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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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XI. Programm

Geschichtfabel des Drama und Epos

§ 15

Unser Segen an Trauerspielen

Das Ende des vorigen Programms und Paragraphen ist ein guter Anfang des gegenwärtigen. Selten erbricht der Verfasser dies ein dickes Post-Paket, ohne die Furcht und das Mitleid mit sich selber zu haben, daß wieder eine Tragödie herausfahren werde, die ihm beide nach Aristoteles reinigen will; und hat er endlich die papiernen Wickelkissen sämtlich aufgemacht, so steht wirklich Melpomene mit dem Dolche da und will ihn damit reinigen. Gewöhnlich schickt ein Jüngling die Muse. Warum macht nun ein deutscher am leichtesten, was nach Aristoteles gerade am schwersten ist? Erstlich eben deshalb und läßt weit den Äschylus hinter sich, der erst im 40ten Jahre, und den Euripides, der im 43ten etwas gab; und zweitens, weil seine Fiebernatur zwischen Sied- und Gefrierpunkt als zwei Punkten seiner Lebensellipse zu springen nötigt. Er will gern sein gärendes Leben und seine hinausarbeitenden Kräfte in einem Nu, durch eine Tat, also durch ein Höchstes lüften; daher seine Neigung zu Krieg, Zweikampf, Renommisterei und – Poesie. Das Trauerspiel sieht nun der Jüngling für eine Sammlung von Oden und Elegien an, welche alle die lyrischen Empfindungen, womit ihn die Jugendzeit überfüllt, geräumig aufnimmt. Er glaubt aber, was er recht lebendig in sich fühlt, das trete schon von selber mit Sprache in die Welt hinaus und rede draußen so laut wie innen. Nur ists nicht völlig wahr. Der Empfindung ist nicht die Form angeboren, so wie nicht der Form die Empfindung. Ein paar hundert Dichterjünglinge gleichen daher mit ihren poetischen Empfindungen den Drohnen, welche so gut wie die Bienen Honig saugen und in der Honigblase bewahren – da sie aber keine Wachszellen bauen können, verdauen sie den Honig selber.

Noch etwas zieht den Dolch der Melpomene aus der Scheide – die politische wolkenvolle Zeit, durch deren Himmel Morgenrot, Hagel-, Heuschreckenwolken, Donnerwolken, Wolkenbrüche und Regenbogen gingen, bis auf ein Abendrot der Hoffnung, das noch daran steht, obwohl etwas ergrauend. Der Krieg, dieses Trauerspiel mit Chören aus Völkern, spiegelte sich im Jünglings-Geiste als ein Trauerspiel, wurde ein blutrotes Glas, durch welches er die Welt ansah und abmalte für die Bühne; und er schuf sich ein dichterisches Walhalla, wo die Helden Wunden schlugen und bekamen, die sich jeden Abend schlossen mit dem – Theater.

Der Verfasser dies gab weiter oben zu verstehen, er fürchte sich, ein Trauerspiel zu entsiegeln, gleichsam einen Brief zu erbrechen, der auf ihn schießt, geöffnet. Denn freilich wär' ihm ein frankiertes Lustspiel von der Post lieber in seinen alten Tagen, da das Alter lieber im Sokkus als auf dem Kothurnus geht. Man wünschte gern nach den Lebens-Aschermittwochen voll tragischer Grab-Asche und Buße so etwas Fastnachtzeit; aber anders als im Leben fällt in der Jünglings-Poesie der tragische Aschermittwoch früher als die Fastnacht. Indes fängt immer – dieses bringe man auch in die Rechnung – ein Jüngling besser mit einem Dichtwerke an, das strenge Form verlangt, als mit einem, das die weiteste verträgt, besser mit dem Trauerspiel, das wie Saturns Bildsäule zwar nicht gebundne Flügel, aber gebundne Füße hat, als mit dem Roman, der gewöhnlich wie Käfer nur winzige Florflügel und breite Flügeldecken zeigt.

