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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 14

Instinkt des Genies oder genialer Stoff

Sobald im Genius die übrigen Kräfte höher stehen, so muß auch die himmlische über alle, wie ein durchsichtiger reiner Eisberg über dunkle Erden-Alpen, sich erheben. Ja eben dieser hellere Glanz des überirdischen Triebes wirft jenes Licht durch die ganze Seele, das man Besonnenheit nennt; der augenblickliche Sieg über das Irdische, über dessen Gegenstände und unsere Triebe dahin, ist eben der Charakter des Göttlichen, ein Vernichtungkrieg ohne Möglichkeit des Vertrags, wie ja schon der moralische Geist in uns als ein unendlicher nichts außer sich für groß erkennt. Sobald alles eben und gleich gemacht worden, ist das Übersehen der Besonnenheit leicht.

Hier ist nun der Streit, ob die Poesie Stoff bedürfe oder nur mit Form regiere, leichter zu schließen. Allerdings gibt es einen äußern mechanischen Stoff, womit uns die Wirklichkeit (die äußere und die psychologische) umgibt und oft überbauet, welcher, ohne Veredlung durch Form, der Poesie gleichgültig ist und gar nichts; so daß es einerlei bleibt, ob die leere Seele einen Christus oder dessen Verräter Judas besinge.

Aber es gibt ja etwas Höheres, als was der Tag wiederholt. Es gibt einen innern Stoff – gleichsam angeborne unwillkürliche Poesie, um welche die Form nicht die Folie, sondern nur die Fassung legt. Wie der sogenannte kategorische Imperativ (das Bild der Form, so wie die äußere Handlung das Bild des äußern Stoffs) der Psyche nur den Scheideweg zeigt, ihr aber nicht das weiße RoßPlaton bildet bekanntlich mit dem weißen das moralische Genie in uns ab, und mit dem schwarzen Kants Radikal-Böses. vorspannen kann, das ihn geht und das schwarze überzieht; und wie die Psyche das weiße zwar lenken und pflegen, aber nicht erschaffen kann: ebenso ists mit dem Musenpferd, das am Ende jenes weiße ist, nur mir Flügeln. Dieser Stoff macht die geniale Originalität, welche der Nachahmer bloß in der Form und Manier sucht; so wie er zugleich die geniale Gleichheit erzeugt; denn es gibt nur ein Göttliches, obwohl vielerlei Menschliches. Wie Jacobi den philosophischen Tiefsinn aller Zeiten konzentrisch findet, aber nicht den philosophischen ScharfsinnJacobi über Spinoza. Neue Auflage S. 17.: so stehen die dichterischen Genies zwar wie Sterne bei ihrem Aufgange anfangs scheinbar weiter auseinander, aber in der Höhe, im Scheitelpunkt der Zeit, rücken sie wie die Sterne zusammen. Hundert Lichter in einem Zimmer geben nur ein zusammengeflossenes Licht, obwohl hundert Schatten (Nachahmer). Was gegen den Nachahmer erkältet, ja oft erbittert, ist nicht etwan ein Raub an witzigen, bildlichen, erhobenen Gedanken seines Musters – denn nicht selten sind sie sein eignes Erzeugnis –, sondern es ist das, oft wider Willen der Parodie verwandte, Nachspielen des Heiligsten im Urbilde, das Nachmachen des Angebornen. Eben diese Adoption des fremden Allerheiligsten kann nicht die elterliche Wärme für dasselbe erstatten; daher der Nachahmer seine Wärme gegen die Nebensachen, die ihm verwandter sind, ausdrückt und an diesen die Zieraten vervielfältigt; je kälter, je geschmückter. So ist gerade die kalte Sonne Siberiens den ganzen Tag mit vielen Nebensonnen und Ringen umzogen.

