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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Wo ich lebte und wofür ich lebte

In einem gewissen Lebensalter haben wir die Gewohnheit, jedes Fleckchen Erde für einen eventuellen Hausbau in Betracht zu ziehen. So habe ich das Land nach allen Richtungen im Umkreis von zwölf Meilen angeschaut. In meiner Phantasie kaufte ich alle Farmen der Reihe nach auf, denn alle waren zu verkaufen, und ich kannte den verlangten Preis. Ich ging mit jedem Farmer durch Haus und Hof, kostete von seinen wilden Äpfeln, sprach mit ihm über Landwirtschaft, kaufte die Farm für den geforderten Preis, für jeden Preis und fertigte im Geiste die Hypothek aus. Ich selbst setzte dann einen höheren Preis der Farm fest, nahm alles, nur keinen Vertrag – ließ mir anstatt des Vertrages sein Wort geben (denn ich liebe es sehr zu plaudern) und kultivierte, wie ich glaube, nicht nur den Besitz, sondern auch den Besitzer in gewissem Grade. Hatte ich mich lange genug so vergnügt, dann zog ich mich zurück und überließ ihm die Fortsetzung.

Meine Kenntnisse verleiteten meine Freunde dazu, in mir gleichsam einen Makler in Grundbesitz zu sehen. Wo auch immer ich saß, da hätte ich auch leben mögen, und die Landschaft dehnte sich dementsprechend radienförmig um mich aus. Was ist ein Haus anderes als ein sedes – ein Sitz? Ist es ein Landsitz – nun, um so besser! Ich entdeckte manchen Platz, auf dem wohl so bald kein Haus gebaut werden würde, denn mancher würde zu sich sagen: Der Platz liegt zu weit vom Dorfe ab; meiner Ansicht nach war das Dorf zu weit von dem Platze entfernt. »Gut, hier möchtest Du leben«, sprach ich zu mir, und so lebte ich dort eine Stunde lang ein Sommer- und ein Winterleben, sah im Geiste wie die Jahre eilten, wie ich mich durch den Winter schlug und wie der Frühling ins Land zog. Die zukünftigen Bewohner dieser Gegend können sicher sein, daß ihnen, wohin sie auch immer ihre Häuser stellen mögen, stets einer zuvorgekommen ist. Ein Nachmittag genügte, um das Land in Obstgarten, Waldung und Weiden abzuteilen, um zu entscheiden, welche schönen Eichen oder Fichten geschont werden und vor dem Hause stehen bleiben sollten, und von wo aus irgend ein verwitterter Baum am interessantesten zu betrachten war. Dann ließ ich alles liegen – geradezu brach liegen. Denn ein Mensch ist um so reicher, je mehr Dinge er unbeschadet am Wege liegen lassen kann.

Meine Phantasie trieb ihr Spiel so weit, daß ich für manche Farmen sogar das Vorkaufsrecht besaß. Das Vorkaufsrecht war übrigens wirklich alles was ich wollte. Ich habe niemals meine Finger an realem Besitz verbrannt. Ich war allerdings nahe daran, Grundbesitzer zu werden, als ich Hollowell kaufte. Ich hatte schon begonnen die Saat auszulesen und auch schon Material zur Herstellung eines Schubkarren gesammelt, um sie darin zu transportieren. Bevor mir jedoch der Besitzer den Vertrag aushändigte, besann sich sein Weib – jedermann hat solch ein Weib – eines bessern und wünschte die Farm zu behalten. Er bot mir zehn Dollars Entschädigung an. Nun besaß ich selbst, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auf Gottes weiter Welt nur zehn Cents, und meine Rechenkunst erwies sich als vollkommen ungenügend, um festzustellen, ob ich der Mann war, der zehn Cents besaß oder eine Farm oder zehn Dollars oder alles zusammen. Kurzum – ich ließ ihm die zehn Dollars und die Farm obendrein, denn ich hatte mein Spiel weit genug getrieben. Mit andern Worten: um großmütig zu sein, verkaufte ich die Farm um denselben Preis an ihn, den ich bezahlt hatte und schenkte ihm, da er kein reicher Mann war, zehn Dollars. Trotzdem hatte ich noch meine zehn Cents, die Aussaat und das Material für einen Schubkarren in meinem Besitz. Und so erkannte ich, daß ich ein reicher Mann gewesen war, ohne an meiner Armut irgend eine Einbuße erlitten zu haben. Die Landschaft blieb ja ohnehin mein Eigentum, und alljährlich habe ich seither, was sie hervorbrachte, ohne einen Schubkarren davongetragen. Ja, die Landschaft! . . .

»Soweit mein Auge reicht, bin ich der König!
»Dies Recht soll niemand mir bestreiten.«

Ich sah häufig einen Dichter, der die Farm verließ, wenn er an ihren wahren Schätzen sich erquickt hatte. Der mürrische Farmer dagegen glaubte, daß er sich nur ein paar wilde Äpfel genommen habe. Ja, der Besitzer selbst weiß oft jahrelang nichts davon, daß ein Dichter sein Landgut in Reime setzte, es durch das herrlichste, unsichtbare Gitter einhegte, die Kühe molk, den Rahm von der Milch schöpfte, und dem Farmer nichts als abgerahmte Milch zurückließ.

