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Waldwinter

Paul Keller: Waldwinter - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleWaldwinter
illustratorProf. Wilh. Poetter
publisherBergstadtverlag
series284. - 293. Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectida2189526
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Weiter!

Ein Horn tönt. Dann eine Menschenstimme.

»Hallo! Hallo!«

Rettung! Wir fahren empor.

»Marianne, da sind Menschen!«

Sie starrte mich an, wie geistesabwesend.

»Sei ruhig, ruhig, daß sie uns nicht finden!«

»Du willst wirklich sterben, Marianne?«

»Ich muß ja, nach allem jetzt! – Und sonst muß ich dich verlieren! Sei nur ganz still!«

»Marianne, wir wollen leben! Wir müssen leben! Wir können uns nicht feige dem Tode ergeben, jetzt, wo eine Aussicht ist! Du wirst mein sein, mein bleiben, auch wenn wir leben!«

»Nein, nein! Rufe nicht, Geliebter!«

»Ich rufe! Ich will leben, mit dir leben, du mußt!«

»Ich muß nicht! Lebe allein!«

Sie will fliehen. Ich halte sie.

»Hallo! Hallo! Hierher! Hierher!«

Sie ringt mit mir.

»Lassen Sie mich los!«

»Hallo! Hierher! Hierher!«

»Lassen Sie mich los! Ich befehle es Ihnen! Ich will nicht!«

»Hierher! Hierher!«

»Hilfe kommt! Wir kommen! Wo sind Sie?«

»Hier! Hier! Hier!«

Indessen liegt Marianne hilflos in meinen Armen.

»Hierher! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

»Hilfe kommt!«

Eine Riesengestalt taucht auf im Nebel. Geisterhaft kommt sie näher. Ein paar Sekunden noch, und ein fremder Mann steht neben mir. Es ist ein Gebirgler auf Schneeschuhen.

»Wir suchen einen Herrn und eine Dame, die vom Petzer kommen. Das sind Sie wohl?«

»Jawohl! Helfen Sie mir! Die Dame ist ohnmächtig!«

Wir legten Marianne auf unsere Schneebank. Der Gebirgler reibt ihr die Stirn und die Schläfe mit Schnee; ich versuche, ihr ein wenig Wein einzuflößen.

Da kommt sie zu sich. Mit entsetzten Augen starrt sie uns an.

»Zurück!« ruft sie.

»Marianne, kommen Sie zu sich. Es ist Hilfe gekommen.«

Da richtete sie sich auf und besinnt sich schwer.

»Kommen Sie!« sagt sie hastig.

»Marianne!«

Das sage ich mit warmer, inniger Stimme. Ich suche ihre Augen. Da blickt sie mich an, streng, gleichgültig. Der Gebirgsmann befestigt uns die Schneeschuhe an den Füßen. Dabei erzählt er. Waldhofer, der Assessor, Ingeborg und auch der Oberförster waren wegen des drohenden Nebels zeitig nach der Prinz-Heinrich-Baude gekommen. Da langte dort im Laufe des Nachmittags eine telephonische Nachricht des Koppenwärters an, ein Herr und eine Dame, die am Abend mit einer anderen Reisegesellschaft in der Prinz-Heinrich-Baude zusammentreffen wollten, seien von der Schneekoppe auf Schneeschuhen nach dem Petzer hinunter. Sie hätten dann über Geiergucke, Wiesenbaude weitergewollt. Beide seien ohne Führer, und da der Nebel drohe, könnten sie leicht in Gefahr kommen.

Der Umsicht dieses Mannes dankten wir unsere Rettung. Angst hatte die Unsrigen ergriffen, und zwei geschickte Gebirgs- Skiläufer hatten sich erboten, nach dem Petzer hinzufahren und uns zu suchen. Zum mindesten sollten sie sich überzeugen, ob wir noch im Petzer seien. Sie hatten ein Horn mitgenommen und in kurzen Zwischenpausen geblasen und gerufen. Der eine war nun bei uns, der andere war auf dem markierten Wege geblieben. Dessen Zurufen folgten wir jetzt und waren bald bei ihm.

Nicht fünf Minuten weit waren wir vom markierten Wege weggewesen, und nach weiteren zehn Minuten waren wir schon in der Wiesenbaude.

