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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Töne

Doch während wir uns auf Bücher beschränken, selbst wenn es die hervorragendsten und die klassischen sind, und während wir nur bestimmte Schriftsprachen lesen, die selbst nur unbeholfene Dialekte sind, laufen wir Gefahr, diejenige Sprache zu vergessen, in welcher alle Dinge und Ereignisse ohne Metapher reden, welche allein erschöpfend und meisterhaft ist. Viel wird veröffentlicht, aber wenig wird gedruckt. An die Strahlen, die durch den Fensterladen fielen, wird niemand mehr denken, wenn der ganze Fensterladen geöffnet ist. Keine Methode, keine Disziplin kann uns über die Notwendigkeit hinweghelfen immer die Augen offenzuhalten. Was ist ein Kursus über Geschichte, Philosophie oder Poesie, mag er noch so vorzüglich zusammengestellt sein, was ist die beste Gesellschaft und die bewunderungswürdigste Lebenskunst im Vergleich zu jener Fähigkeit die Dinge zu sehen, die wirklich zu sehen sind. Willst Du nur ein Leser, ein Forscher sein, oder ein Sehender? Lies Dein Schicksal, sieh was vor Dir liegt und wandle hinein in die Zukunft.

Im ersten Sommer las ich keine Bücher – ich hackte meine Bohnen. Ja, oftmals tat ich noch etwas Besseres! Es gab Zeiten, wo ich es nicht über mich gewinnen konnte, die Blüte des Augenblicks irgend einer Arbeit des Kopfes oder der Hände zu opfern. Ich liebe es meinem Leben einen weiten Spielraum zu geben. Bisweilen saß ich an einem Sommertage, nachdem ich mein gewohntes Bad genommen hatte, vor meiner Tür im Sonnenschein von Sonnenaufgang bis zur Mittagstunde, traumverloren zwischen Fichten, Walnuß- und Sumachbäumen, in ungestörter Einsamkeit und Stille, während die Vögel ringsum sangen oder geräuschlos durch das Haus flatterten. Und erst, wenn sich die Sonne in dem westlichen Fenster meines Hauses spiegelte, oder wenn das Rollen eines Reisewagens von der fernen Landstraße zu mir drang, erinnerte ich mich daran, wie schnell die Stunden verflogen.

An solchen Tagen wuchs ich wie der Mais in der Nacht. Sie waren auch weitaus besser als irgend ein Werk meiner Hände hätte sein können. Sie wurden meinem Erdenwallen nicht abgeschrieben, sondern zugelegt. Ich verwirklichte das, was die Orientalen unter Beschaulichkeit und Arbeitsentsagung verstehen. Meistens dachte ich gar nicht daran, daß Stunde auf Stunde verrann. Der Tag brach an, als ob er mein Werk beleuchten wolle. Es war Morgen und – siehe da! – nun ist es Abend und nichts von Bedeutung wurde getan. Statt wie die Vögel zu singen, war ich innerlich heiter über mein dauerndes Glück. Wie der zwitschernde Spatz, der auf dem Walnußbaum vor meinem Hause sitzt, so habe auch ich mein Lachen, mein Trillerlied, das vielleicht aus meinem Nest zu ihm hinüberschallt. Meine Tage waren keine Wochentage, waren nicht nach irgend einer heidnischen Gottheit benannt, sie waren nicht in Stunden zerhackt, noch durch das Ticken einer Uhr zerfetzt. Nein, ich lebte wie die Puriindianer, die, wie man erzählt, »für gestern, heute und morgen nur ein Wort besitzen; sie modifizieren es dadurch, daß sie für gestern – rückwärts, für morgen – vorwärts und für heute nach oben deuten.« Ich weiß sicher, daß meine lieben Mitbürger darin nur eine unglaubliche Faulheit erblicken. Doch, wenn Vögel und Blumen mich mit ihrem Maß gemessen hätten, wäre ich nicht zu leicht befunden. Ein Mensch muß von innen heraus seine Impulse bekommen, das steht fest. Der Tag an sich ist sehr ruhig und wird ihm kaum seine Trägheit zum Vorwurf machen.

Jedenfalls hatte ich vor der Lebensweise anderer Menschen, die in Vergnügungen, Theater und Gesellschaften aufgehen, mit meiner Lebensweise den Vorzug, daß mein Leben selbst ein Genuß war, und nie aufhörte neu zu sein. Es war ein Schauspiel mit vielen Szenen und ohne Schluß. Würden wir immer versuchen nach den letzten und besten Regeln, die wir lernten, unser Brot zu verdienen, unser Leben zu verbringen, so würde uns Langweile sicher niemals plagen. Folge dem Fluge Deines Genius unmittelbar, und er wird Dir getreulich in jeder Stunde neue Perspektiven eröffnen. Hausarbeit war ein willkommener Zeitvertreib. Wenn mein Fußboden schmutzig war, stand ich frühzeitig auf und setzte all meine Möbel draußen auf das Gras. Bett und Bettstelle trug ich dabei auf einer Schulter. Dann sprengte ich die Dielen mit Wasser, streute weißen Sand aus dem Teiche hinauf und bürstete sie mit dem Besen, und um die Zeit, wo die Dorfbewohner ihr nächtliches Fasten brachen, hatte die Morgensonne bereits mein Haus so weit getrocknet, daß ich wieder einziehen konnte, ohne daß mein Gedankenflug eine Unterbrechung erlitt. Es machte mir Freude meine ganze Hauseinrichtung dort draußen auf dem Gras zu sehen, wo sie einen kleinen Haufen bildete, wie das Bündel eines Zigeuners. Daneben stand mein dreibeiniger Tisch inmitten von Fichten und Walnußbäumen, von welchem ich Bücher, Feder und Tinte nicht entfernte. Ein jedes schien froh, wenn es ins Freie getragen, betrübt, wenn es wieder hineingetragen wurde. Bisweilen kam ich in Versuchung ein Zeltdach über alles zu spannen, und mich darunter niederzulassen. Es lohnte sich schon der Mühe zu beobachten, wie die Sonne auf all diese Dinge schien, wie der Wind darüber hinstrich; die vertrauten Gegenstände sahen im Freien viel interessanter aus als im Hause. Ein Vogel sitzt auf dem nächsten Ast, Immergrün wächst unter dem Tisch, Brombeerranken schlingen sich um des Tisches Füße. Tannenzapfen, stachlige Hüllen der Kastanien und Erdbeerblätter sind über den Boden verstreut. Es hat den Anschein, als ob auf solche Weise diese Formen auf unsere Möbel, Tische, Stühle und Bettstellen übertragen würden – gerade weil sie einst in ihrer Mitte gestanden haben.

