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Waldnovellen

Julius Stinde: Waldnovellen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleWaldnovellen
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1890
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die dumme Frau.

Es war ein großes Glück für Beide, sagten die Leute. Er mußte eine Frau haben, die etwas vom Haushalt verstand – und das mußte man ihr nachsagen, haushälterisch war sie – und für sie paßte ein heiterer, lebenslustiger Mann. Daß er heiter war, wußten alle Leute in der Umgegend; selbst der Pastor sagte, man müsse über ihn lachen.

Nun waren sie getraut. Niemand hatte über ihn lachen können, als er neben seiner Braut vor dem Altar stand, ein so heiliger Ernst spiegelte sich auf seinem Antlitz wieder, und mit ihm fühlte die ganze Versammlung in der kleinen Dorfkirche, daß in seinem Innern die fröhliche flatternde Lebenslust ruhte und einer feierlichen Stimmung Platz gemacht hatte.

Die Braut neben ihm sah sehr schön aus. Ihre regelmäßigen Züge glichen denen der Madonna auf dem Altarbilde, nur lag mehr Ruhe auf ihrem Antlitz, als auf dem der thränengebeugten Mutter des dahinsterbenden Sohnes. Der weiße Schleier fiel herab bis auf den blumenbestreuten Teppich, den vorsorgliche Hände auf den rothen Ziegelsteinboden der Kirche ausgebreitet hatten; ihre Augen sahen auf farbige duftende Blumen und blickten nicht ein einziges Mal in die Höhe.

So kam es, daß selbst die ärgsten Klatschschwestern an ihrer Haltung nichts auszusetzen hatten und man allgemein sagte, sie wüßte sich wohl zu benehmen, denn es sei nicht leicht, vor dem Altar zu stehen und sich gar nichts zu vergeben.

Als die Ringe gewechselt und die Ceremonie beendet, spielte der Küster ein Extrastücklein auf der Orgel, wie er bei außerordentlichen Gelegenheiten zu thun pflegte. Der junge Mann, der soeben das Jawort gesprochen, hatte sonst oft darüber gespottet, denn das Stück klang gar altfränkisch und in den Orgelpfeifen lagen todte Fledermäuse, die Schuld waren, daß die tiefen Töne nicht immer voll ansprachen, sondern mitunter blos »Wupp« sagten und dann ganz stillschwiegen.

Heute lachte er aber nicht, er verzog keine Miene. Bei Tische, an der Hochzeitstafel dagegen, fand er seine alte frohe Laune wieder. Sie waren Alle so froh – warum sollte er sich nicht auch freuen! Sagten sie ihm doch so viel Schönes in so manchen aus den Schienen gerathenen Trinksprüchen, stießen mit ihm an und leerten die gefüllten Gläser.

Und auch die an seiner Seite saß, mußte mit anstoßen. Das war einmal so Sitte. Ob sie es gerne that – wer konnte es sagen? Sie verzog keine Miene und Niemand wußte, ob es ihr angenehm war oder nicht.

Ihre Freundinnen sagten, sie sei immer still und zurückhaltend; warum sollte sie heute anders sein, als vorher an anderen Tagen?

Das Fest ging zu Ende und die Gäste empfahlen sich einer nach dem andern. Das junge Paar war schon lange nicht mehr unter ihnen. Der letzte war der Amtmann, der konnte sich schwer von dem guten Rothwein trennen. Er mußte aber doch der Flasche gute Nacht sagen, denn sie hatte ihm wenig mehr mitzutheilen und leere Flaschen waren ihm ein Greuel. Ja, er dachte sich die Hölle als einen großen Keller mit leeren Fässern und leeren Flaschen und die Seelen der Verdammten durstig, sehr durstig.

Das junge Paar fuhr durch die laue Nacht der neuen Heimath zu. Kein Blatt rührte sich an den Bäumen und den Stauden, welche die Wege einhegten. Kaum hörte man den Wagen auf dem weichen Sande rollen. Auf den Wiesen lag weißer Nebel, daß sie aussahen, wie ein großer See, aus dem sich die dunklen Wälder hervorhoben wie Inseln. Ueber die ganze Gegend sickerte das Mondlicht vom Himmel herab, aber es glänzte nicht wider, wie von wirklichem Wasser, sondern es ward vom Nebel ausgetrunken.

Sie fuhren ganz allein durch die stille Nacht und das schlafende Land. Den Kutscher und die Pferde konnten sie nicht mitzählen, die bildeten eine Gesellschaft für sich und hatten genug mit einander zu thun.

