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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 79
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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So weit meine letzte Vorlesung! Der Unbekannte sagte, er wolle meinen Erntekranz nicht ausdreschen: im ganzen sei er meiner Meinung, welche überhaupt an die Sätze des Idealismus grenze, dessen Begeisterung man so unverständig für bloßes Klangwesen ausgebe; was den Menschen begeistere, sei unmöglich eine leeres Wort, sondern stets irgendein Sinn, den er unterlege. – Als wir beide schieden, wünscht' ich seinen Namen zu hören, da er meinen wisse. –»Sind Namen Geister?« fuhr er auf. »Das Unendliche ist ein Anonymum.«

Es lag etwas darin, etwas Außerweltliches, ungenannt wie im Geisterreiche, nur Geisterzwecke gesucht zu haben; indem ichs aber loben wollte, kam ich fast ins Widerspiel hinein: »Anonymität, vorzüglich wechselseitige,« sagt' ich, »ist allerdings etwas Geistermäßiges bei Untersuchungen. Auf Reisen sucht' ich oft mit einem zweiten Forscher zu gehen ohne Zu- und Vornamen, gleich den umbenannten Schmetterlingen, Fischen um uns oder den ungetauften Sonnen eines Nebelflecks. Noch anonymer wäre man ohne Gesicht; denn die Gesichtszüge sind halbe Namenzüge – aber auch unsichtbar, verriete wieder die Stimme – aber auch ohne diese, verriete wieder die Handschrift oder der Stil – Kurz, vollständige Anonymität bleibt, solange man existiert, wegen der Individuation fast unmöglich.«

Er harrte auf seinem Worte aus, nahm Abschied und sagte bloß, das Blatt wider Herder sei von ihm – – Wie widerlich wurde er mir, sogar durch seine schöne Gestalt! Ich hatte unter der ganzen Vorlesung an Herder gedacht und geglaubt, er tu' es auch. – »Addio Amico!« sagt' ich und ging davon, ohne ein Wort der Widerlegung; denn ich kenne diese Partei: eine Meinung, die man ihr heute vor ihren Augen ruinierte und köpfte, bringt sie den andern Tag auferstanden zurück und lässet sie wieder auf dem Kopfe tanzen, den man abgeschlagen.

Ich ging so weit im schönen Garten, bis ich eine freie Aussicht in die sanfte, rosenrot darniederziehende Sonne hatte. – Die Nachtigallen schlugen in den Blüten, hoch über ihnen die Lerchen in den Abendwolken – durch alle runde Laubwäldchen war der Frühling gezogen und hatte seine Spuren an ihnen hängen lassen als Blüten und Düfte – ich dachte an jenen Geist, den ich (so selten auch der verschwendete Beinamen gegeben werden darf) noch nicht anders nennen kann als einen großen Menschen. Wie war Er immer unter Bäumen und Blumen, auf dem Lande so genesen-glücklich! Der Name Land ist recht; denn ans Land setzen die Schiffer ihre Verwundeten der Wellen zum Genesen. – Gleichsam mit einem Liebetrank der Inbrunst gegen die ganze Natur geboren, hielt Er wie ein Brahmine mit dem hohen Spinozismus des Herzens jedes Tierchen und jede Blüte wert und am Herzen fest; und ein Reisewagen, durch grünendes Leben gehend, war Sein Sonnenwagen, und nur dem freien Himmel schloß sich, wie unter der Musik, Sein Herz wie eine Blume recht weit-erheitert auf.

Als ich so an Ihn dachte, da die Sonne schön im vollen Glanze niederging, und der Gedanke mich nicht trösten konnte, daß dieser Geist nun neu-verbunden lebe mit seiner geliebten Natur: so stand der schöne Jüngling wieder vor mir, den ich vielleicht im untergehenden Glanze nicht bemerken können. – Er sagte bloß ernst, ohne Zorn und ohne Scherz: er nenne sich überall gerne, wo man etwas gegen ihn habe; – Namenlosigkeit gezieme keinem Gegner – wiewohl er dies kaum sei, da er Herder in seinen frühern Werken, eh' Ihn die Erde aus einem freien Kometen zu ihrem sanften Monde gemacht, genug verehre.

»Mein Name«, sagt er, »ist *****.« – »Der *** in meinem Romane?« fragt' ich erstaunt. – Er war es; aber man vergeb' es, wenn ich aus wichtigen Gründen den wahren Namen dem leichten Erraten überlasse.

