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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
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Lösungen

Ich erwachte. Es war ganz finster um mich. Mühsam besann ich mich. Dann brannte ich das Licht an. Es war halb sechs Uhr! Allmählich fielen mir die Geschehnisse des Vortages ein. Ein Jauchzen quoll mir durch die Seele. So glücklich war ich nur einmal noch im Leben aufgewacht. Damals vor langen Jahren, als ich das Schlußexamen an der Schule bestanden hatte, und als vor den jungen, gläubigen Augen das blühende Leben lag voll Sonne und ohne allen Kummer.

Und wie damals schränkte ich die Hände unter dem Kopfe und lag regungslos still mit roten Wangen und lachenden Augen! Ich dachte immer an das große Glück, das nun kommen mußte. Ich malte mir keine Einzelheiten aus, dazu war meine Seele viel zu bewegt.

Das unbestimmte Ahnen kommender Seligkeiten, diese süßeste Freude unserer Seele, das war mein Glück in jener Morgenstunde.

Aber dann dachte ich an die Geliebte. Sie war aus der grauen Nacht der Leiden noch nicht heraus. Die Reihe ihrer heftigen Seelenerschütterungen war noch nicht geschlossen. Wie mochte sie den Kampf überstanden haben, diesen Kampf, in dem sie unterliegen mußte und doch zugleich ihren besten Sieg errang?

Und mit welchem Gefühl dachte sie jetzt an mich? Noch waren nicht die Stunden eines Tages vergangen, seit ich sie von mir gestoßen hatte mit den härtesten Worten.

O, liebes Mädchen, warte nur, die Sonne kommt. Sie kommt bald! Jetzt wird alles gut! Jetzt ist die Zeit der Kämpfe und Krankheiten vorüber. Jetzt kommt das Glück, der Friede – die Genesung!

Wieder lag ich ganz still. Aber dann fiel mein Blick auf das rote Buch, das auf dem Nachttische neben der Lampe lag.

Ich stand auf und zog mich warm an, dann trug ich die Lampe nach dem Bankettsaal; zuletzt holte ich das Buch. In einen Sessel setzte ich mich, holte tief, tief Atem und schlug das Buch auf.

Es war mir, als wenn ich an eine Tote rührte. Als ob die Tote lebendig werden, mit mir reden, mit mir kämpfen würde. Ich schloß die Augen, ich konnte noch nicht lesen. Wenn du reden willst, du Tote, so rede!

Ja, sie sprach! Ich hörte es deutlich in meiner Seele: Du fremder Mann! Was nahmst du mir mein Kind? Warum hast du das Werk zerstört, das ich aufgebaut habe in den Leidenstagen meines Lebens? Was gingen dich unsere Leiden und unsere Kämpfe an? O du Feind! Du selbstsüchtiger Feind! Du gönnst meiner Marianne den Frieden nicht! Du zerrst sie aus der Umfriedigung, die ich um sie geschlossen, zerrst sie in deine Arme, in das Leben, in die Liebe, in die Ehe, in das Unheil, in dem ich war! Nur, weil du auf eine kurze Zeit glücklich sein willst!

Ich schaute mich scheu um in dem alten, frostigen Rittersaale. Und – da – fielen zwei starre Augen auf mich, ein bleiches, vergrämtes Frauengesicht schimmerte durch den dämmerigen Saal.

Drüben aus dem Sessel –

Sie saß mit an dem Tische –

Die tote Frau sah mich an mit kalten Rächeraugen. – Es war das Bild der alten Hildegund.

Ich starrte es an. Ich war wohl weiß im Gesichte. Ich könnte es forttragen, dachte ich. Aber nein, ich tat es nicht. Meine Sache war rein, die Tote mochte reden.

Also schlug ich die erste Seite auf und begann zu lesen. Ich war bald gefangen. Es war ein glänzendes Buch, feinsten Stils.

Die Liebe wurde geschildert mit Farben, die an Glut nicht zu überbieten sind. Und auf die trunkenen Dithyramben folgten Zeichnungen intimster Feinheit, Miniaturbilder, in denen noch die leiseste Linie echt und schön war. So, wie eben nur die Wahrheit zu wirken vermag.

Und immer »Er«. Seine Briefe waren abgeschrieben, seine Gedichte. Das, was er getan, gesprochen, geschworen hatte! Er war der Herrlichste von allen, der Held, der Mann ohne Falsch, das Ideal!

Ein stolzes Haus des Glückes und der Liebe, auf felsenfestem Fundamente errichtet, edel und fest gebaut bis zu der letzten goldenen Zinne, die in den Himmel ragt.

Es gibt nichts, was hier nicht gehofft, es gibt nichts, was hier nicht beschworen, es gibt nichts, was hier nicht felsenfest geglaubt worden wäre.

