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Waldnovellen

Julius Stinde: Waldnovellen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleWaldnovellen
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1890
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Bruder Johannes.

So weit das Auge reichte, dehnte sich das Meer. Bis fast an das Ufer erstreckten sich dichte Eichen- und Buchenwälder. Nur an einer Stelle wurde der Wald von einer schmalen, weißsandigen Düne unterbrochen, die einen großen See von dem Meer trennte. Nicht weit von dem See erhob sich ein großes thurmloses Gebäude in gothischer Bauart. Das war die Klosterkirche. Breite Gräben umgaben die Kirche, so daß sie wie auf einer Insel lag. In ihrer unmittelbaren Nähe befand sich das eigentliche Kloster, zwei schmucklose Gebäude mit ärmlichen Zellen, von hohen Mauern umgeben, als sei das Kloster ein trübes, hoffnungsloses Gefängniß.

Die meisten Zellen standen leer; ihre früheren Bewohner schliefen auf dem kleinen Kirchhof den letzten Schlaf. Kein Denkstein bewahrte ihren Namen: sie waren todt, ebenso vergessen, wie zu der Zeit, da sie noch lebten.

Einer der Mönche lag in der engen Zelle auf dürftigem Lager; sein letztes Stündlein war gekommen. Ihm zu Häupten hing ein Crucifixus aus Elfenbein, gar künstlich geschnitzt, an einem Stamm von schwarzem Ebenholz. Zu seinen Füßen saß ein älterer Mönch, der theilnahmlos auf den Sterbenden blickte. Auf dem Steinboden der Zelle, auf dem schmalen Raum, den die Lagerstatt übrig ließ, knieten ferner zwei Mönche und murmelten die vorgeschriebenen Sterbegebete des Ordens. Ueber der Thür der Zelle war ein mit Eisenstäben vergittertes Luftloch angebracht, das ein wenig Luft und ein wenig Licht von dem äußeren Gange einließ. Im übrigen erleuchtete eine kleine Oellampe das ärmliche Gelaß.

Der auf dem Lager ruhende Mönch hatte die Augen geschlossen und glich einem bereits Gestorbenen. Die tiefdurchfurchten Wangen waren eingefallen und hatten die weißgelbe Farbe des Wachses angenommen; ein dichter grauer Bart bedeckte das Kinn. Bekleidet war er mit einer graufarbenen Kutte, während eine wollene Decke die Füße einhüllte. Dem Kranken war dieser Luxus vergönnt, wogegen die Ordensregel dem Gesunden nur eine Streu von dürren Blättern in der Bettstatt aus unbearbeitetem Holze erlaubte.

Der Kranke öffnete die Augen. »Wasser!« bat er.

Ihm wurde das Verlangte gereicht. Der eine von den beiden knieenden Mönchen war aufgestanden und stützte den Trinkenden, während er ihm einen kleinen Zinnbecher an die Lippen führte. Die Lampe beleuchtete das Antlitz des Hülfespenders. Es waren schön geformte, jugendliche Züge; um die Lippen kräuselte sich ein blonder, lockiger Bart, lange dichte Wimpern beschatteten die Augen – milde Augen von tiefem Blau.

»Hab' Dank, Bruder Johannes,« flüsterte der Kranke, nachdem er getrunken. Dann sagte er nach einer Weile: »Ziehe das graue Gewand wieder aus, es macht Dich doch nicht selig. Genieße Dein Leben besser als ich. Das Leben ist schön – der Tod ist schrecklich.«

»Er redet irre,« sagte der Mönch, der an dem Fußende des Lagers saß.

»Nein, nein,« rief der Kranke. »Ich weiß, was ich sage. Ich sehe vor mir ein Nichts, und hinter mir eine frohe Zeit. Die ist vorbei und Alles ist zu Ende. Gebt mir Luft, nur Luft, das ist das Einzige, was ich verlange.« Es wurde ihm schwer Athem zu holen. »Nun ist es aus,« rief er und brach zusammen.

Bruder Johannes hielt ihn noch in seinen Armen, der Mönch aber war gestorben. »Er ist hinübergegangen,« sagte er und ließ den leblosen Körper auf das ärmliche Lager sinken.

»Es ist noch Tag,« sagte einer der Mönche. »Laßt uns gehen und sein Grab bereiten.«

Die drei Mönche verließen die Zelle und begaben sich auf den Kirchhof. Rüstig schafften sie mit Hacke und Schaufel. Keiner sprach ein Wort. Als das Grab tief genug war, kehrten sie zurück.

»Eine Messe sind wir dem Todten schuldig,« sagte Bruder Johannes.

»Wer bezahlt sie?« entgegnete der Aelteste von den Dreien, Bruder Ambros, der in der Zelle die Gebete gesprochen hatte. »Niemand kommt, um zuzuhören, Niemand bringt uns ein Almosen. Ich gehe morgen in die weite Welt, verhungere hier, wer Lust hat.«

»Ich gehe mit Dir,« antwortete der Andere. »Und wo bleibst Du, Johannes?«

»Hier,« war die Antwort.