Nun war so vieles geändert. – Dieser etwas stolze Jüngling hatte nie andere Irrtümer als verzeihliche; ich liebte ihn so stark, daß ich ihrer ungeachtet mit ihm über den teuren Toten zu reden wünschte.

»Höre mich, lieber Jüngling, jetzo willig über Ihn. Die Sterne kommen meinen Worten zu Hülfe. Sein himmlisch-gestimmtes Lied an die NachtAdrastea XII. S. 277.

Kommst du wieder, Heilige stille Mutter
Der Gestirn' und himmlischer Gedanken, etc.

hör' ich diesen Abend in einem fort in meinem Innern singen. Ich kann nur einiges über Ihn sagen; unzulänglich ists ohnehin; ein Mensch, der in Worte aufzulösen wäre, würde ein alltäglicher sein; den Sternen-Himmel malt keine Sternkarte, obgleich ein Gemälde etwa eine Landschaft. Du sprachst von Seiner neuern Veränderung als einer Hinabänderung. Gewiß mutest du nicht, wie das Vorurteil, dem Schriftsteller im ewig nur reifenden Leben die gemeine schwere Unveränderlichkeit zu, die man doch den Zeiten erlässet oder, wenn sie erschiene, verdächte – wenn nur das Göttliche im Menschen sich nicht verändert, oder (weil dies eins ist) nicht vernichtet; ebenso lässet die göttliche Ewigkeit den Zeiten-Strom unverändert über sich fließen. Der Mensch scheint oft veränderlich, weil die Zeit es ist. Der Pfeiler, der in den Wellen steht, scheint sich hin- und herzubrechen, bloß weil sich diese brechen, oft an ihm selber. Warum findet man Ihn nicht darin Lessing gleich? Ein Vater und Schöpfer der Zeit wird sehr bald deren Zuchtmeister und Feind; indes ihr bloßer Sohn nur ihr Schüler und Schmeichler wird. – Bloß für Jugend oder Schwäche ründet sich die Gegenwart zu, ohne Bedarf einer Zukunft; aber ein Sieger und Gegenfüßler irgendeiner Gegenwart ist auch einer für jede. So glich der geliebte Geist den Schwanen, welche in der harten Jahreszeit die Wasser offen erhalten durch ihr Bewegen.

Noch hab' ich nicht das volleste Wort von Ihm gesagt, Jüngling. War Er kein Dichter – was Er zwar oft von sich selber glaubte, eben am homerischen und shakespeareschen Maßstab stehend, oder auch von sehr berühmten andern Leuten –, so war Er bloß etwas Besseres, nämlich ein Gedicht, ein indisch-griechisches Epos, von irgendeinem reinsten Gott gemacht. Du verstehst die starke Rede. Sie ist wahr; und ich meinte Ihn vorhin sehr im Hin- und Hermalen der höchsten Poesie.

Aber wie soll ichs auseinandersetzen, da in der schönen Seele, eben wie in einem Gedichte, alles zusammenfloß und das Gute, das Wahre, das Schöne eine unteilbare Dreieinigkeit war? – Griechenland war Ihm das Höchste, und wie allgemein auch Sein episch-kosmopolitischer Geschmack lobte und anerkannte – sogar Seines Hamanns Stil –, so hing Er doch, zumal im Alter, wie ein vielgereister Odysseus nach der Rückkehr aus allen Blüten-Ländern, an der griechischen Heimat am innigsten. Er und Goethe allein (jeder nach seiner Weise) sind für uns die Wiederhersteller oder Winckelmanne des singenden Griechentums, dem alle Schwätzer voriger Jahrhunderte nicht die Philomelen-Zunge hatten lösen können.