§ 16

Über die Rührung

Rührung ist nur Mitleiden bei einem fremden Schmerze. »Aber«, sagt der scharfsinnige Herbart, »an sich ist ja das Mitleiden nichts als eine Verdoppelung der Leiden, indem die fremden auch zu meinen werden.« Allein es gibt nur ein Mitleiden, hingegen vielartige Leiden; und in jenem kommt nicht der fremde Schmerz in Gestalt eines eignen vor. Vergißt man denn immer, daß jede moralische Vollkommenheit und Unvollkommenheit des andern von uns mit einer ganz andern Empfindung wahrgenommen wird als von ihm selber – folglich auch sein Schmerz, so wie seine Lust –, so daß man z. B. nur den andern, nicht sich lieben oder hassen, aber nie das trunkne, erquickende Gefühl der Liebe für einen andern als fremden Wert empfinden kann, so wie das abstoßende des Hasses? – So erregt denn auch der fremde Seelenschmerz (jeder leibliche wird ja geistiger) die ganz eigne, der Liebe verwandte Empfindung des Mitleidens, die sich aus der Liebe für den Gegenstand und aus der Vorstellung von dessen Unglück zusammenmischt. Diese allein hingegen ohne Liebe würde nur die Empfindung der fremden Strafe oder auch der Rachsucht geben. Gegen sich selber aber kann der Mensch aus Mangel einer Liebe gegen sich kein Mitleiden empfinden, und folglich keine Rührung durch eigne Schmerzen – ausgenommen wenn er, in der Täuschung und Überwältigung des Gefühls sich selber entrückt, sich für eine fremde Person ansieht und als solche beweint. Nur über andere, nicht über sich kann das heiligende Taufwasser der Träne fließen; und sogar mit der Trauerträne weinen wir nicht über uns, sondern um den toten Geliebten, welchem die Phantasie und die sinnliche Gegenwart trotz allem Glauben an sein besseres Leben ein zerstörtes, entbehrendes leihen, das vollends durch die von seiner Abwesenheit gesteigerte Liebe uns noch heftiger verwundet.

Die Träne selber übrigens ist nur der körperliche Nilmesser des Austretens irgendeines Gefühls, der Tautropfe des Danks, das Haderwasser des Grimms, die Libation der Freude, – kurz ihre Tropfen bilden den Regenbogen aus allen Farben der Empfindungen.

Wie bringt nun der Dichter die Rührung, dieses Mitleiden mit einem fremden Schmerze, im Leser hervor? Es ist viel schwieriger, als man annimmt; der Mann wird leichter lachen als weinen, ja sogar leichter sich erheben, da die Größen des All ihm das Gefühl des Erhabenen gewaltsam aufdringen. Horazens Regel: »Weine, wenn ich weinen solle«, widerspricht, falsch verstanden, der andern Regel: »Der Dichter lache nicht vor, wenn der Leser nachlachen soll.« Wir haben aus jenen weinerlichen Zeiten, wo jedes Herz eine Herzwassersucht haben sollte, ganze nasse Bände, worin wie vor schlechtem Wetter Phöbus in einem fort Wasser zieht, uns aber damit nur desto mehr austrocknet. Woran nun liegts? Daran, daß der Schriftsteller sein Mitleiden und nicht das fremde Leiden darstellt und durch jenes dieses malen wollte, anstatt umgekehrt. Daher erstreckt sich das Reich der Rührung am meisten über die tragische Bühne, welche bloß das Unglück und den Schmerz langsam entwickelt, das Mitleiden aber, das sonst der Schriftsteller auszusprechen sucht, dem Zuschauer anheimstellt. Ein Meister in andern Darstellungen gebe mir hier das Muster einer mißlungensten, nämlich Thümmel. Eine Wahnsinnige im IrrenhauseIm neunten Bande seiner Reise etc. , körperlich und geistig von hoher Bildung, verflucht den treulosen Geliebten, dessen Pfand der unglücklichsten Liebe sie unter ihrem jammervoll pochenden Herzen trägt, das aber nach den Versicherungen des Arztes sich in der Stunde der Entbindung beruhigen und herstellen wird – – für diese Unglückliche will er uns Rührung mitteilen durch folgendes Mitleiden, das der Weltmann mit ihr hat: sein Herz war zusammengedrückt wie ein blutiger Schwamm (S. 61) – ihr Auge begegnete dem Tränenstrom des seinigen (S. 62) – der Tenor ihrer Klagstimme ergriff sein totbanges Herz (S. 63) – die Szene faßte sein sträubendes Haar mit unwiderstehlicher Gewalt und lähmte seine Glieder (S. 72) – drohte sein armes Herz zu zerreiben, die Gewalt des Jammers hatte ihn unwissend zu Boden geworfen, kniend flehte er Gott um Linderung (S. 73) – seine zerbeizten Augen starrten vor sich (S. 76) – und die Stille, die nach einem solchen Aufruhr sein Gehör überfiel, erleichterte sein blutendes Herz, um es desto heftigern Nachwehen preiszugeben (S. 77) – suchte er ein zweites Schnupftuch, denn das gebrauchte war ganz durchnäßt von Tränen (S. 88). –

