Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Thoreau >

Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/thoreau/walden/walden.xml
typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100404
modified20160824
projectid54f206e1
Schließen

Navigation:

Das Dorf

Wenn ich vormittags gehackt, vielleicht auch gelesen oder geschrieben hatte, nahm ich meistens ein zweites Bad im Teich, schwamm hinüber nach einer der Buchten (das war mein »Deputat«), wusch den Arbeitsstaub von meinem Körper, glättete die letzten Falten, die das Nachsinnen dort zurückgelassen hatte und war dann für den Nachmittag vollkommen frei. Nicht selten schlenderte ich zum Dorf, um etwas Klatsch zu hören. Er wurde dort beständig fabriziert, ging entweder von Mund zu Munde oder von Zeitung zu Zeitung und wirkte, in homöopathischen Dosen genossen, auf seine Art ebenso erfrischend wie das Rascheln der Blätter oder das Geschwätz der Frösche. Wie ich in die Wälder spazierte, um die Vögel und Eichhörnchen zu sehen, so spazierte ich ins Dorf, um Männer und Frauen zu betrachten. Statt Waldesrauschen hörte ich hier Wagengerassel. Nach der einen Seite von meinem Hause aus befand sich eine Kolonie Bisamratten auf den Wiesen nahe am Fluß, nach der anderen Seite lag fern am Horizont unter Ulmen und Sykamorenwipfeln das Dorf voll geschäftiger Menschen; sie erregten meine Aufmerksamkeit in demselben Maße wie Präriehunde, die vor dem Eingang ihrer Höhle sitzen oder zum Nachbar laufen und klatschen. Ich ging oftmals dorthin, um ihre Gewohnheiten zu beobachten. Das Dorf war für mich ein großer Novitätenladen. Auf der einen Seite wurden, um Geschäfte zu machen, wie einst bei Redding & Comp. an der Hauptstraße, Rosinen, Nüsse, Salz, Mehl und andere Kolonialwaren zum Kauf angeboten. Es gibt Leute, die einen solch gesegneten Appetit auf die soeben erwähnten Leckerbissen, d. h. auf die Neuigkeiten, und solch vortreffliche Verdauungsorgane haben, daß sie immerdar auf offener Straße sitzen können, ohne sich zu rühren. Sie lassen sich von dem, was sie hören, umsäuseln und einlullen wie von Passatwinden; sie atmen gleichsam Äther ein, der nur Betäubung und Unempfindlichkeit gegen Schmerz hervorruft – denn sonst müßte das Anhören doch bisweilen Schmerz verursachen – ohne das Bewußtsein zu trüben. Wenn ich durch das Torf schlenderte, konnte ich fast immer mit Sicherheit voraussagen, daß eine Anzahl dieser Prachtexemplare mit vornüber gebeugtem Körper und mit Augen, die gierig von Zeit zu Zeit bald nach rechts und bald nach links die Straße absuchten, auf einer Leiter sitzen würde, um sich