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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Teich im Winter

Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl, daß irgend eine Frage mir gestellt sei, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versuchte . . . Was – Wie – Wann – Wo? . . . Doch nun blickt die erwachende Natur, in der alle Geschöpfe leben, in meine breiten Fenster mit heiterem, zufriedenem Antlitz herein. Auf ihren Lippen schwebt keine Frage. Ich erwachte zu einer Frage, die bereits beantwortet war, zu der Natur und dem lichten Tag. Hoch lag der Schnee auf dem Erdboden, mit jungen Tannen gesprenkelt. Selbst der Hügelabhang, auf dem mein Haus steht, schien mir zuzurufen: Vorwärts! Die Natur richtet keine Fragen an uns, und beantwortet auch keine, die wir Sterblichen an sie stellen. Ihr Plan ist schon vor langer, langer Zeit gefaßt. »O Prinz, bewundernd schauen unsere Augen auf das herrliche, mannigfache Schauspiel des Weltalls und teilen es der Seele mit. Sicherlich verhüllt die Nacht einen Teil dieser glorreichen Schöpfung. Doch kommen wird der Tag, der uns dies gewaltige Werk enthüllt, das von der Erde in ätherische Gefilde sich erstreckt.«

Wohlan denn, zur Morgenarbeit! Zunächst ergreife ich Axt und Eimer und suche Wasser, falls das kein frommer Wunsch geworden ist. Nach einer kalten und schneeigen Nacht muß man schon eine Wünschelrute anwenden, um es zu finden. In jedem Winter erstarrt die flüssige, zitternde Oberfläche des Teiches, die so empfindlich für jeden Lufthauch war, die alles Licht und jeden Schatten widerspiegelte, bis zur Tiefe von 1-1½ Fuß und kann nun die schwersten Gespanne tragen. Und liegt gar bisweilen auch Schnee auf dem Eise, dann kann man den Teich von irgend einem ebenen Feld nicht unterscheiden. Wie die Murmeltiere in den umliegenden Bergen schließt er seine Augenlider und schlummert drei Monate oder noch länger. Ich stehe auf der schneebedeckten Ebene wie auf einem Anger zwischen den Hügeln. Erst bahne ich mir den Weg durch fußhohen Schnee, dann durch fußtiefes Eis. Zu meinen Füßen öffne ich ein Fenster, kniee nieder, um zu trinken und sehe dabei in das friedliche Wohnzimmer der Fische hinab, wohin nur gedämpftes Licht – wie durch Milchglas – dringt und wo heller Sand auf dem Boden liegt, genau wie im Sommer. Hier herrscht ewige, wellenlose, selige Ruhe, wie im bernsteinfarbenen Zwielichthimmel. Sie harmoniert mit dem kühlen, gleichmäßigen Temperament der Bewohner dort unten. Der Himmel ist so gut unter unseren Füßen wie über unseren Häuptern.

Früh morgens, wenn alle Dinge starr vom Frost sind, kommen Leute mit Angelruten und kärglichem Imbiß und lassen ihre feinen Schnüre durch das Schneefeld in die Tiefe, um Grashechte und Barsche zu fangen. Rauhe Menschen sind's, die instinktiv anderen Bräuchen folgen, anderen Autoritäten vertrauen als ihre Mitbürger, und die durch ihr Kommen und Gehen Städte dort miteinander verbinden, wo sonst kein Verbindungsweg sich findet. In wetterfesten Anzügen aus Wolltuch sitzen sie auf dem trockenen Eichenlaub am Uferrand und verzehren ihr Mahl. Ihr instinktives Wissen ist gerade so umfangreich wie die erlernte Weisheit ihrer Mitbürger. Bücher haben sie nie um Rat gefragt. Sie wissen viel weniger und können über viel weniger Dinge sprechen, als sie vollbracht haben. Wie sie zu Werke gehen, das weiß die Menschheit bislang noch nicht. Da fischt einer Grashechte und gebraucht ausgewachsenen Barsch als Köder. Mit Erstaunen blickt man in seinen Eimer, der einem Teich im Sommer gleicht. Hatte er vielleicht gewußt, wohin der Sommer sich zurückzog oder hielt er ihn gar in seiner Wohnung eingeschlossen? Wie war es ihm überhaupt möglich, mitten im Winter Barsche zu bekommen? Nun: er verschaffte sich, als der Erdboden gefroren war, Würmer aus vermoderten Baumstämmen und damit fing er sie. Der Naturforscher kann durch eifrige Studien nicht das tiefe Vertrautsein mit der Natur erlangen, welches dieser Mann sein Leben lang besitzt. Er selbst ist für den Naturforscher ein Problem. Dieser schält Moos und Rinde vorsichtig mit seinem Messer ab und sucht Insekten, jener legt mit seiner Axt Stämme bis zum Mark frei, wobei Moos und Rinde in alle Winde stiegen. Er verschafft sich seinen Unterhalt durch Abrinden der Bäume. Solch ein Mensch hat eine gewisse Berechtigung zum Fischen und mit Freude sehe ich, wie die Natur in ihm sich offenbart. Der Barsch verzehrt den Regenwurm, der Grashecht den Barsch und der Fischer den Grashecht. So sind alle Zwischenräume an der Stufenleiter der Geschöpfe ausgefüllt.

