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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Schluß

Der verständige Arzt verordnete dem Kranken Veränderung der Luft und der Umgebung. Hier ist – dem Himmel sei Dank! nicht die ganze Welt. Der BocksaugenbaumPavia lutea ist der weißblühenden Roßkastanie ähnlich. wächst nicht in Neuengland und die Spottdrossel hört man hier selten. In der Wildgans steckt mehr vom Kosmopoliten als in uns. Sie frühstückt in Canada, nimmt ihr Mittagsmahl in Ohio ein und glättet auf irgend einem Kanal im Süden ihr Gefieder für die Nacht. Auch der Büffel hält in gewissem Maße mit der Jahreszeit Schritt und grast auf Colorados Weiden nur so lange, bis besseres, wohlschmeckenderes Gras ihn am Yellowstone erwartet. Wir glauben dagegen, daß, sobald die Zäune und Geländer niedergerissen und Steinmauern um unsere Farmen errichtet sind, auch unserem Leben Grenzen gezogen seien, unser Schicksal sich entschieden habe. Man hat Dich zum Stadtschreiber gemacht . . . Da kannst Du natürlich in diesem Sommer nicht nach Tierra del Fuego reisen, vielleicht aber doch nach dem Land des höllischen Feuers. Das Weltall ist weiter als die Ansichten, die wir darüber haben.

Und doch, wir sollten häufiger über den HackbordDer Hackebord oder Hackbord ist der meistens mit Bildhauerarbeit versehene oberste Teil am »Spiegel« eines Schiffes. unseres Schiffleins hinausblicken, und nicht wie blöde Seeleute während der Reise Werg zupfen. Die andere Seite des Erdballs ist nur die Heimat unseres Korrespondenten. Unser Reisen ist nur ein großes »Im-Kreise-herumsegeln«, und die Doktoren verschreiben nur gegen Hautkrankheiten. Da will der eine nach Südafrika, um Giraffen zu jagen, und doch ist das sicher nicht das Wild, was er jagen müßte. Du liebe Zeit! Wie lange würde wohl ein Mensch Giraffen jagen, wenn er könnte? Die Schnepfenjagd ist auch ein prächtiges Vergnügen. Doch ein edleres Spiel wäre die Jagd auf Dich selbst.

»Kehre Dein Auge nach innen! Dann wirst Du finden,
Daß viel' tausend Gebiete des Herzens immer noch
Unerforscht ruhn. Dort sollst Du reisen und Dich belehren
Über die Welt, die in der Seele Dir lebt.«

Was gilt mir Afrika – was der Westen? Ist nicht auf der Karte unser Inneres weiß, wenn es auch zur Zeit der Entdeckung so schwarz wie die Küste erschien? Wollen wir die Quellen des Nil, des Niger und des Mississippi oder die nordwestliche Durchfahrt um unseren Kontinent finden? Sind das die wichtigsten Probleme für das Menschengeschlecht? War FranklinSir John Franklin, englischer Seefahrer, 1786–1847. der einzige Mensch, dessen Spur man verlor, daß seine Frau so eifrig sich bemühte, sie zu finden? Weiß Herr GrinnelGrinnel, eifriger Förderer arktischer Forschungen, 1798–1874. wo er selbst ist? Sei lieber der Mungo Park, der Lewis, Clark und FrobisherMungo Park, Afrikareisender, 1771-1806. Levis und Clark, Amerikareisende. Sir Martin Frobisher, berühmter englischer Seefahrer, gestorben 1594. Deiner eigenen Ströme und Ozeane. Erforsche Deine eigenen höheren Breitengrade, nötigenfalls mit Schiffsladungen voll konservierten Fleisches, um Dich zu erhalten, und türme die leeren Büchsen himmelhoch als Denkmal. Wurde konserviertes Fleisch nur deshalb erfunden, um Fleisch zu konservieren? Nein, sei ein Kolumbus für völlig neue Kontinente und Welten in Deinem Innern, eröffne neue Bahnen nicht für den Handel, sondern für den Gedanken. Jeder Mensch ist der Herrscher eines Reiches, neben welchem das Reich des Zaren nur ein kleines Ländchen, ein Erdhügel ist, den das Eis zurückließ. Und doch gibt es Patrioten, die keinen Selbstrespekt haben und das Größere dem Kleineren opfern. Sie lieben die Erde, in die ihr Grab gegraben wird, und haben keine Sympathien für den Geist, der vielleicht ihren Ton noch zu beleben vermag. Patriotismus ist eine Grille in ihrem Hirn. Was bedeutet die Südsee-Erforschungs-Expedition mit all ihrem Brimborium und all ihren Kosten anderes, als die indirekte Anerkennung der Tatsache, daß es in der Welt der Moral Kontinente und Meere gibt, zu welchen ein jeder Mensch einen schmalen Zugang besitzt, Kontinente, an welchen er landen kann, trotzdem sie von ihm noch unerforscht sind, daß es leichter ist, viele tausend Meilen weit durch Schnee und Eis, durch Sturm und Kannibalen auf einem Regierungsschiffe, von fünfhundert hilfsbereiten Männern und Jünglingen begleitet, zu segeln, als das eigene Meer zu erforschen – den Atlantischen oder Stillen Ozean der eigenen Einsamkeit . . .