»Vincenz,« sagte sie. »Es ist hier draußen still und feierlich, wie in der Kirche.«

»Meinst Du?« entgegnete er. »Ich vermisse nur den Küster mit den gichtischen Fingern und den Fledermäusen in seinen Baßposaunen. Heute, als wir getraut wurden, haben sie wieder schön rumort.«

Er lachte. Sie schwieg und blickte in die friedliche Natur. Ihr Herz zog sich zusammen, aber ihr Gesicht war bleich und ruhig, wie die Züge einer Marmorfigur.

Er achtete nicht darauf, er machte sich lustig über die Hochzeitsgäste und carrikirte einen nach dem andern. Bei dem Amtmann verweilte er am längsten. »Gut, daß wir die ganze Albernheit hinter uns haben,« schloß er. »Da liegt unser Haus. Wir sind zur Stelle.«

Der Wagen fuhr durch die Pforte in den Garten hinein, denn das Haus lag in einem Garten, in dem Reseda und Frühlevkoien den Ankommenden entgegendufteten. Er hatte das Haus selbst gebaut, denn er war königlicher Baumeister. Es war hübsch von Außen und im Innern wohnlich. Thürme, Erker und Giebel waren keine angebracht. »Sie fangen den Schnee im Winter auf,« war seine Meinung, »und kosten Geld und Reparaturen. Schließlich wohnen doch nur Marder und Iltis darin.«

Das Haus war erleuchtet, die alte Magd hatte das Arrangement getroffen. Ueber der Thür hing eine Guirlande von dunklem Eichenlaub und kleine weiße Immortellen waren zu einem »Willkommen« zusammengestellt. »Du hast keinen guten Riß zu Deiner Inschrift gehabt,« sagte er zu der alten Magd, »das Ganze steht nicht recht im Loth.«

Die junge Frau nahm die Hand der Alten und drückte sie herzlich. »Wir werden gut mit einander auskommen,« sagte sie.

»Ich weiß, wie er es gern hat von seiner Jugend an,« erwiderte die Alte. »Sie werden es bald lernen und viel, viel besser machen als ich.« Dabei nahm sie den Zipfel ihrer Schürze und fuhr damit über die Augen; dann ging sie langsam in die Küche.

In dem Wohnzimmer stand Thee auf dem Tische, weißes Brod lag in zierlichem Korbe. Auch Wein war aufgestellt, rother aus Frankreich und weißer vom Rhein.

Vincenz entkorkte eine der langhalsigen Flaschen und füllte zwei grüne Römer. »Das erste Glas in unserer neuen Heimath,« sagte er und reichte ihr den einen der Römer.

»Unser Eingang sei gesegnet,« flüsterte sie und nippte an der Gabe des Rheines. »Austrinken!« rief er, »was sollte der Amtmann davon denken, wenn der zusähe?«

Sie setzte das Glas nieder. Es war ihr nicht möglich, zu trinken, denn unaufhaltsam drangen die Thränen hervor, heiße Thränen.

Vincenz sah seine Frau, die sich auf einen Lehnstuhl gesetzt hatte, erstaunt an. Sie aber bemerkte nicht den verwundernden Ausdruck seiner Augen, sie hörte nur, wie er sagte: »Ich werde sehen, ob alle Lichter gelöscht sind, dann gehen wir zur Ruhe; der Morgen bricht bald an.«

Dann hörte sie, wie er draußen dem alten Mädchen rief: »Hanna, verwahre das Feuer und lege Dich schlafen.«

»Gut, Herr!« war die Antwort.

Die junge Frau war allein. Sie erhob die Augen und blickte im Zimmer umher. Es war ein wohnliches, freundliches Gemach. Alles darin sah hübsch und sauber aus, Alles stand am rechten Platze, kein Ueberfluß war darin, aber es fehlte auch Nichts. Und doch hätte Alles anders sein müssen – das fühlte sie. Ueber dem Sopha hing ihr Bild von einem frischen Kranz umgeben. Hatte er den Kranz um dasselbe gewunden oder die alte Hanna?