Mein Haus lag am Abhang eines Hügels, unmittelbar am Rand eines größeren Waldes, inmitten einer jungen Anpflanzung von Harztannen und Walnußbäumen, etwa dreißig Schritte vom Teich entfernt, zu dem ein schmaler Fußpfad den Hügel hinunter führte. In meinem Vorgarten wuchsen Erdbeeren, Brombeeren und Immergrün, Beifuß und Goldstab, Zwergeichen und Sandkirschen, Heidelbeeren und Erdnüsse. Gegen Ende Mai schmückte die Sandkirsche. (cerasus pumila) die Seiten des Weges mit ihren Blüten, die in Dolden zylindrisch um die kurzen Stengel stehen. Im Herbst aber hingen die Stengel, durch die großen und schönen Kirschen niedergebogen, in Guirlanden wie Strahlenbündel an beiden Seiten über den Weg. Ich kostete die Früchte aus Höflichkeit gegen die Natur; sie waren indessen nicht wohlschmeckend. Der Sumach (rhus glabra) wuchs im Überfluß um das Haus herum, arbeitete sich durch den Erddamm, den ich aufgeschüttet hatte und erreichte im ersten Jahre eine Höhe von fünf bis sechs Fuß. Sein breites, gefiedertes, tropisches Blatt bot einen schönen, wenn auch seltsamen Anblick dar. Die großen Knospen, die erst spät im Frühling plötzlich aus den trockenen, scheinbar abgestorbenen Stengeln hervorsproßten, entwickelten sich wie durch Zauberkraft zu anmutigen, grünen, zarten Zweigen von einem Zoll im Durchmesser. Und so sorglos wuchsen sie, so sehr überanstrengten sie ihre schwachen Glieder, daß ich bisweilen, wenn ich an meinem Fenster saß, einen frischen und zarten Ast plötzlich wie einen Fächer zur Erde fallen hörte, während sich kein Lüftchen regte. Sein eigenes Gewicht brach ihn. Im August nahmen die zahllosen Beeren, deren Blüten viele wilde Bienen angelockt hatten, allmählich eine helle, sammetartige, karmoisinrote Farbe an; auch sie bogen und brachen durch ihr Gewicht die zarten Stengel.

Während ich jetzt an diesem Sommernachmittage an meinem Fenster sitze, kreisen Habichte über meiner Lichtung. Der pfeilschnelle Flug wilder Tauben, die zu zweien oder dreien meinen Blick kreuzen oder ruhelos auf den Ästen der Weißtannen hinter meinem Hause auf und ab hüpfen, verleiht der Luft eine Stimme; ein Fischreiher taucht in die spiegelglatte Oberfläche des Sees und bringt einen Fisch in die Höhe. Eine Otter stiehlt sich aus dem Sumpf vor meiner Tür hervor und packt einen Frosch am Ufer. Das Schilf beugt sich unter der Last der Riedmeisen und Rohrdommeln, die hinüber und herüber fliegen. Während der letzten halben Stunde habe ich auch das Rollen der Eisenbahnwagen gehört, in welchen die Reisenden von Boston aufs Land fahren; bald klingt es hinsterbend, bald auflebend wie der Flügelschlag eines Rebhuhns. Ja, ich lebte nicht so weit von aller Welt entfernt wie jener Junge, der, wie mir erzählt wurde, bei einem Farmer im östlichen Teile der Stadt untergebracht wurde, von dort aber bald wieder ausriß und zu Haus ankam, zerlumpt und krank vor Heimweh. Nie hatte er einen solch öden, abgelegenen Platz gesehen! Die Leute waren alle von dort fortgezogen! Ja, selbst die Dampfpfeife konnte man dort nicht hören! . . . Ich bezweifle, ob es jetzt noch ein solchen Platz in Massachusetts gibt:

»Denn jetzund ist auch unser Dorf ein Ziel
»Für einen jener windesschnellen Eisenspeere!
»Und über unsrer Felder stille Einsamkeit
»Hallt sanft der Ruf – Concord.«

Die Fitchburger Bahn berührt den Teich ungefähr fünfhundert Schritt südlich von meiner Wohnung. Gewöhnlich gehe ich auf dem Eisenbahndamm zum Dorfe; ich bin somit durch dieses Band gleichsam mit der Zivilisation verbunden. Die Leute auf den Güterzügen, welche die ganze Strecke abfahren, grüßen mich wie einen alten Bekannten. Sie fahren so oft an mir vorbei, daß sie mich augenscheinlich für einen Beamten halten. Und das bin ich auch. Ich selbst würde nur allzu gern auf diesem Erdkreis irgendwo die Geleise ausbessern.