»Erret et extremos alter scrutetur Iberos
Plus habet hic vitae, plus habet ille viae.
«

»Laß sie nur wandern, laß sie die fernen Australer erforschen,
Gott ist mir mehr vertraut – ihnen wohl mehr der Weg.«

Es lohnt sich nicht, die Welt zu umwandern, um die Katzen in Sansibar zu zählen. Und dennoch: zähle die Katzen bis Du etwas Besseres tun kannst. Vielleicht findest Du ein Symmesloch,John Symmes, war ein amerikanischer Krieger und Schriftsteller, 1780–1829. Er hielt das Innere der Erde für bewohnt und glaubte, es existiere etwa 82° nördlicher Breite eine Öffnung in der Erdrinde. Seiner Ansicht nach gab es im Erdinnern Pflanzen und animalisches Leben. 1822 und 1823 petitionierte er an den Kongreß für eine Expedition, um seine Theorie zu beweisen. durch welches Du in Dein Inneres schlüpfen kannst. England und Frankreich, Spanien und Portugal, die Goldküste und auch die Sklavenküste – alle grenzen an dieses Innenmeer. Doch noch hat sich von ihren Küsten kein Schiff aufs hohe Meer hinausgewagt, obwohl dieser Weg ohne Zweifel direkt nach Indien führt. Willst Du in allen Zungen reden oder aller Völker Sitten kennen lernen, willst Du weiter reisen als alle Forscher und in allen Zonen Dich heimisch fühlen, willst Du die Sphinx dazu bringen, daß sie ihr Haupt an einem Stein zerschmettert, so gehorche der Lehre der alten Philosophen und – »Erkenne Dich selbst«. Dazu mußt Du Augen und Nerven besitzen. Nur die Besiegten und Fahnenflüchtigen ziehen in den Krieg, Feiglinge, die fortlaufen und in den Dienst treten. Brich auf, sofort, auf jener längsten Straße gen Westen, die nicht am Mississippi oder am Stillen Ozean ihr Ende erreicht, die nicht nach dem fadenscheinigen China oder nach Japan führt, sondern die auf der direkten Tangente dieser Erdkugel verläuft. Dort ziehe Deines Wegs Sommer und Winter, Tag und Nacht, beim Untergang der Sonne und des Mondes – ja selbst beim Untergang der Erde!

Es wird berichtet, daß Mirabeau Straßenräuberei trieb, »um genau zu erfahren, welches Quantum Entschlossenheit notwendig sei, um gegen eines der heiligsten Gesetze der menschlichen Gesellschaft nachdrücklich Opposition zu machen.« Er erklärte dann, daß »ein Soldat, der in Reih und Glied kämpft, nicht halb soviel Mut nötig habe wie ein Straßenräuber« – »daß Ehre und Religion einen wohlüberlegten und festen Entschluß nicht ins Wanken zu bringen vermöchten.« Das war männlich nach landläufigen Anschauungen, und doch war es töricht, ja geradezu toll. Ein gesunder Mann wird sich oft »nachdrücklich in Opposition« zu dem befunden haben, was »als die heiligsten Gesetze der menschlichen Gesellschaft« geschätzt wird, weil er noch heiligeren Gesetzen gehorchen wollte. So kann er, ohne von seinem geraden Wege abzuweichen, seine Entschlossenheit erproben. Es geziemt sich nicht für einen Mann, sich in ein solches Verhältnis zur menschlichen Gesellschaft hineinzuzwingen, sondern in jenen Verhältnissen mutig sich zu behaupten, welche er sich selbst, gehorsam den Gesetzen seines Lebens, schuf. Und diese Gesetze werden mit einer gerechten Regierung nie in Konflikt geraten, wenn er zufällig unter einer solchen leben sollte.

