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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Lektüre

Würden sich die Menschen die Wahl ihrer Beschäftigungen etwas genauer überlegen, so würden die meisten von ihnen wohl in der Hauptsache Studierende und Forscher sein, denn des Menschen Wesen und Schicksal interessiert alle in gleicher Weise. Wenn wir Schätze für uns oder unsere Nachkommen sammeln, wenn wir eine Familie oder ein Gemeinwesen gründen, selbst wenn wir nach Ruhm geizen, sind wir sterblich. Unsterblich aber ist unser Drang nach Wahrheit. Er wird durch keine Wechselfälle, durch kein Ereignis erschüttert. Der älteste Philosoph Ägyptens oder Indiens lüftete den Saum des Schleiers an der Statue der Gottheit. Und noch immer ist der Schleier ein wenig emporgehoben und mich trifft der gleiche leuchtende Glanz wie ihn; denn ich lebte damals in ihm, ich machte ihn so kühn und er hat dieselbe Vision von neuem in mir. Kein Staub ruht auf diesem Gewand. Keine Zeit ist verflossen seit jene Gottheit offenbart wurde. Jene Zeit, die uns nützt, die sich nützen läßt, ist weder Vergangenheit, Gegenwart, noch Zukunft.

Mein Aufenthaltsort war nicht nur zum Denken, sondern auch zu ernster Lektüre viel geeigneter als die Universität. Und wenn ich auch aus dem Bereich einer zirkulierenden Leihbibliothek entronnen war, so stand ich doch mehr denn je unter dem Bann derjenigen Bücher, welche um die Welt zirkulieren und deren Sätze, anfangs auf Rinde geschrieben, jetzt nur von Zeit zu Zeit auf Leinwandpapier gedruckt werden. »Als ich mich niederließ, um die Region der geistigen Welt zu durcheilen« – so spricht der Dichter Mir Camar Addin Mast – »verhalfen mir die Bücher dazu. Als ich wünschte mich an einem Glase Wein zu berauschen, trank ich den Trunk der esoterischen Lehren.« Während des Sommers lag Homers Ilias auf meinem Tisch, aber nur hier und da blätterte ich darin. Meine Hände hatten zunächst vollauf zu tun, denn der Hausbau mußte vollendet und die Bohnen gleichzeitig gehackt werden. Dadurch wurde ein eingehenderes Studium unmöglich. Doch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in Zukunft solche Lektüre pflegen zu können. Ich las ein paar oberflächliche Bücher – Reisebeschreibungen – während meiner Arbeit, bis ich mich dieser Beschäftigung vor mir selbst schämte und mich fragte, wo ich denn eigentlich lebe.