»Sei nicht thöricht,« sagte Ambros. »Die alte Herrlichkeit ist vorbei, der Wittenberger hat sie uns verdorben, sein Anhang mehrt sich von Tage zu Tage. Wir sind die letzten von der frommen Schaar und haben statt aller Rechte, die man uns genommen, vom Herzog nur die traurige Erlaubniß erhalten, hier auszusterben, hier, wo unser Orden einst mächtig herrschte. Wo ist unser Ansehen geblieben, wo sind die Zeiten, in denen man uns ehrte? Nicht so viel Wein ist im Keller, daß wir den Sterbenden mit einem Trunk erquicken konnten, ihn, der einst der Frohste beim Gelage war. – Dich bindet kein Gelübde, Johannes. Du kamst zu uns, als schon verboten war, neue Brüder aufzunehmen. Wäre nicht am Tage Deines Kommens einer der Unsern dahingegangen, Du hättest keinen Platz gefunden.«

»Ich weiß,« antwortete Johannes, »daß ich für den gelte, der starb, als ich kam. Laßt das Vergangene ruh'n – ich bleibe.«

»Und wir gehen,« lautete die Antwort. »Wenn Du ein Thor sein willst, so thue, was Dir beliebt. Nun aber gehe auch und halte die Wache bei dem Todten. So will es die Regel.«

Bei diesen Worten warf Ambros dem andern Mönch einen kurzen Blick zu, den dieser sogleich auffaßte.

Johannes ging in das Kloster, die andern aber schritten der Kirche zu. »Wir werden die Messe lesen,« rief ihm Ambros nach.

Die Beiden gingen in die Kirche; Ambros schloß die Thür von innen ab. »Nun sind wir allein,« sagte er, »und morgen draußen in der Welt. Folge mir!«

»Willst Du die Messe lesen?« fragte der andere Mönch.

»Wer denkt jetzt an solche Thorheit, Severus! Wir sind die Erben des Klosters, das Letzte ist unser.« Er schritt auf den Chor zu und öffnete einen Schrank. »Das ist Gold, das soll uns nützen,« sagte er und deutete auf zwei Kästchen, die in dem Schrank standen.

»Um alle Heiligen!« rief der Andere. »Willst Du Dich an den Reliquien vergreifen?«

»Den Inhalt lassen wir hier, nur die Schale nehmen wir mit. Hat man uns die Klostergüter genommen, unsere Gerechtsame, unsere Macht – wohlan, so sorgen wir, daß nicht Alles in fremde Hände gelange.« Er brach die Kästchen auf, schüttete den Inhalt aus und drückte sie zusammen. »Hier ist ein verrosteter Nagel, nimm ihn und brich die Juwelen damit aus.«

Severus zauderte, aber nach Kurzem that er, wie ihm geheißen. Ambros hatte ihm eine Kerze zur Seite gestellt, damit er sehen konnte, was seine Hände schafften. In kurzer Zeit glichen die zierlichen Schreine aus Gold- und Silberblech unförmlichen Klumpen, und die bunten Steine und Glasperlen, einst von kunstreicher Hand dem Ganzen zur Zierde eingefügt, lagen in einem Häufchen beieinander.

»Nun wollen wir theilen,« sagte Ambros, und legte bald ein Stück auf diese, bald auf jene Seite.

»Die Haufen sind nicht gleich,« begann Severus, nachdem er eine Weile beobachtend zugesehen hatte. »Theile redlich.«

»Nicht anders als jetzt.«

»Ich rufe Johannes, wenn Du mich betrügen willst.«

»Lass' den Narren, er verdirbt Alles.«

»Entweder – oder,« rief Severus und stand auf, »ich gehe.«

In demselben Augenblick erhob sich auch Ambros. Rasch erfaßte er den schweren Leuchter und führte einen gewichtigen Schlag nach dem Schädel seines Genossen. Ein schwacher Schrei und Severus stürzte zu Boden.

Das Licht war erloschen und tiefe Finsterniß herrschte in dem weiten Raum der Kirche. Nur die schwache Flamme des ewigen Lämpchens, das vor dem Tabernakel hing, glänzte wie ein einsamer Stern.

Ambros raffte im Dunkel das geraubte Gut zusammen und barg es, so gut es ging, in seinem Gewände; leise öffnete er darauf die Thür und floh in die Nacht hinaus.

Als Johannes gegen Mitternacht in die Kirche trat, da er die Zellen der Beiden leer gefunden, erblickte er den Bruder Sever todt neben dem Altar. Er leuchtete ihm in's Antlitz; umsonst, kein Fältchen regte sich, das Leben war entschwunden, nur die Wunde an der Schläfe sprach zu ihm, und als er auf dem Boden etliches Geräth entdeckte und ein Häuflein Edelsteine, da ward ihm klar, daß eine Unthat geschehen.