Das Herz des Genies, welchem alle andere Glanz- und Hülf-Kräfte nur dienen, hat und gibt ein echtes Kennzeichen, nämlich neue Welt- oder Lebens-Anschauung. Das Talent stellet nur Teile dar, das Genie das Ganze des Lebens, bis sogar in einzelnen Sentenzen, welche bei Shakespeare häufig von der Zeit und Welt, bei Homer und andern Griechen von den Sterblichen, bei Schiller von dem Leben sprechen. Die höhere Art der Welt-Anschauung bleibt als das Feste und Ewige im Autor und Menschen unverrückt, indes alle einzelnen Kräfte in den Ermattungen des Lebens und der Zeit wechseln und sinken können; ja der Genius muß schon als Kind die neue Welt mit andern Gefühlen als andere aufgenommen und daraus das Gewebe der künftigen Blüten anders gesponnen haben, weil ohne den frühern Unterschied kein gewachsener denkbar wäre. Eine Melodie geht durch alle Absätze des Lebens-Liedes. Nur die äußere Form erschafft der Dichter in augenblicklicher Anspannung; aber den Geist und Stoff trägt er durch ein halbes Leben, und in ihm ist entweder jeder Gedanke Gedicht oder gar keiner.

Dieser Weltgeist des Genius beseelet, wie jeder Geist, alle Glieder eines Werks, ohne ein einzelnes zu bewohnen. Er kann sogar den Reiz der Form durch seinen höhern entbehrlich machen, und der Goethesche z. B. würde uns, wie im nachlässigsten Gedichte, so in der Reichs-Prose doch anreden. Sobald nur eine Sonne dasteht, so zeigt sie mit einem Stiftchen so gut die Zeit als mit einem Obeliskus. Dies ist der Geist, der nie Beweise gibtÜber das Ganze des Lebens oder Seins gibt es nur Anschauungen; über Teile Beweise, welche sich auf jene gründen., nur sich und seine Anschauung, und dann vertrauet auf den verwandten, und heruntersieht auf den feindselig geschaffnen.

Manchem göttlichen Gemüte wird vom Schicksal eine unförmliche Form aufgedrungen, wie dem Sokrates der Satyr-Leib; denn über die Form, nicht über den innern Stoff regiert die Zeit. So hing der poetische Spiegel, womit Jakob Böhme Himmel und Erde wiedergibt, in einem dunklen Orte; auch mangelt dem Glase an einigen Stellen die Folie. So ist der große Hamann ein tiefer Himmel voll teleskopischer Sterne, und manche Nebelflecken löset kein Auge auf.

Darum kamen manche reiche Werke dem Stilistiker, der nur nach Leibern gräbt und nicht Geister sucht, so arm vor, als die majestätischen hohen Schweizergebirge dem Bergknappen gegen tiefe Bergwerke erscheinen. Er sagt, er vermöge wenig oder nichts aus Werken dieser Art zu ziehen und zu exzerpieren – was so viel ist, als wenn er klagte, er könne mit und von der Freundschaft nichts weiter gewinnen als die Freundschaft selber. So kann es philosophische Werke geben, welche uns philosophischen Geist einhauchen, ohne in besondern philosophischen Paragraphen Stoff abzusetzen, z. B. einige von Hemsterhuis und Lessing. So kam über eben diesen besonnenen Lessing, welcher früher über poetische Gegenstände mehr dachte als sang, eigentlich nur in seinem Nathan und seinem Falk der dichterische Pfingstgeist, ein paar Gedichte, welche der gemeine Kritiker seinem Alter gern vergibt, an die Emilie Galotti sich haltend. Freilich die poetische Seele läßt sich, wie unsere, nur am ganzen Körper zeigen, aber nicht an einzelnen, obwohl von ihr belebten Fußzehen und Fingern, welche etwan ein Beispielsammler ausrisse und hinhielte mit den Worten: seht, wie regt sich das Spinnenbein!

§ 15

Das geniale Ideal

Wenn es der gewöhnliche Mensch gut meint mit seinen Gefühlen, so knüpfet er – wie sonst jeder Christ es tat – das feiste Leben geradezu einem zweiten athenischen nach dem Tode glaubend an, welches eben zu jenem wie Geist zu Körper passet, nur aber so wenig durch vorherbestimmte Harmonie, Einfluß, Gelegenheit mit ihm verbunden ist, daß anfangs der Leib allein erscheint und waltet, hinterher der Geist. Je weiter ein Wesen vom Mittelpunkte absteht, desto breiter laufen ihm dessen Radien auseinander; und ein dumpfer hohler Polype müßte, wenn er sich ausspräche, mehr Widersprüche in der Schöpfung finden als alle Seefahrer.