Daß mir gerade die Hollowell-Farm so sehr gefiel, hatte folgende Gründe: Das Gut war völlig abgelegen, denn die Entfernung bis zum Dorf betrug zwei Meilen, bis zum nächsten Nachbar eine halbe Meile. Außerdem trennte ein breites Feld das Farmhaus von der Landstraße. Ferner grenzte das Besitztum an den Fluß, und die Nebel – so behauptete wenigstens der Eigentümer – schützten es im Frühling vor Nachtfrösten. Das war mir allerdings ganz einerlei. Die graue Farbe, der verfallene Zustand des Hauses und des Stalles, und die zerbrochenen Zäune vergrößerten den Zeitraum, der zwischen mir und dem letzten Bewohner verstrichen war. Die hohlen, mit Flechten bedeckten Apfelbäume waren von Kaninchen benagt und zeigten mir, von welcher Art hinfort meine Nachbarn sein würden. Vor allem aber wurde ich an meine ersten Fahrten flußaufwärts erinnert. Das Haus konnte man von dort aus nicht sehen, es lag in einem dichten Hain roter Ahornbäume versteckt. Nur den Haushund hörte man bellen. Ich hatte es eilig mit dem Kauf, um zu verhüten, daß der Besitzer einige Felsblöcke ganz bloßlege, die hohlen Apfelbäume umhaue und einige junge Birken, die auf der Weide in die Höhe sproßten, ausgrübe, kurz, um weitere Verbesserungen seinerseits hintenan zu halten. Um diese Vorzüge genießen zu können, war ich bereit die Farm zu übernehmen. Ich wollte, wie Atlas, die Welt auf meine Schultern nehmen – ich habe übrigens niemals erfahren können, welches Entgelt er dafür bekam –, alle Arbeit willig verrichten; und zwar hatte ich dafür keinen andern Grund, keine andre Entschuldigung, als daß ich nach geleisteter Zahlung mich ungestört ihres Besitzes erfreuen wollte. Denn das wußte ich während der ganzen Zeit, daß die Ernte, auf die es mir ankam, überreichlich ausfallen würde, wenn ich allen Dingen ihren Lauf ließe. Die Angelegenheit endete übrigens so wie ich bereits mitteilte.

Alles was ich also über Landwirtschaft im großen Stil sagen kann, – ich habe stets einen Garten gehabt – ist, daß ich meine Aussaat vorbereitet hatte. Viele glauben, daß der Samen mit der Zeit besser wird. Ich bezweifle nicht, daß die Zeit das Gute vom Bösen scheiden wird, und wenn ich schließlich säe, werde ich wahrscheinlich nicht so leicht eine Enttäuschung erleben. Ich möchte aber meinen Freunden ein für alle Mal anraten: Lebt so lange wie möglich frei und ungebunden. Es macht nur wenig Unterschied, ob Ihr an eine Farm oder in einem Gefängnis gebunden seid.

Der alte Cato, dessen Buch de re rustica mein »Sämann« ist, behauptet (und die einzige Übersetzung, die mir vor Augen gekommen ist, gibt diese Stelle geradezu unsinnig wieder): »Willst Du eine Farm erwerben, mußt Du es Dir recht überlegen, und nicht zu hastig sein. Scheue keine Mühe, sondern betrachte sie gründlich und glaube nicht, daß es genügt, wenn Du einmal um sie herumgehst. Je häufiger Du dorthin gehst, desto besser wird sie Dir gefallen, wenn sie gut ist.« Ich glaube, ich werde nicht in Übereilung kaufen, sondern all mein Leben lang um die Besitzung herumgehen. Wenn ich daselbst erst begraben bin, werde ich sie schließlich ganz in mein Herz schließen.

Das jetzige, zweite Experiment dieser Art will ich etwas ausführlicher beschreiben, und zwar will ich der Bequemlichkeit halber die Erfahrungen zweier Jahre in eines zusammenziehen. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß ich keine Ode an die Traurigkeit dichten, sondern lustig und stolz wie der Hahn am Morgen auf seinem Balken krähen will, und wäre es auch nur, um meine Nachbarn aufzuwecken.

Als ich meinen Wohnsitz im Walde aufzuschlagen, d. h. als ich dort nicht nur meine Tage, sondern auch meine Nächte zuzubringen begann – das geschah übrigens zufällig am 4. Juli 1845, am Jahrestag der Unabhängigkeits-ErklärungDer vierte Juli ist ein amerikanischer Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von England (4. Juli 1776). – war mein Haus noch nicht gegen den Winter gewappnet, sondern bot nur gegen den Regen Schutz. Es hatte weder einen Bewurf, noch einen Kamin, die Wände bestanden aus rohen, wettergefleckten Brettern mit großen Spalten, so daß es kühle Nächte gab. Die groben, weißen, behauenen Pfosten, die frisch gehobelte Tür- und Fensterverkleidung verliehen dem Haus ein sauberes und luftiges Aussehen, hauptsächlich morgens, wenn das Holz vom Tau befeuchtet war. Ich dachte dann, daß um die Mittagszeit irgend ein duftendes Harz daraus hervorquellen würde. In meiner Phantasie behielt es während des Tages mehr oder weniger diesen morgentaufrischen Charakter. Es erinnert mich an ein Haus auf einem Berge, das ich im letzten Jahr besucht hatte. Das war eine luftige Hütte ohne Bewurf, geeignet zur Rast für einen wandernden Gott. Eine Göttin hätte ihre Gewandung hier nachschleppen lassen können. Die Winde, die übers Haus dahinzogen, glichen denen, die über Bergesgipfel stürmen. Sie trugen mir zerrissene Akkorde zu, göttliche Klänge in irdischer Musik . . . Ohne Unterlaß weht der Morgenwind, die Schöpfungsmelodie ist unendlich, doch nur wenige Ohren vermögen sie zu hören. Überall ist der Olympos – nur nicht auf Erden.