Er rief dem fehlenden der Mönche. »Ambros,« rief er, erst leise, dann lauter: »Ambros! Ambros!« Keine Antwort ward ihm, als das unheimliche Echo, das erst laut nachhallte und dann schwach und schwächer sich in den hohen Spitzbögen verlor und wie unwillig murmelnd über die Störung verschwand.

»Das Verderben ist über uns gekommen,« sagte Johannes zu sich selber. »Ich fühle Deine Hand, Gott im Himmel, Dein Gericht naht sich mir. Es geschehe Dein Wille, denn ich bin schuldig.« Er setzte sich auf die Stufen des Altars und barg das Haupt in den Händen.

Vor seinem inneren Auge zog die Vergangenheit vorüber, eine fröhliche, glänzende Zeit und eine trübe, häßliche. Er sah sich einhergehen auf dem Markte zu Lübeck in reicher Tracht aus seidenem Zeuge. Reich gestickt war das Wamms mit Goldfäden und Perlen, an der Seite trug er ein zierliches Dolchmesser, an dessen Griff Edelsteine glänzten. Spitze Schuhe umschlossen die Füße, und auf dem Barett, welches das Haupt bedeckte, wallten kostbare Federn, aus fernem Lande hergebracht. Er durfte stattlich einhergehen, denn er gehörte einer edlen Familie an, der Macht in der großen Stadt zustand, und wenn er that, wie ihm gut schien, so schützte ihn das Ansehen der Seinigen vor Strafen und dem Gesetze. Daher kam es, daß er die Satzungen mißachtete, die zum Wohle der Stadt gegeben waren, und in manchen schlimmen Handel verwickelt wurde. Als er es aber so weit trieb, daß schonende Milde nicht mehr ausreichen konnte, als er unehrlich gemacht werden sollte auf öffentlichem Markte, floh er von dannen. Es wurde aber sein Andenken vernichtet, und dem Manne, der ihm das Leben gegeben, brach die Schande des Sohnes das Herz. – Jedes seiner Jugendjahre kam und sagte ihm etwas. Einige huschten leicht und rasch vorüber wie Schwalben, wenn sie tief herunter schießen und im Fluge ein Insect haschen; etliche aber wollten gar nicht weichen, die blieben bei ihm, er brauchte sie nur anzusehen, dann wußte er Alles, was sie ihm hätten sagen können – es waren die letzten Jahre, die tollen, die bösen, die den gleißenden Flitter verloren hatten, der sie einst so schön gemacht. Sie waren so grau wie sein jetziges Gewand, so schrecklich wie sein ödes Leben, so quälend wie sein Gewissen. Er schrie laut auf in namenloser Angst, in unsagbarer Verzweiflung. Er rang nach Trost, aber Niemand war da, der vermochte, ihm den zu geben. Die Lebenden hatten es nicht gekonnt, und der Todte, der vor ihm lag, war stumm, wie die geschnitzten Figuren an dem Altare. – Kein Trost.

Damals, als er die blühende Stadt und das glänzende Leben verlassen hatte, als er allein war, getrennt von den Freunden, irrend, ohne Schutz, als er aus dem Taumel aufwachte, der ihn befangen, da suchte er Ruhe, Erlösung aus der Angst, die sich von Stund' an zu ihm gesellt hatte. Er mochte das Wort nicht aussprechen, womit er sich hätte nennen müssen, er, der seinen Vater erschlagen, nicht mit der Waffe, nicht mit frevelnder Hand, sondern dem ganzen frevlen Leben, aber er hörte es im Rauschen der Wellen, im Säuseln der Blätter und im Flüstern der Nacht, wenn er allein war.

Da trieb es ihn zu dem Kloster am Meere, in das einst die Mönche des Johannis-Klosters zu Lübeck verwiesen wurden, da ihr Leben der Stadt großes Aergerniß gab. Ruhe und Frieden wollte er bei denen suchen, die in die Verbannung gesandt worden waren, weil auch sie sich gegen das Gesetz vergingen, wie er.

Die Mönche verweigerten ihm das Bleiben nicht, obgleich ihnen verboten war, neue Brüder aufzunehmen, denn Herzog Adolph war nicht nur der Luther'schen Lehre zugethan, sondern wollte auch, daß die Klöster ein allmäliges Ende nähmen. Niemand sollte die noch vorhandenen Patres vertreiben als der Tod: wenn der letzte Bruder seine Augen schloß, war auch das letzte Stündlein des Klosters gekommen. So war langsam der alte Glanz erloschen, die reichen Güter waren dem Kloster nach und nach genommen, da es den wenigen Mönchen an Macht fehlte, das Ansehen der alten Verbriefungen aufrecht zu erhalten.

Der Zehent blieb aus, die Ländereien gingen in betriebsamere Hände über, in den Wäldern schoß Niemand das Wild für die Graugewandigen. In dem See konnten sie fischen, das wehrte ihnen Keiner, und den Klostergarten und die wenigen Aecker in unmittelbarer Nähe des Klosters durften sie ungehindert bestellen. In den letzten Jahren standen Küche und Keller oft leer. Die Armuth, der sie in dem Gelübde versprochen hatten treu zu sein, war in der düstersten Gestalt eingezogen. Wie war das Alles so ganz anders geworden im Vergleich mit der Zeit, als den Mönchen in Lübeck das Beste gerade gut genug gewesen, als fröhliches Zechen und verbotene Gesellschaft ihnen mehr am Herzen lagen, denn Messe und Kasteiung.