Das Pfeifen der Lokomotive durchdringt meine Waldungen im Sommer und im Winter; es klingt wie der Schrei eines Habicht, der über den Hof einer Farm fliegt. Es gibt mir Kunde, daß viele rastlose Kaufleute von Boston, oder unternehmungslustige Geschäftsmänner aus der entgegengesetzten Richtung gleich in unsrem Städtchen eintreffen werden. Kommen sie unter dem gleichen Horizont zusammen, dann schreien sie einander warnend zu: »Mach Platz!« Das kann man bisweilen im Umkreis von zwei Städten hören. Hier kommen Deine Kolonialwaren, Land! Hier ist Euer Mundvorrat, Landleute! Und noch ist kein Mann auf seiner Farm so unabhängig, daß er solche Anerbietungen von der Hand weisen kann. »Und hier ist Euer Geld«, kreischt die Pfeife des Landmanns. Bauholz rennt mit einer Geschwindigkeit von zwanzig Meilen pro Stunde auf die Mauern der Stadt zu; Stühle genug können daraus fabriziert werden, daß alle Mühseligen und Beladenen in der Stadt darauf ausruhen können. Mit solch imponierender und hölzerner Höflichkeit bietet das Land der Stadt einen Stuhl an. All die indianischen Heidelbeerhügel werden geplündert, all die Preißelbeerwiesen werden in die Stadt geharkt. Gen Norden geht die Baumwolle, gen Süden das gewebte Tuch. Gen Norden geht die Seide, gen Süden der Wollstoff. Hinauf gehen die Bücher, aber der Geist, der in ihnen wohnt, geht bergab.

Wenn ich die Lokomotive sehe, die mit ihrem Schweif aus Wagen in planetarischer, oder richtiger kometenartiger Bewegung dahineilt, – der Zuschauer weiß nicht, ob sie bei dieser Geschwindigkeit und in dieser Richtung je wieder die gleiche Strecke durchsausen wird, denn ihre Bahn gleicht nicht einer in sich zurückkehrenden Kurve – ja, wenn ich die Lokomotive sehe und die Dampfwolke, die wie ein Banner in goldnen und silbernen Windungen hinter ihr her flattert, wie eine flaumige Wolke, die ich hoch oben am Himmelszelt ihre Masse dem Licht entfalten sah, wenn ich sehe, wie dieser wandernde Halbgott, dieser Wolkenbezwinger den Sonnenuntergangshimmel für die Livree seiner Gefolgschaft zu benutzen versucht, und wenn ich höre, wie von den Hügeln das Schnauben des eisernen Rosses, aus dessen Nüstern Feuer und Rauch strömen, unter dessen Hufen die Erde erdröhnt, donnergleich widerhallt – dann glaube ich, daß die Erde ein Geschlecht trägt, welches würdig ist sie zu bewohnen. (Allerdings weiß ich nicht, welche feuerspeienden Drachen oder welches geflügelte Pferd die Menschen in die neue Mythologie aufnehmen werden.) O, daß doch alles so wäre wie es scheint! Wenn doch die Elemente nur zu edlen Zwecken den Menschen Sklavendienste zu leisten hätten! Wenn die Wolke, die über der Lokomotive schwebt, die Ausgeburt heroischer Taten oder so wohltuend wäre wie die Himmelswolke, die über des Landmanns Felder zieht, dann würden die Elemente und die Natur selbst mit Freuden die Menschen auf Weg und Steg begleiten und beschützen.

Ich beobachte das Vorüberkommen des Morgenzuges mit dem gleichen Gefühl wie den Sonnenaufgang, der kaum regelmäßiger vor sich geht. Die Wolkenschleppe erstreckt sich in weite Ferne, steigt immer höher bis zum Himmel hinan, während der Zug hinab nach Boston fährt. Eine Minute lang ist die Sonne hinter ihr verborgen. Mein entlegener Acker taucht in tiefen Schatten unter: ein Zug fährt zum Himmelszelt, gegen den der kleine Wagenzug, der an der Erde klebt, nur der Widerhaken des Speeres ist. Der Hüter des eisernen Rosses war früh auf an diesem Wintermorgen; die Sterne leuchteten noch über den Bergen, als er sein Streitroß fütterte und zäumte. Früh wurde auch das Feuer geweckt, um ihm Lebenswärme zu verleihen, um es fortzutreiben. Wäre das Unternehmen doch so unschuldig wie früh! Wenn hoher Schnee liegt, schnallen sie ihm Schneeschuhe an und pflügen mit gewaltigem Pflug von den Bergen bis zum Meeresstrand eine Furche, in welche die Wagen – wie nachfolgende Saatmaschinen – all die rastlosen Menschen und die beweglichen Waren als Samen über das Land verstreuen. Den ganzen Tag saust das Feuerpferd durch Wald und Feld; es hält nur an, damit sein Herr Ruhe finde. Um Mitternacht, wenn es in irgend einer entlegenen Waldschlucht den Elementen die Stirn bietet, rings umgeben von Eis und Schnee, erweckt mich sein Stampfen und sein wildes Schnauben. Erst beim Leuchten des Morgensterns erreicht es seinen Stall; und abermals gehts auf die Reise, ohne Rast und Ruh. Manchmal höre ich es auch am Abend, wenn es in seinem Stall die übrig gebliebene Energie des Tages von sich bläst, damit seine Nerven beruhigt, Leber und Hirn gekühlt werden für einige Stunden eisernen Schlafes. Wäre doch dies Unternehmen so heroisch und rühmenswert wie es groß angelegt und unermüdlich ist.