Der Studierende kann getrost Homer oder Äschylos griechisch lesen ohne leichtsinnig seine Zeit zu vergeuden, denn er muß notgedrungen den Helden dieser Dichter nacheifern und ihren Taten Morgenstunden widmen. Bücher aus den heroischen Zeiten werden, selbst wenn sie in den Schriftzeichen unsrer Muttersprache gedruckt sind, in Zeiten der Degeneration stets in einer toten Sprache verfaßt sein. Wir müssen mühsam nach der Bedeutung jedes Wortes, jeder Zeile suchen und einen tieferen Gehalt, als der Durchschnittsmensch in der alten Sprache vermutet, mit all unsrer Weisheit, unsrem Mute und unsrem Edelsinn hinein zu verlegen wissen. Die moderne wohlfeile und fruchtbare Literatur hat mit all ihren Übersetzungen wenig dazu beigetragen, uns die heroischen Schriftsteller des Altertums näher zu bringen. Sie sind noch dieselben Eremiten, und die Zeichen, in denen sie reden, sind noch gerade so eigenartig und kostbar wie je zuvor. Es lohnt sich ganze Tage und kostbare Stunden daran zu wenden, um ein paar Worte einer alten Sprache zu erlernen, die, über die Trivialität der Straße erhaben, immer von neuem Anregung und Ermutigung zu geben vermögen. Wenn der Farmer die wenigen lateinischen Ausdrücke, die er gelernt hat, behält und wiederholt, so ist das keine verlorene Arbeit. Bisweilen werden Stimmen laut, die für modernere und praktischere Studien auf Kosten des Studiums der Klassiker eintreten. Der wissensdurstige Mensch aber wird sich immer wieder dem Studium der Klassiker zuwenden, einerlei, in welcher Sprache sie geschrieben oder wie alt sie sind. Denn was sind die Klassiker anders als die erhabensten und überlieferten Gedanken der Menschheit? Sie sind die einzigen, nicht verklungenen Orakel, und zu den Antworten, die sie auf die modernsten Fragen geben, waren Delphi und Dodona nicht befähigt. Wir könnten mit derselben Berechtigung das Studium der Natur aufgeben, weil sie alt ist. Gut lesen, das heißt, wahre Bücher in wahrem Geiste lesen, ist eine edle Beschäftigung, die an den Leser größere Anforderungen stellt als irgend ein Sport, der gerade modern ist. Solche Lektüre verlangt eine »Trainierung«, wie sie Athleten anwenden, ja, fast das ganze Leben muß mit Aufbietung aller Kräfte diesem Gebiete gewidmet werden. Bücher soll man mit derselben Sammlung und Bedachtsamkeit lesen, mit welcher sie geschrieben sind. Es genügt nicht einmal, daß man die Sprache des Volkes, in der sie geschrieben sind, spricht. Denn es gibt eine tiefe Kluft zwischen der gesprochenen und der geschriebenen, zwischen der gehörten und der gelesenen Sprache. Die eine Form ist transitorisch, ein Klang, ein Schall, ein farbloser, fast roher Dialekt, den wir unbewußt, wie die Tiere, von unseren Müttern erlernten. Die andere ist die Blüte und Frucht der ersteren. Ist jene unsre Muttersprache, so ist diese unsre Vatersprache, eine sorgfältig erwogene Ausdrucksweise, viel zu gehaltvoll, als daß das Ohr sie vernehmen könnte. Wir müssen wiedergeboren werden, um in ihr sprechen zu können. Die vielen Menschen, die im Mittelalter griechisch und lateinisch nur sprachen, waren durch den Zufall der Geburt nicht berechtigt, die Worte des Genius, der sich in diesen Sprachen verkündete, zu lesen. Denn diese Worte waren nicht in jenem Griechisch oder Latein geschrieben, welches sie kannten, sondern in der durchgeistigten Sprache der Literatur. Sie hatten nicht die edleren Dialekte der Griechen oder Römer erlernt, nein, selbst das Material, auf dem die Alten geschrieben hatten, war für sie Makulatur. Eine seichte, zeitgenössische Literatur galt ihnen mehr. Als aber die verschiedenen Völker Europas ihre eigenen, charakteristischen, wenn auch rohen Schriftsprachen geschaffen hatten, die als Grundlage für die Weiterentwicklung der Literatur genügten, da erst wurde das Studium eifrig wieder aufgenommen, da erst war der Standpunkt erhaben genug, um die Schätze des Altertums zu erkennen. Was die Massen des griechischen oder römischen Volkes nicht hören konnten, das lasen nach Jahrhunderten einige wenige Forscher, und einige wenige Forscher lesen es noch heute.

Mögen wir auch noch so sehr eines Redners gelegentlichen Schwung bewundern: das vornehme, geschriebene Wort steht doch so weit hinter oder über der schwankenden gesprochenen Sprache, wie das Firmament mit seinen Sternen hinter den Wolken. Dort sind die Sterne: nun lese sie wer kann! Die Astronomen sind unermüdlich im Erklären und Beobachten. Das sind keine Nebelgebilde, wie unsere täglichen Gespräche, unser dampfender Atem. Was in der Öffentlichkeit als Beredsamkeit gilt, wird sich in der Studierstube meistens als Rhetorik erweisen. Der Redner ist vom Einfluß transitorischer Momente abhängig und spricht zu dem Pöbel, den er vor sich sieht, zu denen, die ihn hören können. Der Schriftsteller dagegen, dessen gleichförmigeres Leben ihm immer Gelegenheit gibt, seine Gedanken zu verkünden, würde gerade durch jene Anlässe und die Menschenmassen, die den Redner inspirieren, abgelenkt werden. Er spricht zum Geist und zum Herzen des Menschengeschlechtes, zu allen Zeiten und zu all jenen, die ihn zu begreifen vermögen.

