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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Höhere Gesetze

Die Fische auf einen Faden gereiht und die Angelrute nachschleppend, so zog ich heimwärts durch die Wälder. Es war bereits ganz dunkel geworden, als ich ein Murmeltier über meinen Pfad schleichen sah. Eine seltsam wilde Freude ließ mein Herz erbeben und ich war nahe daran das Tier zu packen und roh zu verzehren. Nicht weil ich hungrig war – nein, nur als Inkarnation der Wildheit reizte es mich. Während der Zeit, wo ich am Teichufer wohnte, ertappte ich mich mehrere Male dabei, daß ich wie ein halbverhungerter Jagdhund im Walde umherstreifte, um irgend ein Wild aufzustöbern und zu verschlingen. Die wildesten Szenen waren mir seltsam vertraut geworden. Ich weiß, daß in mir wie in den meisten Menschen ein instinktives Sehnen nach einem höheren, oder wie man so sagt, seelischen Leben wohnte und noch wohnt, und daß dieses Sehnen mit dem Verlangen nach einem primitiven und wilden Leben sich vereint. Beides achte ich gleich hoch. Ich liebe das Wilde ebenso sehr wie das Gute. Noch immer ziehe ich gern zum Fischen aus, weil mich das Grenzenlose und das Abenteuerliche dieser Beschäftigung lockt. Es macht mir bisweilen Freude, allen Instinkten im Leben freie Bahn zu geben, wie es die Tiere tun. Vielleicht wurde durch diese Vorliebe und durch die Jagd, der ich schon als Knabe oblag, meine innige Vertrautheit mit der Natur gezeitigt. Auf diese Weise werden wir frühzeitig mit solchen Landschaften bekannt und verwandt, die uns sonst in diesem Alter verborgen bleiben. Fischer, Jäger und Holzfäller, die ihr Leben in Feldern und Wäldern verbringen, die in gewissem Sinne ein Teil der Natur selbst sind, vermögen oft, wenn sie von ihrer Arbeit ausruhen, tiefer das Wesen der Natur zu erfassen als Philosophen oder gar Dichter, die sich ihr mit Erwartungen nähern. Jenen offenbart sich die Natur willig. Wer durch die Prärien wandert, ist naturgemäß ein Jäger, an den Quellen des Missouri und des Columbiaflusses ein Schlingensteller, und an dem Fall von St. Mary ein Fischer. Wer nur reist, um zu reisen, der lernt alles halb und aus zweiter Hand, der ist eine schlechte Autorität. Unser Interesse wird am meisten erregt, wenn die Wissenschaften das bestätigen, was jene Menschen schon praktisch oder instinktiv wissen. Denn dieses Wissen allein ist das Kriterium wahrer »Menschlichkeit« oder die Geschichte menschlicher Erfahrung.

Man irrt, wenn man behauptet, daß der Yankee wenige Vergnügungen kenne, weil er nur spärlich Feiertage habe und weil Männer und Knaben sich nicht soviel wie in England mit Spielen beschäftigen. In Amerika werden die naturwüchsigen, wenn auch einsamen Vergnügungen – Jagen, Fischen usw. – am meisten bevorzugt. Fast jeder Neuengländer unter meinen Altersgenossen nahm, wenn er zehn bis vierzehn Jahre alt war, seine Vogelflinte in den Arm. Sein Fischereigebiet und seine Jagdgründe waren nicht begrenzt wie die des englischen Aristokraten, sondern unbeschränkter selbst als die eines Wilden. Kein Wunder also, wenn er nicht häufiger zum Spiel auf der Gemeindewiese daheimblieb. Doch schon tritt eine Veränderung zutage, die nicht so sehr auf gesteigerte Humanitätsgefühle als auf das allmähliche Aussterben des Wildes zurückzuführen ist. Der Jäger ist aber vielleicht der beste Freund des gejagten Wildes, – trotz der Tierschutzvereine.