Wir klopften den Wärter heraus und wurden von ihm freundlich aufgenommen.

Hinter einem Tisch saß Marianne. Ich ging in großen Schritten auf und ab. Die Führer hatten eine Stärkung zu sich genommen. Bald wollten sie weiter, um den Unseren Nachricht zu geben.

Marianne erhob sich.

»Ich komme mit!«

»Nein, wir bleiben hier!«

»Ich nicht!«

Die Führer meinten, sie könnten die Dame nicht mitnehmen; sie sei zu angestrengt.

»Gut! Dann fahren Sie! Ich komme dann allein nach.«

Ich ergriff ihre Hand.

»Marianne! Können Sie mir eine Bitte erfüllen?«

»Nein!« »Es ist zu viel!«

»Mir nicht!«

»Waldhofer und Ihr Bruder werden noch heut abend herüberkommen.«

»Das ist gleich!«

So brachen wir alle auf, nachdem wir uns noch um ein weniges verzögert hatten. Es war abends sieben Uhr. Als wir aus der tiefverschneiten Gebirgsbaude herauskamen – schienen Mond und Sterne. Der Kamm lag in hellem, silbernem Glanze. Nur die Ferne und die Täler waren dunstig.

Und nun ging die Fahrt weiter durch die lautlose Nacht. Marianne fuhr mit dem ersten Führer voraus; ich folgte mit dem zweiten.

Ich wollte immer nachdenken, was ich heute alles erlebt hatte, nachdenken über den großen Zwiespalt in Mariannens Seele und über die nächste Zukunft.

Ich konnte es nicht. Ich war zu müde.

Wann wir in der Prinz-Heinrich-Baude eintrafen, weiß ich nicht. Gar zu lange sind wir nicht gelaufen; dennoch erschien mir der Weg sehr weit. Ich weiß nur noch, daß die kleine Ingeborg laut weinte vor Freude, als sie uns sah, und daß der Oberförster mich schimpfend in seine Arme schloß.

Wir verschmähten beide Essen und Trinken, und bald lag ich in todähnlichem Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte ich gegen sieben Uhr. Aber erst lange nach acht Uhr verließ ich das Bett. Ich mußte mir wenigstens über die Hauptsache klar sein, ehe ich mit Marianne und den anderen wieder zusammentraf. Marianne liebte mich, sie liebte mich so sehr, daß sie mit mir sterben wollte. Aber sie wollte nicht als mein Weib mit mir leben.

Unermessenes Weh erfaßte mich. Nun wußte ich, wie süß sie war, wußte, daß sie mich liebte von Anfang an, sah keinen einzigen vernünftigen Grund ein, der uns hätte trennen müssen, und sollte doch die Geliebte aufgeben.

Ich versuchte das Rätsel zu lösen, ich grübelte immer darüber, wie schnell ihre Stimmungen wechselten. Es gelang nicht, mir klar zu werden. Ihre Mutter! Jawohl ihre Mutter mochte einen Einfluß auf sie gehabt haben – riesengroß. Aber sie war tot! Sollte die Macht der Erziehung größer sein als die der Liebe! Ich konnte es nicht glauben. Diese fürchterliche Frau! Sie war die Feindin meines Glückes! Mit ihren wehen, ungläubigen, vergrämten Augen schaute sie auch jetzt noch in die Seele der Geliebten mit einer Kraft, die den Willen des Mädchens lähmte und all ihre Sehnsucht ertötete. Ich sprang aus dem Bette und kleidete mich an. Unten im Hausflur traf ich Waldhofer.

»Der Assessor und Fräulein Marianne möchten Sie sprechen. Da hinein – ich sorge dafür, daß Sie ungestört bleiben.« Es war ein kleines Gastzimmer, in dem ich beide traf. Marianne stand am Fenster mit bleichem Gesicht.

Der Assessor kam mir entgegen und reichte mir die Hand.