Kein Wunder, daß Alexander die Ilias immer, wenn er ins Feld zog, in einem kostbaren Kästchen mit sich nahm. Ein geschriebenes Wort ist die wertvollste Reliquie. Es ist etwas, was uns innerlich verwandt ist, und doch zugleich, mehr als irgend ein andres Kunstwerk, der Allgemeinheit angehört. Es ist das Kunstwerk, das dem Leben am nächsten steht. Es kann in jede Sprache übertragen, und nicht nur von allen menschlichen Lippen gelesen, sondern auch geatmet werden. Das Symbol des Gedankens eines antiken Menschen wird zur Sprache des modernen Menschen. Zweitausend Sommer haben den Denkmälern griechischer Literatur, den Marmorschöpfungen der Griechen nur einen reiferen, goldnen, herbstlichen Ton verliehen. Denn ihr eigener, heiterer, himmlischer Glanz trug sie selbst in alle Lande und schützte sie gegen die zernagende Zeit. Bücher sind der aufgespeicherte Reichtum der Welt und das reale Erbe von Generationen und Völkern. Bücher, und zwar die ältesten und besten, sollten mit Fug und Recht auf dem Bücherbrett in jeder Hütte stehen. Sie haben selbst nichts zu ihrer Verteidigung vorzubringen, und doch wird der gesunde Menschenverstand des Lesers, den sie erleuchten und erbauen, sie nicht von der Hand weisen. Ihre Verfasser bilden einen natürlichen, unwiderstehlichen Adel in jeder Gesellschaft. Sie üben auf die Menschheit einen größeren Einfluß aus als Könige und Kaiser. Wenn der ungebildete und vielleicht noch obendrein zu hochmütigem Spotte veranlagte Kaufmann sich durch Unternehmungsgeist und Fleiß die erstrebte Muße und Unabhängigkeit erworben, in »tonangebende Kreise« Zutritt erhalten hat, so strebt er unvermeidlich schließlich doch den höheren, wenn auch unzugänglichen Kreisen des Geistes und des Genies zu. Er ist sich der Unvollkommenheit seiner Erziehung und der Nichtigkeit und Unzulänglichkeit all seiner Reichtümer bewußt. Darum zeigt er auch insofern gesunden Menschenverstand, als er sich Mühe gibt, seinen Kindern jene Geistesbildung angedeihen zu lassen, deren Mangel er selbst so schneidend empfand. Und erst auf diese Weise wird er zum Gründer einer Familie.

Wer nicht gelernt hat, die alten Klassiker in der Originalsprache zu lesen, kann nur eine höchst mangelhafte Kenntnis von der Entwicklung des Menschengeschlechtes haben. Denn es ist auffallend, daß sie noch niemals in einer modernen Sprache »nachgedichtet« sind – wir müßten denn etwa unsre Zivilisation als eine solche Nachdichtung ansehen. Bislang ist Homer noch nicht englisch gedruckt worden, auch Äschylos nicht und Vergil, und das sind doch Werke, so geläutert, so festgefügt, so schön fast wie der Morgen selbst. Spätere Schriftsteller aber haben, einerlei wie hoch wir ihr Genie veranschlagen, selten, wenn überhaupt je, die Alten in der sorgsamen Schönheit und Vollendung ihrer lebenslangen, heldenhaften, literarischen Arbeiten erreicht. Nur jene schwätzen gegen die Klassiker, die nie etwas von ihnen gekannt haben. Es wird noch zeitig genug sein, sie zu vergessen, wenn wir so viel gelernt haben, so viel Verstand besitzen, um sie zu begreifen und zu würdigen. Wahrhaft reich wird jenes Zeitalter sein, in welchem die Reliquien, die wir Klassiker nennen, und einige noch ältere und mehr als klassische, doch weniger gekannte heilige Schriften der Völker mit heißem Bemühen gesammelt sind, wenn die Vatikans mit Vedas, Zendavestas und Bibeln angefüllt sind, mit Homeren, Danten und Shakespearen, wenn all die späteren Jahrhunderte ihre Trophäen auf dem Forum der Welt aufgestapelt haben. Von solcher Höhe aus dürfen wir hoffen schließlich in den Himmel zu kommen.