Während ich am Teich wohnte, wünschte ich ab und zu in meine Speisekarte durch Fisch etwas Abwechselung zu bringen. Ich fischte also tatsächlich aus demselben zwingenden Grunde wie die ersten Fischer. Was ich an Humanitätsgefühlen dagegen mobil machte, war eitel Künstelei und ging mehr meine Philosophie als mein Empfinden an. Ich spreche jetzt nur vom Fischen, denn über die Vogeljagd habe ich meine Ansichten schon vor langer Zeit geändert. Meine Büchse verkaufte ich, bevor ich in den Wald zog. Ich glaube nicht weniger human zu sein als andere Menschen, ich bemerkte nur nicht, daß meine Gefühle stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ich bedauerte weder die Fische noch die Regenwürmer. Das machte die Gewohnheit. Wenn ich auf die Vogeljagd ging, so entschuldigte ich mich in den letzten Jahren, wo ich eine Flinte besaß, mit dem Studium der Ornithologie. Nur auf mir unbekannte, seltene Vögel kam es mir an. Allerdings muß ich gestehen, daß ich darüber jetzt anderer Ansicht bin. Ornithologie läßt sich ja auch auf eine würdigere Weise betreiben. Diese Methode verlangt eine weitaus schärfere Beobachtung der Gewohnheiten der Vögel, daß ich schon aus diesem Grunde gern auf mein Gewehr verzichtete. Und wenn auch die Humanität Einspruch erhebt: Ich zweifle, ob diese körperlichen Übungen je durch etwas gleich Wertvolles ersetzt werden können. Drum habe ich auch einigen meiner Freunde, die besorgt mich fragten, ob sie ihren Jungen das Jagen erlauben sollten, Ja! geantwortet und zugleich mich erinnert, daß die Jagd einen der besten Teile meiner Erziehung bildete. Erzieht die Jungen zu Jägern! Mögen sie's auch anfangs nur dilettantisch betreiben, vielleicht werden sie dereinst gewaltige Jäger, denen kein Wild in diesem oder in irgend einem anderen Urwald groß genug ist: Menschenjäger und Menschenfischer. Ich stimme hierin mit Chaucers Nonne überein, die

»Für den Text gab kein gerupftes Huhn,
»Daß Weidwerk sei unheil'ges Tun!«Zitat aus Chaucers Canterbury-Erzählungen. Doch steht es nicht, wie Thoreau irrtümlich annimmt, in der Erzählung des Mönches, sondern im Prolog Vers 177–178. Deutsche Übersetzung von Prof. Herzberg, Bremen.

In der Geschichte des Individuums wie der Menschheit gibt es eine Periode, in welcher die Jäger »die besten Menschen« sind. So wurden sie von den AlgonquinernGesamtbezeichnung einer Gruppe Indianerstämme. genannt. Den Knaben, der nie eine Flinte abknallen durfte, kann man nur bedauern. Er wurde dadurch nicht humaner, nein, seine Erziehung wurde arg vernachlässigt. So lautete meine Antwort in betreff dieser jungen Leute, die sich nach einer Beschäftigung sehnten, über die sie, wie ich hoffe, bald hinauswachsen werden. Ein »guter« Mensch wird, wenn er über die gedankenlosen Knabenjahre hinaus ist, mutwillig kein Geschöpf töten, dessen Leben von den gleichen Bedingungen abhängig ist wie sein eigenes. Der Hase schreit in seiner Todesangst wie ein Kind. Ihr könnt mirs glauben, Ihr Mütter: mein Mitgefühl macht nicht immer die landläufigen philanthropischen Unterschiede.

