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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 75
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Der Gegenstand der zweiten Kautel, der Stolz, gebieret so leicht den der

dritten (oder 7ten)

den Menschen-Haß.

Dem Hasse wird jetzo alles verziehen, der Liebe nichts, da doch jener selber kaum zu verzeihen ist. Aber wie es jetzo überall mehr Polemik als Thetik gibt – mehr köpfende Köpfe als krönende und gekrönte –, so ist auch die negative Seite des Herzens, das Abstoßen des Schlechten, leichter zu laden als die positive, das Anziehen des Guten oder die Liebe. Das auf einer Seite, auf der linken, vom Schlage gelähmte Jahrhundert will sich auf der rechten oder herzlosen desto mehr zeigen. Ich möchte sagen, die Liebe ist das Sehen und der Haß das (immer schmerzliche) Fühlen des innern Auges, womit sich auch Blindheit verträgt, obwohl nicht umgekehrt. Das Edlere ist überall so leicht zu töten, indes das Gemeinere fast wider Willen aufsteht; und ach wie leicht wird Liebe getötet! Unser Jahrhundert hat die Tugend des Teufels, welcher diejenigen peinigt, die so wenige haben als er selber. So erkältet die französische Philosophie, wenn verdoppelte es hindert, wie nur einfache, aber nicht doppelte Fenster gefrieren. Das Schlimmste ist, daß aus der Einbildung zu hassen viel leichter Wahrheit wird als aus der zu lieben, so wie leichter ein Mensch schlecht wird, der sich für schlecht, als einer gut, der sich für gut hält. Unsere jetzigen Kriegs-Jünglinge gleichen den Lykanthropen der alten Zeit: sie glauben sich aus Menschen in Wölfe verkehrt und rauben und beißen dann wirklich als Wölfe.

Ist es nicht eine zweite Verderbnis, daß man von der Zeit, welche den von den französischen Enzyklopädisten gewählten unheiligen Vater aller Tugenden, den Egoismus, gekrönt und mehre Kardinal-Laster zu dessen Bedienung geadelt hat, das beste Mittel, das sie gegen diese erste anbeut, wie das heiße Wetter gegen Raupen die Nässe, nicht annehmen will, nämlich die Empfindsamkeit?

Arme, aber heilige Empfindsamkeit!Hier liefen die letzten Poetiker davon, und nur drei verblieben, worunter der schöne Jüngling war, obwohl verstimmt. Womit wird nicht dein Name verwechselt, indes du allein, wenn nach Schiller die Dichtkunst die schöne Mittlerin zwischen Form und Stoff, noch gewisser die schöne Mittlerin zwischen Menschenliebe und Eigenliebe bist! Freilich darf dich jeder tadeln, der dich mit dem heuchlerischen künstlerischen Nachsprechen jener Leute vermengt, die dich einmal hatten, dann auf immer verloren und die nun als geistige Weichlinge dich gebrauchen, weil sie den ganzen innern Menschen nur zu einem größern Gaumen machen. Jeder verfolge die nachgebetete Empfindsamkeit, die des Gedächtnisses, die von andern oder von sich geborgte; – aber die rein und leise wie eine Quelle aufspringende, unaufhaltbare, ist diese durch Schwäche verächtlich? –

Dann ists befremdend, daß sie – nämlich die ursprüngliche, nicht die abgeleitete – nur bei Kraftmenschen ist und war. Denn erstlich gerade das elastische Herz der unschuldigen Jünglinge zerspringt wie Staubfäden vor der kleinsten Berührung der Welt. Zweitens die sogenannte Empfindsamkeit entwickelte sich gerade an drei Dichtern von rechter Kraft in jeder Beziehung. Petrarca, zart an Sinn, stark und heilig im Leben, ist der erste, wenn man den alten Krieger Ossian auslässet. Der dritte ist Goethe im Werther nach seinem Götz v. B. Der zweite ist der feste stolze Klopstock in seinen frühern Liebe- und Freundschaft-Oden, welche wahrscheinlich in keinem Herzen sterben als im letzten der Erde. Kurz, auf einem Berge kann sehr wohl ein See sein, z. B. auf dem Pilatusberg ist einer.

