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Joseph Christian von Zedlitz: Waldfräulein - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorJoseph Christian von Zedlitz
titleWaldfräulein
seriesJoseph Christian von Zedlitz, Band 2
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071203
projectid746515f6
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Fünftes Abentheuer.

Wie Waldfräulein zu Rothburgen kömmt.

Wie manche holde Jungfrau blühend
Verschenkt ihr Herz, ach, zu geschwind,
Gleich meinem unschuldsvollen Kind,
Wenn Lieb' in süßen Worten glühend
Sich einschleicht in ihr lauschend Ohr,
Anpocht an ihres Herzens Thor! –
Werft keinen Stein auf sie, o Schwestern,
Ihr fühlet heute, was sie gestern;
Denn Liebe, wißt, ist ein Geschick,
Entschieden schnell im Augenblick;
Ein Funk', und schon ist sie erwacht,
Als hätt' ein Sturm sie angefacht,
Urplötzlich, aus dem Nichts, für Zeit
Entglommen und für Ewigkeit! –
Wenn in dem leuchtenden Krystall
Des feuchten Auges ihr einmal,
Ein einz'gesmal den Blick versenkt,
Umsonst ihr noch zu fliehn gedenkt!
Wenn ihr getaucht in dieses Meer,
Grundlos, und doch so licht und hehr;
Saht ihr in seinem Spiegel mild
Einmal nur euer eigen Bild:
Ist hin der Stolz, den ihr genährt,
Ihr habt dann alles schon gewährt!
In euer stillstes Kämmerlein
Schlich sich verwegnes Wünschen ein;
Ein süßes Sehnen, selig Beben,
Durchschüttelt euer tiefstes Leben,
Wie Wind' in warmer Sommernacht
Befruchtend durch die Blumen wehn;
Um euer Herz ist's dann geschehn,
Denn glaubt – Gott hat es schwach gemacht.

Waldfräulein floh erschrocken fort
Von dem verhängnißvollen Ort;
Noch weiß die Ueberraschte kaum,
War's Wirklichkeit, war es ein Traum,
Als ihr im seligsten Umfangen
Ein frisches Leben aufgegangen,
Ein unbekanntes Glück getagt. –
Jetzt fühlt sie sich von Angst gejagt;
Denn bei der Feen strengem Blick
Kam die Besinnung ihr zurück.
Sie fühlte ihre Schuld nun klar,
Sie hatte Warnung, Rath vergessen,
Zu schneller Liebe sich vermessen;
Und noch vorbei war nicht das Jahr,
Sie noch nicht ledig ihrer Pflicht,
Des Worts, das sie der Fee gegeben.
Sie blickt nach ihrem Gürtel hin –
Der leere Haken hing wohl drin,
Allein der Goldpantoffel nicht! –
So wandelt sie in Kümmernissen,
Entzückt bald, bald durchwühlt von Pein;
Ruft bald begeistert, hingerissen:
»Ich lieb' ihn, lieb' ihn! Er ist mein! –
Er ist mein Glück, er ist mein Leben!«
Bald in des Herzens tiefsten Wehn:
»O hätt' ich nimmer ihn gesehn!« –
Sie eilt auf oft betretnem Weg,
Sie geht und geht – doch sonderbar –
Nimmt sie auch gleich die Gegend wahr,
So kann sie doch das Haus nicht finden,
Nicht Thor, nicht Mauer ist zu sehn! –
Schon will der Tag zu Rüste gehn,
Des Abends letzte Strahlen schwinden,
Und dichter stets wird das Geheg':
Es geht der Mond am Himmel auf,
Die Sterne ziehen ihren Lauf, –
Kein Schloß – der Spessart nur umher! –
Waldfräulein wird das Herze schwer!
Sie kann nicht mehr, ist mild' gehetzt,
Der zarte Fuß vom Dorn verletzt,
Die Kniee wanken – matt zum Tod
Sinkt sie dahin in ihrer Noth;
Einsam, verlassen in der Welt,
Unter dem offnen Himmelszelt,
Liegt hülflos sie im dunkeln Wald,
Und friert, durchnäßt vom Thaue kalt! –
O stille Nacht, o stille Nacht,
In zeichenvoller Sternenpracht,
Tritt aus des Himmels hehrem Haus
Und breite deinen Mantel aus!
Bring sanften Schlaf, bring süße Ruh,
Schließ ihrem Schmerz die Augen zu;
Lisch von der Seele Tafel mild
Des Grames Zeichen, daß gestillt
Die Qualen ruhn, die Sorgen bleich.
Ihr herbes Leid, o bett' es weich
Auf Schwanenflaum; jedwede Pein
Hüll' sie in zarte Binden ein! –
Und so geschah's! – Der Schlaf umzieht
Waldfräuleins müdes Augenlied,
Sie träumt, träumt einen Traum so süß,
Als schlummre sie im Paradies.
Sie ruft im Schlaf: »O du, o du!«
Und athmet fort, die Augen zu. –