Da kommt ein weißes Blatt, auf das ist ein schwarzes Kreuz gezeichnet, und darunter stehen die Worte: »Ich wurde seine Frau!«

Und nun beginnt das Buch der Ehe. Es beginnt mit glücklichen Tönen. Von dem gemeinsamen Leben erzählt es viele freundliche Einzelheiten. Dann kommt der Kummer. Er berichtet genau nach Datum und Stunde, wann er in ihrer Gegenwart das erste Mal geseufzt, wann sie ihn das erste Mal hat müde vor sich hingrübeln sehen, wann sie das erste Mal miteinander weinten. Goldene Lichtpunkte glänzten dazwischen auf: ein freundlicher Tag, ein kleiner Erfolg, die Geburt des ersten Kindes. Die Funken erlöschen, grauer und grauer häuft sich die Asche über ihrem goldenen Scheine. Der Tag kommt, an dem sie zuerst hungerten. Nicht von ihrem Hunger spricht sie, nur von ihm, von seiner Bitterkeit und Verzagtheit. Und all ihre Liebe war ihm kein Trost. Das war das Weheste für sie. Sie haben keine Freunde mehr. Er arbeitet manchmal Tag und Nacht, manchmal ist er ganz müßig. Es ist alles eins; denn die Arbeit bringt keinen Lohn. Sie will alles durch die Liebe ausgleichen. Erst wehrt er sie sanft ab, dann wird sie ihm lästig. Da macht sie ihm das erste Mal Vorwürfe. Das Datum ist genau gebucht. Ein zweites und drittes Kind wird geboren. Nicht zur Freude der Eltern. Was sollen sie den Kindern bieten? Sie wird krank, das graue Elend kommt. Die Kinder sind krank. Die Not steigt aufs höchste. Da legt er seine stolze Kunst beiseite und wird ein literarischer Tagelöhner. Das wandelt ihn völlig. Mit der Kunst hat er sich selbst verloren. Eine ungeheure Verachtung seiner selbst erfaßt ihn. Wenn er sein elendes Zeug geschrieben hat und gierig die Zeilen zählt, dann lacht er manchmal laut auf wie ein Wahnsinniger. Sie aber erfaßt die Verachtung. Sie könnte glücklich sein, auch im Hunger, er nicht. So hat auch sie nur geliebt, nicht er! In leidenschaftlichen, wilden Worten sagt sie's ihm. Da entgegnet er, sie könne ihn nicht begreifen. Von da an verstehen sie sich nicht mehr. Der letzte Sonnenstrahl schwindet aus dem Hause. Trostlose Nacht kommt. – – Abermals ein weißes Blatt. Drei schwarze Kreuze!

»Er hat mich verlassen!«

Der letzte freundliche Ton ist verklungen. Die Liebe ist tot, die Hoffnung ist tot, nur das Elend lebt und der Haß. Ein Gedicht steht da. Darüber steht: »Wiegenlied für meine Marianne.« Es lautet:

»Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!
Die Mutter hat nicht Brot noch Geld,
Der Vater ist in der weiten Welt,
Er ist im Glücke und wir in der Pein:
Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!

Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!
Viele Wege führen durchs weite Land,
Der Vater findet den fernsten Strand,
Nur nicht in unsere Kammer hinein:
Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!

Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!
Es kam das Elend, es kam die Nacht,
Die Kinder schlafen, die Mutter wacht,
Der Vater wird bei der andern sein! –
Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein!«

Aber das war noch menschlich, das war noch verständlich, da war bei aller Bitterkeit doch noch die Klage, die Sehnsucht im Liede. Allmählich verklingt jeder sanfte Ton. Da ist keine Klage, keine Sehnsucht mehr, da ist nur noch Anklage und Fluch. Zuerst fehlt die Barmherzigkeit, dann fehlt die Gerechtigkeit, zuletzt fehlt alle Logik. Der Haß, die Bitterkeit verallgemeinern sich. Sie sucht Genossinnen ihrer Verdammung. So späht sie mit scharfem Auge umher und findet viele. Wo in der Zeitung die Greueltat eines Mannes steht, begangen an der Frau oder seinen Kindern, sie bucht den Vorfall mit kurzen, abgerissenen und darum so entsetzlich wirkenden Worten. Mir schaudert die Haut bei der Lektüre. Was sonst in elenden Schundromanen an Schaurigem und Blutrünstigem erzählt wird, hier wird's überboten. Und das Entsetzliche: der Ort, das Datum, der Name steht dabei. Es ist wirklich so passiert! – Dann kommt das Kapitel von den kranken Frauen, von dem fürchterlichen, geheimen Elend. Ein Klinikduft, eine Operationsatmosphäre weht in diesem Kapitel. Das ist dieselbe Schule, wie sie grausam-eindringlicher auch Rousseau für seine Zöglinge nicht gewünscht hat. Und dann das Kapitel von den »Glücklichen«. Das ist voll Spott und Hohn. Die glücklichen Frauen sind ihr nichts anderes als gepeinigte, lächelnde Heuchlerinnen. Der günstigste Fall ist, daß sie sich selbst vorlügen, sie seien glücklich. – Hier bei diesem Abschnitt tritt der geistige Defekt der Verfasserin klar und deutlich zutage. Da ist nichts mehr von gesunder Beobachtung. Ich fange an, hastig zu lesen, zu überschlagen. Hin und wieder lese ich noch einen Abschnitt. Es verflacht sich, es verfinstert sich alles. Nur die Schlußsätze lese ich zweimal: »Meide angstvoll die Liebe! Und wenn sie dich trifft wie dein Unglück, meide hundertmal angstvoller die Ehe! Der goldene Ring erwürgt das Glück.«