Bruder Johannes sehnte den nächsten Tag herbei, das Licht der Sonne, damit er nicht ganz allein sei in der Finsterniß. –

Der Tag brach an, klar und rein. Aus dem Meere tauchte die Sonne auf, groß und golden und färbte die Morgenwolken rosenfarben. Die ersten Strahlen lockten Johannes hinaus auf den Kirchhof, ein zweites Grab zu graben für Bruder Severus, den Erschlagenen.

Im Eifer der Arbeit überhörte er Schritte, die sich dem Orte näherten; erst als der Schatten eines Menschen über die aufgeworfene Erde hinwegglitt, sah er in die Höhe. Vor ihm stand ein ärmliches Geschöpf, ein menschliches Wesen, halb Kind, halb Jungfrau, in dürftige Lumpen gehüllt.

»Was suchst Du hier?« fragte Johannes.

»Einen Bissen Brot,« war die Antwort. »Die Leute wollen mir nichts geben, und mich hungert.«

»Ich werde sehen, ob Vorrath in der Kammer ist,« entgegnete Johannes. »Das Vorhandene will ich gern mit Dir theilen. Erst aber muß ich der Erde geben, was der Erde gehört.«

»Ich kann warten,« war die Antwort, »nur nicht zu lange, denn mich hungert sehr.«

»So komm',« sagte Johannes und stieg aus der Grube, »die Lebenden haben mehr Recht, als die Todten.«

Er schritt voran; das Mädchen folgte. Vor der Eingangsthür des Klosters sagte er: »Warte hier draußen, es ist gegen die Regel des Ordens, daß Du einträtest.«

Das Mädchen lächelte: »So gehe, ich warte hier.«

Sie setzte sich auf die Schwelle und sah vor sich hin. Ihr Gesicht war nicht schön zu nennen, die Züge entbehrten des regelmäßigen Schnittes, die dunklen Haare hingen wirr um den Kopf. Die Augen lagen tief, versteckt.

Als Bruder Johannes wieder heraustrat, brachte er in der einen Hand ein Stück schwarzes Brot, in der andern trug er einen irdenen Krug. »Brot und Wasser ist Alles, was ich habe,« sprach er. »Viel von dem letzteren, wenig von dem ersteren.«

Das Mädchen aß mit Begierde. »Es schmeckt gut,« rief sie. »Es vertreibt den Hunger. – Womit kann ich Dir danken?«

»Schließ' mich in Dein Gebet ein.«

Das Mädchen lachte laut auf. »Wie thäte ich wohl, was Deines Amtes ist? Was sollte Dir, dem heiligen Manne, das Gebet der Elenden frommen?«

»Und wenn ich elender wäre, als Du?«

»Geh', Mönch, gehab Dich wohl. Ich sehe, Du bist ein schelmischer Mönch, der Possen mit mir treibt. Wenn Du gesagt hättest: Geh' in den Garten und brich Kraut, oder schneide Getreide auf dem Acker – ich hätt' es gern gethan, um Dir zu danken. Da Du das nicht willst, so gehe ich.«

Das Mädchen wandte sich zu Gehen.

»Bleib',« rief Johannes, »Du kannst Dir Dank verdienen. Hilf mir Saat in den Acker legen – es möchte für mich allein fast zu schwer sein.«

»Um diese Zeit willst Du säen, da das Korn schon in Garben auf dem Felde steht?«

»Die Furchen sind gezogen. Komm' und hilf mir.«

Das Mädchen folgte dem Mönche, der voranschritt, in die Zelle, wo der Gestorbene ruhte.

»Das ist die Saat,« sagte Johannes, »die Frucht war reif und fiel ab. Komm', daß wir ihn hinaustragen auf den Acker.«

»Wo sind die Andern, damit sie Dir helfen?«

»Ich bin allein!«

»Ich auch, ich auch!« rief das Mädchen.

»Hast Du keine Freunde in der Welt, Niemand, der zu Dir gehört?«

»Niemand meint es gut mit mir. Ich bin im Elend groß geworden; sie haben mich geschlagen und mich von sich gestoßen. Ich war allezeit fremd unter den Leuten. Sie hassen mich und ich hasse die Menschen. Nun weißt Du Alles. – Komm', laß uns thun, wie Du sagtest und den Mann hinaustragen, ich fürchte mich nicht vor Todten.«

Sie nahmen die leblose Hülle des Mönches und schritten über den Hof, dessen eine Seite die Kirche bildete, während die Klostergebäude und vier Mauern das Uebrige abschlossen. Zu dem Kirchhofe gelangten sie durch eine Pforte in der Mauer, die sich nach der Ostseite hin öffnete.