»Meine Schwester sagte mir, daß Sie mich in einer ernsten Angelegenheit zu sprechen wünschten.« Diese Absicht hatte ich gehabt, ehe mir Marianne sagte, daß sie mich liebe. Da wollte ich mit dem Assessor reden, Abschied nehmen von ihm und Waldhofer. Jetzt nicht mehr! Sie wünschte mich aber auf den Standpunkt des abgewiesenen Freiers zurückgestellt zu sehen. Das verletzte mich, ich wurde kalt, und ein nervöser Groll kam über mich. Ich faßte mich langsam, dann sagte ich:

»Jawohl, Herr Assessor. Ich glaubte, Ihnen als dem älteren Bruder des gnädigen Fräuleins eine Erklärung schuldig zu sein. Ich – ich habe Ihrem Fräulein Schwester in aufrichtiger, männlicher Ehrlichkeit mein Herz offenbart und sie um ihre Hand gebeten und bin zurückgewiesen worden. Das ist das, was ich Ihnen sagen wollte.«

Da sah er auf seine Schwester und kam mir dann mit weithingestreckten Händen entgegen. »Lieber, verehrter Freund! Was soll ich sagen? Eines kann ich Ihnen ehrlich sagen: Es tut mir weh, daß es so gekommen ist. Ich persönlich wäre sehr glücklich, wenn es anders wäre. Aber meine Schwester ist ihre eigene Herrin. Ich kann da nichts tun – nichts!«

»Ich wollte Sie nicht um Ihre Vermittlung anrufen, Herr Assessor. Ich weiß, daß diese ganz nutzlos sein würde trotz all Ihrer wohlwollenden Gesinnungen für mich. Ich wollte Ihnen nur eine Erklärung für meine Abreise geben.«

»Sie wollen fort von uns?«

»Ja, jetzt bald! Sie begreifen das wohl.«

»Und nach dem Waldhofe wollen Sie nicht mit zurück?«

»Nein. Herr Waldhofer wird mir meine Sachen von dort zuschicken. Leben Sie wohl, Herr Assessor!«

»Doch nicht so plötzlich – so auf der Stelle!«

»Ja, auf der Stelle! Ich habe nichts mehr zu suchen hier.

Und dann – ich bin ganz ehrlich – was soll ich mir die Qual verlängern?«

Da kam Marianne hastig auf mich zu. Sie klammerte sich fest an meinen Arm. Mit erstickter, flüsternder Stimme sagte sie zu ihrem Bruder in tiefster Erregung:

»Aber eins hat er verschwiegen – eins – die Hauptsache – die Hauptsache – ich – ich liebe ihn auch – mehr als er mich, er kann nicht lieben, ohne zu wünschen – das ist's – nicht lieben, ohne sein Glück dabei zu suchen – ich – ich liebe ihn, wenn ich sterbe – ich hab's ihm gesagt – ich habe ihn geküßt – ich wollte sterben, aber er wollte leben!«

Erschöpft ließ sie mich los. Der Bruder geleitete sie nach einem Stuhle.

Und ich – aufschluchzend fiel ich vor ihr nieder und verbarg mein Gesicht in den Falten ihres Kleides. Ich wußte nicht mehr ein noch aus. Als wir zu uns kamen, waren wir allein. Sie sah mich an.

»Wir werden uns trennen – wir müssen uns ja trennen. Aber nicht jetzt! Erst, wenn wir ruhiger geworden sind! Jetzt würde ich verzweifeln! Gehen Sie nicht fort!« »Nein, nein! Ich gehe nicht von dir, Marianne, nachdem du mir so bekannt hast. Ich gehe nicht von dir mein Leben lang – auch wenn du mir nicht gönnest, dich zu besitzen!

Da legte sie mir die weichen Hände auf das fiebernde Haupt.

»Eine Liebe dürfen wir haben – die Liebe ohne jeden Wunsch! Ich darf dich lieben, und du darfst mich lieben! Aber ich kann dir weder die Geliebte sein, noch Gefährtin noch das Weib! Dann würde das Glück aus sein!«

Ich küßte ihr die Hände. Dann ließ ich sie allein. Auf mein Zimmer ging ich hinauf. Ich öffnete das Fenster und sah in die Schneelandschaft hinunter. Es war ein ganz klarer Tag. In der Ferne sah ich die Waldenburger Berge und den alten, ehrwürdigen Zobtenberg. Das sind die Berge meiner Heimat.

Dort unten war ich ein Kind. Ein übermütiger, phantastischer Knabe. Der hatte keinen kranken Gedanken.

Kranke Gedanken!

Ich erschrak.

Wenn Marianne krank wäre!