Ich war zu Ende. Einen Schub öffnete ich und schloß das Buch ein. Dann ging ich nach meinem Schlafzimmer.

Ich mochte jetzt über das Gelesene nicht weiter nachdenken. Ich fühlte, wie dieses Weib fürchterlich war, ich fühlte, wie sie Marianne gemartert haben mußte.

Jetzt verstand ich alles. Welch tiefe und starke Natur mußte dieses junge Mädchen haben, da sie sich aus einer solchen Atmosphäre so viel Menschenliebe, so viel Edelsinn und eine so blühende Reinheit gerettet hatte.

Und wie glücklich konnte ich sie machen, wenn ich ihr zeigte, daß die Menschen und die Welt doch besser seien, als ihre Mutter sie gelehrt hatte! Der graueste Alltag mußte ihr sonnig erscheinen! Ich würde es leicht haben.

***

Im Schlitten saß ich mit Waldhofer, und in schneller Fahrt ging es der Stadt zu. Die kalte Februarluft kühlte meine Stirn. Eine schwer zu beschreibende Aufregung hatte sich meiner bemächtigt. Den Mann sollte ich sehen, der so viel Kummer über Marianne und ihre Familie gebracht und der auch mir so viel Aufregung bereitet hatte. Ich nahm mir vor, ihm ruhig und freundlich entgegenzutreten. Mir war er keine Rechenschaft schuldig.

Und Marianne? Wie würde unser Wiedersehen sein nach einem solchen Abschiede? –

»Nicht grübeln, lieber Freund! Das hat gar keinen Zweck. Wozu sich jetzt Situationen ausmalen, die doch dann anders kommen? Abwarten, ruhig abwarten! Die Aufregung macht nie etwas gut.«

Er fing ein alltägliches Gespräch an. Mit Mühe zwang ich mich, ihm zu folgen. Aber er half mir. Er fragte mich immerfort, und ich mußte antworten. Schließlich gab er mir ein paar witzige algebraische Aufgaben auf. Napoleon I. habe vor der Schlacht auch zuweilen algebraische Aufgaben gerechnet, wenn er nicht vorgezogen habe, zu schlafen. Willen haben, nur Willen! Der Wille allein siegt.

So waren wir wirklich schon in der Stadt. Am Gasthof »Zur Sonne« hielten wir. Jetzt hätten mir allerdings alle algebraischen Aufgaben der Welt nichts mehr genützt. Mit Ungeduld wartete ich auf Waldhofer, der unnütz lange mit dem Kutscher verhandelte.

Endlich gingen wir ins Haus. Ein dienstbarer Geist sagte uns, daß der Assessor oben in seinem Zimmer sei. Nach zwei Minuten waren wir bei ihm.

Bleich, übernächtigt, kam er uns entgegen und begrüßte uns.

Mit dem Vater stehe es schlecht, sagte er. Zeitweise sei er ohne Bewußtsein. Jetzt eben sei der Priester fort. Die Ärzte ließen neue Besucher nicht zu; wir würden also den Vater nicht sehen können.

»Und Marianne?« fragte ich.

»Sie ist bei ihm! Es ist alles gut!« antwortete er und wandte sich ab. Er war ergriffen. Dann beruhigte er sich und erzählte.

In Berlin schon war der Vater erkrankt. Trotzdem hatte er die Reise durchaus nicht aufgeben wollen. Während der langen Bahnfahrt verschlimmerte sich der Zustand immer mehr, und nach entsetzlichen Leiden langten sie hier an. Auf einem offenen Schlitten war die Weiterfahrt unmöglich; auch war hier in der Stadt die Pflege bequemer. So brachte er den Vater zu den Schwestern ins Marienstift. Dann wollte er nach Steinwernersdorf. Der Vater wollte ihn nicht fortlassen. Er solle doch nach Marianne telegraphieren, wünschte er. Wir wüßten ja, daß das vergeblich gewesen sein würde. Dem Vater hatte er von Mariannens Unversöhnlichkeit nichts erzählt. So sagte er ihm, die Schwester sei sehr zart und auch nervös und müsse unbedingt persönlich vorbereitet werden. Da ließ ihn der Vater reisen.

