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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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III. Programm

Über das Genie

§ 4

Charakteristischer Unterschied zwischen ihm und seinen Nachahmern

Nicht an dem höhern und reichern Wuchs von Gipfel und Zweigen ist der Genius am kennbarsten, sondern am Fremdartigen des ganzen Gewächses. Einzelne Kräfte, z. B. Phantasie, Witz und dergleichen, hat oft das Talent in ähnlicher Größe; aber andere sind schon mit ähnlicher dagewesen und erschienen; hingegen steht der Genius als Einsiedler auf seiner Säule. Da nun der Nachahmer – und dies ist sein Abzeichen – wohl einzelnen Kräften des Genius nach-, ja zuvorkommen kann, aber nicht der Originalität und Neuheit desselben – eine wiederholte Neuheit bliebe auch keine –, so glaubt der Nachahmer durch das Verstärken des Fremdartigen und Originellen selber als neu zu erscheinen und steigert die Superlative des Genies zu Super-Superlativen. Sein Echo will sich verbergen, indem es gegen die Echo-Natur noch stärker ist als der Urklang, den es wiederholt.

§ 5

Elegante Schriftsteller

Schriftsteller wie Engel, Moses Mendelssohn, Weiße, Gellert glänzen und erfassen am meisten an ihrem Geburttage, Genies mehr an ihrem Sterbetage, und die letzte Ölung wird ihre Taufe. Der Ruhm jener Schreiber mußte an dem Wuchse der Zeit einschrumpfen und verblühen, weil sie eben die Blüte der frühern und der gebildeten Welt waren, der sie sich nicht vor-, sondern nachgebildet hatten. Aber diese Welt wächset mit frischen Blüten bald über die alten hinaus. Der Genius hingegen, mehr Wurzel als Blüte der Zeit, stößt mehr die Gegenwart zurück und zieht die Zukunft an, da er nur sich selber, nicht die jetzo Gebildeten darstellt. Selber über die künftigen, die er sich nacherzieht, lebt er mit einer Eigentümlichkeit hinaus, welche, nicht in die allgemeine Bildung übergehend, ihn neu allen Zeiten aufbewahrt. Genies wie Hamann, Herder u. s. f. sind dem Zibet und Moschus ähnlich, deren zu starker Geruch sich erst durch die Zeit zum Wohlduft mildert. – Die eleganten Schriftsteller geben nach ihrem Tode die Ordenzeichen wieder der Zeit zurück, die sie damit ausgestattet hatte.

In neuerer Zeit hat man den guten Mittelweg eingeschlagen, die Schriftsteller, die man nicht Genies zu taufen wagt, wenigstens genial zu nennen; so hat man den genialen Clauren, Müllner u. s. w., wie man die Findelkinder in Spanien adelige heißt, während man sie im Mittelalter Pfaffenkinder betitelte.

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