Das einzige Haus, welches ich vor diesem besessen habe, war, wenn ich mein Boot nicht einrechne, ein Zelt, das ich gelegentlich bei Sommerausflügen benutzte. Es liegt noch zusammengerollt auf meinem Speicher. Das Boot dagegen wechselte häufig seinen Besitzer und trieb schließlich davon auf den Wogen der Zeit. Jedenfalls bewies ich jetzt, wo ich dieses dauerhaftere Obdach über mir hatte, daß ich in bezug auf meine Niederlassung in dieser Welt Fortschritte machte. Dieser nur leicht gefügte Holzbau bildete eine Art von Kristallisationspunkte für mich, und blieb nicht ohne Einfluß auf den Erbauer. Es erinnerte mich an die Skizze eines Bildes. Ich brauchte nicht ins Freie zu gehen, um frische Luft zu schöpfen, denn die Luft im Hause hatte an Reinheit keine Einbuße erlitten. Ich saß mehr hinter meinen vier Pfählen als innerhalb derselben, auch beim ärgsten Regenwetter. Die HarivansaHarivamça ist ein spätes indisches Epos, Nachtrag zum Mahâbhârata. sagt: »Eine Wohnung ohne Vögel ist wie Fleisch ohne Würze.« Solch eine Wohnung besaß ich nicht, denn ich war plötzlich ein Nachbar der Vögel geworden, nicht dadurch, daß ich mir einen einfing, sondern dadurch, daß ich meinen Käfig mitten unter sie setzte. Ich war nicht nur denen näher gerückt, die gewöhnlich unsere Haus- und Obstgärten bevölkerten, sondern auch jenen wilderen, leidenschaftlicheren Sängern des Waldes, die nie oder nur selten dem Dorfbewohner ein Ständchen bringen: – der Walddrossel, dem Piewieh, der Scharlach-Tanagra, dem Feldsperling, dem Tagschläfer und vielen anderen.

Am Ufer eines kleinen Teiches, etwa anderthalb Meilen südlich von dem Dörfchen Concord schlug ich mein Heim auf. Es lag etwas höher als Concord, mitten in den ausgedehnten Waldungen zwischen diesem Dorf und Lincoln, etwa zwei Meilen südlich von unserm einzigen, rühmlich bekannten Felde: dem Schlachtfelde von Concord.Schlacht bei Concord, 19. April 1775. Meine Wohnung lag aber so niedrig in den Wäldern, daß das gegenüberliegende, eine halbe Meile entfernte, und – wie alles übrige – bewaldete Ufer meinen Horizont begrenzte. Wenn ich im Laufe der ersten Woche nach dem Teich hinausblickte, schien er mir immer einem hoch oben auf einem Bergabhang liegenden See zu gleichen, dessen Grund sich noch weit oberhalb des Spiegels anderer Seen befand. Stieg aber die Sonne empor, dann sah ich, wie er sein nebelgewobenes Nachtgewand abwarf. Hie und da wurde ganz allmählig sein zartes Wellengekräusel oder seine glatte, leuchtende Oberfläche sichtbar, während die Nebel nach allen Richtungen verstohlen in die Wälder flüchteten, wie Geister, die von einer nächtlichen Zusammenkunft heimziehen. Selbst der Tau schien hier, wie an Bergeshängen, länger an den Bäumen zu haften.

Dieser kleine See war der angenehmste Nachbar in den Pausen zwischen leichten Regenschauern im August, wenn Luft und Wasser völlig regungslos waren, wenn bei bedecktem Himmel der Spätnachmittag schon die friedvolle Ruhe des Abends aushauchte, wenn ringsum der Walddrossel Gesang erscholl, von Ufer zu Ufer widerhallend. Nie ist ein solcher See glatter als um diese Zeit. Und da die Luft über ihm nur bis zu geringer Höhe klar und von Wolken verdunkelt war, wurde das Wasser selbst, mit all seiner Leuchtkraft und all seinen Reflexen ein Himmel in der Tiefe, der um so gewaltiger wirkte. Von dem Gipfel eines benachbarten Hügels aus, wo erst vor kurzem Holz gefällt war, genoß ich eine schöne Aussicht südwärts über den Teich. Die Hügel, die das Ufer dort bildeten, öffneten sich ein wenig zu einem Tal und ihre sanft gegeneinander geneigten Hänge erweckten den Eindruck, als ob dort ein Strom durch ein waldiges Tal fließe. Es gab da aber keinen Strom. In weiter Ferne sah ich zwischen und über diesen grünen Hügeln höhere Berge im blauen Glanz am Horizont. Ja, wenn ich mich auf die Zehen stellte, konnte ich gerade noch einige Spitzen einer Gebirgskette erblicken, die, in tieferes Blau getaucht, in noch weiterer Ferne im Nordwesten lagen – urechte Münze aus des Himmels Werkstatt – und einen Teil des Dorfes. Nach andern Richtungen aber konnte ich auch von hier aus nicht über die mich rings umgebenden Wälder hinaussehen. Es ist gut, wenn man etwas Wasser in der Nachbarschaft hat: das erinnert an die Behendigkeit und auch an die Schwimmkraft der Erde. Selbst der kleinste Quell bietet den Vorteil, daß man beim Hineinschauen erkennt: die Erde ist kein Kontinent, sondern ein Eiland. Und dieser Vorteil ist ebenso schwerwiegend wie ein anderer: er hält die Butter kühl. Wenn ich von diesem Gipfel aus über den Teich nach den Wiesen von Sudbury hinüberblickte, die zur Flutzeit in ihrem überschwemmten Tale – vielleicht durch die Strahlenbrechung – in die Höhe gehoben waren, wie Münzen in einem Gefäß, so erschien mir alles Land jenseits des Teiches wie eine dünne Erdkruste, die schon durch diese kleine, dazwischenliegende Wasserfläche zur wogenumspülten Insel wurde. Ich aber wurde daran erinnert, daß der Boden, auf dem ich stand, »terra firma« war.

