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Joseph Christian von Zedlitz: Waldfräulein - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
authorJoseph Christian von Zedlitz
titleWaldfräulein
seriesJoseph Christian von Zedlitz, Band 2
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071203
projectid746515f6
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Achtes Abentheuer.

Wie Aechter von Möspelbrunn sich wahrsagen läßt.

Herr Aechter tief ergriffen stand
Mit trüben und betroffnen Mienen,
Als sich Waldfräulein ihm entwand;
Er hatte nicht die Fee gesehn,
Die nur der Jungfrau war erschienen. –
»Was ist so plötzlich denn geschehn,
Was schreckt sie auf, was kann es sein,
Daß ihr vergällt den Liebeswein?
Was fand sie in des Bechers Grund,
Daß sie ihn schnell wegstößt vom Mund?«
Er blickt ihr nach, ruft sie – vergebens!
Fort ist das Kleinod seines Lebens! – –
»Du Rose, süß und wonniglich,
Bist, kaum erschlossen, schon verblüht,
Du Liebesstern, so minniglich,
Kaum aufgestrahlt, bist schon verglüht!
O Glück, das mich kaum angeblickt,
Was hat dich mir so schnell entrückt,
Daß ich von dir mit Gram muß scheiden?
Ist dies die erst' und letzte Stund',
Wo ich hab' deinen Rosenmund
Geküßt, dann weh, dann weh uns beiden!
Dann wär' fürwahr uns besser viel,
Statt diesem holden Liebesspiel,
Wir wären geblieben viel Länder weit,
Als daß wir im grünen Walde gefreit,
Wir hätten dessen mehr Gewinn!« –
So klagt Herr Aechter mit trübem Sinn.
Drauf stößt er in sein Silberhorn;
Da kommt herbei durch Stock und Dorn,
Des Ritters reis'ge Jägerschaar,
Die rings zerstreut im Walde war;
Umstellt ward ganz jetzt das Geheg,
Jedweder Weg, jedweder Steg
Durchsucht, die jungen Haue dicht,
Das hohe Holz – sie bleibt verschwunden,
Der Jungfrau Spur wird nicht gefunden!
Als nun die dunkle Nacht anbricht,
Trägt müd' Herrn Aechter heim sein Roß
Auf Möspelbrunn, sein altes Schloß! –

