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Joseph Christian von Zedlitz: Waldfräulein - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
authorJoseph Christian von Zedlitz
titleWaldfräulein
seriesJoseph Christian von Zedlitz, Band 2
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071203
projectid746515f6
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Zehntes Abentheuer.

Wie Herr Aechter das erstemal versucht wird.

Als auf den Grund das Fahrzeug trieb,
Kaum so viel Zeit Herrn Aechtern blieb,
Daß er die Seele Gott befahl,
Nicht hoffend, daß er noch einmal
Oben des lichten Himmels Blau,
Die grüne Erde unten schau';
Er meinte traurig zu verderben,
Im Wasser sichern Tod zu sterben!
Doch, wie's geschieht im Leben oft,
Kam's anders, als er es gehofft.
Als ihn hinab das Wasser zog,
Er viele tausend Klaftern flog;
Doch wie er unten sich befand,
Er fest auf seinen Füßen stand. – –
Getreten war, das sah er gleich,
Er in ein fremdes Wunderreich
Von solcher Pracht und solcher Zier,
Daß ihm der Blick vergangen schier!

Am Rande, wie der Alpen Joch,
Ragen die Wasserberge hoch,
Von deren Scheitel, fort und fort,
In ewig sprühendem Bewegen,
Sich löst ein diamantner Regen.
Zuerst, wie volle Aehrengarben,
Steigt er empor in hundert Farben,
Und überwölbt, weit ausgespannt,
Den Thalrand bis zum andern Rand.
Und aus dem streitenden Getümmel,
Der Tropfen funkelndem Gewimmel,
Ein Rieseln tanzt der Silberwellen.
Ein Strahl bricht hier vor, einer dort,
Und endlich sprudeln hundert Quellen! –
Die, aus dem unterird'schen Haus,
Wo flimmern, durch der Klüfte Nacht,
Die Erz' im tief verborgnen Schacht,
Suchen mit Macht den Weg hinaus;
Und wie sie streben an das Licht,
So wieder stürzt, mit mächt'gem Brausen,
Gleich eines ries'gen Mühlrads Sausen, –
Bald dort, ein rebentrunkner Bach
Der obern Erd', bald da – sich jach,
Aus grünen Thälern mannigfalt,
Hervor aus Waldesschluchten dicht,
Aus mächt'ger Felsenwände Spalt,
Hinein in den gewalt'gen Schlund,
Und sprüht die Schäume bis zum Grund!
So ist ein Kreisen ohne End'
In dem bewegten Element,
Hier kommen Ströme in das Haus,
Dort rauschen andre wild hinaus. –

Und wie die Luft der Erde Ball
Umwölbt, so wölbt der Flut Krystall
Sich hier in ungemess'nen Bogen
Und hält den trocknen Raum umzogen.
Auch hier ist grünes, festes Land,
Berg, Thal und Felsen allerhand,
Und Bäum' und Blumen mannigfalt,
Nur andrer Farbe, Stoff, Gestalt;
Und wie der bunten Vögel Zug
Nimmt durch den Aether seinen Flug,
So tummelt sich das Fischgeschlecht,
Der Salm, die Karpfe, Sander, Hecht,
In dem durchsicht'gen Wogenbau!
Wie Pfeile durch der Lüfte Blau,
Kommt einer hier mit goldnen Flossen,
Ein silberfloß'ger dort geschossen,
Sternschnuppen gleich, die, durch die dunkeln
Nachtwolken niederzuckend, funkeln! –