Obwohl der Blick von meiner Tür aus noch beschränkter war, fühlte ich mich keineswegs bedrückt und eingeengt. Es gab Weideland genug für meine Phantasie. Der niedere, mit Zwergeichen bedeckte Höhenzug, zu welchem sich das gegenüberliegende Ufer erhob, erstreckte sich hinaus bis zu den Prärien des Westens, bis zu den Steppen der Tartarei und bot genug Raum für alle wandernden Menschenkinder. »Nur die sind glücklich auf der Welt, die in Freiheit eines weiten Horizontes sich erfreuen« – sagte Damodora, wenn seine Herden neuer und größerer Weiden bedurften.

Ort und Zeit waren vertauscht und ich lebte jenen Räumen des Weltalls, jenen Zeitaltern der Geschichte näher, die auf mich den größten Reiz ausübten. Ich lebte in Zonen, so weit entlegen wie jene, die nächtlicherweile der Astronom durchforscht. Unsere Phantasie zieht mit Vorliebe entlegene, reizvolle Stätten in irgend einem stillen Winkel des Weltalls in ihr Bereich, hinter Cassiopeias Schemel, fern von Lärm und Störung. Ich entdeckte, daß mein Haus tatsächlich an solch einer entlegenen, doch ewig jungen, jungfräulichen Stätte des Universums lag. Wenn es der Mühe wert war, sich in der Nähe der Plejaden oder der Hyaden, bei Aldebaran oder AltairStern erster Größe, der hellste im Sternbild des Stiers, ausgezeichnet durch seine rötliche Farbe. niederzulassen, dann war ich wirklich dort, oder wenigstens ebensoweit wie sie von jenem Leben entfernt, das ich hinter mir gelassen hatte. Ein ebenso schwacher Strahl wie von dort zitterte und blinkte zu meinem nächsten Nachbar hinüber. Nur in Nächten, wo der Mond nicht scheint, war er für ihn sichtbar. So war die Stätte im Universum beschaffen, auf der ich mich angesiedelt hatte . . .

»Es war ein Schäfer, lebensfroh.
»Hoch wie die Berge,
»Auf die er sein Vieh zur Weide trieb,
»Waren seine Gedanken.«

Was müßten wir von des Schäfers Leben denken, wenn seine Herden immer zu höheren Weiden wanderten als seine Gedanken?

Jeder Morgen überbrachte mir die freudige Aufforderung, mein Leben gerade so einfach und, ich darf wohl sagen so unschuldig zu gestalten, wie die Natur selbst. Ich war ein ebenso aufrichtiger Verehrer der Aurora wie die Griechen. In aller Frühe stand ich auf und nahm ein Bad im Teich; das war eine religiöse Übung und eine meiner besten Handlungen. Man erzählte, daß auf der Badewanne des Königs Tsching-Thang Schriftzeichen eingegraben waren, welche besagten: »Erneuere Dich selbst jeden Tag; tue es wieder und wieder und in alle Ewigkeit wieder.« Das kann ich begreifen. Der Morgen bringt heroische Zeiten zurück. Ich wurde, während ich bei offenen Türen und Fenstern dasaß, so tief ergriffen durch das leise Gesumm einer Mücke, die ihren unsichtbaren, unergründlichen Flug in früher Morgendämmerung durch mein Zimmer nahm, als ob ich Posaunentöne hörte, die laut ein Loblied tönten. Das war Homers Requiem: eine Ilias und Odyssee der Luft, die ihren eigenen Zorn und ihre Irrfahrten besangen. Es lag etwas Kosmisches darin. Ein ewiger Bericht (bis auf Widerruf) von der immerwährenden Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Welt. Der Morgen, der wichtigste Teil des Tages, ist die Stunde des Erwachens. Da sind wir am wenigsten »somnolent«, und wenigstens eine Stunde lang wacht jener Teil von uns, der den übrigen Tag und die Nacht schlummert. Wenig kann von dem Tag erwartet werden (wenn der Ausdruck Tag überhaupt angebracht ist), zu dem uns nicht unser Genius, sondern das mechanische Klopfen eines Domestiken erweckt, wenn wir nicht durch unsere neugesammelten Kräfte und Willensenergien von innen heraus, durch die Schwingungen himmlischer Musik – anstatt durch Fabrikglocken – und durch balsamische Lüfte zu einem Leben erweckt werden, das an Reinheit unser Leben am gestrigen Abend, als wir uns zum Schlummer niederlegten, übertrifft. So trägt auch die Finsternis ihre Früchte, erweist sich als heilsam, nicht weniger wie das Licht. Der Mensch, der nicht glaubt, daß jeder Tag eine frühere, heiligere und heller vom Morgenrot durchglühte Stunde mit sich bringt, als all diejenigen, welche er bereits entweihte, hat am Leben verzweifelt. Er wandelt auf abschüssigen, dunklen Pfaden. Nach einem zeitweiligen Stillstand des Sinnenlebens fühlt sich die Seele des Menschen (oder vielmehr fühlen sich die Organe der Seele) täglich neu gestärkt und des Menschen Genius versucht aufs neue das Leben so edel wie möglich zu gestalten. Alle großen Ereignisse, so möchte ich behaupten, werden in der Morgenstunde, im Morgenlicht gezeitigt. In den Veden steht geschrieben: »Alle Geisteskraft erwacht am Morgen.« Poesie und Kunst und auch die schönsten denkwürdigsten Taten der Menschen werden in solch einer Stunde geboren. Alle Dichter und Helden sind Kinder der Aurora, wie Memnon: um Sonnenaufgang tönt ihr Lied. Für den, dessen elastische, kraftvolle Gedanken mit der Sonne gleichen Schritt halten, ist der Tag ein ununterbrochener Morgen. Was die Ähren oder die Menschen durch ihr Tun und Treiben sagen, ist ganz nebensächlich. Der Morgen ist da, wenn ich erwacht bin, wenn ich einen Sonnenaufgang in mir spüre. Das Streben, den Schlaf abzuschütteln, nenne ich Umwertung der Moral. Warum geben denn die Menschen einen so stümperhaften Bericht über ihren Tag? Doch nur weil sie schliefen! Sie sind durchaus keine schlechten Rechenmeister. Wenn die Schläfrigkeit sie nicht überwältigt hätte, sie würden etwas getan haben. Für körperliche Arbeit sind Millionen wach genug. Aber nur ein einziger unter dieser Million ist wach genug zu wirksamen, geistigen Leistungen, nur ein einziger unter hundert Millionen zu einem poetischen, göttlichen Leben. Erwacht sein, heißt leben! Ich habe noch nie einen völlig erwachten Menschen gesehen. Wie hätte ich ihm ins Antlitz schauen können!

