz lief in der Gaststube barfuß herum und sortierte Bohnen und Knöpfe.

Die Bauern waren ganz rebellisch geworden. Es zuckte und kribbelte ihnen in allen Fingern, und in den Ställen wieherten die Pferde.

Die Weberleute saßen am Webstuhl und webten und webten. Manchmal flog ein Blick hinaus in den schmalen Garten. Wenn es noch wärmer geworden sein würde, viel wärmer, dann würden sie das kleine Fenster einmal öffnen, und dann würde wohl auf ihre bleichen Wangen ein matter Schimmer fallen. – Und es gab noch zwei blasse Wangen, die ich um diese Zeit immer betrachtete mit der stillen Hoffnung, daß ihnen der Frühling einen roten Schein aufhauchen möge: die Wangen Mariannes. Sie war so ganz still geworden. Damals, als ich sie vom Grabe des Vaters hinwegführte, hatte ich sie gebeten, sie möchte nach der Burg zurückkommen. Da hatte sie eingewilligt.

Es war so, als ob ihre Widerstandskraft gebrochen sei; als ob sie fremd sei in der Welt und sich erst langsam wieder darin zurechtfinden müßte.

Sie war wie eine Genesende nach schwerer Krankheit – immer still, immer sanft und wohl meist glücklich.

So behandelte ich sie auch. Ich prüfte alles, was ich vor ihr sagte und tat, erst auf seine Zartheit, aber ich war immer heiter. Und ich suchte Freuden für sie, stille, kleine Freuden, wie sie geeignet sind, wieder Lust und Liebe am Leben zu erwecken. Dafür hatte sie jetzt ein unbegrenztes Vertrauen zu mir.

Ich sprach ihr nie von Liebe, ich küßte sie nicht, aber ich umgab sie immer mit der gleichen Zärtlichkeit und war immer guter Laune.

Das erste Schneeglöckchen brachte ich ihr. Sie hielt das Blümchen lange in der Hand. Mit Rührung betrachtete ich sie, für die nach langem, frostigem Winter nun auch ein Vorfrühling gekommen war.

Manchmal wanderten wir ein Stück miteinander ins Freie. Sie ward jetzt leicht müde. Dann lehnte sie sich an mich an und schloß die Augen. Ich schlang die Arme ruhig und sicher um sie, und dann, wenn sie geruht hatte, gingen wir weiter. So verging der März. Ostern kam. Am Karsamstag traf der Bruder bei uns ein. Wenn er abreiste, wollte er Marianne mitnehmen nach der Stadt.

Auch meine Tage auf der Burg waren gezählt. Am Palmsonntag nachmittag waren schon viele Gäste da, und Baumann lief in einem Frack herum und bediente die Leute.

Er stellte sich mir frühmorgens vor.

»Ach, wissen Sie, Baumann, Sie gefallen mir in der Barchentjacke viel besser.«

Darüber schüttelte er verwundert sein Haupt.

Ich mußte fort. Manchmal dachte ich daran, wohin ich eigentlich solle. Ich wußte es nicht. Es war überall für mich die Fremde, und nur hier war die Heimat. Die wenigen Tage aber, die mir noch blieben, wollte ich voll genießen.

***

Der Ostertag stieg herauf. Ich war zeitig wach und öffnete das Fenster, hinunter nach dem Tale hin. Morgennebel lag noch über der Flur.

Dann kam die Sonne, und unten im Tale läuteten die Glocken. In den Berghütten öffneten sich die Türen, und die Menschen stiegen die sonnigen Lehnen hinab in ihren feiertäglichen Gewändern.

Da rüstete auch ich mich zum Kirchgang. Unten im Hofe traf ich Marianne. Wir stiegen miteinander den Burgberg hinunter. Es redete keines viel, aber wir gingen Hand in Hand durch den knospenden Wald. Die Dorfkirche war ganz gefüllt. Die Kerzen auf dem Hochaltare flammten, und der Priester kniete betend vor dem »heiligen Grabe Christi«. Nun ging er hinein. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille trat ein – ein Schweigen heiliger Erwartung.

Und nun fang er drin mit lauter Stimme:

»Christus ist erstanden!«

Ein Schauer ergriff mich, und Marianne, die dicht neben mir stand, faßte mich bebend an der Hand.

Draußen aber begannen die Glocken zu läuten, die Pauken zu wirbeln, das Volk strömte hinaus auf den Friedhof, die Trompeten fielen ein, und aus Hunderten von Kehlen drang der jubelnde Sang:

»Triumph! Der Tod ist überwunden!
Zum Leben der Unsterblichkeit
Ist selbst durchs Grab der Weg gefunden,
Bekenner Jesu, singt erfreut:
Alleluja! Alleluja!«

Um das kleine Kirchlein, über den Friedhof bewegte sich die singende Osterprozession. Im Morgensonnenscheine glänzte die goldene Monstranz in des Priesters Händen. Das erste, junge Grün, die ersten Blumen prangten auf den Gräbern, und ein jedes aus der erlösten Christengemeinde sang seinen Freunden und Vertrauten dort unten in der stillen Tiefe die tröstliche Osterbotschaft zu: »Der Tod ist überwunden! Alleluja!«

Gesenkten Hauptes, so ging ich mit Marianne mitten im Zuge, und ein Osterwunsch ging mir durch die Seele: nun möge auch unser Tod, unser Winter, unsere Erstarrung vorüber sein, nun möchten auch wir erlöst werden von allem Übel und auferstehen zum Glücke. Und siehe, auch unser Ostern war da!

Im Walde standen wir, ganz allein. Es war wieder jene Stelle, die einen so schönen Blick nach dem Tale bot, jene Stelle, wo wir Freundschaft geschlossen hatten im Winter.

Ich blieb stehen. Sie lehnte sich fest an mich an.

»Weißt du noch? –«

»Ich weiß es noch, Geliebte!«

»Damals bist du mein Freund geworden!«

»Mehr als dein Freund! Damals wußte ich zuerst, daß ich dich liebe!«

»Mir ist so wohl! Es ist alles vorüber, was mich krank, elend, schlecht gemacht hat. – Siehst du, wie alles grün und schön ist? – Jetzt ist Ostern!«

»Ostern und Auferstehung, Geliebte!«

Sie blickte träumend vor sich hin.

»Ich werde gesund werden und glücklich. Nur Winter darf's nicht mehr werden, und ich darf nicht mehr fort von dir!«

»Wie ist das möglich, Marianne?«

Ich zitterte heftig. Sie sah mir tief in die Augen.

»Im Winter wolltest du mich zu deinem Weibe. Ich wies dich ab. Da gabst du dein Wort, du würdest mich nie mehr darum bitten. Das mußt du halten. Liebster! Aber ich – ich kann dich doch bitten. Und ich bitte dich heute: Nimm mich zu deinem Weibe, wenn ich es wert bin!«

»Marianne!«

Wenn jetzt die Welt in tausend Rosen um mich erblüht und der Himmel in rotem Feuer entbrannt wäre, ich hätte es nicht gesehen; und wenn alle Nachtigallen der Welt und alle frohen Menschen dieser Erde gejubelt hätten, ich hätte es nicht gehört. Meine Sinne waren gestorben, nur das Gefühl lebte noch; das Gefühl, daß ich die in den Armen hielt, die mein Weib sein wollte. Wir wanderten schon wieder, wir waren weit hinaufgestiegen, da sprach ich das erste Wort: »Hast du denn Vertrauen?«

»Vertrauen zu dir?«

Sie lachte selig. Die Knospen sprangen im Walde, und in der Luft lag Lerchenlaut. >

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