Ein solches, ohnehin für einen Mann und Weltmann übertreibendes Mitleiden erkältet durch seine Künstelei auch die wenigen Seiten, wo der Schmerz die Seele erwärmt hatte. Himmel! wie weiß der Großmeister der Rührung wie der Laune, Sterne, die Träne zu rufen, ohne seine Stimme einzumischen, indem er bloß das wundenvolle blutende Wesen entschleiert! Er läßt z. B. die Geschichte der wahnsinnigen Maria, die ihren Jammer bloß auf der Flöte vor der heiligen Jungfrau aussprach, von dem Postillon mit halben Winken geben; dann ging er zu ihr und ihrer Ziege, und endlich erzählte sie ihm – wieder auf der Flöte – »eine solche Geschichte des Jammers, daß er aufstand und mit schwankenden Schritten langsam nach seinem Wagen ging« (Tristram Shandy, Vol. 9. ch. 24). – Und so wenig oberflächlich, sondern so bis in die feste Tiefe hinein bewegt er das Herz, daß, wie in Mariens Geschichte, sogar neben den scherzhaften Wendungen die Rührung besteht, ja wächst, und neben der Träne des Lachens die des Mitleidens fortfließt.

Nicht das ausgesprochne Mitleiden des Malers kann rühren, denn dieses ist eines und dasselbe für den vielgestaltigen Schmerz, der wie der indische Chrishna auf der Erde in tausend Menschwerdungen erscheint, und gibt der Anschauung nur abstrakte Zeichen der Empfindung, nur Worte; sondern die Ursache des Mitleidens vermag es, die den fremden Schmerz, zergliedert in seine auseinander- und aufeinanderfolgenden Gestalten, dem Auge vorüberführt. Dieses sich selber motivierende Zeit- und Raum-Aufeinander der Wunden überwältigt unser Herz siegreich, ohne einen einzigen vorlauten Seufzer des Malers, ja des Gegenstandes, am meisten auf der tragischen Bühne; und Schillers Muse stand auf ihr als ein Taufengel mit Tränenweihwasser, als Thekla mit ruhig gehaltener Gebärde das Sterben ihres Geliebten unter Pferdefüßen anhörte. Aber freilich ist nicht das bloße Verstummen des Künstlers an sich ein Wehklagen seines Gebildes, sondern wenn jener alte Maler den unaussprechlichen und sprachlosen Schmerz des Trauervaters durch eine Hülle über dessen Haupte bedeckte und aufdeckte: so mußten ihm vorher die andern Mitklagenden mit enthüllten Schmerzen weinend vorausgegangen sein, und das nächste Jammerauge hinter dem Vater konnte schon nicht mehr weinen.