Wir müssen lernen wieder wach zu werden und uns wach zu erhalten, nicht durch mechanische Hilfsmittel, sondern durch das unendliche Erwarten des Sonnenaufgangs. Das darf uns selbst im tiefsten Schlummer nicht verlassen. Ich kenne keine ermutigendere Tatsache als die unbestreitbare Fähigkeit des Menschen, sein Leben durch bewußte Anstrengung auf eine höhere Stufe zu erheben. Es will schon etwas heißen, wenn man ein eigenartiges Bild malen, eine Statue meißeln, einigen wenigen Dingen Schönheit verleihen kann. Doch weitaus ruhmvoller wäre es die Atmosphäre, das Medium selbst, durch welches wir hindurchsehen, zu meißeln und zu malen. Moralisch sind wir dazu imstande. Auf die Beschaffenheit des Tages einzuwirken, das ist die höchste Kunst. Jedermann hat die Verpflichtung sein Leben auch in Einzelheiten so zu gestalten, daß es selbst in seiner feierlichsten und kritischsten Stunde als der Betrachtung würdig sich erweist. Wenn wir die klägliche Auskunft, die wir erhalten, zurückweisen oder aufbrauchen würden, dann würden die Orakel uns kurz und bündig mitteilen, wie dies geschehen könnte.

Ich zog in die Wälder, weil ich den Wunsch hatte mit Überlegung zu leben, »alle Wirkenskraft und Samen« zu schau'n, zu ergründen, ob ich nicht lernen konnte was ich lehren sollte, um beim Sterben vor der Entdeckung bewahrt zu bleiben, daß ich nicht gelebt habe. Ich wollte nicht das leben, was kein Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, höchstens im Notfall. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, aufs Haupt geschlagen würde. Ich wollte mit großen Zügen knapp am Boden mähen, das Leben in die Enge treiben und es auf die einfachste Formel bringen. Und sollte es sich gemein erweisen, nun dann wollte ich seine ganze, unverfälschte Gemeinheit auskosten, um sie der Welt zu künden. War es jedoch rein, so wollte ich dies aus eigner Anschauung erkennen und imstande sein, bei meinem nächsten Ausflug ehrlich Rechenschaft darüber abzulegen. Die meisten Menschen sind nämlich, meines Erachtens, darüber mit sich im Unklaren, ob das Leben vom Teufel oder von Gott stammt, und so haben sie, »halbwegs übereilt« geschlossen, daß der Hauptzweck des Menschen auf Erden sei »Gottes Lob und Preis zu singen in alle Ewigkeit.«

Noch immer leben wir im Staub wie die Ameisen. Und doch berichtet die Sage, wir seien schon vor langer Zeit in Menschen verwendet. Wie Pygmäen kämpfen wir mit Kranichen. Irrtum häuft sich auf Irrtum, Stümperei auf Stümperei und selbst unsere besten Kräfte werden zu überflüssigen, vermeidbaren Jämmerlichkeiten verwendet. Unser Leben wird durch Kleinigkeiten vergeudet. Ein ehrlicher Mensch braucht kaum mehr als seine zehn Finger zum Rechnen. Im ärgsten Notfall kann er ja seine zehn Zehen zu Hilfe nehmen, und den Rest in Bausch und Bogen akzeptieren. Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit! Ich sage Dir: Gib Dich mit zwei oder drei Angelegenheiten ab, aber nicht mit hundert oder tausend! Rechne nicht mit einer Million, sondern mit einem halben Dutzend und führe Buch auf Deinem Daumennagel! Auf dem hochflutenden Meere des zivilisierten Lebens gibt es Wolken und Stürme und Untiefen und tausend andere Dinge, die der Mensch nicht außer acht lassen darf. Führt er sein Logbuch nicht gewissenhaft, so wird er scheitern, in den Abgrund sinken und nie den Hafen erreichen. Doch der, dem die Landung gelingt, muß fürwahr ein großer Rechenmeister sein. Vereinfache, vereinfache! Statt drei Mahlzeiten iß, wenn es nötig ist, nur eine, statt hundert Speisen nur fünf, und schränke das übrige im Verhältnis ein. Unser Leben gleicht einem deutschen Bundesstaat, aus kleinen Staaten zusammengesetzt mit ewig wechselnden Grenzen, so daß selbst ein Deutscher niemals genau angeben kann, wie die Grenzlinien verlaufen. Und unsere Nation selbst, mit all ihren sogenannten inneren Verbesserungen, die – nebenbei bemerkt – alle äußerlich und oberflächlich sind, ist eine gerade so schwer zu handhabende und übergroße Organisation, mit altem Hausrat vollgepfropft, über ihre eigenen Fallen stolpernd, ruiniert durch Luxus und leichtsinnige Ausgaben, durch Mangel an Berechnung und an einem würdigen Ziel, wie Millionen Familien im Lande. Die einzige Rettung aber für Land und Leute ist die strengste Sparsamkeit, eine beherzte und mehr als spartanische Einfachheit des Lebens und eine Erhebung unsrer Ziele. Unser Land lebt zu schnell. Die Menschen glauben, es sei von Wichtigkeit, daß die Nation Handel treiben, Eis exportieren, telegraphisch sprechen und wenigstens dreißig Meilen in der Stunde fahren könne, einerlei, ob das Individuum davon Gebrauch macht oder nicht. Ob wir aber wie Paviane oder wie Menschen leben sollen, ist nicht vollkommen sicher. Wenn wir aber, anstatt Schwellen zu fabrizieren und Schienen bei Tag und bei Nacht zu schmieden, an unserm Leben herumhämmern, um das zu verbessern, wer wird dann Eisenbahnen bauen? Und wenn keine Eisenbahnen gebaut werden, wie wollen wir dann zur rechten Zeit in den Himmel kommen? Wenn wir aber zu Haus bleiben und nur das tun, was uns angeht: wer braucht da Eisenbahnen? Wir fahren nicht auf der Eisenbahn, – sie fährt auf uns. Hat man je darüber nachgedacht, was die Schwellen sind, auf denen die Schienen ruhen? Jede Schwelle ist ein Mensch – ein Irländer oder ein Amerikaner. Die Schienen werden darauf gelegt, mit Sand bedeckt und die Wagen rollen glatt hinüber. Die Schwellen schlafen tief, Ihr könnt mir's glauben. Und alle paar Jahre wird neues Material auf den Erdboden gelegt und überfahren. Darum, wenn manche das Vergnügen haben auf den Schienen zu fahren, haben andere das Unglück überfahren zu werden. Wenn sie aber einen nachtwandelnden Menschen – eine überflüssige, traumverlorene Schwelle am falschen Platz – überfahren und plötzlich erwecken, dann wird der Zug schnell zum Stillstand gebracht, man schreit und fordert Sühne, grade als ob etwas Außergewöhnliches geschehen wäre! Ich habe mit Freuden gehört, daß für je fünf (engl.) Meilen eine Abteilung von Männern gebraucht wird, um die schlummernden Schwellen dort unten wohlgebettet zu erhalten. Dadurch wird wenigstens die leise Hoffnung genährt, daß sie vielleicht eines Tages auferstehen werden.