zu sonnen, daß andere karyatidengleich – die Hände in den Hosentaschen – gegen einen Stall sich lehnen würden, als ob sie ihn stützen müßten. Diese Sorte, die meistens im Freien lebt, weiß immer »was los ist«. Sie sind die gröbsten Mühlen; durch sie wird der Klatsch aufgeknackt und zerstampft, um alsdann den feineren, zarteren Trichtermühlen daheim überliefert zu werden. Ich erkannte, daß die treibenden Kräfte des Dorfes der Kramladen, die Gastwirtschaft, die Post und die Bank waren; unbedingt erforderlich waren für den Betrieb eine Glocke, eine Kanone und eine Feuerspritze. Die Häuser waren so angeordnet, daß man die Menschen nach Herzenslust genießen konnte. Reihenweise lagen sie einander gegenüber, so daß jeder Wanderer Spießruten laufen mußte, Männer, Weiber, Kinder ihn verhauen konnten. Natürlich bezahlten diejenigen, welche die ersten Plätze in dieser Reihe innehatten, wo sie am meisten sehen und gesehen werden und die ersten Prügel verabfolgen konnten, die höchsten Preise für ihre Positionen; die wenigen verstreuten Menschen, die an der Peripherie des Dorfes wohnten, dort wo die Reihen schon große Lücken aufwiesen, wo der Wanderer über eine Mauer springen oder auf einem Kuhpfad entwischen konnte, zahlen nur eine ganz geringe Grund- und Fenstersteuer. Überall waren Aushängeschilde angebracht, um ihn anzulocken. Einige appellierten an seinen Appetit – das »Hotel« und das Wirtshaus; andere an seine Augen – der Kleiderhändler und der Goldschmied; und wieder andere an das Haar, die Füße oder den Rockzipfel – Barbier, Schuster und Schneider. Außerdem bestand aber eine noch schrecklichere, permanente Einladung, in allen Häusern vorzusprechen, wo um diese Zeit Besuch erwartet wurde. Meistens entging ich all diesen Gefahren auf wunderbare Weise, indem ich entweder kühn und ohne Zaudern aufs Ziel hinmarschierte – das rät man bekanntlich denjenigen, die Spießruten laufen müssen – oder indem ich meine Gedanken auf erhabene Dinge richtete wie Orpheus, »der laut zu seiner Leier das Lob der Götter singend, den Sirenengesang übertönte und der Gefahr entrann.« Manchmal lief ich plötzlich davon, und niemand wußte, wo ich war, denn auf Anmut legte ich nicht viel Wert und zögerte nicht über einen Zaun zu springen. Ja, in einige Häuser, wo ich einer guten Aufnahme sicher war, pflegte ich sogar Einfälle zu machen; und wenn ich dort die Quintessenz und das letzte Ergebnis der Neuigkeits-Durchsiebung, die Aussichten auf Krieg und Frieden und auf den Fortbestand der Welt, erfahren hatte, ließ man mich zur Hintertür hinaus; ich aber eilte wieder in den Wald.