Wenn ich bei Nebelwetter um den Teich herumschlendere, machten mir bisweilen die einfachen Methoden Freude, die ein recht naturwüchsiger Fischer anwendete. Er stellte Erlenzweige über die schmalen Löcher im Eis auf, die sechzig bis achtzig Fuß untereinander und ebenso weit vom Ufer entfernt waren, befestigte das Ende der Schnur an einem Stock, damit sie nicht durch das Loch herabgezogen werde, legte die lockere Schnur über einen Erlenzweig, der etwa einen Fuß über das Eis emporragte und band ein trockenes Eichenblatt daran. Wenn man halbwegs um den Teich herumging, konnte man diese Erlen in regelmäßigen Abständen durch den Nebel erkennen.

Ja, diese Grashechte aus dem Waldenteich! Wenn ich sie auf dem Eis liegen sehe oder in der Vertiefung, die der Fischer ins Eis hackt und unten mit einer kleinen Öffnung versieht, um das Wasser einzulassen, so bin ich immer aufs neue von ihrer seltsamen Schönheit überrascht. Wie Märchenfische kommen sie mir vor. Sie passen so wenig auf unsere Märkte, so wenig sogar zu unsern Wäldern wie Arabien zum Concorder Leben. Eine blendende, transzendentale Schönheit ist ihnen eigen, eine Schönheit, die durch eine weite Kluft von dem leichenhaften Stockfisch und Kabeljau getrennt ist, deren Loblied man auf unseren Märkten singt. Sie sind nicht grün wie die Tannen, nicht grau wie die Steine, nicht blau wie der Himmel. Nein, für meine Augen haben sie noch seltsamere Farben als Blumen und Edelgestein, als ob sie die Perlen, die beliebten nuclei oder die Kristalle des Waldenteiches seien. Sie sind Walden – nehmt alles und in allem, selbst kleine Walden des Tierreichs: Waldenses. Ich wundere mich, daß sie hier gefangen werden, daß in diesem tiefen, weiten Quell, tief unter rasselnden Gespannen, Kaleschen und klingenden Schlitten, die über die Waldenstraße fahren, diese großen goldenen und smaragdenen Fische schwimmen. Nie sah ich einen ihrer Art auf dem Markte. Er würde aller Augen auf sich lenken. Unter einigen konvulsivischen Zuckungen gibt dieses Geschöpf leicht seinen wässerigen Geist auf wie ein Sterblicher, der allzu früh in die dünne Luft des Himmels abgerufen wurde.

 

Ich wollte gern den langverlorenen Boden des Waldenteiches wiederfinden. Darum begann ich im Jahre 1846 frühzeitig, noch ehe das Eis zu schmelzen anfing, mit Kompaß, Meßkette und Senkblei genaue Vermessungen zu machen. Viele seichte Geschichten erzählte man sich über die Tiefe oder vielmehr über die grundlose Tiefe dieses Teiches. Es ist erstaunlich, wie lange die Menschen an solch unergründliche Tiefen glauben, ohne sich die Mühe zu geben, sie zu messen. Ein Spaziergang in der Nachbarschaft machte mich mit zwei grundlosen Teichen bekannt. Manche Leute glauben, daß der Walden bis zur anderen Seite der Erdkugel sich erstrecke. Andere, die lange Zeit der Länge nach auf dem Eise gelegen und durch das trügerische Medium hinabgeblickt hatten, die womöglich obendrein noch wässerige Augen mitbrachten und zu vorschnellen Folgerungen verleitet wurden, weil sie Angst vor Erkältung der Brust hatten, behaupteten, »große Löcher, in welche bequem ein Heuwagen hineinfahren konnte« (wenn nur ein Fuhrmann dagewesen wäre), gesehen zu haben, Löcher, die ohne Zweifel die Quellen des Styx und Eingänge in höllische Regionen seien. Andere kamen mit einem sechsundfünfzig Pfund schweren Gewicht und mit einer Wagenladung Tau, das einen Zoll im Durchmesser hatte, aus dem Dorfe herbei. Auch diesen Männern gelang es nicht, den Boden zu finden. Während der »Sechsundfünfziger« längst auf dem Grunde ruhte, ließen sie immer mehr Tau in die Tiefe hinab und versuchten vergeblich, ihre geradezu unermeßliche Glaubenskraft an Wunderdinge zu ergründen. Ich kann dagegen meinen Lesern mitteilen, daß Walden einen realen festen Boden in einer durchaus nicht irrealen, sondern nur ungewöhnlichen Tiefe besitzt. Sie wurde von mir ohne Schwierigkeit mit einer kräftigen Angelschnur und einem etwa 1½ Pfund schweren Steine gemessen. Ich konnte genau fühlen, wenn der Stein den Boden verließ. Denn dann mußte ich so lange kräftiger anziehen, bis Wasser auch unter ihm dahinfloß und mir half. Die größte Tiefe betrug damals genau einhundertundzwei Fuß. Da der Teich inzwischen um fünf Fuß gestiegen ist, wird man jetzt einhundertundsieben finden. Das ist eine bedeutende Tiefe für solch eine kleine Fläche. Die Phantasie kann jedoch nicht einen Zoll davon missen. Wie, wenn alle Teiche seicht wären? Würde das nicht auf die Menschenherzen Einfluß haben? Ich bin dankbar dafür, daß dieser Teich tief und rein geschaffen wurde, um als Symbol zu dienen. Solange der Mensch an die Unendlichkeit glaubt, wird er auch einige Teiche für bodenlos halten.