Es sei eine schwere Fahrt gewesen; er habe mit gleicher Bangigkeit immer an den sterbenden Vater wie an die Schwester gedacht. Da habe er Marianne getroffen. Am Wege hinter einem Baume habe sie gestanden, als der Schlitten langsam vorbeifuhr. Nur ganz zufällig habe er sie gesehen und sei natürlich sehr überrascht gewesen. Er habe sich aber gedacht, daß sie auf der Flucht sei und sich hinter dem Baume nur versteckt habe, um den Vater, der nach ihrer Meinung im Schlitten sein mußte, vorüberfahren zu sehen. Als er nun halten ließ, habe sie fliehen wollen. Aber als sie sah, daß der Bruder allein sei, sei sie stehen geblieben und mit ihm ein Stück die Straße entlang gewandert. Er habe bald gemerkt, daß ungewöhnliche Vorgänge die Schwester aufs tiefste erschüttert haben mußten. Sie sei ihm anfangs wie sinnverwirrt vorgekommen, aber was vorgefallen sei, habe sie nicht erzählt. Dann hätte sie ihn immer nur gefragt, ob es wahr sei, daß der Vater an die Mutter geschrieben habe, daß er habe wiederkommen wollen. Da habe er ihr alles erklärt und erzählt und auch den Zustand des Vaters geschildert, und da endlich sei sie zu ihm in den Schlitten gestiegen.

»Und sie hat sich mit ihm versöhnt,« sagte Waldhofer.

»Es ist gut, Heinrich, mehr wollen wir nicht hören.«

»O ja! Was soll ich's nicht sagen? Ganz kurz kann ich's euch ja erzählen. Als wir ins Marienstift kamen, war es mit ihrer Kraft zu Ende. Die Schwestern gaben ihr etwas Wein. Da erholte sie sich. Aber im Vorzimmer, als sie schon die Hand an der Klinke hatte, drehte sie um. Ein paar Minuten stand sie still. Sie weinte nicht, aber sie zitterte heftig am ganzen Leibe. Ich störte sie nicht. Dann plötzlich raffte sie sich auf, und ohne meinen Beistand anzunehmen, ging sie mit sicheren Schritten ins Krankenzimmer.«

Hier machte er eine Pause. Der junge Mann war in so schwerer Gemütserregung wie ich. Endlich fuhr er fort.

»Am Bette blieb sie regungslos stehen. Der Vater sah sie wortlos an. Aber die Augen gingen ihm über, und er lächelte. Er hatte wohl nicht gedacht, daß er ein so schönes Kind habe. Dann griff er nach ihrer Hand und küßte sie. Mit diesem stummen Handkuß bat er ihr alles ab. Da sank sie an seinem Bette in die Knie, und dann – dann war alles gut.«

Wir wandten uns alle drei voneinander ab. Minutenlang war es im Zimmer kirchenstill. – – –

»Ich bin sehr glücklich, daß Sie mein Weib nicht werden!«

Das fiel mir ein.

Tödliche Scham und Angst packte mich.

»Kann ich denn auch Ihre Schwester nicht sehen?«

»Ich möchte bitten – nein! Sie bedarf dringend der Schonung. Später, Herr Doktor! Vorläufig soll sie bei den Schwestern bleiben.«

Dem mußte ich mich fügen. Der Assessor sprach nun mit Waldhofer über Ingeborg. Ich achtete nicht darauf. Nur daß auch sie vorläufig nicht zum Vater kommen sollte, hörte ich.

Da der Assessor bald nach dem Marienstift hinüberging, waren wir allein. Waldhofer drang darauf, daß wir nicht erst lange in der Stadt bleiben, sondern bald zurückfahren möchten.

Was sollte ich tun? Mit schwerem Herzen mußte ich den Heimweg antreten. Vorher kaufte ich alle Rosen, die ich in einem Blumenladen auftrieb, und schrieb auf eine Karte an Marianne:

»Sie haben noch eine schwere Sünde zu verzeihen, – meine!«

Die Rosen und den Brief schickte ich ins Marienstift.

Dann fuhren wir heim. Heute erschien mir die Winterlandschaft öde. Es störte mich alles: die kahlen Baume, die zusammengeduckten Vögel, das hungernde Reh, das nahe am Wege stand und uns traurig ansah. Es war kalt, und die bereiften Telegraphendrahte summten melancholisch am Wege. –

Nachmittags versuchte mir Waldhofer die Zeit zu vertreiben. Wir spielten miteinander Schach, aber ich gab nicht acht. Da nahm er mich, halb mit Gewalt, mit hinab ins Dorf.

Wer einen kranken Gedanken hat, soll alles tun, nur nicht allein bleiben. Es ist wie mit den Zahnschmerzen. Die quälen am meisten in der Einsamkeit und im Dunkeln. So ungefähr sagte er. Da hatte er ja ganz recht. Aber Überwindung kostet's, mit so aufgeregter Seele zu fremden Leuten zu gehen und dort ruhig zu scheinen.

