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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 77
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Diesjährige Nachlesung an die Dichtinnen

Denn mehre Zuhörer sah ich gewaltsam von Damen an den Armen gefänglich eingezogen und zurückgebracht, damit sie einer Nachlesung der Vorlesung beiwohnten. Sie sagten sämtlich – denn jede sprach mit –, keine wäre eine Dichterin, insofern nach Wolkens Regel dies eines Dichters Frau bedeute, sondern jede wäre eine Dichtin oder unverheiratet; denn es lohne die Mühe nicht, einen Mann zu haben. Ich faßte diesen Redefaden auf und zog ihn länger aus: »Sehr wohl! denn die Ehe ist gegen die lyrische Blumenlese der Liebe, ja gegen deren bloßes Schlemperlied eine so langweilige Kanzleiprose, als ich nur kenne; und ein paar weibliche Reime wollen im ehelichen Kanzleistil wenig verfangen gegen den Ehemann, den ewigen Reimer auf sich. – Aber was beliebt Ihnen?«

– »Ein Widerruf!« sagte eine Berliner Jüdin so keck, als hätte sie mich zum Mann und Narren zugleich. Es standen nämlich fünf Jungfrauen oder so etwas dergleichen da, entweder der rechte oder der linke Flügel der bekannten zehn Jungfrauen in der Parabel der Bibel. – Ich versetzte: – »Und warum nicht? Warum soll ich denn wie jeder das ganze Leben durch mein eigner Jaherr bleiben (denn ich sage zu allem Ja, was ich sage) und nicht auch mein Neinherr werden?« – »So ist er immer«, sagte eine zweite Jungfrau zu den übrigen; »eben Ihr Spaß« (fuhr sie gegen mich fort) »hat uns bisher in der Tat für Ihren Ernst meistens schadlos gehalten, und wir alle, wie Sie uns da sehen, sind nicht von Ihnen abgefallen, so sehr wir auch rechte Freiheit, ungebundne Lebart in Ihrer ungebundenen Schreibart vermißten.« – »Wenigstens mit Ihren prüden Britinnen und Überkeuschen sehen wir uns gern verschont; ach! in mancher Zügellosigkeit ist vielleicht mehr Religion, als Sie nur glauben«, sagte die dritte, der die jungfräuliche Lampe wahrscheinlich von den vielen Winden der Reisen ausgeblasen worden. – »Nur Kraftweiber wollen wir«, sagte die vierte, »statt euerer elenden früheren Kraftmänner, mehr nicht; nach nichts sollen sie fragen, nicht einmal nach Männern, sondern sich selber setzen wie Fichte« – die vierte Jungfrau war ganz von der Sache abgekommen, wie vielleicht von noch wichtigern Sachen: ihr Lampenlicht war nicht erloschen, denn sie hatte gar keine Lampe. Jetzo schien es, als wenn ich zum Schlagworte käme, als die fünfte, gleichsam die Domina und Pröbstin des Nonnen-Chors, mit den Worten losschlug: »die Sache sei kurz so: sie alle hätten die Jubilate-Vorlesung der Vorschule längst vor Jahren gelesen und begehrten die Langweile nicht zum zweiten Male, sondern sie wären hergekommen, um von mir, wenn ich wollte, die Ansichten und Anreden an weibliche Poetiker oder Dichtinnen, besonders aber die vier Herzens-Kautelen angewandt zu hören, die sie etwan zu beobachten hätten, damit sie nur nicht zu tief unter den Klotilden und anderen Romanengeln zu stehen und zu fallen kämen.«

Es war viel, mithin zu viel; in solcher Not drückte der Vorleser anfangs seine Entzückung und Verlegenheit durch ein Sonett aus, wovon ihm in der Eile nur die Reime der ersten Strophe entfuhren: Sonetten – nett – öd' – Nöten – Nähren – sonn' – Sohn. Darauf begann ich leicht in ungebundner Rede so:

Schönes Fünf!

Wäre Ideen-Ordnung so sehr von Damen gesucht als Körper-Ordnung, so müßt' ich aufhören und Gute Nacht sagen. Aber so schnei' es denn untereinander! Die vier Herzens-Kautelen männlicher Poetiker – Stolz, Grobheit, Haß, Liebe betreffend – lassen sich für weibliche in eine fünfte einfassen,

die, nicht zu heiraten.