Herr Aechter fiel in Trübsinn schwer.
Ihn dünkt die Welt jetzt öd' und leer,
Seit sie sein Auge nicht mehr sieht,
Die holde Maid, die vor ihm flieht; –
Flieht – und ihn doch umschwebt im Geist,
Wie um das Licht die Motte kreist,
Die stets zur Flamme wiederkehrt,
Bis die sie aufnimmt und verzehrt! –
Wie sie nach dem Geliebten ringt,
Nicht mindre Sehnsucht ihn durchdringt;
Seit er die süße Rose brach,
Zieht es sein Herz dem ihren nach;
Seit er berührt den sel'gen Leib,
Dünkt fremd ihm jedes andre Weib.
Waldfräulein wünscht er, wenn er wacht,
Waldfräulein, wenn er träumt bei Nacht!
Und was ihn sonst erfrischt, erfreut,
Die Jagdlust und des Waldes Beut',
In hoher Luft des Falken Schrei,
Wenn er aufstiegt vom Ringe frei;
Die Brakken stark, der Renner wild,
Der Glanz der Waffen, Helm und Schild –
Und was sonst sein Verlangen stand,
Es dünkt ihm jetzt armsel'ger Tand!
Die kühne Lust, die jeden Tag
Frisch um das Leben würfeln mag –
Er ist dahin, der hohe Muth;
Erloschen ist der Wangen Glut,
Der stolze Blick wird trüb und matt,
Das Auge schaut so freudensatt;
Denn nichts ersetzt der heißen Brust
Den sel'gen Rausch der Liebeslust! –
»Mein Sohn! – Herrn Aechters Mutter spricht –
Was ist's, daß deine Wang' so bleich,
Daß du hinschwindest, Schatten gleich?
Den Kummer, den dein Herze trägt,
Vertrau' ihn der, die dich gezeugt,
An ihrer Brust dich hat gesäugt!« –
»Frau Mutter – drauf Herr Aechter spricht –
Frau Mutter mein, o fragt mich nicht!
Ich sah im Wald ein Fräulein hold,
Die trug ein Kleinod reich von Gold,
Das Kleinod hab' ich ihr geraubt!«
»Mein Sohn, dich täuschte Teufelstrug!
Im Spessart wohnt eine Hexe klug,
Von Antlitz ein holdselig Weib,
Doch unten schupp'ger Drachenleib;
Die tragt in ihrer Stirne sein
Einen großen hellen Edelstein,
Und eine Kron' auf ihrem Haupt:
Was zogst du nicht dein gutes Schwert
Und hiebst herab ihr Haupt zur Erd?«
»O Mutter, es war die Schlange nicht,
's war eines Engels Angesicht,
Es gleißte noch des Himmels Glanz
Auf ihrem süßen Leibe ganz;
Es floß der Sonne lichtes Gold
Um ihre weißen Schultern hold;
Wie das Vergißmeinnicht der Au,
Wie nach Gewittern der Himmel blau,
So blickt' ihr treues Aug' auf mich;
Gebenebeit sei's ewiglich!
Was mir in's Herz geküßt ihr Mund,
An all die Wonnen dieser Stund',
Ob hundert Jahr' ich leben mag,
Denk' ich bis an den letzten Tag! –
Und weil ich die, die ich erkor,
Kaum erst gefunden, schon verlor,
Will ich jetzt lassen Hof und Haus
Und ziehn auf Abentheuer aus!
Will reiten in die weite Welt,
Den Himmel über mir zum Zelt,
Will schiffen über's weite Meer,
Und denken nicht der Wiederkehr
Aus grauer See, aus Wüstensand,
Bis ich sie führ' an meiner Hand!«
»Mein Sohn, die Welt ist breit und lang;
Vom Aufgang bis zum Niedergang
Sind Stadt' und Meer' und Länder viel,
Was läufst du nach unsichrem Ziel?
Wie kannst du denn zu ihr gelangen,
Wenn du nicht weißt, wo sie gegangen!«
»Wohl sprichst du wahr; sie zu erreichen
Giebts nirgend ihrer Tritte Zeichen!
Ist's doch nicht anders, wenn sie geht,
Al« wenn der West durch Aehren weht!
O könnt' ich von dem Goldschuh hier, –
Der in dem Liebeskampfe mir,
Ein theueres Erinnrungspfand,
Zurückgeblieben in der Hand, –
Wo eingeprägt die Stapfen finden!
Umsonst! Sie ginge wohl auf linden
Frisch hingewehten Frühlingsschnee,
Und eher drückt ein flüchtig Reh
Von seinem Lauf die leichte Spur
In's kaum bewegte Gras der Flur,
Als sie, berührt ihr Silberfuß
Den Boden, wie ein luft'ger Kuß!«
»So hör' denn deiner Mutter Rath,
Eh' du beschließest nicht'ge That!
Reit' hin bis an des Waldes Rand
Gen Lohr, der Burg, wo sich die Hand
Die Rhönberg' und der Spessart reichen.
Dort stehn im Thalgrund sieben Eichen
Um ein unscheinbar Hüttendach;
Dort in dem Häuschen frage nach!
Es wohnt darin seit manchem Jahr
Ein Mütterchen, das sagt dir wahr.
Der Gang zu ihm wird dich nicht reuen;
Es steht nicht in des Satans Bunde,
Durch gute Geister hat es Kunde;
Das meldet dir in allen Treuen,
Wo du die Maid, die du gewannst,
Noch einmal wieder finden kannst!«