Durch unwegsame, obwohl nicht weit von menschlichen Wohnungen entfernte Wälder, die einst nur bei Tag der Jäger durchdrang, durch die finsterste Nacht jagen diese hellerleuchteten »Salonwagen« dahin, ohne daß die schlafenden Bewohner der Städte davon erwachen. In diesem Augenblick hält der Zug an dem hellerleuchteten Bahnhof eines Städtchens oder einer Stadt, wo eine gesellige Menge versammelt ist, im nächsten Augenblick ist er im unheimlichen Moor, und erschreckt Fuchs und Eule. Abfahrt und Ankunft der Züge bilden jetzt die Epochen im Leben des Dorfes. Sie kommen und gehen mit solcher Regelmäßigkeit und so pünktlich, ihr Pfeifen kann man so weit hören, daß die Farmer ihre Uhren darnach stellen. Sind die Menschen seit der Erfindung der Eisenbahnen nicht etwas pünktlicher geworden? Sprechen und denken sie nicht schneller auf dem Bahnhof als vor der »Posthaltestelle«? Etwas Elektrisierendes liegt in der Atmosphäre eines Bahnhofs. Ich bin über die Wunder, die er bewirkt, erstaunt! Einige von meinen Nachbarn, von denen ich bestimmt ein für allemal vorausgesetzt hätte, daß sie eine solch systematisch pünktliche Fahrgelegenheit nach Boston niemals benutzen würden, sind zur Stelle, wenn die Glocke an der Lokomotive ertönt. Etwas »wie die Eisenbahn« tun ist jetzt geradezu sprichwörtlich geworden. Man kann sich übrigens nur freuen, daß man so oft und so nachdrücklich daran erinnert wird drohenden Gefahren aus dem Wege zu gehen. In diesem Falle gibt es keine Verzögerung durch das Vorlesen der »Aufruhrakte«, durch Schießen über die Köpfe des Pöbels. Wir haben ein Fatum, wir haben eine »Atropos« geschaffen, die nie von ihrem Wege abweicht. (Wie gefällt Euch der Name für Eure Lokomotive?) Man hat den Menschen mitgeteilt, daß diese Donnerkeile zu einer bestimmten Stunde und Minute nach verschiedenen Punkten des Kompasses geschleudert werden; dadurch wird jedoch niemand in seinem Geschäft gestört, und die Kinder benutzen ein anderes Geleise, um in die Schule zu gehen. Wir leben dafür um so stetiger. Wir werden auf diese Weise alle zu Söhnen Tells erzogen. Die Luft ist voll unsichtbarer Pfeile! Jeder Pfad ist der Pfad des Schicksals – ausgenommen Dein eigener. So bleibe denn in Deinem Geleise.

Für den Handel spricht sein Unternehmungsgeist und seine Unerschrockenheit. Er faltet nicht die Hände und betet zum Jupiter. Ich sehe diese Menschen Tag für Tag mit mehr oder weniger Mut und Zufriedenheit an ihr Geschäft gehen, in welchem sie mehr leisten als sie ahnen und vielleicht besser sich betätigen, als sie sich je träumen ließen. Der Heldenmut jener Leute, die einst eine halbe Stunde lang bei Buena VistaBuena Vista, Dorf in Mexiko, wo am 22. und 23. Februar 1847 die Truppen der Vereinigten Staaten die vierfach überlegene Armee der Mexikaner besiegten. in der Front standen, macht auf mich weniger Eindruck als die beharrliche und freudige Tapferkeit derjenigen, die Winterquartiere im Schneepflug beziehen, die nicht nur den »Mut um drei Uhr morgens früh« besitzen, den Napoleon für den seltensten hielt, sondern auch den Mut nicht so früh zu Bett zu gehen, die nur schlafen, wenn der Sturm schläft, oder wenn die Sehnen des eisernen Rosses erfroren sind. Heute, zum Beispiel, wo ein gewaltiger Schneesturm tobt, der des Menschen Blut erstarren macht, höre ich aus den Nebelwolken ihres erfrorenen Atems heraus den gedämpften Ton der Lokomotivglocke, der verkündet, daß der Zug trotz allem kommt, ohne große Verspätung, dem neuenglischen Nordostschneesturm zum Trotz! Ich sehe sogar die schnee- und reifbedeckten Lokomotivführer; über die spitze Kante des dreieckigen Schneepfluges, der allerdings etwas anderes als Maßlieb oder Feldmausnester zerstört, ragen ihre Köpfe empor, wie runde Felsblöcke von der Sierra Nevada; sie scheinen einen Außenplatz in der Schöpfung einzunehmen.