Sie betteten den Mönch, so gut es gehen wollte, in die kalte Erde. Kein Gepränge wurde ihm zu Theil, keine Zeremonie. Zwei Elende senkten ihn ein, der zu den Letzten der einst Alles verachtenden, an Wohlleben gewohnten Gesellschaft gehörte.

»Ich sehe noch ein zweites Grab,« sagte das Mädchen, als Bruder Johannes mit dem Grabscheit den kleinen Hügel geglättet hatte und in der Arbeit anhielt.

Johannes antwortete nicht; er schritt voran und ein bittender Blick hieß das Mädchen folgen.

Als sie in die Kirche traten und auf den Altar zugingen, wandte sich Johannes um, als wollte er in den Augen des Mädchens lesen, was es sagen würde über die Entweihung der Stätte. Sie aber schritt vor und blickte auf den Erschlagenen. Dann fragte sie: »Sind Deine Hände rein von dem Blute Dieses da?«

»Warum fragst Du?«

»Weil ich Dich sonst verlassen würde,« war die Antwort.

»Ich erschlug ihn nicht!« –

»Deinem Worte glaube ich. So laß uns thun, was die Pflicht der Lebenden ist.«

Als sie sich mit dem Erschlagenen zu schaffen machten, erblickte das Mädchen glänzende Steine auf dem Fußboden. Sie nahm etliche derselben und barg sie in ihrem Täschchen, ohne daß Johannes es gewahrte. »Ich werde mich mit den bunten Steinen schmücken,« dachte das Mädchen; »was sollen sie hier am Boden liegen?« Auch wußte sie nicht, welcher Werth ihnen innewohnte.

Darauf bestatteten sie den Severus zur Ruhe, wie den andern und wölbten über ihm den Hügel.

Mittlerweile war der Morgen vorgeschritten; die Sonne stand hoch über dem Meere, das blau erglänzte, wie der klare Himmel, der sich darin spiegelte. Das Sonnenlicht hellte die sommerlichen Farben des Waldes auf und wandelte das Braun in ein warmes Gelb, und machte die gelben Blätter fast zu goldenen. Dabei rührte sich kein Lüftchen. Alles war still, am stillsten aber das Kloster und der Friedhof mit seinen Todten.

»Nun laß uns an das Mahl denken,« sagte das Mädchen, »bald naht die Mittagszeit.«

»Du mußt Deine Wege wandeln wie ich die meinen,« antwortete Johannes. »Dir ist der Eintritt in das Kloster versagt.«

»Ich war doch eben gut genug, Dir hülfreiche Hand zu leihen. Ich schritt ja schon über die Schwelle. Warum willst Du mich nun von Dir stoßen?«

Johannes blickte das Mädchen an, aus dessen Augen ihn Vorwurf traf. Aber neben dem Vorwurfe lag noch ein Zweites in dem Blicke, den sie ihm zusandte, das war eine stumme Bitte.

Das Mädchen stürzte ihm zu Füßen. »Laß mich hier bleiben bei Dir,« rief es und umklammerte die Füße des Mönches. »Stoße mich nicht von Dir, hinaus in die Welt. Sie haben mir wehe gethan von Jugend an, die bösen Menschen, aber Du bist nicht wie sie Alle. Du bist gut, Du hast mich nicht geschlagen. Du gabst mir Brot, ich durfte Dir helfen. Du bist allein, Du sagtest, Du seiest elender als ich. Laß mich bei Dir bleiben.«

»Steh' auf!« sagte Johannes. »Niemand soll Dir wehe thun, auch ich will Dir nicht kränken. Suche Dir eine Zelle aus, in der Du wohnen möchtest: sie stehen alle leer.«

»So laß mich bleiben, wo die Küche ist, damit ich Dir die Speise bereiten kann.«

»Ich wehre Dir nicht,« antwortete der Mönch. »Meine Zelle liegt drüben im anderen Gebäude. Gehe gerade aus durch die Thür, dort findest Du den Herd und das Geräth.«

Das Mädchen that, wie ihm geheißen. Johannes ging in die Klosterkirche.

Nach einer Weile kam das Mädchen und fand ihn im Gebet. Johannes wandte sich um. »Was willst Du?«

»Es fehlt mir an Wasser. Wo ist der Brunnen?«

»Ich werde Dir ihn zeigen.« Johannes schritt voran in das Kloster, öffnete eine Thür, welche zu einer in die Tiefe gehenden Treppe führte. Die Treppe endigte in einem Keller, in welchem gewaltige Fässer lagen von früheren guten Tagen her. Damals bargen sie edlen Wein, der den Mönchen gar wohl mundete, nun waren sie leer. Das einzige Naß bot jetzt der Brunnen im Keller. Johannes schöpfte Wasser in ein irdenes Gefäß und gab es dem Mädchen.