Allerdings wendet man gegen neuere Empfindungen ein, daß die alten Griechen solche gar nicht empfunden hätten, ja uns ganz hierin (in diesem Empfinden) ohne Muster gelassen. Der Einwand wird durch das stärker, was er noch in sich schließt, daß nämlich die Griechen (was eben alles zur Empfindsamkeit gehört) auch eine ganz andere, kürzere Liebe gegen die Weiber besessen, desgleichen gegen die Menschen überhaupt, die sie bloß in Griechen und Barbaren einteilten; – daß sie (bevor das Neue Testament und die Kirchengeschichte sie umgoß) von Christentum, Gottheit, zweiter Welt und Romantik (dieser sentimentalen Mutter) so wenig gewußt und geahnet – und daß sie überhaupt Kindern und Wilden schön geglichen, welche beide wenig mit Sentimentalität verkehren...

Ich lasse dabei noch wichtige Einwands-Punkte aus, z. B. daß sie Kants Kritik und Spinozas Ethik nicht erfunden, desgleichen nicht die Druckerei und Setzerei und den Reim und – – das 18te Jahrhundert.... Freilich da liegt viel – denn jedes Jahrhundert erfindet sich selber allmählich, wie wir schon am 19ten ersehen. Folglich kann es an und für sich uns gar nicht schaden, daß wir im Punkte des Herzens um fast 2000 Jahre älter und reicher sind als die damaligen Griechen. Ist die Menschheit nicht ein Baum, an welchem das dünne weiche poetische Blütenblatt zuerst aus schwarzen Ästen bricht, dann das einfarbige dicke feste Laubwerk und doch dann die vielfarbige, weiche, zarte Liebe frucht der Blüte? – Oder soll die Dichtkunst sich mehr als die Philosophie an die Vorzeit kehren? Warum soll, wenn letzte jetzo gerade alle frühern Geister der Philosophie als Lebens-Geister in einen lebendigen Leib sammelt, die Poesie nicht ebensogut mit frühern poetischen Geistern ihren eignen organischen beseelen dürfen, ohne daß sie sich dazu ein Brustgerippe in Athen ausgrabe oder eine Bildsäule in Rom? Darum, weil der Mensch lieber der Vor- und Nach-Zeit angehören will als der Zeit.

Denen fortgegangenen Herren, welche – wenn die Japaner große Augen als Schimpfwort gebrauchen – es ebenso mit nassen machen, hätt' es nicht geschadet, wenn ich ihnen folgendes hätte verhalten können: daß nämlich Liebe-Mangel nicht etwa bloß dem Herzen schade, sondern – was man so wenig bedenkt – sogar der Poesie. Unbeschreiblich ist der Abbruch, den jeder Dichter seinen Geisteswerken tut, wenn er nicht stark empfindet. Er sei zum Beispiel gefühlloser Vater eines wirklichen Kindes: wie will er im Poetischen wahre Vaterliebe malen, wenn er sie vorher nicht gehegt gegen den kleinen Windel-Wicht? Bedenkt wohl der Autor, der wirkliches Empfinden hintansetzt und versäumt, genugsam, daß ers dann desto schlechter schildern werde? Denn bloße poetische Richtung und Form ohne Herzensstoff ist Anzünden einer Fackel ohne Docht. Diese Armut an Liebe zeigt und hilft sich daher bei vielen dadurch, daß sie Gedichte und Kunstwerke nur auf Menschen machen, die selber schon wieder in einem Kunstwerk stehen, z. B. auf eine Mutter, aber auf eine gemalte von Raffael; auf eine Schauspielerin, aber in ihrer Rolle.