Der Anlaß, der mich in die Wälder führte, war ebenso triftig wie der, welcher mich zum Fortgehen bewog. Vielleicht glaubte ich, daß ich noch verschiedene Leben zu leben habe und auf dieses keine Zeit mehr verwenden dürfe. Es ist merkwürdig, wie leicht und unmerklich wir einen bestimmten Weg einschlagen und einen ausgetretenen Pfad für uns selbst daraus machen. Ich wohnte noch nicht eine Woche lang am Walden, da hatten meine Füße schon einen Weg von meiner Tür zum Teichufer ausgetreten. Und jetzt, wo schon fünf oder sechs Jahre über meine Fußstapfen dahingezogen sind, ist er noch ganz deutlich sichtbar. Ich fürchte indessen, andere haben ihn nach mir benutzt und dadurch zu seiner Erhaltung beigetragen. Die Oberfläche der Erde ist weich und nimmt leicht den Eindruck der Menschenfüße an. Das gilt auch von den Pfaden, auf denen der Geist dahinwandert. Wie abgenutzt und verstaubt müssen mithin die Landstraßen der Welt sein, wie tief die Geleise der Überlieferung und Einförmigkeit! Ich wollte nicht als Kajütenpassagier reisen. Lieber war es mir, vor dem Mast und auf dem Deck der Welt zu stehen. Ich will auch jetzt nicht unter Deck gehen.

Das eine wenigstens lernte ich durch mein Experiment, daß, wenn der Mensch vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume fortschreitet, wenn er sich bemüht, das Leben zu leben, welches die Phantasie ihm ausmalt, Erfolge von ihm erzielt werden können, von denen er sich in Alltagsstunden nichts träumen ließ. Manche Dinge wird er aufgeben, eine unsichtbare Grenze wird er überschreiten. Neue, universelle und freiere Gesetze werden in ihm und um ihn herum Wurzel fassen. Oder die alten Gesetze werden umfassender, zu seinen Gunsten im freieren Sinne gedeutet werden, und es wird ihm vergönnt sein, unter Geschöpfen höherer Ordnung zu leben. Je mehr er sein Leben vereinfacht, desto weniger schwierig werden die Gesetze des Kosmos ihm erscheinen. Einsamkeit wird nicht Einsamkeit, Armut nicht Armut und Schwäche nicht Schwäche sein. Hast Du Schlösser in die Luft gebaut, so war diese Arbeit nicht notwendigerweise vergeblich. Gerade dort sollen sie sich befinden! Jetzt gib ihnen ein Fundament.

Es ist lächerlich, wenn Engländer und Amerikaner verlangen, man solle so reden, daß man von ihnen verstanden wird. So sind weder Menschen noch Pilze gewachsen. Als ob das überhaupt von Wichtigkeit wäre, und als ob es nicht außer ihnen genug Menschen gäbe, die uns verstehen. Als ob die Natur nur ein einziges Verständigungsmittel besäße, als ob sie nicht Vögel gerade so gut wie Vierfüßler, fliegende wie kriechende Geschöpfe ernähren könnte, und als ob »Hott« und »Hüh«, was jeder Ochse verstehen kann, das beste Englisch wäre. Als ob die Dummheit allein Gewähr für Sicherheit leisten könne! Ich befürchte hauptsächlich, daß meine Ausdrücke nicht ausschweifend genug sind, nicht weit genug über die engen Grenzen meiner täglichen Erfahrung hinaus reichen, um der Wahrheit zu entsprechen, von der ich überzeugt bin. Hinausschweifen – ja, das hängt davon ab, in was für einen Viehhof man eingesperrt ist. Der wandernde Büffel, der in anderen Breiten neue Weiden sucht, ist nicht so aus–schweifend, wie die Kuh, die den Eimer umwirft, durch den Zaun bricht und zur Melkzeit hinter ihrem Kalbe herläuft. Ich möchte so gut wie möglich ohne Umschweife reden, wie der Mensch in einem wachen Augenblick zu seinen Mitmenschen in ihren wachen Augenblicken. Denn ich fühle, daß ich gar nicht genug übertreiben kann, um nur das Fundament eines wahren Ausdrucks zu legen. Hat je ein Mensch, der harmonische Klänge vernahm, gefürchtet, daß er hinfort ausschweifend reden könne? In bezug auf die Zukunft und das Mögliche sollen wir sorglos und harmlos unser Dasein weiter leben. Nach dieser Seite hin sind unsere Umrisse verschwommen und nebelig. Unser Schatten soll ja nach der Sonne hin eine unmerkliche Perspiration aufweisen. Die flüchtige Wahrheit unserer Worte sollte immer das Mißverhältnis zu dem zurückgebliebenen Tatbestand bezeugen. Seine Wahrheit wird sofort übertragen. Das Wortdenkmal bleibt allein bestehen. Die Worte, die unseren Glauben und unsere Frömmigkeit ausdrücken, sind unbegrenzt. Doch sie sind inhaltsschwer und duften für feinere Geister nach Weihrauch.