Warum leben wir in solcher Eile, in solcher Verschwendung? Wir fürchten den Hungertod, bevor wir hungrig sind. Die Menschen sagen: Eine Naht zur rechten Zeit erspart Dir neun. Darum machen sie heute tausend Nähte, um morgen neun zu sparen. Und was die Arbeit anbetrifft: wir haben keine, der irgend welche Bedeutung zukommt. Veitstanz haben wir, und unsere Köpfe können wir nicht ruhig halten. Wenn ich nur ein paar Mal am Glockenseil der Pfarrkirche ziehen würde, als ob es irgendwo brennte, d. h. wenn ich einmal »Sturm« läuten würde, so würde wohl jeder Farmer in der Umgebung von Concord, – selbst derjenige, welcher sich noch am Morgen mit dringenden Geschäften entschuldigt hat – jeder Knabe und ich kann wohl sagen auch jede Frau alles stehen und liegen lassen, um dem Signal zu folgen, und zwar nicht so sehr in der Absicht, das Besitztum den Flammen zu entreißen, als vielmehr – um die Wahrheit zu gestehen – es brennen zu sehen. Denn brennen muß es ja nun doch einmal, und – das wollen wir gleich betonen – wir haben das Feuer nicht angelegt. Man kann sich ja auch das Löschen betrachten und, wenn das gerade so interessant ist wie das Feuer an sich, selbst Hand ans Werk legen, auch bei der Pfarrkirche. Kaum hat ein Mensch ein halbstündiges Mittagsschläfchen gehalten, da hebt er schon beim Erwachen den Kopf hoch und fragt: »Was gibts Neues?« Als ob die übrige Menschheit inzwischen für ihn »auf Posten« gestanden hätte! Andre lassen sich, zweifellos aus keinem andern Grunde jede halbe Stunde wecken. Zum Dank dafür erzählen sie dann ihre Träume. Hat man die Nacht durchschlafen, dann sind Neuigkeiten ebenso unumgänglich notwendig wie das Frühstück. »Ach bitte, erzählt mir irgend etwas Neues, das einem Menschen irgendwo auf dieser Erde zugestoßen ist« – und während man Kaffee trinkt und Semmel ißt, liest man, daß einem Mann heute morgen auf dem Wachitofluß die Augen mit den Daumen aus der Höhle gequetscht sind. Und dabei denkt der Leser auch nicht im entferntesten daran, daß er in der düsteren unergründeten Mammuthöhle dieser Welt lebt, daß er selbst nur rudimentäre Augen besitzt.