»Wir werden einmal zum Oberförster gehen,« sagte Waldhofer; »er ist in der letzten Zeit sehr schlecht von uns behandelt worden.«

Mit großem Widerstreben willigte ich ein; denn ich ahnte, daß der Besuch schlecht zu meiner Stimmung passen würde. Es kam auch bald so. Kurz vor der Brücke begegnete uns Susanne, des Oberförsters Wirtin.

»Nu, Susanne, warum weinen Sie denn so?«

Das Weiblein schluchzte herzzerbrechend.

»Rausgeschmissen hot a mich – furtgejogt – und ich – ich hob doch nischte gemacht – och jedit, jedit nee, nee –«

»Na kommen Sie mal mit zurück, Susanne!«

»Och nee, nee – ich trau mich ni – a schmeißt jitzt schon mit Stiefeln!«

Aber sie kam mit. Als wir uns dem Forsthause näherten, hörten wir jämmerliches Hundegeheul.

»Die Hunde priegelt a ooch ohne Sinn und Verstand, – a hot wieder amol a Koller,« erklärte Susanne.

Die Situation war so hervorragend komisch, daß ich auf mein Herzeleid vergaß. Der Oberförster mußte in einer fürchterlichen Gemütsstimmung sein.

»Und a Sternitzke Fritze hat a ooch nausgeschmissen.«

»Was? Den Jungen? Seinen Liebling? Nicht möglich!«

»Ja, der Herr hot sich in seiner Boost aus Versäh'n näben a Stuhl uff die Diele gesetzt, do hot der Fritze gelacht, und do hot a 'n nausgeschmissen.«

Jetzt mußte ich lachen, ob ich wollte oder nicht. Wir traten durch die Haustür.

»Na, Susanne, jetzt gehen Sie mal ganz ruhig rein und sagen Sie ihm, es käm' Besuch. Er wird Ihnen nichts tun!«

Das Weiblein fürchtete sich noch, aber auf Waldhofer hielt sie jedenfalls große Stücke, und so näherte sie sich der Stubentür, öffnete sie ein bißchen und sagte: »Herr Oberfäschter, 's kummt –« Krach, sauste ein Stiefel durch den Türspalt in den Hausflur, worauf Susanne kreischend die Flucht ergriff.

Endlich wagten wir uns in die Höhle des Löwen. Es sah fürchterlich aus darin. Alles war durcheinander geworfen, die verschiedenartigsten Gegenstände lagen wie explodierte Wurfgranaten auf dem Fußboden herum (darunter mein Weihnachtsgeschenk, der »Laokoon«), und er selbst, der Herr der edlen Behausung, saß mit einer wahren Donnerwettermiene am Tische, während in jeder der vier Stubenecken ein Hund winselte. Nur sein Lieblingstier hockte in gedrücktester Stimmung in seiner Nähe. Es war ein ergreifendes Stimmungsbild.

»Guten Tag, Gerstenberger; wir kommen mal im Vorbeigehen mit zu dir!«

Er grunzte irgend etwas Unverständliches. Wir setzten uns zu ihm, aber er sprach nicht; er gab uns nicht einmal Antwort. Da sagte Waldhofer: »Ich seh' schon, mit dir ist nichts anzufangen heute! Wir gehen auch gleich wieder. Nur einen Kognak kannst du uns geben; es ist kalt draußen.«

Da erhob er sich augenblicklich, räumte mit ein paar energischen Fußbewegungen nach links und rechts »die Stube auf«, holte dann eine Kognakflasche und zwei Gläser, die er in einer Wasserkanne eigenhändig ausspülte, und setzte alles schweigend vor uns hin.

Wir tranken.

»Es ist vorzüglicher Kognak,« sagte Waldhofer.

Da knurrte er.

»Ich kann mir wohl noch ein Gläschen nehmen?«

Da knurrte er wieder. Plötzlich stand er auf, holte ein drittes Glas, und nun trank er eins, zwei, drei, vier Gläser Kognak hintereinander. »Eine Schweinerei ist's,« knirschte er nach dem letzten Glase – »das ganze Leben!«

»Na hör' mal, lieber Freund, wegen einiger Verdrießlichkeiten ...«

»Verdrießlichkeiten!« Das war das rechte Stichwort für ihn.

Jetzt öffnete er die Schleusen seiner Beredsamkeit und fing an zu schimpfen, wie ich noch nie einen Menschen schimpfen gehört habe und wohl auch keinen mehr hören werde.

Die Objekte seines Zornes wirbelte er dabei in lieblichem Wechsel durcheinander: meine Person, die ein ganz heimtückisches und undankbares Subjekt sei; Waldhofer, der eingebildet und unaufrichtig wäre; Sternitzke, der der größte Esel unter der Sonne sei; den Fritz, die Susanne, die Hunde, den »Laokoon« der miserablen Quatsch enthielte, und dann immer alles wieder von vorn. Es war ergreifend.

Als er sich ausgetobt hatte, trank er zwei Kognaks zur Stärkung, und dann rief er nach Susanne.