Warum werten wir nach unten, nach unserer dumpfesten Empfindung, und verherrlichen sie als gesunden Menschenverstand? Der schlafende Mensch hat nur rudimentären Verstand – der verrät sich durch Schnarchen.

Manchmal lassen wir uns verleiten, die mit anderthalb Portionen Verstand Begabten mit den Halbverständigen zusammenzuwerfen, weil wir nur den dritten Teil ihres Verstandes zu würdigen wissen. Es gibt Leute, die am Morgenrot herumnörgeln würden, wenn sie einmal in ihrem Leben so früh aufgestanden wären. Wie ich höre, »sollen die Verse des Kabir einen vierfach verschiedenen Gehalt besitzen: Phantasie, Geist, Intellekt und die exoterischen Lehren der Veden.« Will nicht jemand, während England sich bemüht, die Kartoffelfäule auszurotten, die Hirnfäule auszurotten versuchen, die so viel weiter verbreitet und so viel gefährlicher ist?

Ich glaube kaum, daß ich mich unklar auszudrücken pflege. Es würde mich aber mit Stolz erfüllen, wenn diese Blätter nicht stärker getadelt würden wie das Waldeneis. Käufer aus dem Süden machten ihm aus seiner blauen Farbe – die einzig auf seiner Reinheit beruht – einen Vorwurf, als ob es schmutzig wäre, und zogen das Cambridge-Eis vor, das weiß aussieht, aber nach Wasserpflanzen schmeckt. Die Reinheit, welche die Menschen lieben, gleicht dem Nebel, der die Erde einhüllt, und nicht dem blauen Äther darüber.

Es gibt einige Menschen, die uns in die Ohren schreien, wir Amerikaner und die modernen Menschen im allgemeinen seien geistige Zwerge im Vergleich zum antiken und selbst zum Menschen der Zeit Elisabeths. Was heißt das? Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe. Soll ein Mensch sich schämen, weil er zu einem Zwergengeschlecht gehört, anstatt der große Zwerg zu sein, der er sein kann? Jeder soll vor seiner Türe kehren und versuchen der zu sein, der er seiner Natur nach ist. Warum jagen wir so fürchterlich nach Erfolg, warum sind wir in solch waghalsige Unternehmungen verwickelt? Wenn ein Mensch nicht Schritt mit seinen Mitmenschen hält, so kommt das vielleicht daher, weil er eine andere Trommel hört. Er soll nach dem Takt der Musik marschieren, die ihm ertönt, einerlei aus welcher Ferne. Es ist durchaus nicht wichtig, daß der Mensch so schnell reif wird wie ein Apfelbaum oder eine Eiche. Soll er seinen Frühling in Sommer wandeln? Wenn jener Zustand, für den wir geschaffen wurden, noch nicht erreicht ist, wie könnte uns da irgendeine Wirklichkeit Ersatz bieten! Wir wollen nicht an irgendeiner falschen Wirklichkeit Schiffbruch leiden. Sollen wir mühsam über uns einen Himmel aus blauem Glas errichten, wenn wir hernach trotzdem zu jenem wahren Ätherhimmel hoch dort oben immer noch emporblicken, als ob der andere nicht vorhanden wäre?

