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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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VIII. Programm

Über den epischen, dramatischen und lyrischen Humor

§ 11

Ein Hülfmittel zur reinern Ironie

Man gebe mir ironische Stellen von Lessing, von Wieland, sogar von Lichtenbergs Timorus: ich will allen hie und da ein Vordringen und Durchschimmern des Lachgesichtes durch die dünne Maske der Ironie nachweisen; so wie man etwa im 15ten Jahrhundert die Schuhe über den Zehen durchschnitt, um an diesen die Ringe zu zeigen. Selten verdient Liscov eine solche RügeLiscov erfuhr in Goethens Lebens-Beschreibung ein zu hartes Urteil, so wie Rabener ein zu günstiges; wahrscheinlich aber nur, weil Goethe beide in den Glühjahren seiner Jugend gelesen, denen freilich der hartgefrorne, nur auf literarische Toren hackende Spottvogel weniger zusagen konnte als der freundliche, über alles hinlaufende Leipziger Steuerverweser. Berühmte Schriftsteller wie Goethe sollten daher ihren Urteilen über Bücher immer die Jahrzahl anhängen, worin sie diese gelesen; damit man wisse, ob sie nicht aus Erinnerung loben oder tadeln und uns Empfindungen junger Jahre für Urteile gereifter geben. ; aber niemals der ironische Alleinherr Swift, ja nicht einmal die Gesellen dieses Altmeisters, ein Arbuthnot, Addison, Steele.

So sehr verlangt die Ironie schon von der Seite ihrer rhetorischen Darstellung bei aller humoristischen warmen Begeisterung einen solchen Gegenfrost der Sprache, daß das Ansichhalten, das nur den Gegenstand allein erscheinen läßt, sogar lieber abgenutzte als kühne Wendungen der Sprache und lieber Weite als Kürze, mit welcher Klopstock in der Gelehrten-Republik sündigte, und fast für jede Zeile eine wiederholte Anstrengung gebietet.

Gleichwohl gibt es einen Fall, wo eben dem Schriftsteller eine reine Ironie mit weniger Mühe gelingt, nämlich wenn er sie nicht in seinem Namen, sondern durch einen fremden Charakter ausspricht. So hat z. B. Wieland die Geschichte der Abderiten ohne echt-ironische Darstellung überall da gegeben, wo er selber loben will; aber desto richtiger spricht er, wenn er die beiden Sykophanten über den Eselschatten reden läßt. Sogar der Meister Cervantes ironisiert in seiner Vorrede zum Don Quixote nicht so unverfälscht als dieser in seinen Selbgesprächen. Die Ursache ist überall diese: preiset der ironische Dichter in seinem eignen Namen. so schwebt ihm der Kontrast zwischen seiner objektiven Darstellung und zwischen subjektiver Ansicht erschwerend vor; leiht er hingegen die ganze Ironie nur der Zunge eines fremden Charakters – so hat sein eigner so wenig eine Subjektivität bei dem ironischen Lobe zu überwinden als bei der Darstellung irgendeiner unsittlichen, ihm ganz entgegengesetzten. – Hingegen in entgegengesetzten Verhältnissen, wo der Dichter den Charakteren lyrische Aussprüche zu geben hat, die seinen eignen aussprechen, wird er sie am besten reden, weinen, zürnen lassen, wenn er sich nicht in ihre Lage versetzt, sondern in seine eigne, wofern er in ähnlicher gewesen, und wenn er sich vorspiegelt, er habe hier in seinem Namen sein Glück oder Unglück vorzumalen.

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