»Handel treiben« heißt – es klingt überraschend: Vertrauen haben, heiter, wachsam, wagemutig und unermüdlich sein. Der Handel benutzt übrigens ganz natürliche Wege, jedenfalls natürlichere, als manche phantastische Unternehmungen und sentimentale Experimente zu wandeln pflegen; und daher rührt sein einzigartiger Erfolg. Es erfrischt mich, meine Spannkraft wächst, wenn der Güterzug an mir vorüber donnert. Ich rieche die Waren, die ihren Duft auf dem ganzen Wege von Long Wharf bis zum Champlainsee verbreiten. Ich werde an fremde Länder erinnert, an Korallenriffe, an den indischen Ozean, an die Tropen und an die Größe der Erde. Wenn ich Palmblätter sehe, die im nächsten Sommer manche Blondköpfe bedecken werden, Manilahanf, Kokosnußschalen, altes Gerümpel: Hanfsäcke, altes Eisen und rostige Nägel, dann fühle ich mich mehr als Weltbürger. Die Wagenladung zerrissener Segel ist lesbarer und interessanter, als wenn sie zu Papier verarbeitet und in gedruckte Bücher verwandelt ist. Wer kann die Geschichte der Stürme, denen sie preisgegeben waren, trefflicher schildern als diese Risse in den Segeln? Das sind Korrekturbogen, die keiner Korrektur bedürfen! Hier kommt Bauholz aus den Wäldern von Maine, das bei der letzten Überschwemmung nicht in die See hinausgespült wurde. Weil so viel fortgeschwemmt und zersplittert wurde, werden tausend Fuß jetzt um vier Dollar höher bezahlt. Tannen-, Fichten-, Zedernholz – erster, zweiter, dritter, vierter, und doch noch vor kurzem von derselben Qualität, damals als es über dem Bären, dem Elentier und dem Karibu rauschte! Dahinter rollt Kalk aus Thomaston – »Primaware«. Er wird weit in die Berge hineingefahren, bevor man ihn löscht. Die Ballen dort enthalten Lumpen in allen Farben und Qualitäten: das letzte Schicksal der Kleider. Baumwolle und Leinen sind auf ihre niedrigste Stufe gesunken; die Muster, die nun nie wieder angepriesen werden – vielleicht nur irgend wo im wilden Westen – und die schönsten Erzeugnisse in englischem, französischem oder amerikanischem Kaliko, Gingham, Musselin usw., zusammengesucht aus allen Quartieren des Reichtums und der Armut, werden nun bald zu einfarbigem oder noch schwach getöntem Papier verarbeitet. Und auf dieses werden dann – wer wagt es zu bezweifeln! – wahre, auf Tatsachen beruhende Geschichten aus dem wirklichen, aus dem erhabenen und dem gemeinen Leben gedruckt! Dieser geschlossene Güterwagen riecht nach Salzfischen, verbreitet den strengen, neuenglischen Handelsgeruch, der mich an die See und an Fischerei erinnert. Wer hat noch nie einen Salzfisch gesehen, der auf dieser Welt gegen alles gefeit ist, den nichts verderben kann, mit dem man die Straßen kehren und pflastern und Feuerholz spalten kann, der allem Trotz bietet mit einer Ausdauer, die selbst Heilige neidisch machen könnte, der den Fuhrmann und die Ladung vor Sonne, Wind und Regen schützt, der dann vom Krämer – ein Krämer in Concord tats – an die Türpfosten gehängt wird »zum Zeichen der Geschäftseröffnung«, bis schließlich auch der älteste Kunde dieses Herrn nicht mehr bestimmt angeben kann, ob dieses Ding etwas Animalisches, Vegetabilisches oder Mineralisches ist. Wird dieses Ding jedoch in den Topf getan und gekocht, so wird es wieder weiß wie eine Schneeflocke und als Stockfisch beim Mittagessen am Samstag für ausgezeichnet erklärt. Dann folgen spanische Felle: die Schweife sitzen noch daran und zeigen noch jenen Erhebungswinkel, den sie einstens hatten, als die Ochsen, die in diesen Fellen steckten, über die Pampas von Spanisch-Südamerika stürmten. Da haben wir einen Typus für alles Widerspenstige und einen kräftigen Beweis dafür, daß alle konstitutionellen Fehler hoffnungslos und unheilbar sind. Ich muß gestehen, daß ich tatsächlich, wenn ich den wahren Charakter eines Menschen kennen gelernt habe, nicht zu hoffen wage, irgend welchen Einfluß zum Guten oder zum Bösen in dieser Welt auf ihn auszuüben. Der Orientale sagt: »Eines Köters Schwanz kann erwärmt, gequetscht und mit festen Binden rings umwickelt werden; hast Du zwölf Jahre lang Deine Arbeit darauf verwendet, nimmt der Schwanz doch wieder seine natürliche Form an.« Gegen eine Widerspenstigkeit, wie diese Schwänze sie zeigen, gibt es nur ein einziges, wirksames Mittel: man mache Leim daraus. Soviel ich weiß, geschieht das auch meistens. Dann tun sie was man will und kleben fest. Hier kommt ein großes Faß Sirup oder Schnaps für John Smith, Cuttingsville, Vermont, für einen Krämer in den grünen Bergen. Er bezieht Waren für die Farmer, die nahe bei seiner Waldlichtung wohnen, und beugt sich jetzt vielleicht über seinen Ladentisch und denkt über die letzten ausländischen Importen nach, und über den Einfluß, den sie auf seine Preise ausüben werden. Dann erzählt er seinen Kunden, was er ihnen heute Morgen schon zwanzigmal erzählt hat, daß er mit dem nächsten Zuge beste Ware erwarte. Das steht übrigens auch im »Lokalanzeiger für Cuttingsville«.

Während diese Dinge nordwärts eilen, eilen andre gen Süden. Ein zischendes Geräusch trifft mein Ohr: ich blicke von meinem Buche auf, und sehe eine mächtige Tanne, die irgendwo im Norden auf einem Hügel gefällt wurde; sie flog über die »grünen Berge« und über den Connecticutfluß, schießt wie ein Pfeil in zehn Minuten durch das Stadtgebiet und kaum ein andres Auge sieht sie! Sie geht dahin