»Ich habe ein wenig Mehl gefunden,« sagte sie. »Es wird zur Speise reichen. Woher aber werden wir mehr nehmen, denn sonst ist Alles leer?«

»Auf dem Klosteracker steht einiges Getreide, das werde ich ernten, auch gehen hin und wieder Fische in die Reusen. Das muß reichen.«

»Und wenn der Winter kommt?«

»An ihn dachte ich nicht,« erwiderte Johannes.

»Er wird kommen mit dem Frost und dem Mangel,« sprach das Mädchen.

»Und uns von hinnen treiben, hinaus in die Welt!«

»Aber wer wird uns draußen in der Welt vor der Noth bewahren?« fragte das Mädchen. »Ich habe gearbeitet, um mein Leben zu erhalten, bis mir die Arme erlahmten. Das war denen da draußen nicht genug, denn ich hatte Niemand, der die Stätte geschützt hätte, auf der ich ruhen wollte. Ich habe gebettelt, sie haben mich von der Schwelle ihres Hauses gewiesen. Ich war nicht wie sie, denn alle hatten eine Heimath und waren im Glück, ich aber war fremd und im Elend. Sie haben mich eine Dirne gescholten, eine Diebin, ich habe aber Niemanden gekränkt, Keinem etwas genommen. Gehe Du hinaus – und laß mich sterben, denn mich tödtet das einsame Leben zwischen den vielen Menschen.«

»So bin ich elend wie Du,« rief Johannes. »In meiner Heimath drohen mir der Tod und die Schande, und was soll ich unter Fremden, da ich nur gelernt habe, ein Mönch zu sein. Sie alle draußen verstehen mit dem Leben zu ringen, ich aber lernte es nie, und meine Hände sind schwach geworden zur Arbeit.«

Er war zusammengesunken. Das Mädchen reichte ihm das irdene Gefäß mit Wasser, aus dem Johannes einige Züge that.

»Ich danke Dir,« flüsterte er, »denn fast wollte ich unterliegen.«

»Ich verlasse Dich nicht,« sagte sie, »denn Du bist krank, Du armer Mann.«

Sie lieh ihm den Arm und führte ihn hinauf und geleitete ihn zu seiner Zelle. »Pflege der Ruhe,« sprach sie, »und sage mir, wo die Reusen liegen. Vielleicht finde ich einen Fisch, den ich Dir bereite.«

»Die Reusen liegen weit hinaus am Ufer des Sees, wo das Meer hineinfließt, Du wirst sie schwerlich finden.«

Das Mädchen ging und kam nach einiger Zeit wieder. In ihren Händen trug sie eine Schüssel mit dampfender Speise, die sie aus dem wenigen Mehl und dem Wasser des Brunnens gekocht hatte. Johannes richtete sich auf dem Lager in die Höhe. Sie hielt ihm die Schüssel, damit er daraus essen könne.

Er aß die schmacklose Speise, um die nicht zu kränken, die sie ihm bot, wenn es ihm auch an Hunger fehlte. Als er gegessen, gebot sie ihm Ruhe, damit er sich erhole, und verließ ihn.

Gegen Abend, als die Sonne sich zu neigen begann, kehrte sie wieder. Die Reusen hatte sie leer gefunden, aber im Walde hatte sie Schnecken aufgelesen, die früher den Mönchen in der Fastenzeit Abwechselung für die Tafel gebracht hatten. Es waren Weinbergsschnecken, welche die Brüder aus milderem Klima an die Ufer der Ostsee verpflanzt hatten. Nun waren sie in Ermangelung von Besserem das Beste.

Johannes fieberte, als sie wieder zu ihm kam, sie aber pflegte ihn, kühlte seine brennende Stirn mit Wasser aus dem Brunnen im Keller, und er dankte ihr mit innigen Blicken und auch wohl mit einem Worte. Sie saß an seinem Lager und wachte, und er sagte: das Mitleid wäre eingekehrt in das Kloster und weile an seiner Seite. Dann fragte er wieder, ob sie vom Himmel gesandt sei, ihm Trost zu bringen? So lag er zwischen Wachen und Träumen der Elendesten einer, denn die ihm Liebe, menschliche Liebe entgegenbrachte, war ein Kind des Elends, verlassen wie er. Und so mußte das Elend ihm Trost und Hülfe gewähren, ihm, der einst übermüthig war im Glück und vergebens Sühne suchte im Vergessensein unter Denen, die vorgaben, den Frieden zu haben, da Niemand ihre Ruhe stören durfte.

Was er fand, waren fruchtlose Klagen über die Noth, Hader und Zwietracht. Da konnte er nicht genesen an seiner Seele.

Jetzt aber kam die Ruhe über ihn wie milde Abendstille. Die nagenden Gedanken machten Rast und hielten inne, ihn zu quälen, das Fieber wich gemach von ihm und er lauschte den Worten des Mädchens und antwortete ihm. Sie machten Pläne für die Zukunft, da sie einsahen, daß ihres Bleibens im Kloster nicht sein konnte.