Und so findet man denn bei dem Volke innere und äußere Welt, Zeit und Ewigkeit als sittliche oder christliche Antithese – bei dem Philosophen als fortgesetzten Gegensatz, mir mit wechselnder Vernichtung der einen Welt durch die andere – bei dein bessern Menschen als wechselndes Verfinstern, wie zwischen Mond und Erde herrscht; bald ist am Janus-Kopfe des Menschen, welcher nach entgegengesetzten Welten schauet, das eine Augen-Paar, bald das andere zugeschlossen oder zugedeckt.

Wenn es aber Menschen gibt, in welchen der Instinkt des Göttlichen deutlicher und lauter spricht als in andern; – wenn er in ihnen das Irdische anschauen lehrt (anstatt in andern das Irdische ihn); – wenn er die Ansicht des Ganzen gibt und beherrscht: so wird Harmonie und Schönheit von beiden Welten widerstrahlen und die zu einem Ganzen machen, da es vor dem Göttlichen nur eines und keinen Widerspruch der Teile gibt. Und das ist der Genius; und die Aussöhnung beider Welten ist das sogenannte Ideal. Nur durch Himmelskarten können Erdkarten gemacht werden; nur durch den Standpunkt von oben herab (denn der von unten hinauf schneidet ewig den Himmel mit einer breiten Erde entzwei) entsteht uns eine ganze Himmelskugel, und die Erdkugel selber wird zwar klein, aber rund und glänzend darin schwimmen. Daher kann das bloße Talent, das ewig die Götterwelt zum Nebenplaneten oder höchstens zum Saturn-Ring einer erdigen Welt erniedrigt, niemals ideal runden und mit dem Teil kein All ersetzen und erschaffen. Wenn die Greise der Prose, gleich leiblichen versteinert und voll ErdeBekanntlich werden im Alter die Gefäße Knorpel und die Knorpel Knochen, und es kommt so lange Erde in den Körper, bis der Körper in die Erde kommt. , uns die Armut, den Kampf mit dem bürgerlichen Leben oder dessen Siege sehen lassen: so wird uns so eng und bang beim Gesicht, als müßten wir die Not wirklich erleben; und in der Tat erlebt man ja doch das Gemälde und dessen Wirkung; und so fehlt immer ihrem Schmerze ein Himmel und sogar ihrer Freude ein Himmel. Sogar das Erhabne der Wirklichkeit treten sie platt, z. B. (wie Leichenpredigten zeigen) das Grab, nämlich das Sterben, dieses Verleben zwischen zwei Welten, und so die Liebe, die Freundschaft. Man begegne wenigstens in dem Wundfieber der Wirklichkeit ihnen nicht, die mit dem Wundpinsel ihrer Dicht-Prose ein neues ins alte impfen, und durch deren Poesien echte nötig werden, um die falsche nur zu verschmerzen.

Wenn hingegen der Genius uns über die Schlachtfelder des Lebens führt: so sehen wir so frei hinüber, als wenn der Ruhm oder die Vaterlandsliebe vorausginge mit den zurückflatternden Fahnen; und neben ihm gewinnt die Dürftigkeit wie vor einem Paar Liebenden eine arkadische Gestalt. Überall macht er das Leben frei und den Tod schön; auf seiner Kugel sehen wir, wie auf dem Meer, die tragenden Segel früher als das schwere Schiff. Auf diese Weise versöhnet, ja vermählt er – wie die Liebe und die Jugend – das unbehülfliche Leben mit dem ätherischen Sinn, so wie am Ufer eines stillen Wassers der äußere und der abgespiegelte Baum aus einer Wurzel nach zwei Himmeln zu wachsen scheinen.

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