»um eines Admirales stolzes Schiff
als Mast zu zieren.«

Und horch! Da kommt der Viehzug. »Vieh auf den Bergen, da sie bei tausend gehn«, Schafhürden, Pferdeställe und Kuhställe in der Luft schwebend, Treiber mit ihren Stecken und Hirtenknaben mitten unter ihren Herden – alles (nur nicht die Weiden am Bergeshang) fährt dahin, wie Blätter, die ein frischer Herbstwind von den Bergen wehte. Die Luft ist erfüllt von dem Blöken der Kälber und Schafe, von dem Brüllen der Ochsen, als ob ein Hirtental vorbeizöge. Wenn der alte Leithammel an der Spitze seine Glocke schüttelt, da hüpfeten die Berge wie die Lämmer und die Hügel wie die jungen Schafe. Ein Wagen in der Mitte des Zuges ist mit Treibern angefüllt. Sie unterscheiden sich nicht mehr von den Getriebenen; ihr Beruf ist jetzt zwecklos. Dennoch klammern sie sich an das Symbol ihres Amtes, an ihren überflüssigen Stecken. Doch wo sind ihre Hunde? Die ganze Herde stob ihnen davon. Sie wurden als unnötig beiseite geschoben – sie haben die Spur verloren. Ich glaube ihr Bellen hinter den Peterborohügeln zu hören, oder wie sie den Westabhang der »Grünen Berge« hinaufkeuchen. Sie werden nicht dabei sein, wenn ihr Wild verendet. Ihr Beruf ist dahin, ihre Treue und ihr Spürsinn stehen jetzt unter Pari. Die in Ungnade gefallenen werden in ihre Hundeställe zurückschleichen oder verwildern und sich zu Fuchs und Wolf gesellen. Seht, so wird Euer pastorales Leben fortgewirbelt, so endet es! Doch da tönt die Zugglocke – ich muß aus dem Geleise gehen, um die Wagen vorüber zu lassen: –

Was kümmert mich die Eisenbahn?
Um zu sehen wo sie endet
Hab ich niemals Zeit verschwendet!
Ein paar Gräben füllt sie aus
Am Damm bauen Schwalben ihr erdiges Haus
Im Schatten von Bambusgesträuch.
Die Räder wirbeln den Sand empor . . .

ich aber schreite über das Geleise wie über einen Waldpfad. Ich will mir weder Augen noch Ohren von ihrem Rauch und Dampf und Zischen verderben lassen.

Jetzt sind die Wagen und die rastlose Welt mit ihnen vorüber. Die Fische im Teich hören das Gerumpel nicht mehr, und ich bin einsamer denn je. Den übrigen langen Nachmittag werden meine Meditationen vielleicht nur noch durch das schwache Gerassel eines Wagens oder eines Karrens auf der fernen Landstraße unterbrochen.

Bei günstigem Winde hörte ich bisweilen am Sonntag die Glocken von Lincoln, Acton, Bedford oder Concord, eine weiche, holde und sozusagen natürliche Melodie, würdig, hier die Einsamkeit zu durchdringen. In einer genügenden Entfernung jenseits der Wälder erhält diese Melodie einen zitternden, summenden Klang, als ob die Tannennadeln am Horizont die Saiten einer Harfe wären, über die er hinwegschwebt. Jeder Ton, in der größtmöglichen Entfernung gehört, erzeugt genau die gleiche Wirkung: einen zitternden Klang auf der Lyra des Universums, gerade wie die Atmosphäre einen in der Ferne liegenden Erdhügel durch den azurnen Hauch, den sie darüber bereitet, unserm Auge anziehend erscheinen läßt. Dann ertönte mir eine Melodie, die von den Lüften ihre Harmonien erhalten und mit allen Blättern und Nadeln des Waldes Zwiesprache gepflogen hatte, jener Teil eines Klanges, den die Elemente aufgesogen, moduliert und als Echo von Tal zu Tal getragen hatten. Das Echo ist, in gewissem Grade, ein selbständiger Klang; und darin liegt sein Zauber und sein Reiz. Es ist nicht nur eine Wiederholung dessen, was vom Glockenklang der Wiederholung wert war, sondern zum Teil die Stimme des Waldes. Zwar sind es die gleichen, verbrauchten Worte und Töne, doch werden sie von einer Waldnymphe gesungen.

Am Abend erklang das Muhen einer Kuh am Horizont jenseits der Wälder so lieblich und melodisch, daß ich es anfangs fälschlich für die Stimmen einiger Sänger hielt, die mir bisweilen eine Serenade gebracht hatten, und jetzt vielleicht über Berg und Tal wanderten. Doch bald wurde ich nicht unangenehm überrascht, als ich bei Wiederholungen fand, daß es sich um die wohlfeile und natürliche Musik einer Kuh handelte. Wenn ich erwähne, daß der Gesang der Jünglinge mir mit der Musik der Kuh verwandt zu sein schien, so will ich damit nichts Satirisches sagen, sondern nur meiner Wertschätzung jener menschlichen Stimmen Ausdruck verleihen.

Regelmäßig um einhalb acht Uhr, wenn der Abendzug vorüber gebraust war, sangen während eines Teiles des Sommers die Tagschläfer eine halbe Stunde lang ihr Nachtgebet auf einem Baumstumpf neben meiner Tür oder auf dem Giebel meines Hauses. Sie begannen ihren Gesang mit derselben Pünktlichkeit wie eine Uhr: jeden Abend fünf Minuten nach Sonnenuntergang. Ich hatte eine seltene Gelegenheit mit ihrer Lebensweise vertraut zu werden. Bisweilen hörte ich vier oder fünf von ihnen in verschiedenen Teilen des Waldes, zufällig alle um einen Takt auseinander und so nahe bei mir, daß ich nicht nur das Glucken nach jedem Ton vernehmen konnte, sondern auch oftmals ein eigenartiges Summen, wie es eine Fliege im Spinnennetz erzeugt, – nur verhältnismäßig lauter. Manchmal flog solch ein Tagschläfer im Walde, nur einige Fuß von mir entfernt, immer im Kreise um mich herum, als ob er durch einen Faden mit mir verbunden sei. Ich war dann wahrscheinlich nahe beim Neste mit den Eiern. Diese Vögel sangen bisweilen mit gelegentlichen Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch; trotzdem war ihr Gesang vor oder um Tagesanbruch noch ebenso melodisch wie zuvor.