Herder war gleichsam nach dem Leben griechisch gedichtet. Die Poesie war nicht etwa ein Horizont-Anhang ans Leben, wie man oft bei schlechtem Wetter am Gesichtkreise einen regenbogenfarbigen Wolken-Klumpen erblickt, sondern sie flog wie ein freier leichter Regenbogen glänzend über das dicke Leben als Himmelpforte. Daher kam Seine griechische Achtung für alle Leben-Stufen, Seine zurechtlegende epische Weise in allen Seinen Werken, welche als ein philosophisches Epos alle Zeiten, Formen, Völker, Geister mit der großen Hand eines Gottes unparteiisch vor das säkularische Auge (das Jahre nur am Jahrhundert ausmißt) und also auf die weiteste Bühne führt. Daher kam Sein griechischer Widerwille gegen jedes Überschlagen der Waage auf die eine oder die andere Seite – manche Sturm- und Folter-GedichteSeine Seelen-Worte lenkten zuerst den Verfasser von der jugendlichen Verwechslung der Kraft mit der Schönheit zurück. konnten Seine geistige Marter bis zur körperlichen treiben; Er wollte die Opfer der Dichtkunst nur so schön und unverletzt erblicken, als der Donner des Himmels die getroffnen Menschen läßt. Darum zog Er, wie ein griechisches Gedicht, um jede, auch schönste Empfindung, z. B. um die Rührung, oft durch die Gewalt des Scherzes, früh die Grenze der Schönheit. Nur Menschen von flachen Empfindungen schwelgen in ihnen; die von tiefen fliehen ihre Allmacht und haben darum den Schein der Kälte. Eine große dichterische Seele wird leichter alles auf der Erde als glücklich; denn der Mensch hat etwas von der Lavatere, welche jahrelang jedem Winter trotz, aber zart wird und vergeht, sobald sie Blumen trägt. Freilich ist der Dichter ein ewiger Jüngling, und der Morgentau liegt durch seinen Lebentag hindurch; aber ohne Sonne sind die Tropfen trübe und kalt.

Wenige Geister waren auf die große Weise gelehrt wie Er. Die meisten verfolgen nur das Seltenste, Unbekannteste einer Wissenschaft; Er hingegen nahm nur die großen Ströme, aber aller Wissenschaften in sein himmelspiegelndes Meer auf, das ihnen aufgelöst seine Bewegung von Abend gegen Osten aufdrang. Viele werden von der Gelehrsamkeit umschlungen wie von einem austrocknenden Efeu, Er aber wie von einer Trauben-Rebe. – Überall das Entgegengesetzte organisch-dichtend sich anzueignen, war Sein Charakter; und um das trockne Kernhaus eines Lamberts zog Er eine süße Frucht-Hülle. So verknüpfte Er die kühnste Freiheit des Systems über Natur und Gott mit dem frömmsten Glauben, bis sogar an Ahnungen. So zeigt' Er die griechische Humanität, der Er den Namen wiedergab, in der zärtlichsten Achtung aller rein-menschlichen Verhältnisse und in einem Lutherischen Zorn gegen alle von Religionen oder Staat geheiligten Gifte derselben. So war Er ein Festungwerk voll Blumen, eine nordische Eiche, deren Äste Sinnpflanzen waren. Wie herrlich, unversöhnlich entbrannte Er gegen jede kriechende Brust, gegen Schlaffheit, Selbzwist, Unredlichkeit und poetische Schlamm-Weiche, so wie gegen deutsche kritische Roheit und gegen jeden Zepter in einer Tatze; und wie beschwor Er die Schlangen der Zeit! Aber wolltest du, Jüngling, die süßeste Stimme hören, so war es Seine in der Liebe, es sei gegen ein Kind oder ein Gedicht oder die Musik, oder in der Schonung gegen Schwache. Er glich Seinem Freunde Hamann, diesem Heros und Kinde zugleich, der wie ein elektrisierter Mensch im Dunkeln mit dem Heiligenschein um das Haupt sanft dasteht, bis eine Berührung den Blitz aus ihm zieht.

Wenn Er Seinen Hamann als einen zürnenden Propheten, als einen dämonischen Geist schilderte, den Er sogar über sich stellte (wiewohl Hamann weniger griechisch und beweglich und leicht blühend und organisch-zergliedert war), und wenn man mit Schmerzen hörte, wie Ihm in dessen Grab Seine rechte Welt und Freundschaftinsel nachgesunken: so wurde man aus Seiner Sehnsucht innen, daß Er innerlich (nach einem höchsten Ideale) viel schärfer über die Zeit richte, als es äußerlich Seine Duldung und Allseitigkeit verriet; daher geht durch Seine Werke eine geheime, bald sokratische, bald horazische Ironie, die nur Seine Bekannten verstehen. Er wurde überhaupt wenig, nur im einzelnen anstatt im ganzen gewogen und erwogen; und erst auf der Demantwaage der Nachwelt wird es geschehen, auf welche die Kiesel nicht kommen werden, womit die rohen Stilistiker, die noch rohern Kantianer und rohe Poetiker Ihn halb steinigen, halb erleuchtenAus durchsichtigen Kieseln werden in London Brillen geschaffen. wollten.