Solchermaßen wird meistens der junge Mann in den Wald und in den am wenigsten bepflanzten Teil seines Ichs eingeführt. Hier ist er nur Jäger und Fischer, bis er endlich, wenn er den Samen zu einem edleren Leben in sich trägt, sein wahres Feld entdeckt und, vielleicht als Dichter oder Naturforscher, Flinte und Angelrute beiseite legt. Die große Masse der Menschen war und ist in dieser Beziehung ewig jung. In manchen Landen ist ein jagender Priester durchaus keine Seltenheit. Man kann ihn dann wohl mit einem guten Schäferhund vergleichen, ein guter Hirte aber ist er sicher nicht. Zu meinem Erstaunen mußte ich erfahren, daß, mit einer einzigen Ausnahme, die einzige Beschäftigung, die meines Wissens je am Waldensee einen halben Tag lang von meinen lieben Mitbürgern, von den Kindern und Vätern der Stadt, ausgeübt wurde, Fischerei war. Vom Eisschneiden, Holzfällen usw. sehe ich dabei natürlich ab. Hatten diese Menschen nicht eine große Anzahl Fische gefangen, so waren sie überzeugt, daß das Glück ihnen nicht hold gewesen sei, daß ihre Zeit sich schlecht bezahlt gemacht habe. Und dabei bot sich ihnen während der ganzen Zeit Gelegenheit, den See zu betrachten! Sie müssen vielleicht tausendmal dorthin gehen, bevor das Sediment des Fischens zu Boden gesunken ist und ihre Absichten sich geklärt haben. Der Gouverneur und sein Rat erinnern sich dunkel an den Teich, denn als sie noch Knaben waren, kamen sie zum Fischen hierher. Jetzt sind sie natürlich zu alt, zu würdevoll, um noch zu fischen und darum kennen sie ihn überhaupt nicht mehr. Und auch sie hoffen dereinst in den Himmel zu kommen! Die Regierung beschäftigt sich nur dann mit dem Teich, wenn es gilt, die Anzahl der Angelhaken festzusetzen, die hier gebraucht werden dürfen. Sie weiß nichts von der Angel aller Angeln, mit welcher der Teich selbst gewonnen werden kann, wobei die Regierung als Köder dient. So geht auch in zivilisierten Landen der Embryomensch in seiner Entwickelung durch das Jägerstadium.

Ich habe in letzter Zeit mehrfach gefühlt, daß ich nicht fischen konnte, ohne in meiner Selbstachtung etwas zu sinken. Ich habe es immer und immer wieder versucht. Ich bin ganz geschickt bei dieser Tätigkeit und besitze wie mancher meiner Bekannten einen gewissen Instinkt dafür, der von Zeit zu Zeit wieder auflebt. Aber hernach denke ich immer: besser wär's gewesen, Du hättest nicht gefischt. Ich glaube nicht, daß ich mich darin irre. Es ist nur ein leises Ahnen, dem ersten Lichtstreifen am Morgenhimmel zu vergleichen. Zweifellos lebt in mir jener Instinkt, welcher den niederen Wesen der Schöpfung eigen ist. Und doch werde ich von Jahr zu Jahr weniger Fischer, ohne mehr Mitgefühl oder Verstand zu besitzen. Jetzt habe ich die Fischerei gänzlich aufgegeben. Müßte ich indessen in einer Einöde leben, so würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ein echter Fischer oder Jäger werden. Außerdem aber haftet dieser Nahrung und jeder Fleischkost etwas wirklich Unreines an, und allmählich lernte ich begreifen, wo die Hausarbeit anfängt, woher der kostspielige Wunsch stammt, jeden Tag ein neues und sauberes Äußeres zu zeigen, und das Haus gesund und frei von jedem üblen Geruch und Anblick zu halten. Da ich mein eigener Schlachter, Küchenjunge und Koch und zugleich auch der Herr war, für den alle Speisen aufgetragen wurden, so kann ich aus ungewöhnlich großer Erfahrung sprechen. Der praktische Einwand gegen animalische Nahrung war in meinem Falle ihre Unreinlichkeit. Außerdem fühlte ich mich meistens durchaus nicht gesättigt, wenn ich meine Fische gefangen, gereinigt und gegessen hatte. Es kam mir vor wie etwas Unbedeutendes, Unnötiges, das so viel Mühe nicht verdiente. Einige Scheiben Brot oder ein paar Kartoffeln hätten bei weniger Arbeit und Schmutz die gleichen Dienste geleistet. Wie manche meiner Zeitgenossen hatten viele Jahre lang kaum irgend welche animalische Nahrung, auch nicht Tee, Kaffee oder dergleichen, genossen. Nicht weil diese Dinge irgend welche unangenehme Wirkung bei mir hervorriefen, sondern weil sie meinem Gefühl, meiner Vorstellung nicht zusagten. Die Abneigung gegen animalische Nahrung resultiert nicht aus der Erfahrung, sondern wurzelt im Instinkt. Theoretisch hielt ich es für richtiger, bei einfacher Nahrung in mancher Hinsicht dürftig zu leben; und wenn ich mich auch praktisch nicht dazu entschließen konnte, wünschte ich doch meine Sinne zufrieden zu stellen. Ich glaube, daß gerade die Menschen, welche ernstlich darauf Wert legen ihre edleren oder poetischen Fähigkeiten im besten Zustande zu erhalten, animalische Nahrung und größere Nahrungsmengen irgend welcher Art überhaupt vermeiden. Es ist eine wichtige, von Entomologen festgestellte Tatsache – ich verweise auf KirbyWilliam Kirby, 1759-1850, schrieb zusammen mit Spence aus Hull: Einführung in die Entomologie. und Spence –, daß »manche vollentwickelte Insekten, obwohl sie mit Freßwerkzeugen ausgestattet sind, keinen Gebrauch davon machen«. Sie behaupten ferner, es sei eine allgemeine Regel, daß fast alle Insekten in diesem Zustand viel weniger fressen als im Larvenzustand. »Die gefräßige Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelte« . . . »und die gierige Made, welche zur Fliege wurde« . . ., sind mit einem oder zwei Tropfen Honig oder mit irgend einer anderen süßen Flüssigkeit zufrieden. Das Abdomen unter den Flügeln des Schmetterlings stellt noch immer die Larve vor. Das ist der Leckerbissen, der sein insektenfressendes Schicksal reizt. Wer viel ißt, gleicht einem Menschen im Larvenzustand. Es gibt ganze Nationen, die sich in diesem Zustande befinden, Nationen ohne Ideen, ohne Phantasie. Man kann sie an ihrem aufgetriebenen Abdomen erkennen.