Ein Fabrikbesitzer, der hörte, welche Tiefe ich gefunden hatte, dachte, das könne nicht richtig sein, weil nach seinen an Deichen gesammelten Erfahrungen der Sand in solch steilen Winkeln nicht liegen bliebe. Die tiefsten Teiche sind aber im Verhältnis zu dem Flächenraum, den sie bedecken, flacher, als man gewöhnlich annimmt, und würden, wenn man sie abließe, keine auffallend tiefen Täler bilden. Sie gleichen nicht Bechern zwischen den Bergen. Und selbst der Walden, der im Vergleich zu seinem Flächenraum ungewöhnlich tief erscheint, ist, wenn man einen Vertikalschnitt durch seine Mitte legt, nicht tiefer wie ein flacher Teller. William Gilvin, der in allem, was auf Landschaften Bezug hat, bewunderungswürdig und meistens auch exakt ist, sagte einst, als er am Fynesee in Schottland stand »an einer Salzwasserbucht von sechzig bis siebzig KlafterEin Klafter = 6 englische Fuß. Tiefe und vier Meilen Breite«, die ungefähr fünfzig Meilen lang und von Bergen umgeben ist: »Wenn wir diesen See unmittelbar nach der diluvianischen Katastrophe oder nach irgend welchen Zuckungen der Natur, die ihn schufen, gesehen hätten, ehe noch das Wasser einströmte, als was für ein furchtbarer Abgrund würde er uns erschienen sein!«

»So hoch als die stolzen Berge ragten,
»So tief tat sich ein dunkler Abgrund auf
»Und auch so breit; ein weites Wasserbett . . .«

Nehmen wir nun den kleinsten Durchmesser des Fynesees und wenden ihn auf den Waldenteich an, der, wie wir bereits sahen, im Vertikaldurchschnitt bereits wie ein flacher Teller erscheint, so ergibt sich, daß der Fynesee viermal seichter ist. Dieses nur nebenbei über die erhöhten Schrecken des gähnenden Fyneseeschlundes. Zweifellos nimmt manch lachendes Tal mit seinen ausgedehnten Maisfeldern einen geradeso »furchtbaren Abgrund« ein, aus welchem das Wasser verschwunden ist. Es gehört allerdings der Einblick und der Fernblick des Geologen dazu, um die harmlosen Bewohner von dieser Tatsache zu überzeugen. Oft kann das forschende Auge die Ufer eines Ursees in den niedrigen Hügeln des Horizontes entdecken, und keine spätere Erhebung der Ebene war notwendig, um ihre Geschichte zu verheimlichen. Wie die Arbeiter, welche Landstraßen ausbessern, wissen, ist es am leichtesten, Bodeneinsenkungen an den Pfützen nach einem Regenschauer zu erkennen. Mit kurzen Worten: Hat die Phantasie auch noch so kleinen Spielraum zur Verfügung – sie taucht tiefer oder steigt höher als die Natur. So wird man vielleicht dereinst finden, daß die Tiefe des Ozeans verglichen mit seiner Breite sehr unbeträchtlich ist.

Da ich meine Vermessungen durch das Eis hindurch machte, konnte ich die Bodenformation mit größerer Genauigkeit bestimmen als dies bei Seehäfen geschehen kann, denn diese frieren nicht zu. Ich wurde durch die allgemeine Regelmäßigkeit des Bodens überrascht. Im tiefsten Teil gibt es eine mehrere Morgen bedeckende Fläche, welche ebener ist als irgend eine der Sonne, dem Winde und dem Pfluge ausgesetztes Feld. So zum Beispiel schwankte auf einer beliebig gewählten Linie die Tiefe nur um einen Fuß auf ungefähr einhundertundvierzig Meter. Meistens konnte ich in der Nähe der Teichmitte den Tiefenunterschied auf je hundert Fuß nach jeder Richtung hin bis auf drei oder vier Zoll abschätzen. Manchmal hört man von uns gefährlichen Löchern sprechen, die selbst in solch ruhigen, sandigen Teichen wie Walden vorkommen sollen. Doch wirkt das Wasser unter solchen Verhältnissen ausgleichend auf alle Unregelmäßigkeiten des Bodens. Die Regelmäßigkeit des Grundes, seine Übereinstimmung mit den Ufern und mit der Lage der benachbarten Hügel war so vollkommen, daß ein entferntes kleines Vorgebirge sich bei den Vermessungen den ganzen Teich hindurch verfolgen ließ. Seine Richtung konnte durch die Beobachtung des gegenüberliegenden Ufers bestimmt werden. Das Kap ward zur Sandbank und zur Untiefe, das Tal zur Bucht und ein Abgrund zu tiefem Wasser.