»Laß uns Noth und Leid zusammentragen, bis wir weit von hier sind,« sagte das Mädchen. »Ich bin wendischen Stammes, wenn es uns gelänge, meine Leute aufzufinden, vielleicht würden wir sicher sein.«

»Wäre ich allein, so bliebe ich hier,« erwiderte Johannes. »Es möge mir geschehen, was da wolle, ich würde es tragen, als Sühne für ungebüßte Schuld. Was aber wolltest Du beginnen?«

»Das weiß ich jetzt nicht mehr; ehedem hätte ich es wohl gewußt, nun aber ist mir, als wäre von Allem das Gedächtniß geschwunden. Ich meine, ich könnte nimmer von Deiner Seite weichen, und wenn ich auch weit hinaus in die Welt zöge, ich müßte doch wieder zurückkehren und würde Dich finden, wo Du auch immer weiltest.« Sie war über und über roth geworden bei diesen Worten.

Auch dem Johannes war es heiß überlaufen, als das Mädchen so zu ihm sprach. Das klang aus der Rede so warm und herzinnig, wie lange Zeit zuvor nicht. Solch' ein Ton war nie aus allem Singen und Beten der Brüder zu ihm gedrungen, so hatte einst nur eine Stimme geklungen, es war ihm aber schwer, nachzusinnen, welche Stimme es wohl gewesen. Ihm deuchte aber, wenn er die Augen schloß, er sei wieder ein Kind und ein Engel säße zu seinen Häupten, über ihn zu wachen. Das war der Engel, dem seine Mutter allabendlich die Flügel band, daß er schirmend weile. Aus frommer Bitte und lieber Rede schlang sie ein feines Kettlein, das ließ er sich wohl gefallen.

Aus der Kinderzeit klang es ihm wieder, wie fernes Echo; die Liebe von damals war wieder lebendig geworden und legte sich an sein Herz. Aus Noth und Verfolgung, aus Jammer und Elend rief sie ihm zu:

»Du bist nicht verloren, denn Du wirst geliebt.«

Da fragte er: »Sage mir, wie ich Dich nenne, denn ich weiß Deinen Namen nicht. Ich heiße Johannes.«

»Meine Mutter rief mich Rutberta, so darfst Du mich auch nennen; von den anderen Leuten litt ich es nicht und nahm bald diesen, bald jenen Namen an, wenn sie mich fragten. Seit meine Mutter todt ist, hat mich Niemand mehr mit diesem Namen anreden dürfen, dazu sind sie alle mit einander zu schlecht.«

»Du sagtest, die Menschen haben Dir wehe gethan?«

Das Mädchen erhob sich, seine Augen glühten in unheimlichem Zorn und mit lauter Stimme rief es: »Sie haben mein Mütterlein genommen und auf den Hexenstuhl gesetzt und sie gedrängt, bis sie zu Allem Ja sagte, um das sie fragten. Dann hat der Henker sie zum Galgenberge geführt und zu Asche verbrannt, und hat sie doch Niemandem Böses gethan. Mich haben sie davongejagt, bis ich hier in diese Gegend gekommen bin, aber sie haben erfahren, weß' Abkunft ich sei, darum duldeten sie mich nicht. Ich aber habe recht gethan, wie mir gelehrt wurde.«

»So kann ich von mir nicht sagen,« erwiderte Johannes. »Ich that unrecht, als ich im Glück war und Stand und Reichthum mir Schutz verliehen. Nun aber will ich mich Deiner annehmen, wie Du Dich meiner angenommen hast, und Dich schützen und behüten. Es wird mir nicht an Kraft fehlen, wenn ich für Dich schaffe. Ich werde es lernen. Wir gehen hinaus in die Welt und sei es in den Untergang.«

»Miteinander,« jubelte das Mädchen. »Und sollten wir sterben, so sterben wir zusammen.«

Neues Leben war über Johannes gekommen: Das sollte die Sühne sein, zu leiden für ein verstoßenes Menschenkind. Denn da draußen, das wußte er, lauerte das Leid.

Nun beschlossen sie noch in dieser Nacht zu wandern. Wohin, das konnten sie nicht sagen; es war genug, wenn sie gingen. Sie trauten Beide aufeinander und hofften, es würde sich schon eine Stätte finden, wo der Friede wohne.

So wußten sie jetzt mit einem Male, was sie wollten, während sie vorher keinen Ausweg sahen: sie waren eines Sinnes geworden.

Als sie noch miteinander redeten über die kommende Zeit und die Dunkelheit herbeisehnten, die ihnen Schutz gewähren sollte auf der Flucht, wurden Stimmen im Klosterhofe laut.

Entsetzt sprang Rutberta auf und lauschte.

Verworrenes Geräusch drang in die stille Zelle. Deutlich konnten sie wilde Drohrufe unterscheiden. Der Lärm kam näher, wuchs an bis zum wüsten Geschrei.