Der Kranz mußte ein Werk der alten Hanna sein, des armen Wesens, für das er kein freundliches Wort des Dankes gehabt. Verspottete er nicht die Gabe des Willkommens, die sie über die Thür angebracht hatte, um ihm eine Freude zu bereiten? Zartsinnige Aufmerksamkeiten waren ihm fremd, von seiner Hand war der grüne Römer mit Wein gekommen. Das erste Glas in der neuen Heimath! Sonst kein Wort, kein Ton, der dem verwandt geklungen hätte, was in ihrem Innern wogte und wallte, wie Frühlingswehen und Frühjahrsbotschaft im Lenz. – Was sollte der Amtmann davon denken? – Der Amtmann, über den er sich kurz vorher noch lustig gemacht hatte. Was sollte der Amtmann, was sollte die ganze übrige schale Welt in ihrem Stübchen in der Stunde des ersten Eintritts?

Er war so ernst in der Kirche, dachte sie – aber auf die todten Fledermäuse hat er doch geachtet.

Der Amtmann und die Fledermäuse – sie hätten nicht da sein müssen, gerade in dieser Stunde, auch der grüne Römer nicht. Ein stiller seliger Kuß, weich und lind, wie der weiße Nebel draußen, der hätte Ruhe gebracht in das bewegte Herz, das keine Ruhe fand, seit sie ihm gesagt, daß sie ihm angehören wolle.

Der junge Tag klopfte leise an's Fenster, der erste Tag von vielen, vielen, die noch kommen sollten. Ein frischer Morgenhauch fuhr durch das Gebüsch des Gartens.

Vincenz trat wieder ein, in der Hand trug er eine brennende Kerze. »Du stehst schon ganz übernächtig aus, mein Kind,« sagte er und drehte den Docht der großen strahlenden Hängelampe aus. Nun hatte das Morgengrauen keinen Widerstand mehr und drang kräftig herein. Die junge Frau schauerte zusammen über das frostige Lichtgemisch von der einzelnen Kerze und dem ausgehenden Tage.

Vincenz umfaßte ihre schlanke Gestalt. »Es ist Zeit,« flüsterte er und sie ließ sich willenlos von ihm führen. Ihr Antlitz barg sie an seine Schulter, als graue ihr vor der Zukunft, die so öde anbrach wie ein bleifarbener Herbsttag. Und doch war es erst Sommer. – – –

Es ist ein Glück für Beide, hatten die Leute gemeint und von Außen erschien es auch so. Sie hatte weder Familie noch Verwandtschaft. Die Verwandten, welchen sie durch Bande des Blutes angehörte, die kannte sie kaum; zwischen denen und ihr lagen viele weite Länder.

Von Jugend auf war sie bei fremden Menschen gewesen, und wurde sie auch wie Kind im Hause gehalten – wenn das Weihnachtsfest sich einstellte, wenn die Geburtstage nahten, wenn Freunde einen Besuch machten, dann fühlte sie doch, daß sie nicht ganz dazu gehörte. Ihr war gesagt worden, sie müsse zusehen, wie sie durch die Welt komme. Und so lernte sie arbeiten, dienen und schweigen.

Arbeiten konnte sie; es fehlte ihr nicht an natürlichem Geschick, und je mehr sie that, um so mehr wurde ihr aufgebürdet. Das Dienen wurde ihr nicht schwer, da sie wußte, daß sie kein Anrecht darauf hatte, von den Händen der Liebe getragen zu werden, und das Schweigen lernte sie von selbst, war doch Niemand auf Erden, dem sie anvertrauen konnte, was sie bewegte, mochte es Leid oder Lust sein! So kam es, daß Niemand ihr Wirken und Schaffen besonders schätzte, und Niemand wußte, was sie verschwieg. Und später, als sie zur Jungfrau herangewachsen, da fehlte ihr der Muth zu sagen, wie ihr um's Herz war, da hatte sie das Reden verlernt, das Reden aus dem tiefen Grunde des Innern heraus.

Als nun die Leute einsahen, daß Vincenz, der Baumeister, eine Frau haben müsse, da sein gutes Einkommen für eine Familie ausreichte und in seinem neuen Hause Platz für zwei, sogar mehr als nöthig, vorhanden sei, so sagte Dieser ihm das und Jener dieses, und was er sich selbst sagen mußte, war, daß sie schön sei und bescheiden, von der sie ihm redeten, dem Auge wünschenswerth und begehrenswerth, dem der Wohllaut der Form zum Bedürfniß geworden. Das Resultat von all dem Zureden war, daß er häufiger Besuche in dem Hause machte, in welchem Clara eine Freistatt gefunden. Und als er sie fragte, ob sie die Seine werden wolle, antwortete sie ihm mit einem Ja.