Die Schwester ihrer Mutter war geistig umnachtet, und ihre Mutter selbst –

Mariannens Mutter war wahnsinnig gewesen!

Das steht mir plötzlich und lichtscharf vor der Seele wie ein Blitz. Sie war wahnsinnig gewesen!

Nein, daran war kein Zweifel! Alles, was ich von ihr wußte, bestätigte es. Der jahrzehntelange, schmerzliche Groll, den sie gegen den Gatten hegte, war nicht normal. Jedes Gefühl stumpft sich doch einmal ab. Das ihrige nicht, es wuchs mit den Jahren an Heftigkeit. Es war eben Wahnsinn.

Aber Marianne?

O Gott, wenn sie das von ihrer Mutter geerbt hätte! Das ganze Verhalten war doch krankhaft! Sie war so wankelmütig; sie überschüttete mich jetzt mit Liebe und stieß mich gleich darauf von sich.

Aber nein, das war ausgeschlossen! Sie war längst geboren, als bei der anderen der Wahn ausbrach. Sie war ein so hochbegabtes Wesen. Es war Unsinn, zu denken, daß in ihrer Seele eine Störung läge.

Ich sinne und sinne, grüble, konstruiere und bilde mit viel Mühe eine Lösung – mir selbst zum Troste. Wenn ein junges Wesen an eine Wahnsinnige gefesselt ist alle Tage des Lebens, nicht bloß gefesselt durch äußere Lebensverhältnisse, sondern auch durch die Bande der Liebe und des Blutes, und wenn durch die ganze Jugendzeit immerfort das eine furchtbare Lied der Klage und des Hasses tönt, muß da nicht die junge Seele befangen werden von Vorurteilen, von einer Angst, die stärker ist als alle anderen Gefühle?

Über Mariannens Seele lag Winterfrost – war immer Winter gewesen. Winter mit wenig Licht, wenig Glanz und künstlicher, falscher Wärme. Nun sie den Frühling ahnte, ergriffen sie ängstliche Schauer. Vor seiner Sonne zuckten die lichtentwöhnten Augen zusammen; seine freie, starke Luft machte sie müde, krank, melancholisch. Hinter den Türen ihrer engverwahrten Klause lugte sie ins Weite wie ein verbanntes Königskind und hatte eine glühende Sehnsucht hinaus, aber doch keinen Mut hinauszugehen für immer.

Sie war nicht feige. Einmal war sie hinausgesprungen, weil sie glaubte, das Licht und der Duft würden sie töten; aber als sie nicht getötet wurde, als sie draußen leben sollte – faßte die Angst das verschüchterte Kind, und sie ging zurück in die Kammer ihrer Einsamkeit.

Da gab es nur ein Mittel! Der Frühling draußen durfte nicht aufhören. Sonniger, schöner mußte es werden Tag für Tag. All ihre blinden Fensterlein mußte er vergolden; dann würde sie sich an das Glück gewöhnen, dann würde der Morgen kommen, wo sie mit leuchtenden Augen und mit ruhigem Fuße hinaustreten würde aus dem Winter ins Lichte.

So tröstete, so belehrte, so beruhigte ich mich selbst, und der furchtbare Zweifel legte sich.

Ich sah wieder in die Ferne.

Du geliebte Heimat! Ihr teuren schlesischen Berge, an deren blauen Kuppen meine Kinderaugen hingen, so mußte mir von euch die Erleuchtung kommen! An die geraden, schlichten Wege meiner Kindheit mußte ich denken, um einen Ausweg zu finden aus den Wirrnissen meines jetzigen Lebens!

Tiefe Rührung überkam mich, und ein Gelübde machte ich im stillen Herzen: Immer, wenn mir einmal ganz bange sein würde, wollte ich eine Wallfahrt machen, eine Wallfahrt nach der Heimat.

Ich faßte einen Entschluß. In das kleine Gastzimmer ging ich zurück, in dem ich vorhin mit Marianne und dem Assessor gewesen war.

Marianne war noch allein. Am Fenster saß sie. Als ich eintrat, sah sie mich angstvoll-fragend an.

Ich trat zu ihr und ergriff ihre Hände.