Niemand horche zu erstaunt auf: Ich nehme ja ausdrücklich den Fall aus und gebe ihm die Ehe zu, wenn eine geniale Braut den Ehepakten den geheimen Artikel beifügen läßt, worin die Zeit von beiden Parteien festgesetzt wird, worin sie sich scheiden lassen. Schon mehre haben vor mir bemerkt, wie eng und warm eine Ehescheidung ein Ehepaar in höherer Potenz wieder verknüpfe; wie ein Ehe-Mann, und wär' er ein Poetiker, mit seiner abgeschiedenen Dichtin, ja Dichterin liebend ein pikantes Verhältnis durchgenießt – er kein Witwer, sie keine Witwe – keines befehlend, keines gehorchend, ausgenommen mit Umtauschen – beide zart und warm – beide nicht aus Pflicht liebend, vielmehr darüber hinaus – beide scheu und doch vertraut – furchtsam vor der Welt, halbkühn in der Einsamkeit – und beide mit einer Freiheit, in welcher jede Minute Nein sagen kann...... Jungfrauen, schon das bloße Gemälde des Scheidens ermuntert zur Ehe. Insofern gleicht ordentlich eine eheliche Person einem peinigenden Zahne, den man ausheben und von den Nerven sondern läßt und darauf wieder in die Zahnlade einsetzt zum Glänzen und Beißen, ohne die geringsten Schmerzen mehr.

Aber gemach! denn so empfehl' ich die Kautel der Ehelosigkeit schlecht, als ob nicht die meisten Vorteile derselben auch ohne Scheidebriefe zu haben und zu verbriefen wären.

Die vier Herzens-Kautelen raten sanft vom Heiraten ab. Erstlich die des Grobianismus. Die Grobheit der männlichen Poetiker süßet sich in den zarten weiblichen zu bloßem kecken trotzenden Absprechen über Weiber, Männer und Bücher ab; und für eine Dichtin gibt es kein Ansehen (Autorität) als das im Spiegel, oder höchstens Goethe oder Shakespeare oder irgendein Leibschriftsteller. Insofern wäre nichts zu tadeln. Aber leider der Ehemann, gutes Fünf, sitzt nicht still dazu, wenn ihr dasselbe fast kriegerische Absprechen auch an ihm versucht. Und bei wem könntet ihr mehr Gelegenheit und Gründe zu diesem kühnen Aburteln vorfinden als bei ihm? Denn je näher dem Rom, sagt das Sprichwort, desto weniger gilt der heilige Vater; und mancher Ehemann ist oft gar weder ein Vater noch ein Heiliger. Ihr werdet es vollends so arg treiben, daß die Stadt erschrickt; denn wenn schon überhaupt die weiche duftende Honigblüte der Jungfrau im Treibkasten des Ehebettes zu einem Winter- oder Lagerobste zeitigt, das erst später so weich wird: so läßt sich in einer andern Allegorie denken, was eine Amazone von Jungfrau, welche schon eine Brusthälfte dem Bogenanlegen aufgeopfert, noch viel Sanftes von der andern unter den Opfern einer Frau zurückbehalten möge. In neuer Zeit wird überhaupt, ungeachtet der Alten, der Bibel und Rousseaus, den Weibern statt der Milde mehr die Wilde angeraten und angelehrt; aber mir dünkt, aus Verkennung der weiblichen Anlagen. Glauben Sie mir, verehrtes Fünf, Sie alle haben die nötigsten zum Toben und Brausen, und wenn ich es wünschte, würden Sie solche mir auf der Stelle zeigen und den Satz lebhaft dartun. Die Weiber haben gesellige Milde, die Männer gesellige Wildheit, weil das männliche Feld ein öffentliches, also oft ein Schlachtfeld ist. Vorleser dies hat Madonnen in Blick und Ton nach dem Übertritte aus der Gaststube in die Wohnstube als gute Sturmläuferinnen angetroffen; und so hoch er Lavaters physiognomische Fragmente achtet, so machte er doch in den weiblichen Gesichtern noch kein Fragment ausfindig, das ihm für Milde und Ruhe zum Bürgen stand; aber in männlichen fand er zuweilen das Fragment. – Dabei hat die neuere Stärkkunst der Weiber (sthenische Methode) noch etwas Alltägliches übersehen. Der Mann ist nämlich als Jüngling am wildesten, und an den Jahren kühlt er sich ab; das Weib aber ist als Jungfrau so schüchtern, so mild und weich, und jeder Dorn der Rose grünt und beugt sich; bis später in der einsamen Selberherrschaft der Ehe alles schön erstarkt. Ein Drittes führ' ich gar nicht an, sondern setz' es erwiesen voraus – weil Sie es leicht auf der Stelle zu beweisen übernähmen –, daß, wenn ein leidenschaftlicher und aufgestürmter Mann doch zuweilen Gründe annimmt, die Frau alle nicht nur im Sturme abweiset, sondern auch in der Windstille sie ablehnt; wie denn überhaupt wohl ein Sokrates gegen eine Xanthippe denklicher ist als eine Sokratissin gegen einen Xanthippus... Und doch schüttet ihr Büchermacher noch in des Frauenfeuer euer fettes glattes Dinten-Öl! – Nun aber will vollends der Ehemann von Ihnen, angebetetes Fünf, noch mehr angebetet sein als selber Goethe; denn er vergibt der Gattin leichter jede andere Sünde als die gegen den heiligen Geist seiner Persönlichkeit. Ein leichtes Wort zieht hier oft schwerer als eine Tatenlast. Erhalten Sie sich aber außerhalb der Bretter, Stollen und Fransen-Vorhänge des Ehebettes und bleiben Sie bloß bei Anbetern: so können Sie diese ohne den geringsten Abbruch der Liebe auspfeifen auf dem Schlüssel –- denn er öffnet Ihnen nur deren Herzen – und ausstellen mit dem Halseisen – denn es wird nur ein eheliches Halsband daraus –; ja die allgemeine Weltgeschichte teilt uns mehre Ohrfeigen mit, welche Liebhabern zu erhalten geglückt, und die sie bloß zu desto heißern Rittern geschlagen, indes hingegen bei Ehemännern sogar die stärksten schwerlich als Kußhände einwirken, ja die Liebe mehr zu schwächen als zu heben dienen würden.