In der Stadt Kouroo lebte vor Zeiten ein Künstler, der den Drang nach Vollendung in sich fühlte. Eines Tages dachte er bei sich: Ich will einen Stab machen. Da er bereits darüber im klaren war, daß bei einem unvollkommenen Werk die Zeit einen Bestandteil bildet, daß aber in ein vollkommenes Werk die Zeit nicht eindringt, so sprach er also zu sich selbst: Der Stab soll in jeder Hinsicht vollendet werden, und wenn ich mein ganzes Leben dazu verwenden sollte. Er ging sogleich in den Wald, da er fest entschlossen war, den Stab nicht aus ungeeignetem Material herzustellen. Und während er suchte, einen Stock nach dem anderen als untauglich verwarf, verließen ihn allmählich seine alten Freunde, denn älter wurden sie bei ihrer Arbeit und starben. Er aber alterte nicht um einen Augenblick. Die Einfalt seines Vorhabens und seines Entschlusses und seine erhabene Frömmigkeit verliehen ihm gegen sein Wissen ewige Jugend. Da er mit der Zeit kein Abkommen getroffen hatte, ging die Zeit ihm aus dem Wege und seufzte von fern, weil sie ihn nicht besiegen konnte. Ehe er einen Stab gefunden hatte, der ihm in jeder Weise zusagte, war die Stadt Kouroo bereits zur moosbewachsenen Ruine geworden. Auf einen ihrer Trümmerhaufen setzte er sich nieder, um den Stab abzuschälen. Noch bevor er ihm die gewünschte Form gegeben hatte, war das Herrscherhaus der Kandahare ausgestorben. Er aber schrieb mit des Stabes Spitze den Namen des letzten Königs aus diesem Geschlecht in den Sand. Dann setzte er seine Arbeit fort. Als er den Stab gesäubert und geglättet hatte, war Kalpa nicht mehr der Polarstern. Und ehe er den Stab beschlagen und seinen Griff mit kostbaren Steinen verziert hatte, war Brahma viele Male entschlummert und wiedererwacht. Doch wozu soll ich bei diesen Dingen verweilen? Als er die letzte Hand an sein Werk gelegt hatte, dehnte es sich plötzlich vor den Augen des erstaunten Künstlers aus und ward zu Brahmas herrlichster Schöpfung. Eine neue Weltordnung hatte er geschaffen, indem er den Stab bearbeitete, eine Welt des schönsten Ebenmaßes, in welcher schönere und glorreichere Städte und Herrscherhäuser die alten entschwundenen ersetzten. Und jetzt sah er an dem Haufen der Späne, die zu seinen Füßen lagen, daß bislang das Verrinnen der Zeit eine Täuschung gewesen sei, daß nicht mehr Zeit vergangen war, als ein Funke gebraucht, um von Brahmas Gehirn herabzufallen und den Zunder des Menschengehirns in Brand zu setzen . . . Das Material war rein und seine Kunst war rein. Wie konnte das Resultat anders sein als wundervoll?

Kein Aussehen, das wir einer Sache geben können, wird uns schließlich so viel nützen als die Wahrheit. Sie allein trägt sich gut. Meistens sind wir nicht dort, wo wir sind, sondern in falscher Lage. Einer Schwäche unserer Natur folgend, nehmen wir einen Fall an, und versetzen uns in ihn hinein. Darum befinden wir uns in zwei Fällen zugleich und doppelt schwer ist's, aus ihnen herauszukommen. Bei gesundem Verstande betrachten wir nur die Tatsache, den gegebenen Fall. Rede, was Du reden mußt, nicht was Du reden sollst. Jede Wahrheit ist besser als Ausflüchte. Tom Hyde, der Kesselflicker, stand unter dem Galgen und wurde gefragt, ob er noch etwas zu sagen habe. Da antwortete er: »Sagt den Schneidern, daß sie einen Knoten in den Zwirn machen, bevor sie den ersten Stich tun.« Die Bitte seines Gefährten ist nicht überliefert.