»Er kommt Deinetwegen, Clara,« hatte die Frau vom Hause gesagt. »Sei nicht albern und stoße Dein Glück nicht von Dir.«

Und nun war sie seine Frau. –

Vincenz war aus dem Junggesellen ein Ehemann geworden. Er selbst machte sich oft lustig über diesen Wechsel und blieb, wie er früher gewesen. Sein Geschäft führte ihn vielfach vom Hause fort; er fand die alten Kameraden wieder und erheiterte sie nach wie vor mit Späßen und Schnurren und witzigen Ausfällen. So leicht verschonte er keinen Menschen, und da er mit sich selber keine Ausnahme machte, war ihm eigentlich Niemand feindlich gesinnt. Nun hatte er gar noch ein neues ausgiebiges Feld für seinen Spott erhalten, das war der Ehestand. Er sagte, die Menschen seien wie die Aale, die in Reusen gefangen würden und die Hauptreuse sei die Ehe. In die gehe man aus purer Dummheit hinein und könne aus lauter Dummheit sich nicht wieder herausfinden. Er selbst sei so ein Aal gewesen. Und als ihm entgegnet wurde, daß nicht alle Leute so dächten, da antwortete er: er wisse das am besten, denn er habe eine dumme Frau!

Das war ein gar hartes Wort, aber das Schlimmste war, er hatte es nicht mehr im Scherze gesprochen, es war seine ernste Meinung.

Er verstand seine Frau nicht, und sie konnte sich nicht in sein Wesen hineinfinden. Er nahm Alles gern von der komischen Seite, und sie konnte kaum sagen, was sie fühlte, was sie dachte. Das war ein großes Elend, denn sie gingen Beide neben einander her wie Fremde.

Die Leute hatten wieder Viel zu thun. Sie erzählten sich einander mit Behagen, was Vincenz von seiner Frau gesagt hatte, und wußten genau, wie entsetzlich dumm sie sei. Auf der ganzen Hochzeit habe sie kein Wort geredet, hieß es. Natürlich, wer so dumm sei, der thäte am allerbesten, still zu sitzen und zu schweigen. Das sei aber nichts für einen so heiteren und aufgeweckten Mann wie Vincenz. Der arme Mann – daß er so übel ankommen mußte. Gerade für ihn paßte eine dumme Frau gar nicht. Das war doch so klar wie das Sonnenlicht.

Da machte sich eines schönen Tages Clara's frühere mütterliche Beschützerin auf – es war die Frau, welche ihr damals den Rath gab, Vincenz' Anerbieten nicht auszuschlagen – und fuhr vor das Haus des königlichen Baumeisters, von dem sie wußte, daß er diesmal auf einer längeren Inspectionsreise begriffen sei. Sie wollte Clara allein antreffen, da sie der Meinung war, Dinge von delicater Art machten die Frauen unter sich besser ab, als wenn ein Mann zugegen wäre. Und es war eine höchst delicate Sache, die sie vorhatte, denn sie hielt es für ihre Pflicht, der Frau des Baumeisters zu sagen, wie man über sie denke und was man von ihr spräche.

Clara empfing ihre mütterliche Freundin mit großer Herzlichkeit. Es that ihr doppelt wohl, in der täglichen Einsamkeit einen Gast bei sich zu sehen und zu wissen, daß dieser Gast es gut zu ihr meine. Sie hatte viele Wohlthaten von der Frau, die soeben eintrat, empfangen, daß das minder Gute ihr darüber ganz aus dem Gedächtnisse entschwunden war.

Die alte Hanna mußte den Kaffee bereiten und die Frauen setzten sich in das Gartenzimmer.

Die Thüren des Zimmers standen offen. Man konnte in den Garten sehen, auf den sauber gehaltenen Rasen, auf die Blumenbeete, auf die Gebüsche, die im Sommertriebe grünten. Den Hintergrund schloß ein sanft ansteigendes Gelände ab, das mit einem sich weithin erstreckenden Buchenwalde abgrenzte.

»Deine Wohnung ist allerliebst,« begann die Frau, »und die Aussicht kann man nicht besser wünschen, wenn ich auch sagen muß, daß mir ein freier Blick lieber ist.« Das mußte sie wohl sagen, denn ihre Fenster daheim gingen auf eine weite Haide hinaus. Und das ist einmal eine althergebrachte Seite der menschlichen Natur, daß man das eben für das Beste hält, was man hat und was sich nothwendiger Weise nicht ändern läßt. Und das ist gut. Wie elend wäre das Leben, wenn Gewohnheit selbst das Mangelhafte nicht werth erscheinen ließe!