Hatte ich bis zu später Stunde im Dorf verweilt, so machte es mir besondere Freude, nach dem Verlassen eines hellerleuchteten Empfangs- oder Lesezimmers durch die Nacht dahin zu wandern – hauptsächlich wenn sie dunkel und stürmisch war. Auf der Schulter einen Sack Roggen oder Maismehl tragend, steuerte ich, wenn an Bord alles niet- und nagelfest, und ich mit einer munteren Mannschaft von Gedanken unter Deck gegangen war, meinem friedlichen, verborgenen Hafen im Walde zu. Nur mein äußerer Mensch blieb am Steuer, oder selbst das Steuer wurde festgesetzt, wenn das Fahrwasser frei war. Ich hatte auf meiner Fahrt viel gute Gedanken bei meinem Kajütenfeuer. Ich wurde niemals verschlagen noch durch böses Wetter geängstigt, obwohl ich gegen manch schweren Sturm zu kämpfen hatte. Es ist selbst in gewöhnlichen Nächten dunkler im Wald als man gewöhnlich annimmt. Ich mußte häufig nach der Öffnung der Bäume über dem Pfad emporsehen, um meinen Weg zu finden, dort, wo es keine Fahrstraße gab, mit meinen Füßen die leichte Spur, die von mir selbst herrührte, fühlen oder durch den mir bekannten Abstand gewisser Bäume, welche ich mit den Händen fühlte, leiten lassen. So fand ich jedesmal, selbst in schwärzester Nacht zwischen zwei Fichten, die mitten im Walde nur ungefähr achtzehn Zoll von einander entfernt standen, mit Sicherheit meinen Weg. Wenn ich manchmal in finsterer, nebeliger Nacht, während meine Füße den Pfad fühlten, den meine Augen nicht sehen konnten, träumend und gedankenverloren den ganzen Weg zurückgelegt hatte, und erst durch das Heben der Hand zum Niederdrücken der Türklinke aufgeweckt wurde, dann war ich nicht imstande, mich auch nur an einen Schritt meines Heimweges zu erinnern. Dann kam mir der Gedanke: Dein Körper würde vielleicht allein den Heimweg finden, wenn sein Herr ihn verlassen würde. Es findet ja auch die Hand ohne Hilfe den Weg zum Munde. Mehrfach mußte ich diesen oder jenen Besucher, der zufällig bis zum Abend geblieben war, in dunkler Nacht bis zur Fahrstraße hinter meinem Hause geleiten, und ihm die Richtung, die er einzuschlagen hatte, angeben. Wollte er sie einhalten, mußte er sich mehr von den Füßen als von den Augen leiten lassen. In einer finsteren Nacht wies ich solchermaßen zwei junge Leute, die im Teich gefischt hatten, auf den Weg. Sie wohnten ungefähr eine Meile entfernt jenseits des Waldes und waren mit dem Weg vertraut. Einige Tage später erzählte mir einer von ihnen, daß sie den größten Teil der Nacht nahe bei ihrer Wohnung herumgetappt und erst gegen Tagesanbruch heimgelangt seien, völlig durchnäßt durch mehrere heftige Regenschauer und durch den beständigen Tropfenfall von den Blättern. Viele Leute sollen sich sogar in den Dorfstraßen verirren, wenn die Dunkelheit so dicht ist, daß man sie schneiden kann, wie man so zu sagen pflegt. Manche, die nicht weit außerhalb des Dorfes wohnten und zu Wagen hereingekommen waren, um Einkäufe zu machen, konnten in der Nacht nicht zurückkehren, ja einige Frauen und Männer, die irgend jemand besucht hatten, machten einen Umweg von einer halben Meile. Sie tasteten den Bürgersteig mit den Füßen entlang und wußten nicht, wann sie sich seitwärts zu wenden hatten. Verirrt man sich zu irgend einer Zeit im Walde, so wird man um eine ebenso überraschende und merkwürdige wie wertvolle Erfahrung bereichert. Tritt man in einem Schneesturm selbst bei Tage auf eine wohlbekannte Landstraße hinaus, so ist es nicht selten unmöglich zu sagen, in welcher Richtung das Dorf liegt. Wenn man auch auf derselben Straße tausendmal gewandert ist: jetzt erscheint sie einem so fremd, als ob sie in Sibirien wäre. Bei Nacht ist die Verwirrung natürlich bedeutend größer. Auf unseren Alltagswegen steuern wir beständig, wenn auch unbewußt, wie die Lotsen mit Hilfe von wohlbekannten Blinklichtern und Vorgebirgen, und selbst wenn wir vom gewohnten Kurse etwas abweichen, erinnern wir uns noch, wo irgend ein bekanntes Kap liegt. Erst dann, wenn wir völlig verloren oder herumgedreht sind – der Mensch braucht nämlich in dieser Welt nur ein einziges Mal mit geschlossenen Augen herumgedreht zu werden, um verirrt zu sein – lernen wir die Unermeßlichkeit und das Wunderbare der Natur schätzen. Beim Erwachen aus dem Schlaf oder aus irgend einer Abstraktion muß der Mensch jedesmal die Himmelsrichtungen von neuem lernen. Erst wenn wir verloren sind, mit anderen Worten, wenn wir die Welt verloren haben, fangen wir an uns selbst zu finden und einzusehen, wo wir sind und wie endlos weit unsere Verwandtschaft reicht.