Wie niedrig auch Dein Leben sein mag: heiße es willkommen und lebe es. Meide es nicht und schimpfe nicht darauf. Es ist nicht so schlecht wie Du. Es sieht am ärmsten aus, wenn Du am reichsten bist. Wer immer tadelt, wird auch am Paradies etwas auszusetzen haben. Liebe Dein Leben, so arm es auch ist. Du kannst vielleicht erfreuliche, herrliche, ja feierliche Stunden erleben, selbst in einem Armenhause. Die Fenster des Armenhauses und die in des Reichen Palast strahlen gleich hell die sinkende Sonne zurück. Vor des reichen Mannes Tür schmilzt der Schnee im Frühling zur selben Zeit. Ich verstehe nicht, warum ein zufriedenes Gemüt hier nicht gerade so zufrieden leben, gerade so fröhliche Gedanken haben kann, wie in einem Palast. Die Stadtarmen scheinen oft das unabhängigste Leben von allen zu führen. Vielleicht sind sie gerade stolz genug, um ohne Bedenken annehmen zu können. Die meisten sind der Ansicht, es sei unter ihrer Würde, von der Stadt unterstützt zu werden. Häufiger aber halten sie es nicht für unwürdig, sich selbst durch unehrliche Mittel zu unterhalten – und das sollte man denn doch als das Gemeinere ansehen. Pflege die Armut wie eine Gartenpflanze, wie Salbei. Sei nicht so sehr darauf bedacht, Dir neue Sachen anzuschaffen, weder Kleider noch Freunde. Wende die alten! Kehre zu ihnen zurück! Die Dinge ändern sich nicht – wir ändern uns. Verkaufe Deine Kleider und behalte Deine Gedanken. Gott wird schon dafür sorgen, daß es Dir an Gesellschaft nicht mangelt. Wenn ich wie eine Spinne mein ganzes Leben lang auf einen Winkel der Bodenkammer angewiesen wäre, dann würde die Welt für mich gerade so groß sein, solange ich meine Gedanken beisammenhielte. Der Philosoph sagt: »Einer drei Divisionen starken Armee kann man den General nehmen und sie dadurch in Verwirrung bringen. Dem verworfensten, gewöhnlichsten Menschen kann man seine Gedanken nicht nehmen.« Strebe nicht so ängstlich darnach, Dich zu entwickeln und vielen Einflüssen zu unterwerfen, die doch nur ihr Spiel mit Dir treiben – das ist alles Verschwendung. Demut enthüllt wie Dunkelheit himmlisches Licht. Die Schatten der Armut und der Niedrigkeit ziehen sich um uns zusammen und siehe da! – die Schöpfung dehnt sich vor unseren Blicken aus. Wir werden oft daran erinnert, daß, wenn wir selbst so reich wie Krösus wären, unsere Ziele sich nicht verändern, unsere Mittel im wesentlichen die gleichen bleiben müßten. Und wenn obendrein Dein Lebenslauf durch Armut eingeengt ist, wenn Du Dir z. B. weder Bücher noch Zeitungen kaufen kannst, so bist Du auf die wichtigsten Lebenserfahrungen beschränkt. Du bist notgedrungen auf die Dinge angewiesen, die den meisten Zucker und das meiste Stärkemehl liefern. Das Leben nahe am Knochen ist am wohlschmeckendsten. Du wirst davor bewahrt, in Tändeleien Dich zu vergeuden. Kein Mensch verliert je auf einer niedrigeren Stufe durch Großmut auf einer höheren. Mit überflüssigem Reichtum kann man nur Überflüssiges kaufen. Es bedarf nicht des Geldes, wenn man sich Nahrung für die Seele kaufen will.

Ich lebe in dem Winkel einer bleiernen Mauer, bei deren Guß ein wenig Glockenmetall zugesetzt wurde. Oft dringt um die stille Mittagstunde von der Außenwelt ein verworrenes Tintinnabulum an mein Ohr. Das ist der Lärm meiner Zeitgenossen. Meine Nachbarn erzählen mir von ihrem Zusammensein mit berühmten Herren und Damen und mit welch hochstehenden Persönlichkeiten sie zu Tische saßen. Mich interessieren diese Dinge jedoch genau so wenig, wie der Inhalt der Tageszeitungen. Das Interesse und die Unterhaltung drehen sich hauptsächlich um Kleidung und Sitten. Doch eine Gans bleibt eine Gans – man mag sie anziehen, wie man will . . . Sie erzählen mir von Kalifornien und Texas, von England und Indien, vom ehrenwerten Herrn X. aus Georgia oder aus Massachusetts, von allen möglichen transitorischen und vergänglichen Erscheinungen, bis ich am liebsten ihrem Hof eilig den Rücken kehrte wie der Mameluckenbei. Ich liebe mein heimisches Quartier von Kerzen. Ich mag nicht in Reih und Glied an der Spitze marschieren, angetan mit Prunk und Flitter. Lieber wandele ich Hand in Hand mit dem Baumeister der Welt umher, wenn mir das gestattet ist. Ich will nicht mitten in diesem ruhelosen, nervösen, hetzenden, platten neunzehnten Jahrhundert leben, sondern, während es vorbeibraust, mit meinen Gedanken abseits stehen oder sitzen. Was feiern denn die Menschen? Allesamt gehören sie zum Veranstaltungsausschuß, und jeder erwartet stündlich von irgend jemandem eine Rede. Gott ist nur der Präsident des Tages und WebsterDaniel Webster, amerikanischer Staatsmann, 1782–1854. Er schloß mit dem britischen Gesandten Lord Ashburton den Vertrag zur Regulierung der Grenze, zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zur Auslieferung der Verbrecher. sein Wortführer. Ich liebe es, abzuwägen, zu Entschlüssen zu kommen und das Schwergewicht nach der Seite hin zu verlegen, die mich am meisten anzieht und dazu die größte Berechtigung hat. Ich will nicht am Wagebalken hängen und versuchen weniger zu wiegen. Auch will ich nicht einen Fall annehmen, sondern den Fall nehmen wie er ist. Ich will den einzigen Pfad entlang wandeln, den ich wandern kann, den Pfad, auf dem keine Macht mir Einhalt gebieten kann. Ich fühle mich nicht befriedigt, wenn ich einen Bogen wölbe, ehe ich ein festes Fundament geschaffen habe. Wir wollen uns nicht auf fingerdickes Eis wagen.Ein waghalsiger, besonders in Neuengland beliebter Sport. Es gibt überall festen Grund. Wir lesen die Geschichte von dem Reisenden, der fragte, ob das Moor, das vor ihnen läge, einen festen Boden habe. Der Knabe antwortete: »Ja.« Doch sofort sank das Pferd des Reisenden bis zum Sattelgurte ein. Er rief darum dem Knaben zu: »Ich glaube, Du hättest gesagt, das Moor habe einen festen Boden?« »Hat es auch,« erwiderte der Knabe, »Ihr seid aber noch längst nicht tief genug eingesunken.« Dasselbe gilt von den Sümpfen und dem Dünensand der Gesellschaft. Nur ist der, der dies weiß, bereits ein alter Knabe. Nur das ist gut, was bei einer bestimmten, seltenen Konstellation der Dinge gesagt, gedacht oder getan wird. Ich möchte nicht zu denen gehören, die einen Nagel in dünne Latten und in Bewurf hineintreiben. Solches Tun würde mir nachts die Ruhe rauben. Gib mir einen Hammer und laß mich nach den Furchen fühlen. Verlaß Dich nicht auf Kitt. Treib den Nagel bis zum Kopfe ein und verankere ihn so gewissenhaft, daß Du selbst dann mit Befriedigung an ihn denken kannst, wenn du mitten in der Nacht aufwachst. Jeder Nagel, den man einschlägt, sollte eine neue Niete in der Maschine des Weltalls sein. Du förderst auf diese Weise ihr Werk.