»Fräulein Marianne, jetzt wollen wir einmal ganz ruhig und besonnen miteinander reden! Ich habe mir alles überlegt und bin zu einem Entschluß gekommen.«

»Sie wollen doch nicht fort?«

»Nein! Das könnte ich gar nicht mehr. Es ist etwas ganz anderes. Sie wissen, wie ich Sie liebe, und die Qual und Angst, in die ich Sie gestürzt habe, erschüttern mich. Sie haben recht. Die Liebe muß stärker sein als unser Verlangen nach Glück. Das eine Glück bloß wollen Sie mir noch auf ein paar Wochen gönnen, daß ich in Ihrer Nähe sein darf. Sonst verlange ich nichts!«

»Wäre es Ihnen möglich? Liebe ohne Wunsch?«

»Es wird mir möglich sein! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben, daß ich Sie aber auch nie mehr bitten werde, mein Weib zu werden.«

Da sprang sie auf. Der Mund öffnete sich ihr, und ihre Lippen zuckten.

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie stammelnd.

»Es ist mein Ernst und Sie haben mein Wort!«

»So könnten wir glücklich und friedlich nebeneinander leben?«

»Das hoffe ich bestimmt!«

»O Geliebter!«

Ehe ich es hindern konnte, küßte sie mir die Hand. Das Herz pochte mir wild, als ich so mein letztes, größtes und gefährlichstes Experiment einleitete, aber ich zwang mich zur Ruhe.

»Und nun wollen wir ganz ruhig sein, nicht wahr? Es ist auch wegen der anderen. Sie dürfen nicht wissen, was zwischen uns vorgefallen ist.«

»Ich will ganz ruhig, ganz vernünftig sein!«

Der Assessor trat ein, und Marianne verließ uns. Mit dem Assessor sprach ich aufrichtige, ernste Männerworte. Meine Vermutung über seine Mutter bestätigte er. Aber nur er habe um den traurigen Geisteszustand der Mutter gewußt. Nicht die Schwester. Die habe von dem heimlichen Irrsinn der Mutter nichts geahnt; sie habe sich vielmehr – leider! – in den Ideenkreis der Mutter hineingelebt.

Wir sahen uns in die Augen und zuckten beide erschreckt zusammen. Jeder wußte, was der andere geheim dachte.

Da sagte nach einer Pause der Assessor schwer beklommen:

»Nein, das fürchte ich nicht – das nicht – denken Sie mal, das wär' ja entsetzlich! – Nein, sie ist ja so klug – sie ist nur befangen – schwer befangen – gelt nein, Sie halten Sie doch auch nicht für krank?«

»O Gott, nein – sie ist ja das herrlichste Mädchen, das ich je kennen gelernt habe. Und wenn sie befangen ist, muß es eine Erlösung geben. Es muß!«

Ich entwickelte ihm meine Pläne, und er reichte mir die Hand.

»Wenn Ihnen jemand von Herzen heiß Glück wünscht, so bin ich's.«

Endlich saßen wir nach so vielen Stunden der Aufregung wieder in der allgemeinen Tafelrunde. Es wurde mir gewaltig schwer, Ruhe zu bezeigen, aber es gelang leidlich. Indessen standen schon die Hörnerschlitten für uns bereit, die uns ins Tal hinab nach Krummhübel schaffen sollten. Noch einmal ließ ich den ganzen Zauber des winterlichen Gebirges auf mich wirken. Vor der Baude schaute ich hinab nach dem vereisten großen Teiche, dessen steile Uferhänge groteske Schneebildungen zeigten. Von Osten drüben winkte die Schneekoppe herüber.

Da stand plötzlich Marianne neben mir.

»Was waren das für Tage hier oben!« sagte sie leise.

»Wünschen Sie, daß wir nie hergekommen wären?«

»O nein! Es muß wohl so sein! Und ich habe doch so viel gewonnen. Es ist hier oben ganz anders als dort unten.«

»Der Friede in der Burg und die Stille werden Ihnen jetzt wohltun, Marianne.« »Ja, ich freue mich darauf – deshalb, weil Sie dableiben. – Wenn Sie gegangen wären –«

Sie brach ab. Die Hörnerschlitten kamen. Wir stiegen ein.

In langsamer Fahrt ging's den Mittagsteinen zu und dann hinunter über die Schlingelbaude nach Bahnhof Krummhübel. a name="page 289" title="Krisch/Ralf55" id="page289"> >

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