Der Kaffee wurde gelobt und auch das Gebäck. Clara wußte es vortrefflich zu bereiten. »Ißt Dein Mann dies Theeschnitte gern?« fragte die Frau.

»Er hat sie noch gar nicht probirt,« erwiderte Clara aufrichtig.

»Da ist mein Mann anders,« war die Antwort. »Das weißt Du ja auch aus Erfahrung. Nun, so glücklich wie wir Beide leben, das findet man auch nicht oft. Ich mache ihm das Leben aber auch so gemüthlich, wie nur irgend möglich. Ich stricke ihm jetzt schon neue Unterjacken für den Winter, obgleich die alten noch sehr gut sind. Deshalb klagt mein Mann auch nie über mich.«

»Es mangelt Vincenz an nichts im Hause,« sagte Clara, betroffen über den herausfordernden Ton, in dem die letzten Worte gesprochen wurden.

»Dann spricht er sich Dir gegenüber anders aus, als fremden Leuten.«

»Vincenz beklagt sich über mich?«

»Das gerade nicht. – Du weißt, er meint es ja nie böse, wenn er etwas sagt. Aber ich denke doch, Du müßtest ihm ein wenig mehr entgegenkommen und an seiner Art und Weise theilnehmen.«

»Und wer sagt, daß ich das nicht thue?« rief Clara heftig.

»Doch wohl nicht genug,« war die gereizte Antwort.

»Hat er sich Ihnen gegenüber beschwert? Das wäre doch seltsam.«

»Ich weiß nur, was die ganze Gegend weiß, was er überall unumwunden sagt – – – –«

Clara sprang auf. »Und was sagt er? Ich will wissen, was er sagt. Sie müssen mir Rede und Antwort stehen!«

»Nun, wenn Du es durchaus wissen willst, aber mir mußt Du die Schuld nicht geben, denn Du forderst mich ja geradezu auf, zu sagen, was ich lieber verschwiege – er sagt, es sei ein großes Unglück – er habe eine dumme Frau.«

Die Frau nahm ihre Tasse und that einen kräftigen Schluck. Nun war es von ihrem Herzen, weshalb sie gekommen war.

Clara sagte kein Wort, aber alle Farbe war aus ihrem Gesichte gewichen. Sie sah bleich wie der Tod aus, verstört, als habe ein Schreckliches sich vor ihren Augen zugetragen. Das eine Wort hatte Alles zerschlagen, was sie je vom Leben an Glück erhoffte. Sie hatte in einsamen Stunden gedacht, es würde wohl einst eine Zeit kommen, in der ihr Gatte sie verstehen würde. Die Hoffnung war nun dahin, dahin für immer.

Die Frau sah auf Clara; sie mochte fühlen, was sie angerichtet. »Du mußt Dir das nicht zu Herzen nehmen und dann – Du wolltest es ja wissen.«

»Es ist gut, daß ich Alles weiß,« flüsterte Clara tonlos und setzte sich wieder. Keine Thräne kam aus ihren Augen, kein Seufzer über ihre Lippen. Sie schwieg.

Der Frau wurde unheimlich zu Muthe; sie deutete auf ihre baldige Abfahrt. Clara nöthigte mit keinem Worte zum Bleiben. Das war der Frau schon recht, so hatte sie doch wenigstens einen kleinen Grund zu sagen, Clara sei unfreundlich in ihrem eigenen Hause. Und der Grund genügte, ihr Thun bei sich selber zu entschuldigen. Als sie auf dem Wagen saß und nach Hause fuhr, war sie fest überzeugt, daß Vincenz sehr zu bedauern sei, da seine Frau nicht allein dumm, sondern auch ungastlich sei. So redete sie sich im Stillen ein, und kam zurück, wie der Engel der Menschlichkeit, der ausgeflogen war, um ein gutes Werk zu vollbringen und eitel Undank geerntet hatte.

Als der Wagen um die Ecke gebogen war, kehrte Clara in das Haus zurück.