Wahrheit gib mir, nicht Liebe, Geld und Ruhm. Ich saß dort zu Tisch, wo erlesene Speisen und Weine im Überfluß vorhanden waren, wo man aufmerksam bedient wurde, wo es aber Aufrichtigkeit und Wahrheit nicht gab. Hungrig verließ ich den ungastlichen Tisch. Die Gastfreundschaft war so eisig wie das Fruchteis. Meiner Ansicht nach war Eis nicht einmal nötig, das Fruchteis gefroren zu erhalten. Man sprach zu mir über das Alter des Weines und die Berühmtheit des Weinberges. Ich aber dachte an einen neueren, reineren Wein, an einen herrlicheren Weinberg, den sie weder besaßen noch je erwerben konnten. Der Stil, das Haus, der Garten, die Bewirtung und Unterhaltung sind mir vollkommen einerlei. Ich machte beim König Besuch. Doch der ließ mich in der Vorhalle warten und benahm sich wie ein Mensch, der zur Gastfreundschaft keine Befähigung besitzt. Es war aber einmal ein Mann in meiner Nachbarschaft, der in einem hohlen Baume wohnte. Dessen Benehmen war wahrhaft königlich! Besser wäre es gewesen, ich hätte ihn besucht . . .

Wie lange werden wir noch in unseren Säulenhallen sitzen und unnütze, schäbige Tugenden züchten, die durch jede Arbeit beschämt werden? Als ob einer den Tag mit Langmut beginnen wollte und sich einen Mann dingen würde, um seine Kartoffeln zu hacken, und dann am Nachmittag ausginge, um in vorbedachter Güte christliche Milde und Sanftmut zu betätigen! Denke an den chinesischen Hochmut und die flache Selbstzufriedenheit der Menschen. Diese Generation bildet sich etwas darauf ein, die letzte eines berühmten Geschlechtes zu sein. In Boston und London, in Paris und Rom spricht man, in Erinnerung an diesen alten Stammbaum, von den Fortschritten in Kunst, Wissenschaft und Literatur mit hoher Genugtuung. Da gibt es Berichte philosophischer Gesellschaften und öffentliche Lobeshymnen auf große Männer! Der gute Adam bewundert seine eigene Tugend! »Ja, wir haben große Dinge getan, wir haben göttliche Sänge gesungen, die niemals sterben werden,« d. h. solange wir sie nicht vergessen. Die gelehrten Gesellschaften und die großen Männer Assyriens – wo sind sie jetzt? Was für junge Philosophen und Forscher wir doch sind! Unter meinen Lehrern ist nicht ein einziger, der schon ein ganzes Menschenleben gelebt hat. Dies sind vielleicht erst die Frühlingsmonate des Menschengeschlechtes. Selbst wenn wir wirklich die »sieben Jahre währende Juckkrankheit« gehabt haben – die »alle siebzehn Jahre kommende Heuschreckenplage«Anspielung auf abergläubische Vorstellungen unter den Farmern Neuenglands. haben wir noch nicht erlebt. Wir kennen nur das feinste Häutchen des Balles, auf dem wir leben. Die meisten Menschen haben weder sechs Fuß tief in die Erde gegraben, noch sind sie sechs Fuß hoch über sie emporgesprungen. Wir wissen nicht, wo wir sind. Außerdem liegen wir fast die halbe Zeit in festem Schlaf. Und doch halten wir uns für klug und haben auf der Oberfläche Vorschriften und Sitten. O gewiß, wir sind tiefe Denker, wir sind hochstrebende Geschöpfe! Da sehe ich ein Insekt durch die Tannennadeln am Waldesboden dahinkrabbeln. Es versucht, sich vor mir zu verbergen. Ich aber frage mich, warum es solch bescheidene Gedanken hegt und sein Köpfchen vor mir verbirgt, der ich doch vielleicht sein Wohltäter sein und seinem Geschlecht erfreuliche Mitteilungen machen könnte. Da werde ich an den größeren Wohltäter, an den größeren Geist erinnert, der auf mich herabblickt, auf mich – das menschliche Insekt . . .

