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Joseph Christian von Zedlitz: Waldfräulein - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorJoseph Christian von Zedlitz
titleWaldfräulein
seriesJoseph Christian von Zedlitz, Band 2
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071203
projectid746515f6
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Neuntes Abentheuer.

Wie Herr Aechter von Möspelbrunn gen Köln zieht.

Als unser Rittersmann vernommen,
Was fürder ihm zu wissen noth,
Eilt er zu thun nach dem Gebot.
Er läßt, als er nach Haus gekommen,
Entbieten in dem Gau umher
Die Zimm'rer all mit Aexten schwer;
Die fällen in des Spessarts Raum
Manch einen mächt'gen Eichenbaum
Zum Rumpf des Schiffs, das ihn soll tragen,
Wenn er hinab zum Rheine zieht;
Es soll von seiner Schönheit sagen,
Wer's auf dem Flusse gleiten sieht! –
Bald ist die edle Fähre fertig
Und liegt im Main, der Fahrt gewärtig.
Vergoldet reich ist ihre Wand;
Von gelber Seid' aus Samarkand
Sind Zeltdach und umher die Sitze;
Und von des starken Mastbaums Spitze
Ein Wimpel weht, darin ihr seht,
Gemalt auf einem Schilde rund,
Die Sonn', die hinter Wolken steht;
Und vorn entsprießt dem grünen Grund
Eine Sonnenblum', ihr Haupt geneigt;
Die Schrift umher die Worte zeigt:
»Ich welke!« – denn, gebricht das Licht,
Erglüht so Herz als Blume nicht. –
Als so die Fahrt gerüstet war,
Herr Aechter, eh' in's Schiff er steigt,
Sich erst vor seiner Mutter neigt,
Und stellt sich ihr zum Abschied dar.
Die schlingt um ihn die Arme rund
Und küßt zum Scheiden ihm den Mund,
Und heißt ihn ziehn mit Gottes Segen! –
Frisch stößt vom Land der edle Degen;
Dort steht er an den Mast gelehnt,
Indeß der Wind die Segel dehnt.
Der Ferg' am Steuer lenkt bedächtig,
Die treuen Knechte rudern mächtig;
So, auf des Mainstroms blauem Band
Schwimmt hin der Kiel durch's schöne Land
Von dessen Höhen in die Au'n
Viel starke, stolze Burgen schau'n;
Und Städt' und Münster mannigfalt,
Vom Abendsonnenglanz umwallt,
Spiegeln sich in des Stromes Flut,
Die widerstrahlt die Purpurglut.
So lenket aus dem schönen Main
Das Schiff hin, in den schön'ren Rhein! –

O Rhein, wie klingt dein Name hold,
Gleich einer Glocke, hell von Gold;
O fließe fort in stolzer Ruh,
Taufwasser deutschen Volkes du!
Wie hat Natur hier ausgestreut,
Was nur des Menschen Herz erfreut!
Die gelben Aehrenfelder kräuseln,
Durchwehet leicht von Windessäuseln;
Der grüne Forst zieht um den Rand
Ein breites, dunkelnächt'ges Band;
Wo heißer sich der Sonne Licht
An dem Gestein der Felswand bricht,
Dort kocht die Reb' am Herd der Glut
Ihr duftend Gold, ihr feurig Blut.
Es rasselt das Eisen zu dieser Stund'
In nahen Schachtes tiefem Grund;
Es horsten die deutschen Adler hier,
Die Edelfalken im Luftrevier;
Es springen die Hirsche vom Niederwald
Und schwimmen durch die Fluten kalt!
Und in die lichten Wolken hin,
Seltsame Luftgestalten ziehn:
Hin ziehen die Fürsten mit Kronen werth,
Hin ziehen die Ritter mit Schild und Schwert,
Die Jungfrau'n mit ihrem goldnen Haar,
Bischöf' im wallenden Talar;
Es tauchen die Nixen aus kühlem Bad,
Zum Tanz auf blumigem Gestad;
Es singen die Sänger zur Harfe laut,
Was sie im Nebel der Lüfte geschaut!
Sie singen fort bis diese Stund',
Noch ist geschlossen nicht ihr Mund;
Sie werden singen vom stolzen Rhein,
So lang er fließt in das Meer hinein! –

Herr Aechter fährt mit gutem Wind,
Die Wogen tragen ihn geschwind;
Der Himmel blau, die Wellen klar;
Denkt er an Trug nicht und Gefahr.
Da, wie die Brömserburg vorbei
Er hinfährt durch die Fluten frei,
Der Strom sich breitet hinter Bingen,
Da hört er's aus den Wassern klingen:
»Herr Aechter, fahr' nicht hinab den Rhein,
Kehr' bei den Töchtern der Fluten ein!
Hier unten in der Tiefe glatt,
Hier ragt die krystallne Nixenstadt;
Hier ruft dir die Lieb', o kehr' hier ein,
Hier locken die Freuden im rosigen Schein,
Hier wallen die Busen zart und weiß,
Hier pochen die Herzen von Gluten heiß;
O suche nicht fürder des Waldes Braut,
Dir winken im Wasser zwei Arme traut,
Dir wird zum Gewinn
Hier unten die schönste Königin!«
Herr Aechter hört's, da ruft er laut:
»Jetzt feiert nicht, Gesellen traut:
Jetzt frisch mit ganzem Muth geschafft,
Jetzt rudert mit der ganzen Kraft!« –
Und wieder tönt der Nixen Sang
Mit immer sehnsuchtssüßrem Klang:
»Der Erde Töchter, wie sind sie kalt,
Sie schwinden dahin und welken bald,
Wir aber sind blühend und ewig jung,
In nimmer befriedigter Sättigung!« –
Und lauter Herr Aechter ruft, und spricht:
»O schonet Eure Kräfte nicht,
Ihr wackern Schiffer, voran, voran!
Wir sind hier in der Nixen Bann;
Und wenn wir schleunig nicht entfliehn,
Das Schiff sie in den Abgrund ziehn!« –
Und wieder tönt zu seinem Ohr
Aus tiefer Flut der Nixen Chor:
»Herr Aechter, schiffe weiter nicht,
Es splittert dein Mast, dein Kiel zerbricht;
Wir lieben dich, mußt unser sein,
Wir ziehn dich in die Flut hinein!« –
Und wie sie kaum das Wort gesprochen,
Stößt flugs mit mächt'gem Stoß das Schiff
An ein verborgnes Felsenriff;
Es kracht die Wand, der Mast gebrochen,
Der Kiel sich wie ein Kreisel dreht;
Bald über ihn die Woge geht,
Der Strudel faßt ihn mit Gewalt;
Aufgähnt ein dunkler, weiter Spalt,
Und eh' empor ihr Angstschrei dringt,
Herrn Aechtern mit den Freunden all
Der brausend wilde Wasserschwall
In seine jähe Tiefe schlingt. –

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