Dieses Entbehren und Verachten des Stoffs macht die jetzige Dichtkunst immer mehr der Musik ähnlich, ohne Sinn umherrinnend; der poetische Flügel macht bloß Wind, anstatt auf diesem zu steigen; so daß sie aus den Bildern, ja aus der Sprache endlich in den Klang zieht, und zwar als Assonanz und Reim nur hinten und vornen, wie Musikstücke nur mit dem Dreiklang beginnen und schließen. Wer jetzo gar nichts zu sagen hat, lässet in einem Sonett tanzen und klingen, so wie kluge Wirte, die saueres Bier zu verzapfen haben, tanzen und spielen lassen. Der Name Stanze passet dann trefflich; denn so heißet das eiserne Instrument, womit man italienische Blumen macht und zuschneidet. Ich will das Jahr als mein frohestes preisen, das 12 Monate hat, wo ich kein Sonett höre und sehe; so erbärmlich jagen uns auf allen Gassen Musenpferde mit diesem Schellengeläute nach, von Reitern besetzt, deren Mantelsäume und Kappen gleichfalls läuten. Die Reim-Quellen, welche Klopstock auf einige Jahre zutrat, springen um desto gewaltsamer und lustiger an allen Enden in die Höhe. Ich bin keine Minute auf diesem Eilande sicher, daß – so wie es in Italien polyphemische oder liebklagende Sonette (sonetti polifemici), burleske, Schiffer-, Schäfer-, geistliche (s. spirituali) gab – nicht während der Vorlesung zu allen diesen noch Helden- und Lehrgedichte und Trauerspiele aus lauter Sonetten erfunden werden. Wäre Bouterweks angenehme Vermutung richtig, daß der Reim durch den Widerklang aus den deutschen Wäldern entstanden: so ließe der jetzige Holzmangel manches hoffen; aber ich glaube, gerade jede Leerheit kommt den Echos zupasse. Leute, welche weder Begeisterung noch Kräfte, nicht einmal Sprache besitzen, ringen der letzten ein ausländisches Qualgedicht ab und legen uns diese Form, als sei sie poetisch gefüllt, auf den Tisch; so suchen die armen Kartäuser, denen Fleisch verboten ist, folglich auch Würste, sich damit etwas weiszumachen, daß sie Fische in Schweindärme füllen und dann laut von Würsten reden und speisen. Wunderlich stechen gegen die älteren Sonetten, z. B. eines Gryphius, welche, obwohl in der Stammelzeit der deutschen Sprache, mit Leichtigkeit und Reinheit und Bildung fließen, unsere neuern ab, die mit der mehr geübten Zunge nur stottern, plärren und poltern und die als Antitrinitarier der drei Grazien sich alle möglichen Sprech- und Denkfreiheiten nehmen müssen, um nur zu sagen: ich singe. – Freilich in bessern ruhigern Stunden will es mir sogar vorkommen, als sei eben für eine besondere Unbeholfenheit in Sprach- und Versbau und für gewisse Armut an Feuer und Farbe gerade das Sonett als das einzige Vehikel und Darstellmittel brauchbar und für diese Dichtart unentbehrlich, und zu meiner Freude wurd' ich, obwohl figürlich, darin bestätigt, als ich im RabelaisPantagr. L. 4. ch. 43: un pet virginal c'est ce que les sainctimoniales appellent sonnet. Dazu gehört die Note in der von mir angeführten Ausgabe des Rabelais. Wahrscheinlich sollte bei den Nonnen sonnet nach der Ableitung von son oder sonner nichts bedeuten als das deutsche »Klängchen«. las, daß gewisse Nonnenklöster schamhaft ein pet nicht anders nannten als ein sonnet; daher können wir immerhin für gedachte Gedichte den Namen sonnet aus griechischer Nennmilde (Euphemismus) fortgebrauchen, sobald wir nur immer den Reim darauf (im Sinn) behalten.