Ein unendlicher Strom des Neuen ergießt sich in diese Welt und doch dulden wir unglaubliche Stumpfheit. Ich brauche nur daran zu erinnern, was für Predigten man noch in den aufgeklärtesten Ländern zu hören bekommt. Worte wie Freude und Leid haben wir zwar, doch sind sie nur »Kirchengesangsballast«. Man singt sie durch die Nase, während man an das Gemeine und Gewöhnliche glaubt. Wir sind der Ansicht, daß wir nur unsere Kleider wechseln können. Man sagt, das britische Reich sei sehr groß und angesehen, und die Vereinigten Staaten seien eine Weltmacht. Wir glauben nicht, daß hinter jedem Menschen eine Flut steigt und sinkt, die das britische Reich wie einen Holzspan hinwegschwemmen könnte, wenn je einem Menschen der Gedanke käme. Wer weiß, was für eine Plage einmal nach siebzehn Jahren aus dem Boden hervorkriechen mag? Die Regierung des Landes, in dem ich lebe, wurde nicht wie die von Großbritannien während der Unterhaltung nach einem Diner bei einem Glase Wein zusammengezimmert.

Das Leben in uns gleicht dem Wasser im Flusse. Es mag in diesem Jahre höher steigen denn je seit Menschengedenken, und das versengte Hochland überfluten. Vielleicht ist gerade dieses Jahr ereignisreich und ersäuft alle Bisamratten. Dort wo wir wohnen, war nicht immer trockenes Land. Weit im Innern des Landes sehe ich Dämme, die einst der Fluß bespülte, ehe noch die Wissenschaft begann, seine Überschwemmungen aufzuzeichnen. Ein jeder von uns hat die Geschichte gehört, die in Neuengland alt und jung sich erzählte, die Geschichte von dem starken und schönen Käfer, der aus der trockenen Platte eines alten Tisches aus Apfelbaumholz hervorkroch. Sechzig Jahre lang hatte der Tisch in der Küche eines Farmers gestanden, erst in Connecticut, hernach in Massachusetts. Das Ei selbst war wohl vor noch viel längerer Zeit in den lebenden Baum gelegt, wie man aus der Zahl der Jahresringe schließen konnte. Wochenlang hörte man das Tier nagen, das vielleicht durch die Wärme eines Teekessels ausgebrütet war. Wer fühlt nicht seinen Glauben an Auferstehung und Unsterblichkeit gekräftigt, wenn er dies hört? Wer weiß, ob nicht der Keim, der vielleicht in den konzentrischen Holzschichten des toten, dürren Gesellschaftslebens jahrtausendelang verborgen lag, der zuerst in den Splint des grünen Waldholzes versenkt und von diesem wie von einem duftenden Grabe umschlossen wurde, – der Keim, dessen wachsendes Leben die erstaunte Menschenfamilie schon seit Jahren hörte, wenn sie an festlicher Tafel sich versammelte –, wer weiß, ob dieser Keim sich nicht entfalten und unverhofft als ein herrliches, beflügeltes Leben aus dem alltäglichsten Möbel der Menschheit emportauchen wird, um endlich seiner seligen Sommerzeit sich zu freuen . . . Ich sage nicht, daß John Bull oder Bruder Jonathan das alles verwirklichen wird. Das bloße Verrinnen der Zeit wird dieses Morgen nie erwecken. Das Licht, das unsere Augen blendet, ist Dunkelheit für uns. Nur der Tag dämmert herauf, für den wir wach sind. Noch mehr Tag will heraufdämmern. Die Sonne ist nur ein Morgenstern.

 


 

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