Nachdem ich eine Skizze (1:2000) vom Teich entworfen und meine Vermessungen – mehr als hundert – eingetragen hatte, konnte ich folgende, auffallende Beobachtung machen. Da ich sah, daß die Zahl, welche die größte Tiefe bezeichnete, augenscheinlich in der Mitte der Karte sich befand, legte ich ein Lineal erst der Länge und dann der Breite nach über meine Skizze, und fand zu meinem Erstaunen, daß die Linie der größten Länge die Linie der größten Breite genau im Punkte der größten Tiefe schnitt, obwohl die Mitte des Teiches fast eben war, obwohl die Außenlinien des Teiches durchaus keine Regelmäßigkeit zeigten und bei der Messung der größten Länge und Breite die Buchten mitgerechnet waren. Da sagte ich zu mir: Wer weiß, ob sich dieser Hinweis nicht ebensogut auf den tiefsten Teil des Ozeans wie auf Teich oder Pfütze bezieht? Gilt nicht das gleiche Prinzip auch in bezug auf die Höhe der Berge, wenn man sie als Gegenstück der Täler betrachtet? Wir wissen, daß der Hügel nicht an seinem schmalsten Teil am höchsten ist.

Von fünf Buchten zeigten drei – d. h. alle, die ich untersuchte – eine Sandbank quer vor ihrem Eingang, so daß die Bucht nicht nur eine horizontale, sondern auch eine vertikale Ausbreitung des Wassers in das Land darstellt. Sie scheint ein Wasserbecken oder ein selbständiger Teich zu sein. Die Richtung der beiden Vorgebirge gibt den Verlauf der Sandbank an. Auch jeder Hafen an der Meeresküste hat vor seiner Einfahrt seine Sandbank. Je weiter die Mündung der Bucht im Vergleich zu ihrer Länge war, desto tiefer war das Wasser über der Sandbank im Vergleich zu dem Wasser im Becken. Sind also Länge und Breite einer Bucht zugleich mit dem Charakter des umliegenden Ufers gegeben, so hat man Anhaltspunkte genug, um eine allgemeingültige Formel zu konstruieren.

Um auszufinden, wie genau ich nach meinem Prinzip die tiefste Stelle eines Teiches bestimmen könne (nur durch seine Umgrenzung und durch den Charakter seiner Ufer), machte ich eine Skizze vom Weißsee, der ungefähr vierzig Morgen bedeckt, und der wie Walden weder eine Insel noch einen sichtbaren Zufluß oder Abfluß besitzt. Und da die Linie der größten Breite nahe bei der Linie der kleinsten Breite lag, dort, wo zwei gegenüberliegende Vorgebirge sich einander näherten und zwei gegenüberliegende Buchten sich ins Land hinein erstreckten, so wagte ich es, einen Punkt, der nicht weit von dem kleinsten Breitendurchmesser, aber noch auf dem größten Längsdurchmesser lag als den tiefsten zu bezeichnen. In Wirklichkeit fand ich die tiefste Stelle hundert Fuß weiter in der Richtung, die mir von Anfang an allein in Betracht zu kommen schien. Hier maß ich sechzig Fuß, d. h. nur einen Fuß mehr als an der Stelle, die ich vorausbestimmt hatte. Würde eine Insel im Teich sich befinden, oder ein Fluß hindurchfließen, so würde dieses Problem natürlich viel komplizierter sein.

Würden wir alle Naturgesetze kennen, so wäre eine einzige Tatsache oder die Beschreibung eines einzigen realen Phänomens genügend, um alle Schlußfolgerungen zu ziehen. Nun kennen wir aber nur einige wenige Gesetze, und was wir aus ihnen folgern, ist mangelhaft, selbstverständlich nicht deshalb, weil in der Natur Verwirrung und Regellosigkeit herrschen, sondern weil wir die für das Problem wichtigsten Faktoren nicht kennen. Unsere Ideen über Gesetz und Einheit sind gewöhnlich auf Beispiele aus der Empirie gegründet. Die Einheit jedoch, die aus einer weit größeren Zahl scheinbar sich widersprechender, in Wirklichkeit aber übereinstimmender Gesetze sich ergibt, ist noch wunderbarer. Die einzelnen Gesetze ähneln unseren Gesichtspunkten. Für den Wanderer ändern sich ja auch die Umrisse eines Berges bei jedem Schritt. Er sieht eine unendliche Anzahl von Profilen, obwohl die Form in Wirklichkeit immer die gleiche bleibt. Auch wenn wir einen Berg zerspalten oder durchbohren, werden wir ihn nicht als »Ganzes« begreifen.