Der Erwerb und die Zubereitung einer Diät, die so einfach und zuträglich ist, daß die Sinne nicht durch sie beleidigt werden, ist schwierig. Die Sinne aber sollen meiner Ansicht nach zugleich mit dem Körper ernährt werden. Beide sollen von demselben Tische speisen. Ist denn das unmöglich? Wenn wir Früchte in mäßiger Weise genießen, so brauchen wir uns unseres Appetites nicht zu schämen, noch zu befürchten, unsere höchsten Ziele aus den Augen zu verlieren. Fügt man aber ein Extragewürz zu einem Gericht, so wird es uns vergiften. Es lohnt sich sicherlich nicht, »feine Küche« zu führen. Den meisten Menschen würde es peinlich sein, wenn man sie bei der eigenhändigen Zubereitung jener Mahlzeit überraschte, die sie sich täglich, sei es aus vegetabilischen, sei es aus animalischen Bestandteilen von anderen herstellen lassen. Solange so etwas möglich ist, sind wir nicht zivilisiert. Mögen wir uns auch Herren und Damen nennen, wir sind trotzdem keine echten Männer und Frauen. Dies deutet sicherlich an, wo Wandel geschaffen werden muß. Warum die Sinne sich nicht mit Fleisch und Fett auszusöhnen vermögen, scheint mir eine nutzlose Frage zu sein. Mir genügt die Tatsache, daß es unmöglich ist. Der Mensch ein fleischfressendes Tier! Ist das kein Vorwurf? Allerdings: er kann leben, er lebt zum großen Teil, indem er andere Tiere verzehrt. Doch ist es ein klägliches Unterfangen, und jeder, der Kaninchen jagt oder Lämmer schlachtet, kann sich davon überzeugen. Wer aber lehrt, sich auf eine unschuldigere und zuträglichere Nahrung zu beschränken, der wird als ein Wohltäter seines Volkes betrachtet werden. Ganz abgesehen von meinem persönlichen Standpunkt zu dieser Frage bezweifle ich nicht, daß in der allmählichen Weiterentwicklung der Menschheit auch der Zeitpunkt kommen wird, wo Tiere nicht mehr verzehrt werden. Die Wilden haben aufgehört, sich untereinander aufzufressen, wenn sie mit zivilisierten Völkern in Berührung kamen.