Als folgenverwandt ist die zweite Kautel der Poetiker, der Stolz, beinah' abgetan, geniales Quintett! Sind Sie für den einen Verehrer eine Perlenauster mit Perlen oder Glanzgedanken, für den andern, den Sie mit mir tadeln, eine Perlenauster bloß zum Verschlingen mit Augen und Lippen: so sind Sie doch für den Ehemann nichts weiter, als was er selber ist, die Auster eines verschiedenen Geschlechtes. Ich setze Sie stolzer voraus. – Aber hier liegt doch der Hauptpunkt nicht, und nur die Eile des Ausmachens vor dem Torschlusse verwirrt das Beste. Sie haben nämlich von Ihren Anbetern irgendeinen Preisdichter sich auf immer geistig antrauen lassen, für welchen man als Seelenbraut Vater und Mutter verlassen muß. Wie nun, wenn Ihr körperlicher Ehemann z. B. als ein Stilistiker der Gegenfüßler oder Nebenbuhler dieses Preisdichters wäre? Bei den häuslichen Unterhandlungen darüber wünsch' ich nicht dabei zu sein. Man kann wohl Altes und Neues Testament der Dichtkunst in einen Band bringen, aber nicht eine Dichtin und einen Stilistiker in ein Eheband.

Aber außer den Ehe-Neins sind hier noch mehr die Ehe-Jas zu befürchten. Wenn nämlich die Dichtin mit ihrem Anbeter oder Freunde die Ideen teilt oder tauscht, so pflanzt sie sein ästhetisches Absprechen ohne Bedenken durch Nachsprechen fort, weil, wie im Körperlichen, so hier im Geistigen das Hörrohr (nach Beckmann) früher erfunden worden als das Sprachrohr – und niemand setzt etwas daran aus. Hält sie aber an den Mann das Hörrohr, anstatt an die vielen Wanderanbeter, so weiß es dort die Welt, hier wissen es nicht einmal diese selber gewiß.