Sie war nicht da. Nach dem letzten Attentate hatte sie jedenfalls es doch vorgezogen, ihr Leibliches in Sicherheit zu bringen. Also entledigte sich Gerstenberger in ihrer Abwesenheit einer ganzen Injurienliste gegen sie, die mit Rücksicht auf die weiblichen Leser hier nicht veröffentlicht wird, stieg dann selbst in den Keller hinab und schleppte eine solche Masse Weinflaschen herauf, daß mich ein Grausen überkam, als ich diese Batterie auffahren sah. So lieb und wert mir sonst ein edler Tropfen ist, heute hatte ich zu einem Gelage gar keine Lust. Und doch würde ich den guten Grobian ernstlich beleidigen, wenn ich ihm heute nicht Stange hielt.

Ich ging also zu den Weinflaschen, hielt eine genaue Musterung und wählte mir eine Flasche aus.

»Sie, was machen Sie denn da?«

»Ich such' mir die beste Flasche aus.«

»Ähä, beste Flasche! Ein bißchen frech, aber sonst sehr gut! Sagen Sie mal, wie kommen Sie denn dazu?«

»Das werde ich Ihnen gleich erklären! Sehen Sie, ich habe Kummer, großen ehrlichen Herzenskummer. Ja! Wirklich! Ich erzähle Ihnen später einmal davon! Jetzt bitte ich Sie, daß Sie mir's einfach glauben! Und wenn einem so zumute ist wie mir, da kann er eine große Kneiperei nicht mitmachen. Das geht nicht! Na, und so hab' ich mir nur die eine Flasche geholt. Mehr trinke ich nicht!«

»So, so, Kummer! Hmhm – Kummer – Herzenskummer. – Zeigen Sie mal die Flasche her! Das is nich die beste! Da is die Etikette gefälscht. Die is bloß für Gäste. Warten Sie mal! Nehmen Sie diese! Bei der is allerdings auch die Etikette gefälscht, aber da sind drei Kreuzel drauf, die taugt was. Das is mein Geheimzeichen! – Kummer haben Sie! – Das tut mir leid! – Ja, Tatsache! – Na, trinken Sie mal erst, mein Junge!«

Die Stimmung des Oberförsters schlug plötzlich um. Er trank wenig und sprach nicht mehr viel. Da erzählte ich ihm, daß Mariannens Vater von einer weiten Reise zurückgekommen und nun nahe am Tode sei, daß ich selber gar noch nicht wüßte, was aus Marianne und mir werden würde. Gerstenberger hörte teilnehmend und andächtig zu, und eine elegische Stimmung schien sich seiner zu bemächtigen.

Inzwischen wurde es dunkler in der Stube. Da sagte er: »Ich werd' Ihnen mal was aus dem Kriege von 70 erzählen – das hab' ich noch niemandem sonst erzählt. – Ich hab' nämlich auch mal 'n Mädel geliebt. Nich die Sternitzken, das war Mumpitz, ich war froh, wie sie der Sternitzke nahm. Sie is ja auch bald zwanzig Jahre jünger als ich. Wie gesagt, im Kriege ist's gewesen. Es war vor Paris. Ich war damals mit dabei. Gerade Feldwebel war ich geworden. Wir führten im ganzen ein Hundeleben. Es war kalt, unsere Quartiere waren schlecht, und wir mußten immer auf der Lauer sein. Na, Sie wissen, daß ich fürs Vaterland gern was tue; aber wie gesagt, es war ein Hundeleben. Da wurde ich eines Tages umquartiert. Ich hatte 'n kleinen Streifschuß erwischt und sollt's 'n bißchen besser haben. Na, also kam ich in ein französisches Gehöft. Es lag mitten in der Zernierungslinie, das is der Kreis, den die Deutschen um Paris geschlossen hatten. Es waren anständige, feine Leute. Es gibt überhaupt eine ganze Menge anständige Franzosen. Also, fliehen hatten sie nich gekonnt, weil die Frau krank war, und nu war ich mit so und so viel anderen bei ihnen einquartiert. Da war also ein junges Mädchen. Madeleine hieß sie; das heißt auf deutsch Magdalene. Ich kann Ihnen das nicht so beschreiben, aber sie war das beste Mädchen von der Welt. Die Leute hatten Vertrauen zu mir. Sie wußten, daß ich zu ihnen hielt und daß ich ihnen nichts passieren ließ, wenn mal 'n roher Kerl unter uns war. Na, französisch konnte ich bloß sehr mangelhaft, aber gesprochen habe ich immer mit dem Mädchen. Ich hab' ihr manchmal was zu Gefallen getan in der Hauswirtschaft. Mir war so wohl in dem Hause. Einmal – ja, also wie gesagt, einmal – ich kann's ja sagen – 's ist nichts dabei – also einmal, da hab' ich sie geküßt. – Na, weiter! – Die Pariser haben also dann einen Ausbruch gemacht. Wir hatten uns übertölpeln lassen. Es war da ein kleiner Berg zwischen uns und Paris. Das Kommando war gewechselt worden; da war aus Versehen mal kein Posten auf den Berg geschickt worden, und da haben die Franzosen in der Nacht 'ne Batterie oben aufgefahren. Am Morgen überschütteten sie uns mit Granatfeuer. Am Abend war alles wieder so weit in Ordnung, was den Berg anbelangt. Aber sonst! – Eine Menge von Kameraden war tot – unser Haus hatte ein klaffendes Loch – und – und Madeleine war auch tot. – Na ja, weiter! Mir hat damals auch Essen und Trinken nicht geschmeckt. Lange nicht! Am Kriege hatte ich keinen Spaß mehr, auch nicht am Viktoriaschießen. ›66‹ da bin ich ganz fidel aus dem Kriege nach Hause gekommen; aber ›70‹ nich. Wegen der Madeleine, wissen Sie! Es ist ja jetzt dreißig Jahre her, aber dran denken tu ich noch manchmal. Na, 's nutzt nichts. Man muß den Kopf nich hängen lassen. Wir werden jetzt noch eine Kreuzel-Flasche trinken. Das is ganz gut für solche Fälle.« – –