Wenn die anderen Vögel schweigen, beginnen die Knarreulen ihren Gesang, wie Klageweiber ihr uraltes U–lu–lu . . . Weise mitternächt'ge Hexen! Ihr jammervolles Angstgeschrei klingt ganz Ben Jonsonisch.Ben Jonson, englischer Dramatiker und Lyriker, 1573–1637. Der Dramatiker stellt jeden in seinem »humour« dar, d. h. in seinem einseitigen, meist zur Torheit und Lächerlichkeit gewordenen Wesen. Wo Jonson bei Darstellung dieser humours den Boden der Wirklichkeit verläßt, wird er fast ungenießbar. Als Lyriker bewies er ein anmutiges Talent.

Nicht das muntere, derbe Uhui-Uhu der Poeten ertönt, sondern – ernstlich gesprochen – ein feierliches Kirchhofslied; man hört die gegenseitigen Tröstungen eines Liebespaares, das gemeinsam den Tod gesucht hat, und das in einem unterirdischen Totenhain sich der Qualen und Wonnen himmlischer Liebe erinnert. Und doch, ich höre ihr Trauerlied gern, die kummervollen Antworten, die am Waldesrand entlang schweben. Bisweilen werde ich dadurch an Musik und Singvögel gemahnt, an eine Musik der Schwermut und der Tränen, an ein unerfülltes Sehnen und Seufzen, das gern im Lied Erlösung finden möchte. Ja, diese Tiere sind die Geister, die Traurigkeit und die melancholischen Gedanken gefallener Seelen, die einst in menschlicher Gestalt nächtlicher Weile auf Erden wandelten und Taten der Finsternis vollführten, jetzt aber ihre Sünden durch Klagelieder und Threnodien auf dem Schauplatz ihrer Verbrechen abbüßen. Die Mannigfaltigkeit und Größe der Natur, die uns allen Obdach gibt, rückt meinem Verständnis näher. »Oh–o–o–o, wär' ich nie geb–o–r–r–r–ren,« so jammert eine an dieser Seite des Teiches und kreist mit der Unrast der Verzweiflung zu einem andern Zweig der grauen Eichen. »Wär' ich nie geb–o–r–r–r–ren klagt eine andere am jenseitigen Ufer im ehrlichen Schmerz zurück, und »geb–o–r–r–ren« tönt es leise weither vom Lincolnwald . . .

Auch von der Schreieule wurde mir häufig ein Ständchen gebracht. In der Nähe hätte man es für das melancholischste Lied der Welt halten können, – als ob sie hierdurch für alle Ewigkeit in der Sphärenharmonie das Stöhnen eines Sterbenden typisch charakterisieren wolle, eines sterbenden Menschen, in dem zwar noch ein schwacher, armseliger Lebensfunke flackert, der jedoch alle Hoffnung bereits hinter sich ließ, und jetzt, beim Betreten des dunklen Tales heult wie ein Tier, schluchzt wie ein Mensch. Und dieses Schluchzen wirkt durch eine gewisse gurgelnde Melodie nur um so furchtbarer. Will ich es charakterisieren, beginne ich instinktiv immer mit den Buchstaben »gl«; durch ihn wird jener Gemütszustand gekennzeichnet, wo bereits der Kern eines jeden gesunden und mutigen Gedankens verflüssigt und schleimig entartet ist. Es erinnert mich an das Geheul von Hyänen, Idioten und Wahnsinnigen . . . . Doch jetzt antwortete eine andere aus tiefen Waldesgründen; aus solch weiter Ferne klingt ihr Sang melodisch: Huh–huh–huh–hurruh–huh . . . .; sie erweckt tatsächlich meistens nur freundliche Gedankenassoziationen, einerlei ob man sie bei Tag oder Nacht, im Sommer oder im Winter hört.

Ich freue mich, daß es Eulen gibt. Sie mögen das blödsinnige, tolle Heulen für die Menschen besorgen. Es ist ein Klang, der wunderbar zu Sümpfen und Zwielichtwäldern paßt, in die des Tages Schein nicht dringt. Er läßt uns eine ungeheure, unentwickelte Welt ahnen, die menschlichem Wissen noch nicht erschlossen ist. Die Eule ist das Symbol der tiefen, dämmernden Nacht, der unbefriedigten Gedanken, die uns alle quälen. Den ganzen Tag schien die Sonne auf die Oberfläche eines wilden Moores, dort wo die einsame, weiße, flechtenbedeckte Sprossenfichte steht. Kleine Falken ziehen darüber ihre Kreise; die Schwarzmeise zwitschert zwischen dem Immergrün, und Rebhuhn und Kaninchen verstecken sich darunter. Doch nun dämmert ein trüberer, diesem Stück Natur verwandterer Tag herauf und eine andere Gattung von Geschöpfen erwacht, um hier vom Willen und Walten der Natur zu künden.