Wer aber auf die leisen, beharrlichen und sicherlich wahren Ratschläge seines Genius horcht, der weiß nicht, bis zu welchen Extremen, ja bis zu welchem Wahnsinn sie ihn führen mögen. Und doch: wird er mutiger, treuer, dann liegt sein Weg in dieser Richtung. Ein noch so geringer aber berechtigter Einwand, den ein gesunder Mann empfindet, wird schließlich über alle Beweisgründe und Gebräuche des Menschengeschlechtes triumphieren. Noch nie ist ein Mensch durch seinen Genius irregeführt. Und mag das Resultat auch bisweilen körperliche Schwäche sein, so kann doch wohl niemand behaupten, daß man solche Folgen bedauern müsse, denn gerade sie zeitigten ein Leben, das sich auf höheren Prinzipien harmonisch aufbaute. Wenn Tag und Nacht so auf uns wirken, daß wir sie mit Freuden begrüßen, wenn das Leben duftet wie Blumen oder balsamische Kräuter, wenn es elastischer, sternenreicher, unsterblicher wird – ja dann wollen wir lieber von Erfolgen sprechen. Die ganze Natur beglückwünscht uns, und für einen Augenblick mögen wir uns getrost selig preisen. Die größten Reichtümer und Werte werden am wenigsten geschätzt. Der Glaube an ihre Existenz ist gar leicht erschüttert. Wir vergessen sie schnell. Sie sind die höchste Realität. Vielleicht teilt nie ein Mensch dem anderen die staunenswertesten, realsten Dinge mit. Die wahre Ernte meines täglichen Lebens ist etwas so völlig Körperloses und Unbeschreibliches wie die Himmelsfarben am Morgen oder Abend. Ein wenig Sternenstaub, ein Stückchen Regenbogen, den ich umklammert hielt – das ist meine Ernte . . . Ich persönlich war indessen nie besonders heikel. Ich konnte, wenn es nötig war, eine geschmorte Ratte mit Appetit verzehren. Ich bin aus dem gleichen Grunde froh, so lange Zeit Wasser getrunken zu haben, als ich den natürlichen Himmel dem Paradiese des Opiumrauchers vorziehe. Ich möchte gern immer nüchtern bleiben, aber es gibt so unendlich viele Grade von Trunkenheit. Ich glaube, Wasser ist das einzige Getränk für einen verständigen Menschen. Wein ist keine solch edle Flüssigkeit. Wer aber möchte die Hoffnungen am Morgen mit einer Tasse heißen Kaffees, wer die Hoffnungen am Abend mit einer Kanne voll Tee vernichten? O, wie tief falle ich, wenn sie mich zu locken vermögen! Selbst Musik kann berauschend wirken. Solch scheinbar kleine Ursachen zerstörten Griechenland und Rom, sie werden auch England und Amerika zerstören. Kann man auf schönere Weise berauscht werden als durch die Luft, die man atmet? Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß der schwerwiegende Vorwurf gegen grobe, lang andauernde Arbeit in der Tatsache liegt, daß sie mich zwingt, in gröberem Maße zu essen und zu trinken. Doch muß ich der Wahrheit gemäß gestehen, daß ich jetzt in dieser Hinsicht weniger heikel bin. Ich bringe nicht so viel Religion zu Tische mit und spreche kein Tischgebet, nicht weil ich verständiger bin als ich war, sondern weil ich mit den Jahren stumpfer und gleichgültiger geworden bin. Vielleicht beschäftigt man sich mit solchen Fragen nur während der Jugendzeit. Bei der Poesie ist diese Annahme ja ganz landläufig. Meine Theorie ist hier, meine Praxis ist nirgends. Trotzdem bin ich weit entfernt, mich für einen jener Auserwählten zu halten, von denen es in den Veden heißt: »Wer wahren Glauben an das allgegenwärtige höchste Wesen hat, der mag essen, was existiert,« das heißt, er braucht sich nicht darum zu bekümmern, woraus seine Nahrung besteht oder wer sie ihm zubereitet. Und selbst in diesem Falle – so sagt ein Hindukommentator – muß noch hinzugefügt werden, daß der Vedenausleger diesen Vorzug auf »Zeiten der Not« beschränkt.