Was ich vom Teiche sagte, gilt mit der gleichen Wahrheit von der Moral. Auch die Moral steht unter der Lehre von den zwei Durchmessern. Diese Lehre führt uns nicht nur zur Sonne als zum Mittelpunkt eines Systems und zum Herzen des Menschen, sondern gibt uns auch, wenn wir Linien durch die Länge und Breite der Quintessenz des individuellen täglichen Menschenlebens, durch seine Lebenswellen bis hinein in alle Buchten und Zuflüsse ziehen, dort, wo diese Linien sich schneiden, über die Höhe oder die Tiefe des individuellen Charakters Aufschluß. Vielleicht brauchen wir nur zu wissen, wie seine Ufer verlaufen, wie das umliegende Land und seine Lebensbedingungen beschaffen sind, um uns über seine Tiefe, seinen verborgenen Grund klar zu werden. Ist er von Bergen, von einem achilleischen Ufer umgeben, überschatten Bergesgipfel seine Seele und spiegeln sich in ihr, so kann man daraus auf eine entsprechende Tiefe in ihm selbst schließen. Wo aber ein niederes, ebenes Ufer ihn begrenzt, dort ist er selbst seicht. Bei unserem Körper verrät die kühn gewölbte Stirn Gedankentiefe. Auch eine Sandbank liegt quer vor der Einfahrt zu all unseren Buchten oder besonderen Neigungen. Und eine jede Neigung ist eine Zeitlang unser Hafen, in welchem wir zurückgehalten werden und zum Teil auch verankert sind. Diese Neigungen sind meistens nicht durch Launen diktiert, sondern in Form, Größe und Richtung durch die Vorgebirge am Ufer – durch die alte Elevationsachse – bestimmt. Wenn diese Sandbank allmählich durch Stürme, Sturmfluten oder Strömungen zunimmt, oder wenn so viel Wasser abfließt, daß sie bis zur Oberfläche ragt, so wird die Stelle, welche anfangs nur eine Einbuchtung des Ufers darstellte, wo ein Gedanke vor Anker lag, zum selbständigen See. Er steht mit dem Ozean nicht in Verbindung. In ihm schafft jetzt der Gedanke sich seine eigenen Bedingungen. Er wandelt sich vielleicht vom Salzwassersee zum Süßwassersee, zum toten Meer oder zum Sumpf. Und sind wir nicht zu der Annahme berechtigt, daß bei der Ankunft eines jeden Menschen in diesem Leben eine Sandbank irgendwo auftaucht? Allerdings: wir sind solch klägliche Schiffer, daß unsere Gedanken meist an hafenloser Küste hin und her steuern, nur mit den Nothäfen in den Buchten der Poesie vertraut sind, den Kurs auf öffentliche wohlbewachte Häfen hin nehmen, Trockendocks aufsuchen, wo sie für diese Welt notdürftig wieder zusammengehämmert werden, und wo keine natürlichen Strömungen vorhanden sind, um sie zu individualisieren.

Walden hat, soviel ich weiß, keinen anderen Zufluß oder Abfluß als durch Regen, Schnee und Verdunstung. Doch könnten vielleicht mit Thermometer und Schnur solche Stellen in der Tiefe des Teiches gefunden werden, denn wo das Wasser einfließt, wird es im Sommer wahrscheinlich am kühlsten, im Winter am wärmsten sein. Als im Jahre 1846/47 Leute im Teich Eis hackten, wurden einzelne Blöcke, die ans Ufer gebracht waren von den Arbeitern, die sie aufstapelten, zurückgewiesen, da sie nicht dick genug waren, um mit den anderen ohne Schwierigkeit geschichtet zu werden. Auf diese Weise entdeckten diese Leute, daß an einer kleinen Stelle das Eis etwa zwei bis drei Zoll dünner war als anderswo. Dadurch wurden sie veranlaßt, hier einen Zufluß anzunehmen. Sie zeigten mir noch einen anderen Platz, wo sie einen »Leck« vermuteten, durch welchen der Teich nach der benachbarten Wiese einen Abfluß habe. Sie fuhren mich auf einer Eisscholle dorthin, um mir das Loch zu zeigen. Es war eine kleine Aushöhlung in zehn Fuß tiefem Wasser. Ich kann übrigens die volle Verantwortung dafür übernehmen, daß der Teich nicht »gelötet« zu werden braucht, falls sich nicht etwa ein größerer »Leck« als dieser findet. Man hat auch folgenden Vorschlag gemacht: Wenn solch ein Leck und durch ihn tatsächlich eine Verbindung mit der Wiese existiert, so ist es vielleicht möglich, den Zusammenhang dadurch nachzuweisen, daß man gefärbtes Pulver oder Sägespäne an seine Öffnung bringt und außerdem einen Filtrierstein über der Wiesenquelle befestigt. So mag es gelingen, kleine Teilchen, die durch die Strömung dorthin geschleppt sind, im Filter aufzufangen . . .