§ 17

Über die Sentenzen im Lustspiel

In den Elias-Mantel, den Schiller bei seiner Himmelfahrt fallen ließ, haben sich Trauerspiel- und Lustspieldichter als redliche Finder geteilt, um für ihre Bühnenleute den reich mit goldnen Sentenzentressen besetzten Mantel auszubrennen. Denn Sentenzen sagen viel und sind wahre alte, aus dem Munde der gotischen Figuren hangende Zettel. Kein Schriftsteller ist an Sentenzen und allgemeinen Bemerkungen über die Menschennatur reicher (Schiller am wenigsten) als Goethe in seiner – Prose; und doch behängt er mit diesen schweren Edelsteinen seine fliegenden Musen und seine unbekleideten Grazien nicht; – indes sei dieses nur eingeschaltet. – Im Lustspiel nun haben den Sentenzenprägern weder Plautus, noch Aristophanes nachgeahmt, noch Shakespeare, noch Molière, aber desto mehr lieben Kotzebue, Müllner, auch sogar Steigentesch die Sentenzen-Stickerei. Und doch versöhnt sich das Trauerspiel leichter mit allgemeinen Betrachtungen – weil große Ereignisse von selber Blick und Herz auf das Große und Allgemeine des Lebens richten – als das Lustspiel, wo die Reflexion nur als eine Satire auftreten kann. Da nun darin mit den allgemeinen Sätzen z. B. Männer die Weiber und diese jene verurteilen, kurz immer streitende Parteien einander: so hat man die Pein, über dieselben Menschen von einem satirischen Ja und Nein hin und her geworfen zu werden.

§ 18

Mißwachs an Lustspielen

Ach! gäb' es in Deutschland nur so viele gute Komödien als gute Komödienspieler, und gäb' es wieder so viele gute Tragödienspieler als Tragödien! – So aber muß man im komischen Falle bei dem Schauspielhause vorbeigehen der Stücke wegen, und im tragischen der Spieler wegen. Doch bleibt immer noch das Opertheater übrig, wo die Musik den Spieler, und das Marionettentheater offen, wo der Souffleur des Holzes den Dichter ersetzt. – Wie kommt es? Zwei sehr ernste Völker haben viele und gute Lustspiele, die Spanier und Briten, und zwei lebhafte und lustige haben wieder viele und gute, die Franzosen und Italiener; – aber der Deutsche nichts Rechtes in seinem mittlern Zustande der Seelen nach dem Tode. Eben darum; sein Gefühl für Torheit ist so kalt und matt, daß er sogar ausländische leicht für Schönheiten ansieht; wie sollen aber einem Volke seine alltäglichen anerzognen blutverwandten Torheiten auffallen, wenn ihm nicht einmal blutfremde ungewohnte töricht erscheinen, sondern öfter gar nachahmwert? So geht denn der Geist des Deutschen in anständiger Zivilkleidung einher und hält als geborner Bürger, ja Kleinstädter Europens sich in seiner Mitte fest, ohne stark zu lachen.

Neuerer Zeit borgen wir zu den ausländischen Torheiten noch auch die Toren vom Auslande für unser Lustspiel, damit wir wie Mönche gar nichts Eignes haben; und sogar in eine uns so unpassende, bald zu weite, bald zu enge Form, wie z. B. die eines Calderon oder der französischen oder der römischen Lustspieldichter, werden wir geschlagen. – »Ist kein Lessing da?« sollte man bei jedem Vorhangaufziehen vor einem Lustspiel ausrufen; denn Lessing ist der wahre deutsche Plautus, und sogar seine jugendlichen Lustspiele sind deutscher als unsere neuesten gereimten, und seine spätern Bruchstücke gar Meisterstücke. Aber wir werden endlich so weit kommen, daß wir vor Anfang des Stückes sogar rufen: »Ist kein Kotzebue da?«

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