Es war finster, als wir nach Hause gingen. Alles in allem hatte mir der Besuch beim Oberförster gut getan. Ich dachte viel an den alten, originellen Kauz, der halt doch auch in seinem Leben einen Punkt hatte, zu dem in weichen Stunden seine Sehnsucht wallfahren ging.

Ich saß spät noch in meinem Bankettsaal. Das kleine Turmzimmer schloß ich auf, das nebenan war, und schließlich stieg ich hinauf auf den Turm. Es war tiefe Nacht. Nur ein paar Sterne glänzten, und weit am Horizonte war ein lichter Schein. Dort lag die Stadt. –

Am andern Morgen brachte mir Baumann einen Brief von Marianne. Ich öffnete ihn so hastig, daß ich das Briefpapier tief einriß. Sie schrieb:

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie haben nur die Wahrheit gesagt. Aber ich muß noch einmal mit Ihnen reden wegen des Vaters. Ich bitte Sie, daß Sie hierherkommen.

M. Soden

Ich überlegte, ob ich einen Schlitten bestellen solle. Das war zu umständlich und langweilig. Also schnallte ich die Schneeschuhe an und fuhr den Burgweg hinab. Der Winter war sehr schneereich, und ich fand auf den Feldern noch ausgezeichnete Bahn. Die Straße war zu glatt für das Ski. Ich fuhr sehr rasch, immer dem Wege nach. Zuweilen blieb ein Fußgänger stehen oder ein Fuhrmann halten, um mich neugierig zu betrachten. Im ersten Gasthause der Stadt gab ich meine Schneeschuhe ab und ging dann rasch nach der »Sonne«.

Der Assessor war nicht anwesend. Also schickte ich einen Boten nach dem Marienstifte mit meiner Karte, während ich im Zimmer des Assessors wartete. Ich kann sagen, daß meine Aufregung nicht geringer war als die am Sonntagmorgen. Die eigentliche Entscheidung kam erst jetzt. Ich machte wieder Pläne, was ich reden, wie ich mich verhalten solle. Mit Liebe wollte ich sie jetzt nicht quälen.

Sie kam. – Demütig blieb sie an der Tür stehen. Ich eilte ihr entgegen.

»Marianne! Hier müssen wir uns wiedersehen?«

Ich ergriff ihre Hand. Sie sah mich scheu an. »Ich habe Sie – ich habe Sie furchtbar beleidigt!«

Ich zog sie schweigend zu einem Stuhle. »Marianne, nun wollen wir einmal ganz ruhig mit einander reden. Sie dürfen sich nicht mehr so aufregen, Sie dürfen nicht, Marianne! Ich gebe zu, daß Sie mich gekränkt haben. Aber, als Sie's taten, waren Sie nicht mehr Herrin Ihrer selbst. Ich habe Sie auch beleidigt – so furchtbar beleidigt, wie man ein Weib nur beleidigen kann. Aber auch meine Aufregung war eben sinnverwirrend. Marianne, ist es nicht wie mit Ihrem Vater und Ihrer Mutter? Liegt nicht die Schuld auf beiden Seiten? Die Schuld, oder sagen wir besser, das Verhängnis? Und sollte da nicht auch auf beiden Seiten ein Verstehen und ein Verzeihen sein?«

Da weinte sie heftig. Ich zog ihren Kopf an meine Brust, und sie schmiegte sich fest an mich und umschlang mich mit beiden Armen. Allmählich glitt ich sacht an ihrem Stuhle auf die Knie und küßte sie lange und innig.