Ich für meine Person könnte leicht ohne Post fertig werden. Ich bin der Ansicht, daß sie nur sehr wenige Mitteilungen von Wichtigkeit vermittelt. In meinem Leben habe ich – um kritisch zu reden – nicht mehr als einen oder zwei Briefe bekommen, (ich schrieb dies vor einigen Jahren) die das Porto wert waren. Die Pfennigpost ist in der Regel eine Einrichtung, durch welche man allen Ernstes einem Menschen jenen Pfennig für seine Gedanken anbietet, der ihm im Scherz nur allzu oft angeboten wurde.A penny for your thougts = einen Pfennig für Deine Gedanken, ist eine Phrase, mit welcher man häufig Leute anspricht, die ein nachdenkliches Gesicht machen. Und daß ich niemals irgend eine bemerkenswerte Nachricht in einer Zeitung las, steht für mich fest. Wenn wir lesen, daß ein Mensch beraubt, ermordet oder durch einen Unglücksfall getötet wurde, daß ein Haus niederbrannte, ein Schiff unterging oder ein Dampfer in die Luft flog, daß eine Kuh durch die »Westliche Eisenbahn« überfahren, ein toller Hund getötet oder ein Schwarm Heuschrecken im Winter gesehen wurde – so brauchen wir das niemals wieder zu lesen. Einmal genügt. Ist Dir das Prinzip bekannt, was kümmern Dich die Myriaden von Beispielen und Anwendungen? Für den Philosophen sind alle sogenannten »Neuigkeiten« Geschwätz; und diejenigen, welche »Neuigkeiten« herausgeben oder lesen, heißen ihm alte Kaffeeschwestern. Doch nicht wenige sind lüstern nach diesem Geschwätz. Noch neulich drängten sich Menschen, welche etwas über die soeben eingetroffenen ausländischen Nachrichten erfahren wollten, in einem Postamt so sehr, daß mehrere große Glasscheiben des Gebäudes durch den Druck zerbrochen wurden. So wurde mir wenigstens erzählt. Und diese Nachrichten hätte ein Mensch mit gesundem Verstande, wie ich allen Ernstes glaube, bereits zwölf Monate oder zwölf Jahre vorher mit hinreichender Genauigkeit schildern können. Nehmen wir einmal Spanien: Wenn einer versteht Don Carlos oder die Infantin und Don Pedro und Sevilla und Granada zur rechten Zeit in zweckentsprechender Dosierung zu verwerten – vielleicht haben sich seit den Tagen, wo ich Zeitungen las, die Namen ein wenig verändert – so wird das alles bis aufs Tüpfelchen stimmen und uns ein just so getreues Bild von dem tatsächlichen Zustand oder Verfall der Dinge in Spanien geben, wie die kürzesten und klarsten Berichte unter dieser Rubrik in den Zeitungen. Und nehmen wir England: Nun, das letzte Stückchen Neuigkeit aus dieser Himmelsrichtung war die Revolution anno 1649. Und wenn man Englands Erntestatistik für ein Durchschnittsjahr durchgesehen hat, so braucht man diesem Gegenstande in Zukunft nie wieder Aufmerksamkeit zu schenken, es sei denn, daß man vom rein pekuniären Standpunkte aus zu spekulieren wünscht. Wenn der Mensch, der selten eine Zeitung durchblättert, solche Dinge zu beurteilen vermag, dann gibt es überhaupt keine neuen Ereignisse im Ausland – selbst nicht einmal eine französische Revolution.

Was scheren mich Neuigkeiten! Wie viel wichtiger ist es das zu kennen, was nie alt war. »Kieou-he-yu (Großwürdenträger im Staate Wei) schickte einst einen Mann zu Khoung-tseu, um »Neuigkeiten« zu erfahren. Khoung-tseu ersuchte den Boten neben ihm Platz zu nehmen und fragte ihn: Was treibt Dein Herr? Ehrerbietig antwortete der Bote: Mein Herr wünscht die Zahl seiner Fehler zu verringern, aber er wird damit nicht fertig. Als der Bote sich entfernt hatte, sprach der Philosoph: ›Welch trefflicher Bote! Welch trefflicher Bote!‹ Der Pfarrer sollte, anstatt die Ohren schlafmütziger Farmer an ihrem Ruhetage beim Wochenschluß – denn der Sonntag bildet den passenden Abschluß einer schlecht verwendeten Woche und nicht den frischen, mutigen Beginn einer neuen – mit einer abgedroschenen Predigt zu quälen, lieber mit Donnerstimme rufen: »Halt! Haltet ein! Warum scheinbar so schnell und doch so tödlich langsam?«

Lug und Trug werden als unerschütterliche Wahrheiten betrachtet, während die Wirklichkeit eine Fabel ist. Wenn die Menschen nur getreulich die Wirklichkeit beachten und sich nicht täuschen lassen wollten, so würde ihnen das Leben (um es mit etwas, was wir kennen, zu vergleichen) wie ein Zaubermärchen, wie ein Märchen aus »Tausend und eine Nacht« vorkommen. Wenn wir nur auf das unser Augenmerk richteten, was unvermeidlich ist und Existenzberechtigung besitzt, so würden die Straßen von Musik und Poesie widerhallen. Wenn wir ohne Übereilung und weise sind, so erkennen wir, daß nur große und würdige Dinge ewig und absolut sind – daß winzige Sorgen und winzige Freuden nur Schatten der Wirklichkeit darstellen, und dieser Gedanke stimmt froh und stolz. Weil die Menschen ihre Augen schließen und schlafen und sich durch Phantome betrügen lassen, wollen sie überall ihr Leben schematisch – auf rein illusorischer Basis – errichten. Kinder, die Leben spielen, begreifen seine wahren Gesetze und Beziehungen klarer als Erwachsene, die es nicht würdig verbringen können, die sich aber wegen ihrer Erfahrungen, d. h. wegen der erlittenen Enttäuschungen für weiser halten. Ich habe in einem Hindubuch gelesen: »Es war einmal ein Königssohn, der war als Kind aus seiner Vaterstadt vertrieben. Ein Einsiedler im Walde zog ihn auf. Er wuchs dort zum Jüngling heran und glaubte, er gehöre zu den Barbaren mit welchen er lebte. Einer von seines Vaters Abgesandten fand den Jüngling auf und offenbarte ihm seine Herkunft. Er wurde über seinen Irrtum aufgeklärt, und hörte, daß er ein Königssohn sei. »So«, fährt der indische Philosoph fort, »verkannte die durch äußere Einflüsse mißleitete Seele ihren eigenen Wert, bis ihr durch einen heiligen Lehrer die Wahrheit offenbart wird und sie weiß, daß sie ›bráhman‹ ist.« Wir Einwohner von Neuengland führen, meines Erachtens, deswegen ein solches Jammerleben, weil unsere Einsicht nicht einmal die Oberfläche der Dinge durchdringt. Uns gilt der Schein als Wirklichkeit. Wenn ein Mensch durch unsere Stadt wanderte und nur das Wirkliche sähe, wo, glaubt Ihr, würde dann der »Mühlweg« bleiben? Und wenn er uns über das, was er wirklich sah, erzählen würde, so würden wir den Ort nach seiner Beschreibung nicht wieder erkennen. Sieh Dir ein Versammlungs- oder Gerichtsgebäude, ein Gefängnis oder einen Laden oder ein Wohnhaus an, und sage dann, was solch ein Ding im Licht der Wahrheit ist – ja, da wird bei Deinem Bericht alles in Stücke auseinander fallen. Die Menschen glauben, die Wahrheit ist in weiter Ferne, an den Grenzen der Welt hinter dem letzten Stern, vor Adam und nach dem letzten Menschen. Allerdings, in der Ewigkeit liegt etwas Erhabenes und Wahres. Aber all diese Zeiten und Orte und Gelegenheiten sind jetzt und hier. Gott steht in diesem Augenblick im Zenith, und wird in der Flucht aller Äonen nicht göttlicher sein. Wir können nur dann Erhabenes und Edles begreifen, wenn wir ohne Unterlaß die uns umgebende Wirklichkeit mit allen Fasern aufsaugen. Der Kosmos entspricht immer und gehorsam unsern Vorstellungen. Ob wir langsam oder schnell reisen – der Weg ist uns vorgezeichnet. Das Leben verbringen und das Leben begreifen sei Eines nur. Kein Dichter oder Künstler hatte je einen so schönen Gedanken, daß ihn die Nachwelt nicht hätte ausführen können.