»So schrieen sie damals, als sie meine Mutter fingen,« flüsterte Rutberta mit bebenden Lippen. »Wohin fliehen wir, daß wir uns retten?«

»Das Kloster hat nur einen Eingang,« entgegnete Johannes schmerzlich, »es giebt keinen Ausweg.« – Rutberta umschlang den Mönch. »Ich verlasse Dich nicht,« sagte sie mit fester Stimme. Johannes legte ihr Haupt sanft an seine Brust. So standen sie und blickten auf die Thür der Zelle und harrten des Augenblickes, der ihr Schicksal entscheiden mußte.

In den Klosterhof war eine Schaar von Männern und Frauen gedrungen, die einem kleinen Trupp wohlgerüsteter Kriegsknechte gefolgt war, der einen gefesselten Mönch mit sich führte. Es war Bruder Ambrosius, auf dessen bleichen Zügen bange Todesangst lag, dessen Blicke unstät umherirrten, als wollten sie eine Gelegenheit zum Entkommen erspähen. Er hatte versucht von dem Golde zu verkaufen, das er der Kirche entwendet, und war darob angehalten und befragt, woher des Weges und wohin? Da Niemand den Mönchen wohlwollte, hatten sie ihn genommen und scharf ausgeforscht, bis er gestand, daß der Schatz dem Kloster gehört habe. Als ihm aber gar hart zugesetzt wurde, da nannte er in der Angst einen Mitschuldigen, um sich aus der Pein zu lösen. Bruder Johannes der Zurückgebliebene habe ihn verleitet, so sagte er, und dem galt nun die Jagd.

Es wurden Fackeln aus harzigem Kienholze angezündet, deren gelbrothes Licht den Klosterhof unheimlich beleuchtete und wiederschien von den Eisenhelmen der Kriegsknechte und den bleigefaßten Scheiben der hohen Kirchenfenster. Bald war Bruder Johannes gefunden; sie zerrten ihn ungestüm in's Freie, ihn und Rutberta.

»Laßt sehen, ob er auch reich an Schätzen ist wie sein Genosse?« schrieen sie und durchsuchten mit rohen Händen sein ärmliches Mönchsgewand, allein sie fanden nichts bei ihm. Rutberta aber hatte die bunten Steine noch in ihrem Täschchen.

»Er hat seiner Dirne den Raub gegeben,« schrieen die Weiber und leuchteten dem Mädchen mit einer Fackel in das Antlitz, aus dem stolze Verachtung sprach. »Seht den Mönch, er ist ein feiner Geselle, die Tochter der Hexe ist sein sauberes Lieb.«

Einige gingen in das Kloster, Andere in die Kirche, um jeden Winkel zu durchsuchen. Die draußen blieben, schmähten die Gefangenen mit bösen Worten und schlugen nach ihnen. In dem Kloster wurde nichts gefunden, in der Kirche aber hatten sie das Blut des Erschlagenen auf den Steinen gesehen und als sie weiter Umschau hielten, entdeckten sie auch auf dem Kirchhof die frischen Gräber. In kurzer Zeit huben sie Severus, den todten, wieder herauf und sahen, daß ihm Gewalt angethan war.

»Wer hat diesen Mönch erschlagen?« fragte der Anführer der Reisigen die Gefangenen. Ambrosius richtete seine Blicke auf Johannes, als wollte er sagen, dieser habe die Blutthat bedangen. Johannes aber verharrte in Schweigen.

»Er wird schon willig reden, wenn Meister Hämmerlein erst artig mit ihm thut,« rief eine Stimme. Rutberta zuckte zusammen. »Laßt ihn frei,« rief sie laut, »er ist unschuldig, ich bin es, die den Mönch erschlug, da mich nach den bunten Steinen gelüstete.«

»Glaubt ihr nicht,« bat Johannes eindringlich. »Thut ihr kein Leides, denn ihre Hand ist rein.«

Ein wüstes Hohngelächter war die Antwort.

»Sie sind Alle schuldig,« hieß es. »Führt sie von hinnen, damit ihnen werde, was Recht ist.«

Der Zug wurde geordnet. Fackelträger schritten voran, die Kriegsknechte nahmen die Gefangenen in ihre Mitte. Während des Gedränges benutzte Rutberta einen unbewachten Augenblick, sich Johannes zu nähern. »Nun sterbe ich mit Dir,« flüsterte sie, »ich bin zufrieden.«

Dann schritten sie in die Nacht hinein, durch den schweigenden Wald, dann auf breiten Wegen vorbei an Hütten und Höfen, bis sie die Stadt erreichten und den Kerker. Von Stund an waren sie ausgeschieden aus der Reihe der Lebenden.

Das Kloster steht noch heute am See zwischen Wald und Feld und das Meer rauscht noch wie damals, als manch ruheloses Herz vergebens Frieden im Vergessensein suchte. Die Chronik meldet von den Mönchen, daß sie ausstarben und daß das Elend in der letzten Zeit zu ihnen zog, aber sie vergaß aufzuzeichnen, daß dem Elend Mitleid entgegengetragen wird, erbarmend vom Elend selber, und daß die Liebe, welche aus dem Mitleid quillt, den verlorenen Frieden wiedergiebt.

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