Auch die bekannte dritte Kautel der Poetiker, der Haß, rät die Ehe vielleicht mehr ab als an. Sie und die wenigen, die Ihnen nachzueifern eifern, wissen sehr wohl ohne mich, wie Sie sich vor jedem Beisitzer an Ihren Putz- und Teetischen durch einen artigen Haß der Menschenliebe, des Mondlichtes, der Empfindsamkeit, der Weinenden vielleicht größere Reize geben, als Ihre Bescheidenheit nur ahnen will. Wie der Feuer-Ätna Sizilien mit Schnee aus seinen Höhlen versorgt: so holten Sie und Ihr Verehrer sich aus Goethes neuern Werken so viel Eis wenigstens ab, als zum Abkühlen seiner früheren nötig war; und in der Tat, manche von Ihnen sagten mit Goethens Sinngedicht: der Mensch ist ein Hund, denn dieser ist ein Schuft. Wärme der Sprache, also des Mundes wurde mehren Dichtern als ein bedenkliches Zeichen von Gebrechlichkeit verübelt, so wie an Hunden eine warme Schnauze Unpäßlichkeit bedeutet. So viel ist wenigstens gewiß – wobei ich mich auf Sie selber stütze –, daß ein Dichter, der sich noch nicht kalt genug gemacht, um andere warm zu machen, noch zu weit zur Dichter-Größe hin hat, indes dagegen einer, der Herzens- und Papier-Schreckmann (Terrorist) und überhaupt nicht ohne Grausamkeit ist, doch etwas scheint, so wie in Rom jetzo viele den Apollo von Belvedere (nach Seume) für Nero den Sieger halten.

Aber eben diese ästhetische Härte, ja Herzlosigkeit gewährt Ihnen – wollten Sie dergleichen nur recht nützen – Zauber und Halt gegen Verehrer, weil diese gewöhnlich die Frauen an der Herzseite, wie das Fußvolk die Reiter an der linken Seite, die keine Waffen und auf dem Pferde schweres Wenden hat, anzufallen pflegen. Die Aufsprünge sind kaum zählbar, in die ein armer Liebhaber zu setzen ist, wenn er an der Herzseite nichts erreichen kann und bis zum Kopfe hinaufmuß. Eine solche Kunsthärte des Herzens gleicht dem physischen Bau, wo zwischen dem weichen Herzen und Busen das schirmende Knochengitter gut angebracht steht.

Was würden Ihnen aber diese Vorteile helfen in der Ehe? Nichts, aber wohl schaden. Die Ehe erschöpft bald den weiblichen Kopf, aber kein Herz ist zu erschöpfen; jeder Gedanke des Witzes, des Verstandes etc. veraltet wiederkommend, jede Empfindung des Herzens kehrt jung und verjüngt zurück. In der Ehe kann wohl weiblicher Glanz dunkler werden, aber weibliche Wärme nicht kälter; so wie das brennende Nachtlicht am Tage zwar seinen Schein verliert, aber seine Wärme fortsetzt und kaum gesehen glüht. Man könnte dieses Gleichnis allgemeiner so gebrauchen: unsere Kenntnis wird zwar wie das Wachslicht durch die Zeiten kleiner oder größer erscheinen, aber die Wärme bleibt auch an jedem Tage ungeschwächt.