Während ich meine Vermessungen machte, schwankte das sechzehn Zoll dicke Eis unter dem leichten Winde wie Wasser. Es ist allgemein bekannt, daß eine Wasserwage auf dem Eis nicht verwendet werden kann. Sechzehneinhalb Fuß vom Ufer entfernt betrug die größte Schwankung, die durch eine am Ufer aufgestellte und mit einem auf dem Eise befindlichen Meßstabe verbundene Wasserwage gefunden wurde, dreiviertel Zoll. Mitten auf dem Teiche war die Schwankung vielleicht noch größer. Wer weiß, vielleicht könnten wir auch eine Schwankung der Erdrinde entdecken, wenn unsere Instrumente fein genug wären. Wenn zwei Beine des Gestells einer Wasserwage auf dem Lande standen und das dritte auf dem Eis sich befand, ferner das Visier über das Eis hinüber eingestellt war, so machte eine noch so unendlich kleine Schwankung des Eises an einem Baum des jenseitigen Ufers einen Unterschied von mehreren Fuß aus. Als ich zum Peilen Löcher in das Eis schnitt, fand ich drei bis vier Zoll hohes Wasser unter dem tiefen Schnee auf dem Eis. Er hatte es so weit hinabgedrückt. Das Wasser begann aber sofort in diese Löcher hineinzulaufen, floß zwei Tage in tiefen Strömen dahin, die das Eis nach jeder Richtung aushöhlten. Sie trugen hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich dazu bei, die Oberfläche des Teiches trocken zu legen. Und je mehr Wasser einfloß, desto mehr hob es und trug es das Eis. Wenn man ein Loch in den Boden eines Schiffes schneidet, um das Wasser herauszulassen, so ist das ein ähnlicher Vorgang. Wenn diese Löcher zufrieren, dann Regengüsse niederfallen und schließlich ein neuer Frost alles mit frischem, glattem Eis überzieht, so ist dieses unter der Oberfläche prächtig mit dunklen Ornamenten geschmückt, die in der Form etwas an Spinnweben erinnern und die man wohl als Eisrosetten bezeichnen könnte. Sie wurden durch die Kanälchen gebildet, welche das von allen Richtungen durch das Loch strömende Wasser ins Eis gegraben hatte. Bisweilen sah ich auch, wenn das Eis mit seichten Pfützen bedeckt war, meinen eigenen Schatten doppelt. Der eine stand auf dem Kopf des andern, der eine auf dem Eis, der andere auf den Bäumen oder am Abhang des Hügels.

Noch ists kalter Januar, Eis und Schnee sind noch dick und fest: da kommt der schlaue Gastwirt aus dem Dorf herbei, um Eis zum Kühlen seiner Sommergetränke zu holen. Wie außerordentlich, ja beinahe wie betrübend klug er ist, der jetzt im Januar der Julihitze und dem Julidurst vorbeugt – im Winterüberzieher und mit Fausthandschuhen! Als wenn es jetzt nichts Wichtigeres zu tun gebe! Vielleicht legt er keine Schätze in dieser Welt zurück, die seinen Sommerdurst in der nächsten Welt stillen werden. Er schneidet und sägt in dem gefrorenen Teich, deckt das Dach vom Haus der Fische ab und fährt ihr ureigenes Element und ihre Luft, die durch Ketten und Stöcke wie Holzhandel zusammengehalten werden, durch die günstige Winterluft fort in den Winterkeller. Dort mag der Sommer über sie hinziehen. Wie kristallisierter Azur sieht das Eis aus, wenn es in weiter Ferne die Straße entlang gefahren wird. Diese Eisarbeiter sind ein fröhlicher Menschenschlag, stets zu Scherz und Spaß aufgelegt. Wenn ich zu ihnen kam, pflegten sie mich einzuladen, ihnen beim Sägen zu helfen: sie wollten dabei über, ich sollte unter dem Eis stehen.