Sie war allein, ganz allein; selbst der alten Hanna konnte sie ihre Verlassenheit nicht klagen, denn die vergötterte ihren Herrn, den sie unter ihren Augen hatte heranwachsen sehen. Alles, was er that, war der recht; was er sagte, war gut; kein Mensch auf der ganzen Welt kam ihrem Vincenz gleich. Daß nicht Alles in der Ehe war, wie es hätte sein müssen, hatte sie längst gemerkt, und Niemand konnte Schuld haben, als die junge Frau. Clara las in den hellen Augen der Alten stumme Vorwürfe und stilles Leid und mied deshalb ihre Nähe. Sie fühlte wohl, daß auch auf ihrer Seite ein wenig Schuld läge, aber war er ihr je entgegengekommen? Konnte sie in seinen Spott einstimmen, in seine herzlosen Bemerkungen über so Vieles, was ihr lieb und werth geworden in trauriger Kindheit und einsamem Leben? Und nun gar. – Oeffentlich hatte er sie verhöhnt und angeklagt! Angeklagt vor den wüsten Gesellen, die er lieber hatte, als sie, sein Weib?!

Es duldete sie nicht im Hause. – Sie hatte ein leichtes Tuch um, denn es neigte sich gegen den Abend und war kühl geworden und ging im Garten ruhelos auf und nieder. Viele Gedanken bestürmten sie, einer nach dem andern. Wie die Wellen am Strande kamen sie, thürmten sich auf, stürzten daher und verliefen wieder. Immer und immer aber klang die Frage dazwischen: »Was nun beginnen?«

Verlassen konnte sie den Mann nicht, es band sie ein heiliges Versprechen an ihn. Und wohin sollte sie gehen, wenn sie ihn verließ? Wohin? Zu wem? Sie hatte Niemand auf der Erde. Wenn sie ihm aber zur Last war!? – Das war etwas Anderes, dann mußten sie sich trennen. Sein Glück sollte nicht angetastet werden.

Sie stand still. – Sein Glück? – Was glühte mit einem Male in ihrem Herzen auf wie Frührothschein und goß heißes Roth auf ihre Wangen? Sein Glück? – Bin ich ihm bis dahin gewesen, was ich ihm sein sollte? fragte sie sich. Und nun ging es an ein Prüfen und Umschauen.

»Nur mein Glück, mein Behagen wollte ich,« rief sie sich zu. »Fragte ich ihn je nach den Wünschen seines Herzens? – Nie, nie, denn ich begehrte, daß er sich meinen Ansichten füge, daß er denken und empfinden möge, wie ich gewohnt geworden. Wohl entbehrte er nicht die Hausfrau – ich that meine Pflicht, aber sein Weib bin ich nicht gewesen, da sein Glück nicht auch das meine war!« Schon wurde es dunkel, und sie wandelte noch im Garten.

Die alte Hanna suchte ihre junge Gebieterin auf und meldete, daß das Abendbrod bereit stehe. »Ich komme, Hanna!« erwiderte sie. Dann fügte sie hinzu: »Hanna, wollen Sie mir heute Abend Gesellschaft leisten?«

Hanna setzte sich mit ihrem Strickzeug zu der jungen Frau. Die Lampe brannte hell. Es gab ein trauliches Bild: die alte Dienerin mit dem grauen Haar und dem dunklen Gewände, wie sie der schönen jugendlichen Gestalt gegenüber saß.

»Mein Mann dehnt seine Inspektionsreise sehr aus,« begann Clara.

»Er hätte schon wieder hier sein können,« war die Antwort. »Er blieb früher selten so lange.«

»Er scheut sich vor der dummen Frau,« dachte Clara, und zuckte zusammen. Laut sagte sie dann: »Gewiß ist er in fröhlicher Gesellschaft, die ihn zurückhält.«

»Er ist gern lustig,« erwiderte Hanna. »Und das muß er auch, denn er hat vielen Aerger in seiner Stellung. Er hat viel Trübes in seinem Leben durchmachen müssen und viele Sorgen gehabt. Seine alte Mutter erhielt er, als er noch so gut wie gar nichts hatte. – Und mich auch,« fügte sie leise hinzu. »Aber sie hat nie gemerkt, wie sauer es ihm wurde, denn sie sah ihn nie mißmuthig. Er war immer heiter und guter Dinge.«

»Davon hat er mir nie erzählt,« rief Clara.

»Sie werden wohl nicht danach gefragt haben, und von selbst fängt er nicht davon an.«

»Aber er kränkte Sie doch, an dem Abend, als wir einzogen,« sagte Clara.

»Mich?« fragte die Alte erstaunt.