Wer hat nicht bisweilen aus seiner Nahrung jene unaussprechliche Befriedigung gesogen, die mit dem Appetit nichts zu tun hatte? Der Gedanke, daß ich dem groben Geschmacksinn eine geistige Vorstellung verdankte, daß ich durch den Gaumen inspiriert wurde, daß ein paar Beeren, die ich am Hügelhang verzehrte, meinem Genius Nahrung waren, hat mich geradezu erschüttert. »Weil die Seele nicht über sich selbst Herrin ist,« sagt Thseng-tsen, »so sieht man, aber man schaut nicht, man lauscht, aber man hört nicht, man ißt, aber man kennt den Geschmack der Speisen nicht.« Wer den wahren Geschmack seiner Nahrung zu erkennen vermag, kann nie ein Schlemmer sein. Wer es nicht vermag, der ist es stets. Ein Puritaner kann seine Schwarzbrotrinde mit dem gleichen, rohen Appetit verzehren wie der Herr Stadtverordnete seine Schildkrötensuppe. Was zum Munde eingehet, das verunreinigt den Menschen nichtMatth. 15 Vers II. sondern das sinnliche Verlangen, mit dem es verzehrt wird. Nicht die Qualität oder die Quantität, sondern das Zugeständnis an die Sinnlichkeit ist verächtlich. Speisen sollen zur Erhaltung unseres animalischen und zur Erweckung unseres intellektuellen Lebens, und nicht zur Nahrung für die Würmer dienen, die uns dereinst besitzen werden. Während der Jäger ein Verlangen nach Schildkröten, Bisamratten und anderen wilden Leckerbissen dieser Art hat, wird die Weltstadtdame Kalbsfußsülze oder importierte Sardinen bevorzugen. Zwischen beiden besteht jedoch kein Unterschied: er geht zum Mühlenteich, sie zu ihrer Konservenbüchse. Zu bewundern ist allein, wie sie, Du und ich dieses schleimige, viehische Leben führen mögen – essend und trinkend.

Unser ganzes Leben ist überraschend moralisch. Nicht eine Minute gibt es Waffenstillstand zwischen Tugend und Laster. Güte ist die einzige sichere Kapitalsanlage. Sie bildet in dem Harfenklang, der die Welt umzittert, den ewigen Grundton, der uns erschauern macht. Die Harfe ist der Geschäftsreisende für die Weltallversicherungsgesellschaft, deren Statuten durch sie gepriesen werden, und unser bescheidenes Quantum Güte ist der einzige Beitrag, den wir zahlen. Und mag auch der Jüngling schließlich gleichgültiger werden, die Gesetze des Kosmos werden es nicht, sondern stehen immerdar auf der Seite dessen, der am tiefsten empfinden kann. Man soll aus jedem Zephir den leisesten Tadel hören, den er sicherlich enthält; unglücklich ist derjenige, der ihn nicht vernimmt. Wir können keine Saite berühren, kein Register ziehen, ohne daß eine bezaubernde Moral unser Innerstes durchdringt. Manch lästiger Lärm wirkt, von ferne gehört, wie Musik – eine stolze und liebreiche Satire auf die Gemeinheit unseres Lebens.