Herr Aechter so mit Freuden thut!
Er eilt hin, nach der Mutter Rath,
Gen Lohr, und sucht; – und sieh', er fand
Die sieben Eichen bald; auch stand
Im Kreis der Bäum' ein kleines Haus;
Und als er pochte, trat hinaus
Wohl hundertjährig, eisesgrau,
Zum Ritter eine Zwergenfrau!
Herr Aechter bietet art'gen Gruß;
Er will ihr nun den Kummer klagen,
Der ihn bedrückt, und eben fragen,
Was er wohl thun, was lassen muß?
Klein Mütterchen ihn unterbricht
Und also zu dem Ritter spricht:
»Herr Aechter – denn Ihr seid's; obgleich
Ich Euch nie sah, doch kenn' ich Euch!
Ich weiß, was Euch hierher gebracht!«
»Mich treibt der Liebe starke Macht!«
»Lieb' ist ein Ding, dem Alles weicht,
Das auch den Sichersten erreicht;
Dem nichts zu klein und nichts zu groß,
Der Mensch nicht, nicht der Wurm im Moos;
Und ihrem Willen unterliegt,
Was kreucht und geht, was schwimmt und fliegt! –
Auch weiß ich, ohne daß Ihr's sagt,
Was Ihr für Leid im Herzen tragt:
Waldfräulein ist's, an die Ihr denkt!«
»Ja, ihr hab' ich mein Herz geschenkt;
Von ihrem Schicksal such' ich Kunde!« –
»Ihr seid genaht zur schlechten Stunde,
Ich weiß von ihr nicht mehr als Ihr;
Die's wissen, wohnen weit von hier!
Zu meinen Schwestern müßt Ihr hin
Nach Köln der edlen Veste ziehn. –
Dort, wo die Stadt zu Ende geht,
Sankt Kuniberti Kirche steht,
Am flachen sand'gen Rheingestade;
Nahbei ein Haus. Dort höret Ihr,
Was Ihr vergebens fragt' von mir.
Doch eines nehmet wohl in Acht!
Gebt Euch nicht in der Sünde Macht;
Bleibt Ihr im Stande nicht der Gnade,
So ist umsonst die ganze Fahrt,
Dann lieber Eure Mühe spart!
Ihr werdet süße Stimmen hören –
Laßt Euch die Sinne nicht bethören;
Ihr werdet sehn manch schönes Weib,
Manch einer stolzen Jungfrau Leib –
Bleibt fern und folgt der Lockung nicht!
Ihr schuldet Eure Lieb' und Pflicht
Der jungen Braut, die jetzt, Euch fern,
Beweinet ihres Unglücks Stern;
Die Euch unschuldig, blüthenrein,
Entgegentrat im stillen Wald,
Und Euer ward, nur allzubald,
In aller Lieb' und allen Trenn!
Erliegt Ihr der Versuchung, wißt,
Waldfräulein dann verloren ist!
Sie gab Euch ihrer Zukunft Pfand,
Gab Leib und Seel' in Eure Hand;
Bewahrt Ihr's nicht, werft es dahin
In leichtem, frevelhaftem Sinn,
Dann späht Ihr fruchtlos nach um sie,
Sie ist dahin, Ihr seht sie nie.
Doch, wenn Ihr mannhaft widersteht
Den Lockungen, durch die Ihr geht,
Und kommt gen Köln, ein treuer Mann,
Dann sagen Euch die Schwestern an,
Wo Ihr Waldfräulein wiederfindet;
Dann ist befriedigt das Geschick
Und jeder böse Einfluß schwindet;
Dann ist vollendet Euer Glück,
Ihr tragt als Preis und werthen Lohn
Das höchste Erdengut davon;
Denn nichts ist köstlich wie ein Weib,
Die schönste Seel' im schönsten Leib!« –

So sprach die Alt'; als sie geendet,
Herr Aechter sich zu danken wendet,
Will ihr ein goldnes Kleinod geben. –
Zwergmütterchen den Dank verwehrt:
»Fahrt wohl, Herr Rittersmann, und denkt,
Wohin Ihr Eure Schritte lenkt,
Der Worte, die Ihr hörtet eben!
Wollt Ihr mir lohnen, ist mir's recht,
Doch nicht mit Gold! Geht hin und sprecht
Ein Paternoster meiner Seele,
Daß einst mir Gottes Reich nicht fehle!«
Sprach's, und drauf in die Hütte kehrt. –

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