Im Winter 1846/47 eilten eines Morgens wohl an die hundert Männer von hyperboräischer Abkunft an unseren Teich mit vielen Wagenladungen plump aussehender Ackergeräte, mit Schlitten, Rechen, Pflügen, Bohreggen, Rasenstechern, Schaufeln, Sägen und Harken. Außerdem war jeder Mann mit einer zweispitzigen Pike versehen, die im »Farmer in Neuengland« oder im »Cultivator« nicht beschrieben ist. Ich wußte nicht genau, ob sie Winterroggen oder irgend eine andere von Island importierte Getreideart säen wollten. Da ich keinen Dünger sah, dachte ich: Die wollen es treiben wie Du selbst – Rahm abschöpfen; denn nach ihrer Ansicht ist der Boden tief genug und hat lange genug brach gelegen. Sie erzählten mir, ein Herr Landwirt, der nicht genannt sein wolle, wünsche sein Geld (das, soviel ich erfahren konnte, sich bereits auf eine halbe Million belief) zu verdoppeln. Um aber jeden Dollar mit einem zweiten bedecken zu können, zog er dem Walden den einzigen Rock, ja die Haut selbst ab – mitten im strengen Winter! . . . Sie machten sich sofort an die Arbeit, pflügten, eggten, walzten und zogen Furchen, alles mit staunenswerter Genauigkeit, als ob sie fest entschlossen seien, hier eine Musterfarm einzurichten. Als ich aber genauer hinsah, um zu erfahren, was für Saat sie in die Furchen senkten, begann eine Anzahl der Gesellen neben mir mit einem ganz eigenartigen Ruck plötzlich den jungfräulichen Erdboden bis auf den Sand oder vielmehr bis auf das Wasser hinab – denn es war Quellenland – also die ganze terra firma herauszuholen und auf Schlitten fortzuschaffen. Da erriet ich, daß sie Torf im Moore stachen. So kamen und gingen sie tagaus tagein von und nach einem Ort der eisigen Zone, während die Lokomotive auffallend laut dazu kreischte. Ich verglich diese Menschen mit einer Schar arktischer Schneevögel. Doch bisweilen rächte sich Squaw Walden. Dann glitt einer der Knechte, der hinter dem Gespann herschritt, durch einen Spalt hinunter zum Tartarus, und er, der vorher so mutig war, zitterte plötzlich wie ein Schneiderlein, büßte all seine animalische Wärme ein und war froh, in meinem Haus Zuflucht zu finden, wo er aufs neue die Überzeugung gewann, daß ein Ofen nicht zu verachten ist. Bisweilen brach die gefrorene Erde auch ein Stück Stahl aus der Pflugschar, oder der ganze Pflug blieb in einer Erdfurche stecken und mußte herausgehackt werden.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß täglich hundert Irländer mit Yankeeaufsehern von Cambridge kamen, um Eis zu holen. Sie schnitten es in Blöcke – die Methode ist ja allgemein bekannt und bedarf keiner Beschreibung – brachten diese auf Schlitten ans Ufer und dort geschwind auf eine erhöhte Eisplatte. Mit Enterhaken, Rollen und Flaschenzügen, die durch Pferde in Bewegung gesetzt wurden, wurden sie so exakt übereinander gelegt, wie eine gleiche Anzahl Mehlfässer, Seite an Seite, Reihe über Reihe, als ob sie das feste Postament eines wolkenspaltenden Obelisken bilden sollten. Die Arbeiter sagten mir, daß sie an einem Tage tausend Tonnen, ungefähr die Ausbeute von einem Morgen, herausbrächten. Tiefe Furchen und »Runzeln« wurden in das Eis gegraben, wie auf terra firma, wo die Schlitten in den gleichen Spuren fahren. Die Pferde fraßen ihren Hafer aus eimerartigen Krippen, die ins Eis gehauen waren. Die Arbeiter türmten die Blöcke in freier Luft zu einem Pfeiler auf, der fünfunddreißig Fuß hoch war und ungefähr dreißig bis zweiunddreißig Meter im Quadrat bedeckte. Sie stopften Heu zwischen die Außenblöcke, um die Luft abzuhalten. Denn wenn der Wind auch noch so eisig hindurchbläst, er frißt doch große Höhlungen hinein, läßt nur hier und da eine leichte Stütze oder einen Eckpfeiler stehen und wirft schließlich den ganzen Turm um. Anfangs sah dieser Eisbau wie eine große blaue Festung oder wie Walhalla aus. Als die Arbeiter aber anfingen, grobes Wiesenheu zwischen die Spalten zu stecken, und als dieses mit Rauhfrost und Eiszapfen sich bedeckte, sah er wie eine ehrwürdige, moosbewachsene, bereifte, aus azurfarbenem Marmor gebaute Ruine aus, wie die Wohnung des Winters, jenes alten Herrn, dessen Bild wir in jedem Almanach erblicken und der sich augenscheinlich entschlossen hatte, mit uns zu übersommern. Die Leute berechneten, daß kaum fünfundzwanzig Prozent dieses Eises den Bestimmungsort erreichen würden, daß zwei bis drei Prozent im Eisenbahnwagen verloren würden. Ein noch größerer Teil dieses Eishauses hatte jedoch ein anderes Schicksal, als ihm zugedacht war. Entweder hielt sich das Eis nicht so gut, als man erwartet hatte, oder es war trotz aller Vorsichtsmaßregeln zu sehr mit der Luft in Berührung – kurz, es kam aus diesem oder jenem oder noch einem anderen Grunde nie zum Verkauf. Schließlich wurde diese im Winter 1846/47 errichtete Eisburg, deren Gehalt man auf zehntausend Tonnen schätzte, mit Heu und Brettern zugedeckt. Trotzdem sie dann im nächsten Juli wieder bloßgelegt und teilweise fortgeschafft wurde und trotzdem der Rest der Sonne ausgesetzt war, blieb sie während dieses Sommers und des nächsten Winters stehen und war erst im September 1848 ganz geschmolzen. Auf diese Weise erhielt der Teich den größten Teil zurück.