Die Werke der Dichterfürsten sind bislang noch nie von der Menschheit gelesen worden. Dazu sind nur Dichterfürsten fähig. Sie wurden nur so gelesen, wie die große Masse die Sterne liest – höchstens astrologisch, nicht astronomisch.

Die meisten Menschen haben lesen gelernt, um einer armseligen Bequemlichkeit zu genügen, wie sie auch rechnen lernten, um Buch führen zu können, und um beim Handel nicht übers Ohr gehauen zu werden. Aber vom »Lesen« als einer erhabenen, geistigen Beschäftigung wissen sie wenig oder nichts. Und doch ist »Lesen« im wahren Sinn des Wortes nichts anderes. Jedenfalls nicht das, was uns wie der Luxus einlullt und den höheren Geisteskräften einstweilen zu schlummern gestattet, sondern das, was wir nur lesen können, wenn wir auf den Zehenspitzen stehen, wenn wir unsere wachsten, erleuchtetsten Stunden dazu verwenden.

Haben wir erst einmal die Buchstaben erlernt, so meine ich, sollten wir nur das Beste lesen, was in der Literatur vorhanden ist, und nicht unser a, b, abc und einsilbige Wörter in der vierten oder fünften Klasse in alle Ewigkeit wiederholen und unser Leben lang auf der Faulbank sitzen bleiben. Die meisten Menschen sind zufrieden, wenn sie ein gutes Buch lesen – die Bibel zum Beispiel – oder sich aus einem guten Buch vorlesen lassen. Es genügt ihnen, wenn sie (vielleicht) von dessen Weisheit überzeugt sind. Den Rest ihres Lebens vegetieren sie und verschwenden ihr Können an sogenannte seichte Literatur. In unserer Volksbibliothek befindet sich ein mehrbändiges Werk, dessen Titel »Little Reading« in mir den Gedanken erweckte, es beschäftige sich mit der Stadt gleichen Namens, die ich noch nie besucht hatte. Es gibt Menschen, die selbst nach einer reichlichen Mahlzeit von Fleisch und Gemüse alles verdauen können, gerade wie die Wasserraben und Strauße. Es schmerzt sie, wenn etwas umkommt. Wenn andere die Maschinen sind, die produzieren, so sind sie die Maschinen, die konsumieren. Neuntausendmal lasen sie das Märchen von Zebulon und Sephronia, die einander liebten wie nie zuvor geliebt wurde. Auch war der Pfad, den ihre treue Liebe wandelte, nicht eben – jedenfalls lief sie dahin, strauchelte, stand auf und lief weiter. Oder sie lasen, wie ein Unglücksmensch bis zur Kirchturmspitze hinaufkletterte, der besser daran getan hätte, wenn er nur bis zum Glockenstuhl geklettert wäre. Ist dieser Pechvogel nun – ganz überflüssigerweise – in solche Höhen emporgehoben, dann läutet der glückliche Romandichter die Glocke, damit alle Welt zusammenläuft und sieht – O, Du lieber Himmel! – – wie der Pechvogel wieder herunterklettert. Man täte, meines Erachtens, wohl daran, alle diese strebsamen Helden der gesammten Romanliteratur in menschliche Wetterhähne zu verwandeln, wie man früher die Helden unter die Sterne versetzte. Dort mögen sie sich um sich selber drehen, bis sie rostig sind. Dort mögen sie bleiben und friedliche Bürger mit ihren Possen verschonen. Wenn der Romanschreiber das nächste Mal die Glocke läutet, will ich mich nicht vom Flecke rühren, selbst wenn die Kirche niederbrennen sollte. »Der Sprung des Zehenspitzenspringers«, ein Romanze aus dem Mittelalter, von dem berühmten Verfasser des »Tittle Tol-Tan« wird in monatlichen Lieferungen erscheinen! Man stürmt den Verlag! Kommt nicht alle zur gleichen Zeit!« Das alles lesen sie, mit Augen groß wie Mühlräder, mit lebhafter, ungetrübter Neugierde, mit unersättlichem Magen, dessen Schleimhautfalten ebensowenig zum Appetit gereizt zu werden brauchen, wie dem kleinen vier Jahre alten Musterschüler seine 10-Pfennig-Goldschnitt-Ausgabe von »Aschenbrödel« nicht erst angepriesen werden muß. Nutzen hat er ja doch nicht davon – weder im Vortrag, noch in der Aussprache, noch in der Betonung, noch in der Fähigkeit die Moral herauszuziehen oder hineinzuverlegen. Und was resultiert? – Müdes Sehen, Hemmung der vitalen Zirkulation und eine allgemeine Ohnmacht und Verwässerung der intellektuellen Fähigkeiten. Diese Sorte Pfefferkuchen wird täglich in jedem Backofen mit mehr Eifer gebacken als reines Weizen-, Roggen- oder Maisbrot. Sie wird auch viel leichter verkauft.