Dann lehnte sie sich im Sessel zurück und schloß lächelnd die Augen wie in einer süßen, müden Erstarrung. Ich hielt immerfort ihre Hand. Dann begann sie zu reden: »Ich habe noch vieles gut zu machen an meinem Vater. Sie wissen, wie ich ihn verurteilt, wie ich ihn geschmäht und gehaßt habe. Es ist alles anders, ganz anders! Die Mutter hat nicht recht getan; aber sie hat wohl nicht recht tun können. Ich mag keinen Menschen mehr verurteilen. Auch nicht die Mutter! Aber ein paar Briefe von meinem Vater bringe ich Ihnen. Ich muß ihn doch rechtfertigen, so gut ich kann.«

Sie gab mir ein kleines Paket.

»Lesen Sie das! Der Bruder kommt dann, dem geben Sie's wieder! Ich muß nun zurück. Es geht schlecht mit dem Vater. Leben Sie wohl – Sie Lieber!«

»Marianne, ich hab' noch eine Bitte! Darf ich das Buch Ihrer Mutter verbrennen?«

»Ja, tun Sie es!«

Langsam geleitete ich sie zur Tür. –

Ich war allein. Vom Fenster aus sah ich ihr nach, wie sie über den Markt ging. Alle Fasern des Herzens bebten mir vor Liebe.

Dann öffnete ich das Paket. Vergilbte Briefe lagen darin. Die abgegriffenen, halb zerrissenen Umschläge zeigten die Adresse der Frau von Soden, und alle den Vermerk: »Annahme verweigert.«

Ich öffnete den ersten Brief. Er war ein Jahr nach der Abreise Sodens geschrieben. Eine Stelle darin hieß:

»Elfriede! Jetzt endlich bin ich wieder bei mir. Jetzt endlich kann ich wieder arbeiten. Jetzt brauche ich kein Toter mehr zu sein für Euch! Jetzt wird es aufwärts gehen. Ich schicke Euch das erste Geld, das ich ersparte.«

Auch die übrigen Briefe sind Geldbriefe gewesen mit stets wachsenden Summen. Und ihr Inhalt wird immer sehnsüchtiger, immer flehender. Und immer eine schwere Sehnsucht nach den Kindern.

Alles ist ungelesen zurückgegangen!

Dann kommen Briefe mit anderer Handschrift. Sie sind an Herrn von Soden gerichtet. Einen Freund hatte er noch in Deutschland, der sollte Vermittler sein. Die traurige Ergebnislosigkeit dieser Vermittlungsversuche ist der Inhalt dieser zweiten Art Briefe.

Aus den Briefen geht ferner hervor, daß Frau von Soden, da ihr Mann schließlich die Wiedervereinigung erzwingen wollte, die gerichtliche Scheidung der Ehe durchgesetzt hat und daß ihr die Kinder zugesprochen worden sind. Ferner, daß Herr von Soden im Jahre 1888 nach Deutschland gekommen ist, um persönlich eine Versöhnung anzubahnen. Zum Unglück wurde seine Frau seine Ankunft gewahr und verschwand mit den Kindern spurlos aus der Stadt. Schließlich mußte er nach Amerika zurückkehren, um nicht seine jenseitige, mühsam geschaffene Position wieder zu verlieren. Bis dahin hatte sich – wie der Freund schrieb – die Frau mühselig von einem kleinen Zuschuß ihrer Eltern, durch Stickereien und kleine literarische Arbeiten ernährt. Später nach ihrer Umsiedlung nach der Großstadt hatte sie Pensionäre. Von dem Glücksumschwung durch die Erbschaft der Tante war in den Briefen nicht die Rede.

So lagen die Verhältnisse. Und nun setze sich ein Mensch auf den Richterstuhl und spreche Recht! Und nun nehme einer den ersten Stein und werfe ihn nach links oder rechts!

Der Assessor kam. Der Zustand des Vaters verschlechterte sich von Stunde zu Stunde. Das Fieber war ungewöhnlich hoch. Seit dem frühen Morgen phantasierte der Kranke. Er sprach auch in seinen Fieberträumen von seiner Frau.

Ich hielt den Assessor nicht lange auf, holte mir meine Schneeschuhe und fuhr nach Hause.

Gegen Abend hieß ich Baumann im Ofen ein frisches Feuer anzünden.

Als ich allein war, schloß ich den Schub auf und nahm das rote Buch heraus – das Schuldbuch Friedrich von Sodens. Eine Weile noch stand ich still und holte tief Atem. Ich stand im Begriff, ein Lebenswerk zu vernichten. Aber dann zögerte ich nicht länger. Mit fester Hand riß ich das Buch mitten durch. Wie das rauschte in dem weiten Saale! In viele Teile zerriß ich's.

Ich öffnete den Ofen. Die goldenen Kohlen glühten und gleißten und schimmerten begehrlich. Das Feuer warf einen roten Schein auf mich.

Und so legte ich einen Teil des Buches nach dem andern in das Feuer. Das Papier loderte auf und zerfiel rasch in Asche.

In derselben Nacht, als ich das Buch verbrannte, ist Friedrich von Soden gestorben. >

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