Wir wissen, daß ein Tier in uns wohnt, welches um so mehr sich regt, je tiefer unsere höheren Triebe schlummern; es kriecht am Boden, ist sinnlich und kann vielleicht nie ganz ausgetrieben werden, gleich den Würmern, die, selbst während wir gesund dahinleben, in unserm Körper hausen. Vielleicht können wir uns von ihm zurückziehen, seine Natur aber können wir nicht ändern. Ich fürchte, daß seine Gesundheit bis zu einem gewissen Grade nichts zu wünschen übrig läßt, daß wir also wohl gesund aber nicht rein sein können. Vor kurzem hob ich den Unterkiefer eines Schweines auf. Er war mit weißen, gesunden Zähnen und Hauern besetzt und bewies mir, daß es neben einer geistigen auch eine animalische Gesundheit und Kraft gibt. Dieses Geschöpf verdankt seine Erfolge nicht seiner Mäßigkeit und Reinheit. »Das, worin der Mensch sich vom Tiere unterscheidet,« sagt Mencius,Mencius latinisiert aus Mengtse, chinesischer Sittenlehrer der konfuzianischen Schule, geb. 372 v. Chr. »ist etwas ganz Unbedeutendes. Die gemeine Herde verliert es bald genug. Höhere Menschen bewahren es sorgsam.« Wer weiß, wie unser Dasein verlaufen würde, wenn wir uns zur Reinheit durchgekämpft hätten. Wenn ich wüßte, daß ein Mann lebte, weise genug, um mich Reinheit lehren zu können – ich würde sogleich aufbrechen, um ihn zu suchen. »Die Beherrschung unserer Leidenschaften und der äußeren Sinne unseres Körpers und gute Taten werden in den Veden als unerläßlich bezeichnet, um die Seele Gott näher zu bringen.« Doch der Geist vermag eine Zeitlang jedes Glied, jede Funktion des Körpers zu beherrschen und zu überwachen und das, was der Form nach gröbste Sinnlichkeit ist in Reinheit und Andacht zu verwandeln. Die Zeugungskraft, die uns verweichlicht und unrein macht, wenn wir ausschweifend sind, kräftigt und inspiriert uns, wenn wir keusch leben. Keuschheit ist des Menschen Blüte, und was man Genius, Heroismus, Heiligkeit usw. nennt, sind nur die verschiedenen Früchte, die durch sie gezeitigt werden. Der Mensch fließt sofort zu Gott, wenn der Kanal der Reinheit offen ist. Bald inspiriert uns unsere Reinheit, bald drückt uns unsere Unreinheit zu Boden. Selig ist der Mensch, der weiß, daß das Tier in ihm von Tag zu Tage mehr abstirbt und das Göttliche in ihm an Kraft gewinnt. Vielleicht hat sich ein jeder wegen der niedrigen, tierischen Natur, an die er gekettet ist, zu schämen. Ich fürchte, wir sind nur Götter und Halbgötter vom Geschlecht der Faune und Satyrn, bei denen Göttliches sich mit Tierischem paart, Geschöpfe der niederen Sinnenlust; und darum fürchte ich auch, daß unser Leben bis zu einem gewissen Grade unseren Schandfleck ausmacht . . .

»Wie glücklich ist der Mensch, der seinen Tieren
»Die rechten Plätze angewiesen hat,
»Und seiner Seele Dickicht lichtete!«

»Der Pferd und Ziege, Wolf und jedes andre Tier
»Verständig zu benutzen weiß, und dabei nicht
»Des schwerbeladenen Esels Rolle für sie alle spielt
»Die Menschen sind nicht nur die Herde Schweine,
»Nein auch die Teufel, welche diese Tiere trieben,
»Daß sie kopfüber den Hügel abwärts stürzten –
»Und noch gemeiner waren als zuvor.«

Es gibt nur eine Sinnlichkeit, wenn sie auch in vielen Formen auftritt. Auch gibts nur eine Reinheit. Es ist einerlei, ob der Mensch lüstern ißt, trinkt, kohabitiert oder schläft. Wir brauchen ihn nur bei einer dieser Handlungen zu beobachten, um zu wissen, wie sinnlich er ist. Der Unreine kann mit Reinheit weder stehen noch sitzen. Wenn das Reptil an der einen Seite seines Schlupfwinkels angegriffen wird, so zeigt es sich an einer anderen Seite. Wer keusch sein will, muß mäßig sein. Was ist Keuschheit? Wie kann ein Mensch beurteilen, ob er keusch ist? Er wird es nicht wissen. Wir haben von dieser Tugend gehört, aber wir kennen sie nicht. Wir urteilen nach den Gerüchten, die über sie im Umlauf sind. Arbeit schafft Weisheit und Reinheit, Müßiggang dagegen Dummheit und Sinnlichkeit. Bei einem Denker ist Sinnlichkeit gleichbedeutend mit Geistesträgheit. Ein unsauberer Mensch ist stets auch faul; er sitzt hinter dem Ofen, schläft in den Tag hinein und ruht sich aus, ohne müde zu sein. Wer der Unreinheit und allen Sünden entfliehen will, der arbeite unverdrossen, und sei es auch beim Stallreinigen. Die menschliche Natur ist schwer zu überwinden, doch sie muß überwunden werden. Was nützt es, daß Ihr Euch Christen nennt, wenn Ihr nicht reiner als die Heiden seid, wenn Ihr Euch so wenig selbst bezwingt, wenn Ihr nicht mehr Religion besitzt? Ich kenne viele als heidnisch bezeichnete Religionen, deren Gesetze den Leser beschämen und zu neuem Ringen erwecken, mag es sich auch nur durch die Befolgung gewisser Gebräuche dokumentieren.