In dieser unterird'schen Au,
Die im Krystallgehäus' der Flut
Wie unter einer Glocke ruht,
Blüht stolze Blumenpracht zur Schau;
Des Lotos Kronen, die auf schlanken
Stängeln, wie schlummertrunken wanken;
Seltsame Sterne, Kelche, Dolden,
Bald farbig bunt, bald silbern, golden,
Füllen mit fremdem, strengen Duft
Und Wohlgerüchen rings die Luft;
Schlingpflanzen netzen und umwinden
Die Stämme dicht; an Laubesdächern,
An hohen Rohren, Palmenfächern
Hängen in seltnem Formenspiel
Der unbekannten Früchte viel.
Denn im gesammten Wasserreich,
So bald sich Flüssiges will binden,
Strebt es zum Leben, Blumen gleich,
Und, wie die Pflanzen in's Gemein,
Schießt auch in Blüthen das Gestein!
Die bunten Muschelblätter schimmern,
Die Perlentrauben zierlich flimmern,
Man sieht zu äst'gen Dornenhecken
Korallen rothe Zweige strecken;
Ja, in die Blumenwelt hinein,
Gleich den Gebilden von Gestein,
Spielt selbst das Schalenthier von fern!
Ist's Blatt, ist's Frucht, ist's Blüthenstern? –
Hier ragt, in Mitten dieser Au,
Der Nixenstadt prachtvoller Bau.
Eine stolze Pfalz! Es wohnen drin
Die Nixen und ihre Königin!
Die hört man singen oft im Rhein
Verlockend süße Melodein,
Doch niemand hat sie noch erblickt;
Nur einmal alle hundert Jahr,
In stiller Nacht beim Mondschein klar,
Schweben sie auf im leichten Reigen.
Sie dürfen nicht der Tief' entsteigen;
Die Männer stürzten sonst, berückt,
Sich ihnen nach in voller Hast,
Und hätten nicht der Sehnsucht Rast! –
Die fassen jetzt Herrn Aechters Hand,
Der zögernd voll Verwundrung stand,
Daß er geborgen sei und lebe,
Und ihn ein solch Geleit umgebe!
Die dünkten Aechtern Erdenfraun,
So wunderreizend anzuschaun;
Nie sah er solcher Locken Gold,
Nie Wangen noch so licht und hold;
Es kündigten die huld'gen Mienen,
Daß sie willfährig ihm zu dienen;
Sie riefen ihm mit holdem Ton:
»Auf, wähle die, die dir gefällt,
Daß sie dir folg' um Minnelohn;
Wir sind zu deinem Dienst bestellt!«
Doch wie er in ihr Auge schaut,
Und sieht, daß drin kein Stern sich dreht,
Und daß er starr und glühend steht –
Unheimlich, wie Karfunkellicht,
Das grell aus finstern Grüften bricht, –
Ihm vor den feuchten Bräuten graut!
»Waldfräulein, wie hab' ich dein Auge gern!
Wie strahlt so süß bewegt sein Stern,
Ob Wonneschauer es erregt,
Ob's lächelt oder Thränen hegt!«
Darauf die Nixen lachen laut:
»Laß fahren, laß fahren des Waldes Braut,
Du hast noch die Braut nicht der Fluten geschaut!
Dir wird zum Gewinn
Hier unten die schönste Königin!
Wir wollen dich fahen und binden,
Mit goldnem Seil umwinden,
Und führen zu ihrem Thron!«
Sie nun um ihn die Arme flechten –
Da reißt Herr Aechter aus die Wehr,
Streckt seinen Schwertknopf vor sich her,
Und schlägt das Kreuz mit seiner Rechten:
Und sieh! Verschwunden ist der Spuk!
Das Schiff, mit einem heft'gen Ruck,
Mit Segel, Kiel, den Männern all,
Taucht aus des Wirbels wüstem Schwall,
Und, unversehrt, im Windeshauch
Schwimmt frisch dahin sein eichner Bauch.
Und nach tönt's höhnend durch die Flut:
»Fahr' hin, fahr' hin, du Ritter gut,
Verlach, um ein vergänglich Weib,
Der Nixen ewig jungen Leib!
Du bist noch nicht des Zaubers frei;
Wenn dich die Nixen hier nicht fingen,
So fängt dich wohl mit ihrem Singen,
Am Felsen dort, die Loreley!« –

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