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Joseph Christian von Zedlitz: Waldfräulein - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
authorJoseph Christian von Zedlitz
titleWaldfräulein
seriesJoseph Christian von Zedlitz, Band 2
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071203
projectid746515f6
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Siebenzehntes Abentheuer.

Wie Waldfräulein ihren Großvater wiederfindet.

O Lerchensang, o Maienschall,
O Nachtigall, du Liebeshall,
Der trauten Vöglein Singen,
Wie thut es quellen und klingen!
Wenn träumen die Wälder in stiller Ruh',
Dann flötest und wirbelst im Busche du,
Willst mit sehnsücht'gem Ringen
Die Nacht zu weilen zwingen!
Die Lerch' indeß beginnt zu wecken,
Ihr Köpflein aus dem Thau zu recken,
Und bringt dem Licht ein Grüßen,
Dem Morgen, dem viel süßen!
Dies sind die frommen Psalmen,
Die in den Büschen und Halmen
Bei Tag und Nacht die Vöglein klein
Dem Herrn in aller Unschuld weihn!
Waldfräulein hatt', entfernt vom Zelt,
Dem Rebhuhn gleich, am Ackerfeld
Sich hinter einen Busch gelegt,
Und dort des süßen Schlafs gepflegt.
Die Wipfel rauschten lind dazu,
Die Nachtigall sang sie zur Ruh';
Und früh, sobald der Lerche Schlag
Willkommen hieß den jungen Tag,
Sie auf die holden Augen schloß! –
Noch lag in Schweigen die Natur
Da kniete sie in stiller Flur,
Und faltete die Händlein weiß;
Und eine schwere Thräne heiß
Dabei ihr aus der Wimper floß.
Sie betete zu Gott dem Herrn:
»Trag, lieber Gott, in deinen Hulden
Mit meiner Schwäche ein Gedulden,
Und lasse mich den theuern Mann,
Dem ich geworden unterthan,
In treuer Liebe wieder finden!« –
Und allgemach verglomm der Stern
Des Morgens, und ein flammend Meer
Goß seine Gluten rings umher,
Des Herren Altar zu entzünden;
Bis hell im Osten stieg die Sonne,
Verkündigend des Tages Wonne! –

Auch auf der Wiese weitem Plan
Fing sich das Volk zu regen an;
Die Feuer waren ausgeglommen,
Die Waffen wurden aufgenommen;
Man war in keinem Winkel faul:
Der putzt sein Schwert, der seinen Gaul,
Die sorgen hier, die sorgen dort,
Hier zieht ein Zug, dort einer fort,
Und tummelt sich auf grünem Rasen,
Und wacker die Trompeter blasen!
So war denn Alles, wohlbestellt,
Gezogen auf des Kampfspiels Feld!
Auf eines Blachfelds weitem Plan
Waren die Schranken aufgethan,
Und weit und breit kam Jung und Alt,
Das Spiel zu sehn, herbeigewallt.
Und wie der Platz auch däuchte voll,
Die Menge immer dichter schwoll.
Da war kein zollbreit leerer Raum,
Man kletterte auf Stock und Baum,
Hier lachte man, dort gab es Streit,
Ein jeder sprach zu gleicher Zeit;
Die Spielleut' in das wilde Schrein
Bliesen mit vollen Backen drein,
Und durch die Menge unverdrossen
Der Schallsnarr sprang und machte Possen! –

Am andern End' der Schranken rund
Erhob sich allgemach der Grund,
Und war der Platz den Blicken frei!
Dort hatte man, in langer Reih,
Zum Wetterschutz auf bunten Stangen
Ein seiden Zeltdach aufgehangen.
Dort saßen, lieblich anzuschaun,
Die Ritter und die Edelfraun;
Und mitten, mit den Haaren weiß,
Der Pfalzgraf, ein gebückter Greis.
Der trug die Last von achtzig Jahren
Und hatte viel des Leids erfahren!