Das Eis des Walden zeigt, in der Nähe gesehen, wie sein Wasser eine grünliche Färbung. In der Ferne dagegen nimmt es eine herrliche Blaufärbung an und ist ohne Mühe – selbst auf eine viertel Meile hin – von dem weißen Eis des Flusses oder von dem durchaus grünen einiger Teiche zu unterscheiden. Bisweilen gleitet solch ein großer Eisblock vom Schlitten des Fuhrmanns auf die Dorfstraße hinab und bleibt dort, wie ein großer Smaragd eine Zeitlang liegen – ein Gegenstand des Interesses für alle Vorübergehenden. Ich bemerkte, daß ein Teil des Walden, dessen Wasser eine grüne Farbe zeigte, gefroren und von derselben Seite aus gesehen, blau erschien. So sind auch die in der Nähe des Teiches befindlichen Erdeinsenkungen manchmal mit Wasser gefüllt, das so grün ist wie der Teich selbst, das aber, am nächsten Tage gefroren, blau aussieht. Die blaue Farbe des Wassers und des Eises ist vielleicht auf ihren Gehalt an Licht und Luft zurückzuführen: je stärker die Durchsichtigkeit desto intensiver das Blau. Eis ist für die Betrachtung ein interessanter Gegenstand. Man hat mir erzählt, daß in einigen Eishütten am Fresh Pond fünf Jahre altes Eis noch nichts an Qualität verloren habe. Warum verdirbt ein Eimer voll Wasser so schnell und warum bleibt es gefroren immer frisch? Derselbe Unterschied, hörte man häufig sagen, besteht zwischen den Leidenschaften und dem Verstand . . .

So sah ich denn sechzehn Tage lang von meinem Fenster aus hundert Männer wie fleißige Farmer bei der Arbeit mit Wagen und Pferden und Ackergeräten aller Art: ein Bild, wie es uns die erste Seite eines Almanachs zeigte. Und jedesmal, wenn ich zu ihnen hinüberschaute, mußte ich an die Fabel von der Lerche und den Schnittern, an das Gleichnis vom Sämann und an ähnliche Dinge denken. Jetzt sind sie alle fort. Und wenn wieder dreißig Tage verflossen sind, dann werde ich vielleicht durch dasselbe Fenster auf das reine, meergrüne Waldenwasser hinausschauen, in welchem Wolken und Bäume sich spiegeln, während er einsam seinen Atem in die Luft sendet. Keine Spur wird darauf hindeuten, daß je ein Mensch hier stand. Vielleicht werde ich wieder einen einsamen Taucher lachen hören, wenn er untertaucht oder sein Gefieder putzt. Vielleicht sehe ich dann wieder einen einsamen Fischer in seinem Boot, das einem auf den Wellen tanzenden Blatt gleicht, einen einsamen Fischer, der in den Fluten gerade dort sein eigenes Bild erblickt, wo noch vor kurzer Zeit hundert Männer furchtlos arbeiteten.

So weiß ich also, daß die verschmachtenden Einwohner von Charleston und New Orleans, von Madras, Bombay und Kalkutta aus meinem Quell trinken. Morgens bade ich meinen Geist in der unbegreiflich hohen und kosmogonischen Philosophie der Bhagavad-Gitâ, seit deren Geburt Götterjahre verflossen sind und im Vergleich zu der unsere moderne Welt und unsere moderne Philosophie schwach und flach erscheinen. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß diese Philosophie auf einen früheren Daseinszustand zurückgeführt werden muß, der in seiner Erhabenheit unserem Verstande unfaßlich ist . . . Ich lege das Buch aus der Hand und gehe zu meinem Quell, um Wasser zu schöpfen. Und siehe da! Dort treffe ich den Diener des Brahminen, des Priesters von Brahma, Vishnu und Indra. Noch immer sitzt er in seinem Tempel am Ganges und liest in den Veden, oder er lebt zu Füßen eines Baumes mit seiner Brotrinde und seinem Wasserkrug. Ich treffe den Diener, der Wasser für seinen Herrn holt und unsere Eimer klirren gleichsam aneinander in demselben Quell . . . Das reine Waldenwasser ist mit des Ganges heiligen Fluten vermischt. Günstige Winde treiben es fort, vorbei an der Stelle, wo einst die Märcheninseln der Atlantis und der Hesperiden lagen. Es macht den Periplus des Hanno,Hanno machte ungefähr 460 v. Chr. Geb. eine große Seeexpedition von Karthago aus über die Säulen des Herkules an die Westküste Afrikas. flutet an Ternate und TidoreZwei Molukkeninseln im malaiischen Archipel. und an der Mündung des persischen Golfes vorbei, zerstäubt unter den tropischen Stürmen des indischen Ozeans und landet in Häfen, von denen Alexander nur den Namen hörte.

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