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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 74
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Nichts wohl ist verwandter – in aufsteigender Linie – mit der 1. groben Kautel als die

zweite Kautel,

den Stolz

betreffend. Keiner vom Pengel kann sich denken, wie gut irgendeiner vom Pengel denke von sich; denn jeder achtet sich unendlich, folglich den andern nur endlich, höchstens außerordentlich. Ist wirklich – wenn ich und Sie nicht gänzlich irren – der poetische Zeit-Morgen angebrochen. so kann ja jeder, wie an jedem Frühlings-Morgen, im Glanz der Wiesen keinen andern vorübergehenden Schattenkopf im Heiligenschein des Taues umfaßt erblicken (nach der Optik) als seinen eignen, aber keiner den fremden. Allein was entsteht daraus, ich meine aus unendlicher Selbstachtung? – Unendliche Höllenstrafe für den ersten besten Spitzbuben, der an ihr sündigt, weil der Beleidigte, wie nach den Theologen Gott, die Größe der Schuld nach der eignen Größe mißt. Doch hier sieht man zuweilen, was Philosophie vermag, wenn sie den Erzürnten mildernd nur auf Schmähwörter einschränkt, welche bloße Stoßseufzer und Stoßgebete sind gegen rechte Boreaswinde des Zorns.

Sollten wir aber wirklich so gut von uns denken, ich meine jeder von sich? – Ich sollt' es denken. Wir können nichts sein als erstlich entweder Philosophen oder Dichter, insofern wir schaffen, zweitens beides zusammen. Wer von uns allen hier hat nicht schon zugleich geschlossen und gedichtet, auf dem Musenberg geschlafen und eingefahren? Ist einer ein Poet: so wird er natürlicherweise auch ein Philosoph; ist einer dieser: so ist er jener, desgleichen der Rest; – wie ein Seiltänzer spannt man jetzo stets das poetische Schlappseil und das philosophische Straffseil zusammen auf. Ich glaube, eben dieses Glück, so leicht den Doppel-Adler der Menschheit (zugleich den poetischen im Fluge, den philosophischen im Auge) in sich zu verbinden, ist es, was manche an sich schwache Köpfe, die sich vor dem Übertritt zur neuen Schule nichts zutrauen durften, nicht ohne Grund so stolz macht. Warum wir aber als Philosophen allein stolz sind, ist darum: jeder oberste Grundsatz gibt Herabsehen auf die Menschen, die er mehr in sich begreift als sie ihn. Der absolute Philosoph eignet sich das Karthago, das er mit seiner unendlich dünn-geschnittenen Haut umschnürt, so zu, als bedeck' ers damit. Da im Brennpunkte der Philosophie alle Strahlen des großen Hohlspiegels aller Wissenschaften sich durchschneiden: so hält er den Punkt für den Spiegel und für den Gegenstand, und so den Besitzer aller wissenschaftlichen Form für den Besitzer aller wissenschaftlichen Materie.Denn was ist das vergebliche Konstruieren in der Physik und Philosophie anders als eine häßliche Verwechslung der Form mit der Materie, des Denkens mit dem Sein, welche sich nie in der Wirklichkeit zu jener Identität umgestaltet, die im schwarzen Abgrunde des Absoluten so leicht zu gewinnen ist; denn in der Nacht sind alle Differenzen – schwarz; aber in der rechten, nicht in der der Sehenden, sondern in der Nacht der Blindgebornen, welche den Gegensatz zwischen Finsternis und Licht in der höhern Gleichung des Nicht-Sehens tilgt. Eine einzige lebenumfassende Idee macht schon in andern Zeiten und Sachen bis zum Wahnsinn stolz – z. B. die Wiedertäufer, Alchymisten, Revolutionisten und alle Sekten! – Noch mehr stolz macht, was unterscheidet, so wie bescheiden, was vereinigt; Sprache aber unterscheidet uns Fichtisten und Schellinger zu stark für unsere ohnehin nicht riesenhafte Bescheidenheit. Wird die Zahl der Unterschiedenen gar zu groß: so kommts zu einer verdrüßlichen Vernichtung, worin jetzo die armen Kantianer leben. Man denke sich z. B., Napoleon adelte plötzlich die ganze Erde: welche Ehre genösse man noch hienieden? Ich bäte mir aus, der einzige Bürgerliche zu bleiben, falls er nicht selber sich diesen Vorzug vorbehielte.

Noch mehr: wie Luftspringer steht jetzo einer auf dem andern, und wir bauen den babylonischen Turm aus Bau-Meistern mehr denn aus Bau-Steinen. Himmel! wie wird jetzo allgemein und überall besiegt, jeder Sieger, er sei, wer er will! Die Hauptsache ist aber, daß man um eine Buchhändler-Messe oder auch akademisches Halbjahr später anlange; gleichsam als sei es wirklich ein heiteres Nachspiel des so lustigen Eselrennen in Devonshire, wo bloß der Esel gewinnt, der zuletzt ankommt. Dabei nimmt alles zu, nur nicht die Demut, und jeder füllt sich mit dem Winde, wovon er den andern heilt durch den Trokarstich; so daß nur die Aufgeblasenen wechseln, nicht die Aufblasung.

Sollten wir uns in der Poesie weniger dünken? Mich dünkt, eher mehr. Wer verachtet jetzo nicht alle Welt? – Ich wüßte niemand. – Der Grund davon ist, daß ein jetziger Poet – der nämlich zugleich ein Poetiker ist – durchaus einen Gegenstand hat, den er unbeschreiblich bewundert. Z. B. Shakespeare. Bewunderung aber macht nach Home und Platner dem bewunderten Gegenstande ähnlich; das merkt nun jeder junge Mensch und findet sich daher auf die angenehmste und zufälligste Weise von der Welt in den Stand gesetzt, herabzusehen auf jeden, der zu Shakespearen hinaufsieht. Daher wird ein Mensch über das allerhöchste Lob nicht neidisch oder aufgebracht, das seinem Schoß-Dichter zufällt, sondern es letzt ihn leise – der Grund ist: er merkt nur gar zu gut, daß er Voltairen gleiche, welcher in Paris (wo er an Lorbeerblättern im Magen verschied) aus seiner Loge ohne allen Neid dem Aufsetzen des Lorbeerkranzes zusah, welches auf der Bühne seiner – Büste widerfuhr, so wie aus demselben Grunde kein einziges Mädchen, sei es die Schönheit und der Neid in Person, einer gedruckten Romanheldin die größten Lobsprüche mißgönnt; denn der hübschen Närrin entgeht es gar nicht, auf welche Person sie alles zu beziehen habe; sondern sie bezieht.

Mehr Scherz als Ernst ist es, wenn ich sage, daß den Dichter sogar der Romanenheld, den er gebiert, aufblähe, weil er den Lessingschen Schluß, daß Gott den Sohn schafft, indem er sich selber denkt, an sich wiederhole.

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