Noch bleibt die vierte Kautel, die sinnliche Liebe betreffend, in Rücksicht der fünften, nicht zu heiraten, zu würdigen übrig. Ich hoffe zu Damen zu sprechen, welche gemeine Vorurteile nicht mehr hegen, und mit denen also ein freieres Wort zu reden ist als mit dem Alltagschlag. Gebildete Damen haben jetzo so geistig-ungewöhnliche Schoßbücher, als die indischen Damen auffallende Schoßtiere haben, nämlich Schweinchen, Schlangen und Eidechsen, beide letzte am Busen zum Kühlen. Wir sind wohl alle darin einig, daß, wenn man weibliche und jungfräuliche Wesen für etwas Heiliges (und dies mit Recht) erklären und doch jeden, der sie berührt, für unheilig halten will, dies nichts als eine Wiederholung des elenden AberglaubenAllgem. Welthistorie, 2ter Band. der Ägypter ist, welche ebenso Tauben für heilig und des Anbetens wert ansahen und daher recht viele hielten, gleichwohl aber durch die Berührung derselben unrein zu werden besorgten. Lächerlich genug! Und doch nichts weiter als eine Folge der erbärmlichen Schranken der Geschlecht-Prüderie und Sittlichkeit, in welchen man von jeher uns, besonders aber die Weiber, zu halten getrachtet. Wenn einmal ein Reich-Abschied von 1577 den guten Frauen das körperliche Springen verbot, so hat man freilich nur wenige Schritte zum Verbote auch jedes geistigen Springens, es sei mit Gedanken oder mit Neigungen. Sollen aber doch gewisse eingewurzelte Vorurteile gegen die Sinnlichkeit herzhaft ausgereutet werden, so weiß ich nicht, schönes Sinnenfünf, wie irgend jemand dergleichen in der Ehe durchzusetzen hoffen kann. Schon an sich sind Ehemänner dünn gesäet, noch dünner aber ein Ehemann, mit welchem eine Gattin für ihre Morgengabe sich eine unentgeltliche Zugabe von fünf Gratis-Exemplaren erkaufen könnte, wie man umgekehrt für fünf bezahlte Buch-Exemplare das sechste frei bekommt; und sogar am Vorleser dies würde sich jede von Ihnen, schönes Fünf, vergriffen haben, welche hierin über ihn einer vorteilhafteren Meinung gewesen wäre. So bleibt denn wohl für jede, die mit Ernst an die Sache gehen will, nichts übrig als mein Rat, zwar Lieben zu lieben, aber nicht das Ehlichen; dann geht so vieles besser. Ein Dichtin sucht und findet stets junge Männer, die etwas aus Kunst und Wissenschaft machen und zu machen wissen – nur ein Eheherr bekümmert sich, wie wir schon gehört, um dergleichen bei seiner Frau so wenig –; Wissenschaft und Kunst sind aber der Liebe so verschwistert und benachbart, daß, wenn in Athen der weisen und kriegerischen Pallas ein Opfer gebracht wurde, man auch dem Amor eines bringen mußte, weil beide GottheitenNat. Com. p. 1172. im selben Tempel standen; eine antike Sitte, welche mit Weglassung der veralteten Festlichkeiten in neuern Zeiten noch von vielen Sing-, Klavier- und Hofmeistern beibehalten wird. Man denkt sich auch in die höhern Absichten dieser Lehrmeister leicht bei einiger Gutmütigkeit hinein; es ist ihnen nämlich wirklich nicht sowohl darum zu tun, nur sterblich vergängliche Geburten zu erzeugen – dergleichen erlernte Gesänge, Spielstücke, Aufsätze und andere Geistesgeburten immer bleiben werden – als vielmehr unsterbliche im strengsten Sinn, welche gleich ihren Eltern auch in einer zweiten Welt noch fortdauern.

Somit glaub' ich einem reizenden Fünf von gewaltigern Direktricen, als die fünf französischen Direktoren waren, das alte Sprichwort von Östreich: tu felix Austria nubeBekanntlich vergrößerte sich Östreich häufig durch Vermählungen. (du glückliches Östreich heirate) in der schönen Umkehrung und Anwendung auf Sie: Du glückliches Direktorat heirate nicht! (nämlich tu felix direktorium ne nubas) warm vorgehalten und gepriesen zu haben.

Übrigens will die ganze Nachvorlesung nichts sein als ein geringer Dank für die Treue, womit Sie mir, ungeachtet so vieler ernsten und sentimentalen Stellen oder Flecken meiner Werke, aus Dank für den Spaß getreu geblieben. Doch belohnt sich ein solches Festbleiben schon ohne mich; es ist dasselbe Festhängen wie an einer Lustpartie; denn es wurde noch nie erhört, daß Damen, welche an einem himmlischen Sonnabend sich zu einer Lustfahrt für den noch himmlischern Sonntag verabredet hatten, solche etwa darum aufgegeben hätten, weil der Sonntag vormittags Gewitterregen kochte und nachmittags ausgoß; sie wechselten nichts, nicht ihre Entschlüsse, nur Sonnen- gegen Regenschirm – Gute Nacht! Und geben Sie mir den Nachtfrost, welchen jetzo Ihre Reize empfinden, nicht als geistigen zurück!
 

Das Jungfrauen-Fünf schied sich lampenleer von mir, aber ohne irgendeinen Danklaut, auf welchen ich gerechnet hatte. Am Morgen mußt' ich sogar erfahren, daß die meisten der Rat, nicht zu heiraten, sogar verdrossen hatte; besonders die älteren – weniger die häßlichen – am wenigsten die jüngsten. Da man nun dies jetzo weiß, so rate künftig jeder den Dichtinnen das Gegenteil an und opfere lieber ihre künftige Gatten auf.

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