»Als er sich über das Willkommen lustig machte, das Sie aus Immortellen – –«

»O nein,« fiel ihr die Alte in's Wort. »Das war keine Kränkung. Er wollte mir nur zu verstehen geben, daß er meinen guten Willen gesehen. Ich war so froh, er hatte doch einen Blick darauf geworfen. Und schief war es gerathen – da hatte er recht. Das kennt er besser als ich.«

»Dann – dann,« sagte Clara – verlegen erröthend – »dann habe ich mich geirrt.«

»Das haben Sie,« entgegnete Hanna bestimmt und fuhr fort:

»Oft, wenn er von einer Reise wieder zurückkehrte, hat er mir am späten Abend noch erzählt, wie er die Leute da draußen zum Besten gehabt hat, weil sie sich so klug dünken und doch so viele Dummheiten fertig bringen. So machte er es seiner Mutter auch immer vor und sie wurde dann heiter und ruhig. Sie grämte sich darüber, daß es ihr schlecht ging und sie ihm keine Freude im Leben verschaffen konnte, wie sie wohl anderen Kindern und den reichen jungen Leuten bereitet wird. Aber wenn sie sah, daß er trotzdem lachte und scherzte, dann war sie nicht mehr betrübt.

»Und immer war er so lustig?«

»O nein! Wenn er arbeitet und schafft, ist er sehr ernst. Wenn er etwas Neues ersonnen hatte und wenn ihm Etwas gut gelungen war, dann mußten wir mit ihm daran Theil nehmen. Oft zeigte er mir sogar seine Zeichnungen, wenn er sie eben vollendet hatte und noch erhitzt von der Arbeit und emsigem Schaffen war. Aber was verstehe ich davon. Soviel ist aber gewiß, wenn er nicht tüchtiger wäre, als sie Alle miteinander, dann würde er bei so jungen Jahren wohl nicht eine solche Stellung einnehmen, wie er wirklich einnimmt. Das ist meine Meinung.«

Clara lauschte der Alten mit glänzenden Augen. Wie klang das Alles so schön, so gut! Mußte ein solcher Mann nicht alle Liebe verdienen, die nur ein Herz auf ihn zu schütten vermochte? Und sie hatte ihm bisher die Liebe versagt und im Stillen verlangt, er solle die Welt so ansehen, wie sie es gewohnt worden war. Aber nun war sein Lebensgang ein ganz anderer, als der ihre. Er hatte eine Mutter gehabt, die er so liebte, daß er ihrethalben mit weinendem Herzen gelacht hatte. – Und sie – sie hatte ihm Thränen gezeigt, wo sie nicht hätte weinen sollen.

»Hanna,« sagte sie plötzlich, »ich hätte Lust, einen Tropfen Wein zu trinken, möchten Sie eine Flasche aus dem Keller holen? Eine Flasche Rheinwein?«

Hanna sah die junge Frau verwundert an und ging. Clara eilte auf den geschnitzten Schrank zu und entnahm ihm zwei Gläser, zwei grüne Römer. Die stellte sie auf den Tisch und blickte selig lächelnd auf sie herab. Als Hanna den Wein brachte, füllte sie beide Gläser bis zum Rande und bot der Alten das eine derselben. »Wir wollen auf Vincenz' Gesundheit trinken,« sagte sie, »danach verlangt mich sehr.«

Sie stießen an. Hanna aber nippte nur. »Nein, austrinken,« rief sie. »Ganz austrinken, es gilt unserm Vincenz!«

Dann schloß sie die Flasche und bat Hanna, dieselbe wieder hinabzutragen.

War es der Wein, der sie fröhlich und redselig machte, oder was war es, daß sie begann zu erzählen von ihrer Kindheit und ihrem früheren Leben. Die Alte hörte zu, bis ihr allmählig die Augen zufielen, denn es war mittlerweile spät geworden. Nun mußte Clara ein Ende machen – ihr Auditorium war eingeschlafen. – – – – – – – –

*

Zum ersten Male schlief die junge Frau in der neuen Heimath mit Frieden im Herzen ein. Nur einer fehlte ihr, Vincenz, der Mann, den sie über Alles in der Welt liebte.

Am folgenden Tage kehrte Vincenz zurück. Es war nasses Wetter geworden; der Herbst sandte seine Vorboten. Man konnte ihn erwarten; seine Zeit war gekommen.