Spät am Abend hörte ich das ferne Rumpeln von Lastwagen, die über Brücken fuhren; dies Geräusch kann man nachts weiter hören als irgend ein anderes. Hunde bellen und bisweilen muhte eine trostlose Kuh fern in ihrem Stall. Inzwischen beginnen die Ochsenfrösche, die trotzigen, noch immer nichts bereuenden Geister alter Weinsäufer und Zechgenossen am ganzen Ufer entlang ihr Trompetenkonzert; sie versuchen in ihrem stygischen See einen Rundgesang zu singen. Die Waldennymphe wird mir den Vergleich schon verzeihen, denn wenn es dort auch keine Wasserpflanzen gibt – Frösche sind da. Und gar zu gern möchten sie die lustigen Regeln ihrer Festgelage von ehedem aufrecht erhalten, obwohl ihre Stimmen heiser und feierlich tief geworden sind – welche Ironie auf ihre Fröhlichkeit! – obwohl der Wein seine Blume verloren hat und zu einer Flüssigkeit herabgesunken ist, die einem nur den Wanst auftreibt, obwohl auch jene holden Rauschzustände, die das Erinnern an Vergangenes erstickten, nicht mehr eintreten, sondern nur Gefühle der Sättigung und ödematöse Schwellungen. Der Alterspräside, dessen Kinn auf einem Herzblatt ruht, das seinem Sabbermaul als Serviette dient, tut am nördlichen Ufer einen tiefen Zug vom einst verachteten Wasser, und läßt dann den Becher in die Runde gehen mit dem Ruf: »Tr–r–r–uunk, Tr–r–r–r–uunk, Tr–r–r–r–unk!« Und unmittelbar schallt über das Wasser aus irgend einer fernen Bucht das gleiche Kommando zurück. Der Nächste an Alter und Umfang trinkt bis zu seinem Strich herunter, und wenn diese Zeremonie am Ufer entlang die Runde gemacht hat, dann ruft der Zeremonienmeister aufs neue: »Tr–r–r–r–uunk, und jeder wiederholt das Kommando der Reihe nach bis zum aufgeschwollensten, schwatzhaftesten Schlappwanst, damit nur ja kein Fehler gemacht wird. Und immer wieder aufs neue kreist der Becher, bis die Sonne den Morgennebel zerstreut. Nur der Patriarch ist auch dann noch nicht in die Tiefe getaucht; er brüllt noch ab und zu sein »Tr–r–unk«, und lauscht vergeblich auf eine Antwort.

Ich weiß nicht genau, ob ich je im Bereich meiner Waldlichtung einen Hahnenschrei vernahm. Ich dachte sogar darüber nach, ob es nicht der Mühe wert sei, einen jungen Hahn nur seiner musikalischen Eigenschaften wegen als Singvogel zu halten. Der Schrei dieses einst wilden, indischen Fasanes ist merkwürdiger als alle anderen Vogelstimmen; könnten diese Tiere unter unsern Himmelsstrichen in Freiheit leben, d. h. wären sie nicht Haustiere geworden, so würde ihr Krähen bald zum berühmtesten Ton in unsern Wäldern und mehr bewundert werden als der gellende Schrei der Gänse oder das Keulen und Kreischen der Eulen. Man denke auch an das Gackern der Hennen, das in den Pausen ertönt, wenn des gnädigen Herrn helltönende Trompete schweigt! Kein Wunder, daß der Mensch diese Vögel seinen Haustieren zugesellte – von den Eiern und saftigen Schenkeln will ich gar nicht reden. An einem Wintermorgen durch einen Wald zu gehen, wo diese wilden Hähne in großer Anzahl wohnen und auf den Bäumen – in ihrem heimatlichen Walde – krähen, so hell und durchdringend, daß es meilenweit über die widerhallende Erde tönt und die leisen Sänge anderer Vögel übertönt – man stelle sich das einmal vor! Nationen könnten auf diese Weise alarmiert werden! Wer möchte nicht gern früh aufstehen, früher und früher an jedem folgenden Tag seines Lebens, bis er unaussprechlich gesund, reich und weise würde? Der Gesang dieses fremden Vogels ist durch die Dichter aller Völker zugleich mit den Liedern ihrer heimischen Sänger verherrlicht worden. Jedes Klima sagt dem tapferen Kreyant zu. Er ist einheimischer als die Einheimischen. Seine Lungen sind gesund, seine Gesundheit ist stets gut, seine Stimmung niemals trübe. Selbst der Seemann auf dem Atlantischen oder dem Stillen Ozean wird durch seine Stimme erweckt. Doch nie scheuchte sein schriller Schrei den Schlummer von meinen Augen. Ich hielt weder Hund noch Katze, weder Kuh noch Schwein noch Hühner. Man hätte mir sagen können: Es fehlt bei Dir an heimischen Klängen! Weder ein Butterfaß noch ein Spinnrad, weder das Brodeln in Töpfen, das Singen der Teemaschinen, noch Kindergeschrei trug dazu bei trauliche Stimmung zu schaffen. Ein altmodischer Mensch wäre wahnsinnig geworden oder zuvor aus Langweile gestorben. Auch Ratten in den Wänden gibt es nicht, denn sie wurden ausgehungert, oder überhaupt nie angelockt – nichts als Eichhörnchen auf dem Dach und unter dem Fußboden, ein Tagschläfer auf dem Hausgiebel, eine Dohle, die unter dem Fenster schreit, ein Hase oder ein Murmeltier unter dem Hause, eine Knarr- oder Katzeneule dahinter, eine Schar Wildgänse oder ein lachender Taucher auf dem Teich und in der Nacht ein bellender Fuchs. Selbst Lerche und Goldamsel, diese zutraulichen Plantagenvögel, kommen nicht auf meine Waldlichtung. Kein Hahn, der kräht, keine Henne, die gackert im Hof! Kein Hof! Unumzäunt erstreckt die Natur sich bis an die Türschwelle. Ein junger Wald wächst vor dem Fenster empor, wilder Sumach und Brombeergestrüpp schicken rankende Wurzeln zum Keller hinab. Trotzig reiben und knarren Pechtannen an den Schindeln, um sich Platz zu erobern; ihre Wurzeln strecken sie tief unter das Haus. Nicht Dachfenster oder Wetterladen, die ein Sturm losriß, dienen als Feuerung, sondern die Zweige der Tanne, die hinter dem Hause abbrachen, oder entwurzelte Bäume. Durch den tiefen Schnee führt kein Pfad zum Vorgartentor – es gibt kein Tor – es gibt keinen Vorgarten – es gibt keinen Pfad zur zivilisierten Welt!

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