Der gute Geist gab viel und litt viel. Zwei Reden von Ihm bleiben, obwohl andern unbedeutend, mir immer zur Betrachtung; die eine, daß Er einst an einem Sonntage mit wehmütigem Schmerz über die kahle kalte Zeit unter dem wie aus den alten Jahrhunderten herüberfließenden Tönen des nahen Kirchengeläutes sagte: Er wünsche, Er wäre im Mittelalter geboren worden – du mißverstehst gewiß dieses Wort am wenigsten –; die zweite, ganz andere Rede war, daß Er sich eine Geistererscheinung wünschte, und daß Er gar nichts von dem gewöhnlichen Geister-Schauder dabei empfände und ahnete. O die reine geister-verwandte Seele! Ihr war dies möglich – so dichterisch sie auch war und so sehr gerade eine solche am meisten erschaudert vor den langen stillen Schleiern, die hinter dem Tode wohnen und gehen –; denn sie war selber der Erde eine Geister-Erscheinung und vergaß nie ihr Reich; ihr Leben war die glänzende Ausnahme vom zuweilen bedeckten genialen; sie opferte, wie die alten Priester, auch am Musenaltare nur weiß gekleidet.

Ich sage dir, Jüngling, Er kommt mir jetzo – so sehr auch sonst der Tod die Menschen in eine heilige Verklärung hineinhebt – in Seiner Ferne und Höhe nicht glänzender vor als sonst hier unten neben mir; ich denke mir Ihn drüben hinter den Sternen gerade an Seinem rechten Orte und nur wenig verändert, die Schmerzen ausgenommen. Nun so feiere nur recht drüben dein Erntefest, du Reiner, du Geister-Freund; dein schwerer Ährenkranz erblühe dir auf deinem Haupte zur leichten Blumenkrone, du Sonnen-Blume, endlich auf deine Sonne versetzt!

In Seinem Nacht-Liede sagt Er zu Seinem schlafenden Körper:

Schlummre wohl indes, du träge Bürde
Meines Erdengangs. Ihren Erdenmantel
Deckt auf dich die Nacht, und ihre Lampen
Brennen über dir im heiligen Zelte.

Sieh hinauf, Jüngling, zu dieser Sternennacht, jetzo steht sie anders, kälter über Seiner Hülle, die Todesnacht hat die große Blume geschlossen. Vergib, mein Mensch! Ach wer Ihn nur gelesen, hat Ihn kaum verloren; aber wer Ihn gekannt und geliebt, den kann nicht Seine Unsterblichkeit mehr trösten, sondern nur die menschliche. Gäb' es keine; ist alles hiesige Leben nur eine Abenddämmerung vor der Nacht, keine Morgendämmerung; wird der hohe Geist auch dem Körper nachgesenkt an Sargstricken in die Gruft: o so weiß ich nicht, warum wir es nicht am Grabe großer Menschen so wie die wilden und alten Völker machen, bloß aus Verzweiflung wie diese aus Hoffnung, daß wir uns ihnen, wie sie sich ihren Fürsten, geradezu in die Gruft nachwerfen, damit man nur auf einmal das unsinnige gewaltsame Herz erstickt, das durchaus für etwas Göttliches, Ewiges schlagen will.

Warum ists denn aber so tyrannisch-still um das große runde Erden-Grab? – Schweige, guter Jüngling! O ich weiß wohl, Er selber litte einen solchen Schmerz am wenigsten. Auf die glänzenden Frühling-Sterne würd' Er jetzo zeigen, über denen Er nun ist; auf die Nachtigallen würde er zu hören winken, die jetzo uns schlagen und nicht Ihm – Und Er wäre doch bewegter, als Er schiene – Jüngling, lebendiger Geist, warum ist es um den Tod so weit und breit herum so still?«

»Ist nicht um den glühend-belebenden Gleicher Windstille?« (sagt' er) – »Wir wollen jetzo die große Seele miteinander lieben; und bewegt dich zuweilen Ihre Erinnerung zu schmerzlich, so wollen wir alles wieder lesen, wodurch Sie das Unsterbliche und das Göttliche und sich verkündigt hat!«

»Das geschehe, Geliebter, es möge nun die Trauer stillen oder auch vermehren.«

Ende

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