Die Mittagsstunde war bereits vorüber, als Vincenz anlangte, durchnäßt von feinem, scharfen Regen. Clara eilte auf ihn zu und umschlang ihn heiß und heftig. »Ich bin nicht der Froschprinz aus dem Märchen,« rief er. »Sorge dafür, daß der Kutscher etwas Warmes bekommt, er ist durchnäßt wie ich!« Mit diesen Worten machte er sich los und ging in das Schlafzimmer, um sich umzukleiden.

In der Küche loderte in wenigen Minuten ein Feuer auf dem Herde, das genügt hätte, ein Festmahl herzustellen, und die beiden Frauen kochten und brieten gar eifrig – für den Kutscher und für Vincenz.

»Sorgen Sie nur für den Kutscher,« sagte Clara zu der Alten. »Er will, daß ihm nichts abgeht. Ich werde drinnen schon Alles herrichten.« Dann ging sie und deckte den Tisch im Zimmer. Dabei überraschte sie Vincenz.

»Warum nimmt Hanna Dir diese Arbeit nicht ab?« fragte er.

»Hanna hat den Kutscher in ihrer Pflege,« erwiderte sie leicht. »Ich fürchte, sie verbrennt ihn noch aus allzu großer Vorsorge, so dicht hat sie ihm den Stuhl an den Feuerherd gerückt.«

Vincenz traute seinen Ohren kaum. Seine Frau scherzte über ein so ernstes Geschäft, wie das ist, durchnäßte Menschen vor dem Erkälten zu bewahren.

Er lachte laut auf. »Wenn sie sich nur nicht in ihn verliebt,« sagte er. »Es sollte mir leid thun, sie auf ihre alten Tage am Ende noch zu verlieren.«

»Es wird keine Noth haben,« antwortete Clara; »er sieht aus wie eine nasse Katze. Nun werde ich das Essen holen.«

Vincenz schüttelte das Haupt. »Es geschehen Zeichen und Wunder,« sagte er zu sich selbst. »Meine ernste, stille Frau macht schlechte Bemerkungen.«

Dann aßen sie mit einander. Dann bereitete Clara den Kaffee und Vincenz rauchte eine Cigarre. Draußen regnete es noch immer langsam weiter.

Clara setzte sich nicht wie sonst an den Nähtisch, sondern nahm Platz auf dem Sopha neben Vincenz. Es zog sie hin zu ihm, recht nahe mußte sie ihm sein, so nahe wie möglich. Sie fragte, wo er gewesen. Er nannte ihr die Ortschaften. Sie wollte wissen, ob er es gut gehabt hätte, unterwegs bei fremden Leuten. Da begann er zu scherzen und entwarf ein gar komisches Bild von den Menschen, mit denen er verkehrt, von den kleinen Leiden, die ihm begegneten, und den Dingen, wie sein Auge, sein heiteres, sie gesehen.

Dann erzählte er von den Arbeiten, die ihm bevorständen, wie er hier und dort seine Meinung durchgesetzt habe, dem Unverstand gegenüber und der Geschmacklosigkeit. Das freute sie. Seine Ehre war ihre Ehre, seine Triumphe waren ihr Stolz. Sie umschlang ihn. »Du lieber, Du einziger Mann,« das war Alles, was sie hervorbringen konnte.

Da kam Hanna und meldete, daß der Kutscher trocken sei; ob er wieder abfahren könnte? Da der Regen aufgehört, stand seinem Verlangen nichts im Wege.

Vincenz ging hinaus. Er gab dem Kutscher ein reiches Trinkgeld und sagte, er möge sich einen guten Tag davon machen. Das wird er auch wohl gethan haben. – – –

Während draußen die Natur gemach abstarb und verödete, ward es drinnen in des Baumeisters Hause von Tag zu Tag mehr Frühling. Aus dem Herzen der Beiden grünten wundersame Schlingpflanzen hervor, die dicht in einander rankten und voller Blüthen hingen. So dicht war das lebende Netz, daß Niemand wußte, wem diese wem jene Blüthe gehörte. Von dem Unkrautsamen, den zu einer Stunde eine Frau zu säen versuchte, hat Vincenz nie etwas erfahren; er war ja nicht aufgegangen.

Die Leute schüttelten bedenklich die Köpfe über den Baumeister, weil er nicht mehr so spottete, wie früher. Noch mehr wunderte sie, daß er, wenn er nur irgend konnte, daheim blieb in seinem Hause. »Ja,« sagten die Leute, »er thut uns leid, aber schließlich gewöhnt sich der Mann an Alles, selbst an eine dumme Frau.«

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