Die besten Bücher werden noch nicht einmal von denen gelesen, die man als »gute Leser« bezeichnet. Wie hoch kann man die Kultur in Concord einschätzen? In diesem Städtchen gibt es – mit sehr wenigen Ausnahmen – für die besten und für die guten Bücher, selbst der englischen Literatur, deren Worte jeder lesen, jeder buchstabieren kann, kein Verständnis. Selbst die Herren an der Universität, d. h. die höher Gebildeten, wissen hier wie auch an anderen Orten wenig oder überhaupt nichts von den englischen Klassikern. Gerade um die Kenntnis der Urväter-Weisheit des Menschengeschlechtes, um die alten Klassiker und heiligen Schriften, die allen zugänglich sind, die dafür Interesse haben, kümmert man sich so wenig wie möglich. Ich kenne einen Holzhacker in den besten Jahren, der sich eine französische Zeitung hält, nicht der Neuigkeiten wegen – darüber ist er erhaben – nein, »um in der Übung zu bleiben«. Er ist nämlich in Canada geboren. Und als ich ihn fragte, welche Beschäftigung ihm auf dieser Welt als die beste erscheine, erwiderte er: »Abgesehen von der soeben erwähnten die Pflege und Verbesserung meines Englisch.« Das deckt sich ungefähr mit den Taten und Bestrebungen des akademisch Gebildeten. Darum halten solche Leute eine englische Zeitung. Und hat jemand eines der besten englischen Bücher gelesen: wie groß ist dann die Zahl derer, mit denen er darüber sprechen kann? Oder nehmen wir einmal an, jemand habe soeben einen griechischen oder römischen Klassiker im Original studiert – nun, da findet er überhaupt niemand, mit dem er sich darüber unterhalten kann. Er muß schweigen! Ja, an unsern Kunst- und Lehrerakademien gibt es keinen Professor, der, selbst wenn er die Schwierigkeiten der Sprache überwunden hat, auch in gleichem Maße die Schwierigkeiten beherrscht, welche in dem geistigen Gehalt und in der Poesie eines griechischen Schriftstellers liegen. Auch ist der Herr Professor nicht imstande dem kritischen, mutigen Leser Sympathie einzuflößen. Und was die heiligen Schriften, die Bibeln der Menschheit betrifft, so möchte ich einmal anfragen, wer in dieser Stadt kann mir auch nur ihre Titel nennen? Die meisten Menschen wissen gar nicht, daß außer den Juden noch andere Völker eine heilige Schrift besaßen. Ein Mensch, jeder Mensch wird ein gutes Stück von seinem Pfade abweichen, um einen Silberdollar aufzuheben. Hier aber gibt es goldne Worte, Worte, welche die weisesten Männer des Altertums verkündet haben und deren Wert von den Weisen aller nachfolgenden Zeiten bestätigt worden ist! Und doch lernen wir nichts als oberflächliche Bücher lesen, ABC- und andere Schulbücher, und wenn wir die Schule verlassen haben, erbauen wir uns an »kleinen Erzählungen« und Märchen, die für Knaben und Anfänger geschrieben sind. Unsere Lektüre, Unterhaltung und unser Denkvermögen bleiben darum auf einer Pygmäen und Zwergen angemessenen Stufe stehen.