Nur zögernd spreche ich über diese Dinge. Nicht wegen des Gegenstandes – es ist mir einerlei, wie unzüchtig meine Worte sind – sondern weil ich nicht darüber reden kann, ohne meine eigene Unreinheit zu verraten. Wir besprechen ohne Rückhalt und Schamgefühl eine Form der Sinnlichkeit, während wir über eine andere schweigen. Wir sind so tief gesunken, daß wir nicht herzhaft über die notwendigen Funktionen des menschlichen Körpers reden können. In früheren Zeiten wurde in manchen Ländern jede Funktion ehrerbietig besprochen und durch das Gesetz geregelt. Nichts erschien dem indischen Gesetzgeber zu unbedeutend, wie ekelhaft es auch immer unseren modernen Geschmack berührt. Er lehrt, wie man essen, trinken, kohabitieren, die Exkremente und den Urin entleeren soll usw., indem er das Gemeine adelt und nicht über diese Dinge hinwegsieht, als wären sie Lappalien.

Jeder Mensch baut einen Tempel, der sein Körper genannt wird, für den Gott, zu dem er betet und nach dem Stil, der ganz seiner Individualität entspricht. Und mag der Mensch auch Werke aus Marmor schaffen, diesem Tempelbau darf er sich nicht entziehen. Wir alle sind Bildhauer und Maler, und als Materialien dienen uns das eigene Fleisch und Blut und unsere Knochen. Edle Gesinnung verfeinert sofort des Menschen Züge, während jede Gemeinheit oder Sinnlichkeit sie vertiert.

An einem Septemberabend saß John Farmer nach harter Tagesarbeit vor seiner Tür und seine Gedanken weilten noch immer mehr oder minder bei seiner Arbeit. Er hatte sich nach einem Bad hierher gesetzt, um seinen geistigen Menschen zu erfrischen. Der Abend war recht kühl, und einige Nachbarn hatten Nachtfrost vorausgesagt. Er hatte die Kette seiner Gedanken noch nicht lange verfolgt, da hörte er jemand Flöte spielen, und dieser Klang harmonierte mit seiner Stimmung. Noch immer dachte er an seine Arbeit, doch seine Gedanken waren bedrückt. Er fühlte, daß alle jene Pläne, die er gegen seinen Willen im Geiste entwarf und durchdachte, ihn im Grunde sehr wenig angingen. Sie waren so unbedeutend, wie die Schuppen seiner Haut, welche beständig abgestoßen wird. Doch die Flötentöne, die sein Ohr vernahm, kamen nicht aus der Sphäre, in welcher er arbeitete und erweckten gewisse Fähigkeiten, die in ihm schlummerten, zum Leben. Leise nahmen sie die Straße fort, das Dorf und auch den Staat, in welchem er lebte, und eine Stimme sprach zu ihm: Warum verziehst Du hier und führst dieses niedrige, mühselige Dasein, wo doch ein glorreiches Leben Dir winkt? Die selben Sterne leuchten auch über anderen Feldern als diesen. Wie aber sollte er sich aus diesem Zustand befreien und wirklich dorthin wandern? Doch zu dem Einen war er fest entschlossen, einer neuen strengen Einfachheit sich zu befleißigen, seine Seele tief in den Körper zu versenken, damit sie ihn erlöse, und unermüdlich an sich selbst zu arbeiten, damit die Selbstachtung stetig wachse.

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