Seit Vorleser seine Vorlesungen zum ersten Male gehalten, hat der Stoffmangel die Poetiker durch so viele Dicht- und Lieb-Surrogate durchgehetzt, daß sie endlich das beste fanden, den Mystizismus, und dieser, selber ein Wunder, wirkt wirklich Wunder und tut viel. Man muß nur den neuen dichtenden Mystizismus scharf von dem alten handelnden eines Spener, Fenelon, Tauler, Lopes, Markgrafen Renti, einer Guyon u. a. absondern, um jenen nicht zu wenig zu schätzen. Denn das mystische Schreiben hat mit dem mystischen Leben und Denken so wenig Verwandtschaft, daß im Poeten-Mystizismus eben, anstatt daß sonst Dichtkunst in Prose und Geschichte über- und niederging, umgekehrt die bloße vergangne Geschichte und Prose des handelnden sich zum dichtenden erhebt. Die alten religiösen Mystiker waren heilige brennende Seelen und löseten sich im SterbenVor der Kraft und Weltüberwindung der echten Mystiker schwinden selber die Stoiker in Zwerge ein; denn diese verpanzerten sich bloß in das Eis der Vernunft und genossen bloß das Glück, niemals unglücklich zu werden; jene aber, gleichsam wie vierte Personen in der Fülle der Gottheit wohnend, empfangen so wenig als diese von der Welt einen Schmerz, sondern die Liebe wandelt ihnen jeden in Genuß, und jedes Opfern in Bekommen, und ihnen fehlt fast nur die Freude, zu leiden. Wer die Gewalt der Idee und das schönste Sterben kennen lernen will, der trete nur an das Sterbebette der Mystiker, und er wird wenigstens wünschen, wenn nicht zu leben, doch zu sterben wie sie. fliegend wie Flammen von der schweren irdischen Unterlage ab, aber sie waren nur einfache halbstumme Dichter; denn auf der Dichtkunst oder dem Musengipfel ruhten sie eben nur aus vom höheren Himmelfluge, und ihr demütiges Herz hatte außen keinen Heiligenschein, nur innen Heiligenglut.

Aber wozu ist denn eben der neue Kunst-Mystizismus vorhanden und gemacht als dazu, daß er über die jetzige Unersetzlichkeit des Herz-Mystizismus in der liebenden Brust entschädigt und beruhigt durch den schönen Schein von Dichten und Erdichten? Um so mehr wär' es Verdrehung des neu erfundenen Mystizismus, wenn man ihm das enge Herz anstatt des weiten Kopfes zur Wohnung geben wollte; der mystische Poet ist nur im edleren Sinne jener Spatz einer Fayence-Krämerin in Paris, welcher das ganze lateinische Vaterunser abzubeten verstandJournal London und Paris. , nur daß er zwischen die sieben Bitten zur Unzeit seine Schimpfwörter und oft vor und nach der vierten Bitte seine Futter-Foderung einschaltete, anderer Punkte nicht zu gedenken, in welchen der Sperling durch sein Paternoster-Beten um nichts christlicher geworden. Ja es läßt sich ohne den geringsten Nachteil des poetischen Mystizismus gedenken, daß, so wie vormals Teufel in die Gergesener Schweine gefahren, so auch mystische heilige Geister in diese zu treiben sind; wiewohl kein Schwein sich sittlich kompromittiert, es habe nun den Teufel im Leib, oder den heiligen Geist.

Das Mystische ist das Allerheiligste des Romantischen, der unsichtbare Nadir von dessen sichtbaren Zenit. Ist nun aber die heutige Herz- und Stofflosigkeit da, welche das Romantische nicht schaffen kann, so kommt ihr das Mystische erwünscht, und sie läßt statt der romantischen Dämmerungschmetterlinge besser die mystischen Nachtschmetterlinge ausflattern, oder mit andern Worten, sie taucht sich jetzo nicht zur romantischen Perlenbank unter, sondern glücklicher in die mystische Nebelbank ein. Noch ein ganz besonderes Glück wollte, daß die Philosophie des Absoluten gerade ihren Urgrund, Ungrund, Abgrund auftat, als die mystischen Flügel dergleichen zum Flugraum nötig hatten. Der Kopf fodert, wenn kein Herz das All oder Sein ausfüllt oder entleibt und beseelt, von diesem All so viel, daß er auch Gott eine Folie unterlegt – Nun aber, durch Absolutismus und Mystizismus haben wir viel und genug, einen Abgrund nach oben und einen nach unten, ein umgekehrtes oder unteres Himmelgewölbe zum obern, in welche beide wir bangend schauen – den Erd- und Weltball stießen wir längst mit dem Fußball weit über alle Himmel hinaus – und so möchte anjetzo mystisch zu wirbeln sein und zu gleicher Zeit zu steigen (auf und ab) und zu festschweben und zu fortflattern (weil im ausgeleerten entkörperten Ätherblau kein dicker Erdkörper Regen und Ruhen entscheidet) und kurz alles zu sein, sogar das Nichts.

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