Ich wünsche weisere Männer kennen zu lernen, als hier auf Concords Boden wachsen, Männer, deren Namen man hier kaum kennt. Oder soll ich den Namen Plato hören und nie sein Buch lesen? Als ob Plato mein Landsmann wäre und ich ihn nie gesehen hätte – mein nächster Nachbar, den ich niemals sprechen hörte, dessen weisheitsvollen Worten ich niemals lauschte! Wie aber liegt die Sache in Wirklichkeit? Seine Dialoge, die das enthalten, was an ihm unsterblich war, liegen auf dem nächsten Bücherbrette, und doch habe ich sie nie gelesen. Wir sind ungebildet, gemein und dumm. Und ich gestehe, in dieser Hinsicht gibt es keinen großen Unterschied zwischen der Unwissenheit meiner Landsleute, welche überhaupt nicht lesen können, und der Unwissenheit desjenigen, der nur lesen gelernt hat, was für Kinder und geistig Beschränkte paßt. Wir sollten so gut sein wie die besten Menschen des Altertums. So wollen wir uns denn zunächst einmal darüber unterrichten, wie gut jene waren. Wir sind ein Geschlecht von Zwergen, und unser Geistesflug reicht nicht viel höher als die Spalte der Tageszeitung.

Nicht alle Bücher sind so stumpf wie ihre Leser. Sie enthalten vielleicht Worte, die genau auf unsere Verhältnisse passen, die, wenn wir sie nur wirklich hören und begreifen würden, mehr Segen in unser Leben tragen könnten als der Morgen oder der Frühling. Sie vermöchten vielleicht unsere ganze Lebensanschauung zu ändern. Wie mancher Mensch datiert eine neue Aera seines Lebens von der Lektüre eines Buches. Das Buch, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart, existiert vielleicht irgendwo. Dinge, die bis lang nicht vor uns ausgesprochen wurden, finden wir vielleicht irgendwo ausgesprochen. Dieselben Fragen, die uns erregen und quälen und verwirren, haben verständige Menschen stets beschäftigt. Nicht eine einzige ist übergangen worden, und jedermann hat, je nach seinen Fähigkeiten, mit Worten oder mit seinem Leben darauf geantwortet.

Durch Weisheit lernen wir aber auch Hochherzigkeit. Der einsame Arbeiter auf einer Farm in der Nähe von Concord, der seine besonderen religiösen Anschauungen hat, der an seine Wiedergeburt glaubt und annimmt, daß ihn sein Glaube zu solch schweigender Würde und Unnahbarkeit gebracht habe – der einsame Arbeiter dort mag denken: das ist nicht wahr. Doch Zoroaster wanderte vor Tausenden von Jahren auf derselben Straße und hatte dieselbe Erfahrung. Doch er in seiner Weisheit wußte, daß sie keinem erspart bleibt. Darum behandelte er seine Mitmenschen dementsprechend. Er soll sogar den Gottesdienst erfunden und bei den Menschen eingeführt haben. So möge jener einsame Arbeiter denn in Demut mit Zoroaster und durch den befreienden Einfluß der besten Menschen mit Jesus Christus selbst sich beraten und »unsere Kirche« getrost als Ballast über Bord werfen.