Als sie den Hörnerklang vernahm,
Waldfräulein aus dem Busche kam;
Schon fand sie leer das Lagerfeld,
Und weder Ritter, Roß, noch Zelt.
Noch immer zog viel Volk herbei
Und lenkte nach dem Blachfeld frei,
In gleichem Strome, Well' und Welle.
Sie folgt dem Zug und kommt zur Stelle!
Sie schreckt zurück, als vor dem Blick
Sich aufthut das Gewimmel dick;
Giebt's so viel Menschen in der Welt?
Sie hatte sich's nicht vorgestellt! –
Sie sieht umher – hier muß er sein!
Hier muß sie ihren Herrn gewahren,
Hier Kunde wenigstens erfahren,
Dort ist er! – hier! Er ist's – ach nein!
So sucht sie fort rings im Gedränge,
Und ungeheißen weicht die Menge,
Das Volk, die Wärtel, das Gesind,
Als wär' sie hoher Leute Kind.
Sie schien ein Wesen eigner Art,
Gleich einem Blumenstengel zart,
Und glutenstrahlend doch zugleich
Den Wunderblumen Indiens gleich;
Daß, wer sie sieht, verwundert schreit:
»Sieh dort die schöne Elfenmaid!« –
Sie aber schwebt, mit leichtem Schritte,
Ernst durch des frohen Volkes Mitte,
Und geht durch seine dichten Reihn,
Als trüg' sie einen Heil'genschein!
Was sie hier sieht, ihr ist es neu,
Doch faßt sie Staunen nicht noch Scheu.
Sie sucht nur ihrer Liebe Recht,
Sie kümmert nicht das Scheingefecht;
Nur Einen sucht sie in der Welt,
Auf den ihr Herzblut ist gestellt.
Sie sieht die Ritter nach der Reih',
Ihr Ritter, ach! ist nicht dabei! –
Da sieh' – stiegt einer in den Sand –
Und es entfällt der Eisenhand
Der Lanze Schaft, wie Glas zersplittert;
Der Andr' indeß bleibt unerschüttert!
Ein schlanker Held, von Hüften schmal
Und breit von Brust; in schwarzem Stahl. –
Er steigt vom Roß; der Jubel schallt!
Ein lautes Echo gibt der Wald –
Es klingt ein Blasen, Musiziren,
Ein lautes Rufen, Jubiliren;
Dann führt man ihn hindurch den Plan,
Zum Fürstengreis den Sitz hinan! –
Waldfräulein wendet sich und schaut –
Sie bebt – es pocht ihr Herze laut
Und schlägt hoch auf, als wollt' sein Drängen
Des Busens schöne Decke sprengen! –
Das ist sein Wuchs – das ist sein Gehn –
Noch kann sie nicht sein Antlitz sehn –
Und weiter stürzt sie ohne Rast,
Als höben Flügel ihre Hast,
Grad auf den Sitz des Fürsten zu! –

Vor ihm der junge Ritter kniet,
Und will von ihm den Dank empfangen;
Da, von dem Nacken niederhangen
Der Fürst Waldfräuleins Goldschuh sieht!
»Hilf Himmel – meiner Tochter Schuh!« –
Der Pfalzgraf blaß. – »Du bist's, du bist's!«
Waldfräulein jauchzt. – »Sie ist's, sie ist's!«
Herr Aechter in Entzücken schreit,
Und aus nach ihr die Arme spreit't –
Und beide halten sich umschlungen,
Mit ihren Händen fest umrungen! –
Endlich der Greis mit Zittern spricht:
»Hätt' sie nicht diese Hand begraben,
Ich schwüre, sie vor mir zu haben!
Woher der Schuh, o täuscht mich nicht!
Beim hohen Gott, an diesem Schuh
Hängt meine Seligkeit und Ruh!
Wer, sage junges Weib, bist du?« –
»Waldfräulein werd' ich zugenannt,
Meine Sippen sind mir unbekannt;
Meine Mutter starb in Kindeswehn,
Ihr Antlitz hab' ich nie gesehn;
Das aber, Herr, das war ihr Schuh!« –
»Die Mutter – Kind! die dich gebar,
Einst meine liebe Tochter war!« –
So schluchzt der Greis in Freud und Schmerz,
Und sank der Enkelin an's Herz! –

Als Alles das das Volk erschaut,
Da wird erst recht der Jubel laut;
Man trägt den Greis, man trägt die Maid,
Man trägt Herrn Aechter, groß und breit,
Erhoben auf den Schultern fort
Nach Zabelstein, der Beste dort!
Und einer rief es zu dem Andern,
Wo Zween desselben Weges wandern:
»Es hat der Pfalzgraf zu dieser Stunden
Sein lieblich Kindeskind gefunden!« –

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