Laßt uns darnach streben, bisweilen einen Tag unsres Lebens mit derselben Überlegung zu verbringen wie die Natur, und nicht durch jede Nußschale oder durch einen Mückenflügel, der auf unserm Pfade liegt, aus dem Geleise gebracht zu werden. Wir wollen früh aufstehen und fasten, oder frühstücken ruhig und ohne Störung. Besucher mögen kommen, Besucher mögen gehen, die Glocken mögen läuten und die Kinder schreien – wir wollen gern auf solche Weise den Tag verleben. Warum sollen wir die Waffen strecken und mit dem Strome schwimmen? Laßt uns nicht untergehen und ertrinken in jenem schrecklichen Strudel, in jener Untiefe zur Mittagszeit, die man »diner« nennt! Entreiße Dich dieser Gefahr und Du bist gerettet, denn der übrige Weg geht hernach bergab! Mit Nerven von Stahl und mit der Kraft der Jugend fahre an dieser Klippe vorbei, sieh nach der andern Seite, an den Mast gebunden wie Odysseus. Wenn die Lokomotive pfeift, laß sie pfeifen, bis sie heiser wird. Wenn die Glocke tönt, warum sollen wir laufen? Wir wollen lieber darüber nachdenken, was das eigentlich für eine Musik ist. Wir wollen mit uns selber ins Reine kommen, uns mutig einen Weg bahnen durch den Dreck und Kot der Meinungen, der Vorurteile und der Tradition, der Täuschung und des Scheins, durch jene Schlammschicht, die den Erdball bedeckt, durch Paris und London, Newyork, Boston und Concord, durch Kirche und Staat, durch Poesie, Philosophie und Religion, bis wir auf hartem, felsigen Grund an einen Ort gelangen, den wir »Wirklichkeit« nennen und von dem wir sagen können: »Das ist, und ein Irrtum ist ausgeschlossen«. Und erst dann, wenn wir einen »point d'appui« unter Wasser, Eis und Feuer gefunden haben, einen Ort, wo wir eine Mauer von Stein oder einen Staat errichten, ein Leuchtfeuer anbringen oder einen Pegel verankern können – kein Kilometer, sondern ein Realometer, damit künftige Zeiten erkennen, wie hoch die Wellen des Betruges und Scheines gingen – erst dann wollen wir unser Werk beginnen. Wenn Du eine Tatsache mit nacktem Auge scharf betrachtest, so wirst Du erkennen, daß die Sonne an ihren beiden Oberflächen leuchtet, wie ein Türkenschwert. Du fühlst wie die holde Schneide Dir durch Mark und Herz dringt und glücklich wirst Du Dein Leben beschließen. Sei es Leben oder Tod – wir hungern nach Wahrheit. Wenn es wirklich zum Sterben geht, so laßt uns das Röcheln in unsrer Kehle hören, laßt uns die Kälte in unsern Gliedern fühlen. Wenn wir aber leben, so wollen wir unsre Pflicht tun.

Die Zeit ist nur ein Strom, in dem ich fische. Ich trinke aus ihm, doch während ich trinke, sehe ich den sandigen Grund und entdecke, wie flach der Strom ist. Seine schwachen Wellen fließen dahin, doch die Ewigkeit bleibt. Ich will einen tiefen Trunk tun. Ich will im Himmel fischen, dort liegen Sterne als Kiesel am Grund. Ich kann nicht bis Eins zählen. Ich kenne nicht den ersten Buchstaben des Alphabets. Immer hat es mich betrübt, daß ich nicht so weise war wie der Tag, der mich gebar. Der Geist ist ein Beil. Mit schneidender Schärfe bahnt er sich Weg in das Geheimnis der Dinge. Meine Hände sollen nicht mehr arbeiten als unbedingt notwendig ist. Mein Kopf ist Hand und Fuß zugleich. Ich fühle es: dort ruhen meine reichsten Kräfte. Mein Instinkt sagt mir, daß mein Kopf, wie bei manchem Tier Schnauze oder Vorderpfoten, ein Organ zum Bohren ist. Mit ihm möchte ich meinen Weg durch diese Hügel bohren und graben. Ich bin überzeugt, die reichste Ader ist irgendwo hier in der Nähe! Das weiß ich durch meine Wünschelrute und leicht wallende Nebeldünste, Hier will ich mit dem Bergbau beginnen.

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