Wir prahlen damit, daß wir dem neunzehnten Jahrhundert angehören und von allen Völkern die gewaltigsten Fortschritte machen. Was aber tut denn Concord zum Beispiel für seine Kultur? Ich wünsche weder meinen Mitbürgern zu schmeicheln, noch von ihnen Schmeicheleien zu hören; damit ist weder dem einen noch dem andern geholfen. Wir müssen gereizt, mit dem Stachel angetrieben werden, wie Ochsen, die wir ja sind, um ins Traben zu kommen. Wir haben ein verhältnismäßig gutes System gewöhnlicher Freischulen, solcher Schulen, die nur für Kinder bestimmt sind. Aber abgesehen von einem nur halb lebensfähigen Lycaeum im Winter, und abgesehen von einem aus letzter Zeit datierenden, zahmen Anfang einer vom Staate angeregten Bibliothek, haben wir keine Schule für uns selbst. Wir verwenden auf alle Dinge, die zu unserer Pflege und Verpflegung dienen, mehr als auf unsere geistige Nahrung. Es ist an der Zeit, daß wir ungewöhnliche Schulen bekommen, daß wir nicht mit unserer Erziehung aufhören, wenn wir anfangen Männer und Frauen zu werden. Es ist Zeit, daß Dörfer sich in Universitäten verwandeln, daß die älteren Einwohner Universitätsmitglieder werden und berechtigt sind – wenn sie wohlhabend genug sind – ihren Lebensabend freien Studien zu widmen. Soll die Welt sich für ewige Zeiten mit Paris oder Oxford begnügen? Können nicht unter Concords Himmel Studenten leben und eine vorurteilsfreie Erziehung finden? Können wir denn keinen AbälardPierre Abälard (alias Pierre de Palais), berühmter Philosoph und Theolog, 1097–1142. Seine Geliebte war Heloise, seine durch Schönheit und Geist ausgezeichnete Nichte. anstellen, der uns Vorlesungen hält? Ach! Viehfüttern und Ladenhüten hat uns allzulange von der Schule ferngehalten, und unsre Erziehung ist bedauerlich vernachlässigt. In diesem Lande hier sollte die Stadt in gewisser Hinsicht die Stelle des Edelmanns in Europa einnehmen. Sie sollte die Beschützerin der Künste sein. Sie ist reich genug. Es fehlt nur an Seelengröße und Seelenreinheit. Sie kann Geld genug für Dinge ausgeben, die von Farmern und Kaufleuten geschätzt werden. Aber schon der Vorschlag, Geld für etwas zu verwenden, was – nach Ansicht weitaus intelligenterer Menschen – viel mehr Wert hat, gilt als eine Utopie. Diese Stadt verausgabte – Dank dem Himmel oder Dank der Politik! – siebenzehntausend Dollars für ein Rathaus. Sie wird aber wahrscheinlich im Verlauf von hundert Jahren nicht die gleiche Summe für lebendige Geisteskraft, für die würdige Fassung eines echten Juwels verwenden. Die einhundert und fünfundzwanzig Dollars, die jährlich für das Winterlycaeum gezeichnet werden, sind besser angewandt, als eine andere Summe in der gleichen Höhe, die in der Stadt gesammelt wird. Wenn wir schon einmal im neunzehnten Jahrhundert leben, warum sollen wir uns dann nicht der Vorteile erfreuen, die das neunzehnte Jahrhundert bietet? Warum soll unser Leben in irgend einer Hinsicht »bäuerisch« sein? Wenn wir denn schon Zeitungen lesen wollen, warum überschlagen wir nicht den Stadtklatsch aus Boston und greifen gleich zur besten Zeitung der Welt? Nein, da nähren wir uns an den Brüsten der »unabhängigen Familienzeitung« oder knabbern hier in Neuengland am »Olivenzweig«! Laßt die Berichte aller gelehrten Gesellschaften zu uns kommen. Wir werden prüfen, ob sie tatsächlich etwas wissen. Warum sollen die Herren »Gebrüder Harper« oder »Redding & Compagnie« unsere Bücher für uns auswählen? Wenn ein Edelmann von geläutertem Geschmack sich mit allem umgibt, was zu seiner weiteren intellektuellen Erziehung beiträgt, mit Talent, Geist, Wissenschaft, Witz, Büchern, Gemälden, Statuen, Musik, philosophischen Dingen und dergleichen mehr, so sollte auch die Stadt nicht mit einem Pädagogen, einem Pfarrer, einem Meßner, einer Pfarrbibliothek und mit drei Stadtverordneten sich begnügen, bloß weil einst in einem kalten Winter auf einem kahlen Felsen unsere Vorfahren, die in dies Land gezogen kamen, damit zufrieden waren. Eine Grundbedingung unserer Verfassung ist gemeinsames Handeln. Ich aber vertraue darauf, daß unsere Schätze größer sind als die des Edelmanns, weil unsre Quellen ergiebiger fließen. Neuengland kann alle weisen Männer der Welt als seine Lehrer anstellen. Es wird ihnen an nichts mangeln, nichts Provinziales wird sich bemerkbar machen. Das ist die ungewöhnliche Schule, die wir brauchen. Statt der Edelmänner laßt uns Edelstädte voller Männer haben. Wenn es auch nötig ist, baut keine Brücke über den Fluß, macht einen etwas weiteren Weg und spannt wenigstens einen Bogen über den dunkleren Abgrund der Unwissenheit, der uns umgibt.

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