Als ich gegen Ende des ersten Sommers eines Nachmittags zum Dorf ging, um beim Flickschuster einen Schuh zu holen, wurde ich verhaftet und ins Gefängnis geführt. An anderer Stelle habe ich davon erzählt; ich hatte dem Staat eine Steuer nicht bezahlt, die Autorität des Staates nicht anerkannt, jenes Staates, der Männer, Frauen und Kinder wie ein Stück Vieh vor den Toren seines Senatsgebäudes kauft und verkauft. Es ist einerlei, wohin ein Mann geht: überall verfolgen ihn die Menschen, klammern sich an ihn mit ihren schmutzigen Institutionen und zwingen ihn, ihrer verzweifelten Maffia beizutreten. Ich hätte allerdings mit mehr oder weniger Erfolg gewaltsam Widerstand leisten, gegen die Gesellschaft »Amok«Unter den malaiischen Bewohnern des Indischen Archipels entwickelt sich, wenn sie durch Eifersucht, Zorn und andere Affekte in höchste psychische Erregung geraten, häufig und fast immer ganz plötzlich eine eigentümliche, sich durch Mordsucht charakterisierende, die Zurechnungsfähigkeit ausschließende Geistesstörung. Die von dieser Wut Befallenen ziehen den Kris (Dolch), springen auf und stoßen im Laufe einen jeden, der für sie erreichbar ist, schonungslos nieder. laufen können. Ich zog's jedoch vor, die Gesellschaft gegen mich »Amok« laufen zu lassen, denn sie ist die verzweifelte Partei. Ich erhielt übrigens am nächsten Tage meine Freiheit und kurz hernach meinen Schuh zurück und kam noch zu guter Stunde im Walde an, um mein aus Heidelbeeren bestehendes Mittagessen auf dem Fair Haven-Hügel einnehmen zu können. Die einzigen Personen, die mich je in meinem Leben belästigten, repräsentierten den Staat. Nur am Schreibtisch, der meine Papiere enthielt, hatte ich Schloß und Riegel. Im übrigen gab es selbst über dem Türgriff und über den Fenstern keinen Nagel. Niemals schloß ich meine Tür, weder bei Tag noch bei Nacht, auch nicht, wenn ich mehrere Tage fortzubleiben beabsichtigte, ja selbst dann nicht, als ich im zweiten Herbst meines Aufenthaltes vierzehn Tage in den Maine-Wäldern zubrachte. Und doch wurde mein Haus mehr respektiert, als wenn es von einer Anzahl Soldaten bewacht worden wäre. Der müde Wanderer konnte sich an meinem Feuer ausruhen und wärmen, der Gelehrte sich mit den wenigen Büchern auf meinem Tisch unterhalten, der Neugierige meinen Wandschrank öffnen und sehen, was vom Mittagessen übrig geblieben war und wie die Aussichten aufs Abendbrot waren. Und wenn auch viele Menschen aus allen Gesellschaftsklassen zum Teiche kamen: nennenswerte Unannehmlichkeiten wurden mir dadurch nicht bereitet. Auch kam mir nichts weiter abhanden, als ein kleines Buch, ein Band Homer, der – wohl unpassenderweise – vergoldet war, und der hoffentlich inzwischen schon wieder von einem Soldaten unseres Lagers gefunden ist. Ich bin überzeugt, daß Diebstähle und Räubereien unbekannt sein würden, wenn alle Menschen so einfach leben würden wie ich. Diebstähle und Räubereien kommen nur in Gemeinwesen vor, wo der eine mehr als genug, der andere nicht genug hat. Die Homere Popes würden bald richtig verteilt sein. –

    »Nec bella fuerunt
»Faginus astabat dum scyphus ante dapes.«

    »Kriege kannte man nicht,
»Als im Buchenholzbecher den Trank man kredenzte.«

»Ihr, die Ihr die öffentlichen Angelegenheiten leitet, wozu wollt Ihr Strafen anwenden? Liebt die Tugend, und das Volk wird tugendhaft sein. Die Tugenden des Hochgestellten gleichen dem Winde; die Tugenden des gewöhnlichen Menschen gleichen dem Grase. Wenn der Wind darübergeht, neigt sich das Gras.«

 


 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.