Endlich wird's Tag und sie erwacht;
Die Sonne schon am Himmel lacht;
Die Vöglein sind erstanden schon,
Und grüßen sie mit süßem Ton.
Waldfräulein kennt die Vögel all'
An ihrem Sang und eignen Schall:
Den Buchfink, Mönch, die Drossel sein,
Den Hänfling und Zaunkönig klein;
Doch singen sie nicht heil ihr Herz,
Und aufgewacht, erwacht ihr Schmerz! –
Was soll sie thun, wo soll sie hin?
Wo ist die Welt, wer lebt darin?
Wo führt der Weg in sie? Wo hat
Waldfräulein Ruh und sichre Statt? – –
Sie springt empor; auf neuem Steg
Sucht heute sie zum Schloß den Weg;
Vergebens! Nirgends zeigt sich's mehr,
Fort ist's, und keine Spur umher,
Als lag' es in der Erde Gruft,
Als wär's zerstoben in die Luft! –
Da faßt, Verzweiflung schier ihr Herz! –
Sie schluchzet laut in heißem Schmerz,
Sie ringt die weißen Hände wund,
Sie spähet fruchtlos in die Rund'; –
Doch ach, kein Helfer ihr erscheint!
Waldfräulein jetzt zu sterben meint. –
Sie ist erschöpft, sie hungert sehr –
Da stehn im Walde rothe Beer' –
Nach ihnen sie sich emsig bückt,
Und sich die karge Labsal pflückt.
Und immer weiter irrt ihr Fuß;
Da hat ein Wässerlein den Fluß;
Sie folgt dem kleinen Bächlein still,
Gleichviel wohin es fließen will.
Und nach und nach wird minder dicht
Der Wald umher, und endlich licht.
Dran stößt ein kleiner Grasplatz grün;
Ein Zicklein an dem Laube rupft
Am Zaun, wo Ros' und Weißdorn blühn,
Und ab die herben Blätter zupft.
Und an den grünen Wiesenplan
Schließt sich ein enges Gärtchen an,
Ein kleiner, angepflanzter Raum,
Und drin ein blüh'nder Apfelbaum,
Der streckt weit seine Aeste aus,
Ueber ein ärmlich hölzern Haus,
Umstrickt von rother Bohnen Rank';
Und an der Thüre auf der Bank
Liegt in der Sonn' ein Kater blind,
Und wärmt sich aus, und pfurrt und spinnt;
Darneben sitzt auf Scheiterholz
Ein Gockelhahn, und krähet stolz. –
Ein dürftig Dach! – Es wohnt darin
Nothburga, eine Köhlerin,
Ein übellaunig altes Weib,
Mit dürrem, eingeschrumpftem Leib! –
Waldfräulein pocht mit zarter Hand –
Da kommt sie schnell herbeigerannt;
»Was willst du hier?« – schreit sie sie an;
Der Maid das Blut im Leib gerann!
»Ich bin verirrt, im Wald allein,
Ein hilflos Weib, erbarmt Euch mein!
O gönnt ein Obdach meiner Noth,
O reicht mir einen Bissen Brod,
Gott lohnt's Euch wohl mit andrem Gut!«
So spricht die Maid mit bangem Muth.
»Mein Haus ist nicht für dich bestellt –
Die Alte schreit – Sprich, hast du Geld?«
Darauf die Jungfrau: »Geld? ach nein!«
»So ding' bei mir zum Dienst dich ein!
Du kommst mir eben recht gelegen,
Ich bin um eine Magd verlegen;
Mir wird die Arbeit schier zu schwer,
Ich bin zu alt, nichts fördert mehr.
Du aber bist von Leibe kräftig,
Gelenk von Gliedern und vollsäftig,
Du stehst mir grade zu Gesicht,
Du bist die Magd, die mir gebricht!«
Waldfräulein drauf mit Aengsten spricht:
»Zur Magd taug' ich mein Lebtag nicht!«
Die Alte drauf: »Wir wollen sehn,
Sollst bei mir in die Lehre gehn!« –
»Ich bin des Schaffens nicht erfahren!«
»Du wirst es lernen mit den Jahren.«
»Ich kann nicht tragen und nicht heben –«
»Das wird sich durch die Uebung geben!«
»Meine Füße sind zu weich und zart –«
»Die werden bald im Holzschuh hart!«
»Auch meine Hände sind zu klein –«
»So webst du besser das Linnen fein!
Fort! trag den Kater in das Haus,
Du bleibst bei mir, und damit aus!
Und denkst du heimlich fortzuziehn,
So wisse, schwer ist's zu entfliehn,
Du fändest niemals aus dem Wald,
Und meine Hand erreicht dich bald!« –
Und ob Waldfräulein will, ob nicht,
Sie ist jetzt in der Alten Pflicht;
Die stößt sie in das Haus hinein,
Hängt hinter ihr den Bolzen ein,
Und wie sie fest gemacht die Thür,
Setzt sie ihr Brod und Molken für;
Und zeigt im Winkel ihr die Streu
Von Waldlaub und von dürrem Heu;
Geht in die Kammer dann hinein,
Und läßt die arme Maid allein! –
Da sitzt sie nun, das Herze wund!
Sie weiß genau zu dieser Stund,
Was für ein Weh' die Liebe sei;
Seit sie gesehn den Jüngling frei,
Seit sie sein erster Gruß gegrüßt,
Seit sie sein erster Kuß geküßt! –

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