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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 69
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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II. oder Jubilate-Vorlesung
über die neuen Poetiker

(Einige Personalien der Vorlesung.)

Kein einziger Stilistiker kam wieder, vielleicht weil die Meßgeschäfte ernster anfingen, vielleicht weil es einen und den andern verdroß, daß ich ihn verachtet hatte und angepackt. Indes wurde ich und mein Famulus vielleicht schadlos gehalten durch die Zahl von fremden, fast groben Musensöhnen (denn die einheimischen benützen auch die Messe und reisen) – von jungen, doch höflichen Juden – einigen stillen Buchhändlern – von vielen -auf die Messe letzten nachreisenden Musenvätern, wozu sie aus Musensöhnen geworden durch gute Systeme und Romane, in welchen sie, wenn nicht Sachen, doch sich selber dargestellt haben – und von einigen von Adel – – samt und sonders geschwornen Feinden der Stilistiker, durch den schönen Jüngling hergelockt und eingeschifft für Malta, weil er ihnen vorgetragen, was ich vorigen Sonntag vorgetragen. Doch auch die königlichen Pferde, welche bekanntlich im ersten Meßsonntage durch Leipzig ziehen, mögen mir einige akademische, jüdische und adelige Zuhörer zugezogen haben.

Ich kann nicht behaupten, daß der größere Teil der Genossenschaft mich so stolz gemacht hätte, als ers selber war. Ein Mann, der mehr in der Ehe und am Hofe lebt als auf Akademien, wird schon von der phantastisch-eiteln Einkleidung der Musensöhne in eigne Nebenbetrachtungen versenkt über die Eitelkeit der Jünglinge, welche, obwohl kürzer, doch schreiender ist als die verschämte der Jungfrauen. Eine Reihe in Kupfer gestochener Studenten gäbe vielleicht ein nützlicheres Mode-Journal für Schlüsse aus Zeiten und Örtern als das jetzige, dieser spätere Nachdruck der Zeit.

Mehren Titus- und Kaligulas-Köpfen war das philosophische Rezensier- und Feimer-Wesen anzusehen; denn bekanntlich hießen sich die Fem-Richter Wissende. Drei oder vier Dichter schrieben sich – nach den Mienen zu schließen – ganz kurz Philippus Aureolus Theophrastus Paracelsus Bombastus von Hohenheim, um sich von ihrem Zu- und Vornamen zu unterscheiden, der bettelhaft HöchenerDies ist der wahre Name des Paracelsus. hieß. Aus der Tonne Diogenes' hatten einige sich als Thespis-Gesellen so viel zynische Hefe für ihr Gesicht geholt, als nötig war, um grob zu scheinen, wenn auch nicht zu sein.

Inzwischen fing der Verfasser seine Vorlesung an, und zwar so:
 

Treffliche Spieß- und sonstige Gesellen! Niemand kann wohl meine Freude über unser Zusammenkommen schwächer ausdrücken als ich selber; möcht' es Ihnen besser glücken! – Ich schmeichele mir, ein wenig, wenn nicht zu Ihrer Handwerkslade, doch zu Ihrer Bundeslade zu gehören; und selber Feinde von mir sagen, ich hälfe mit Ihnen den Geschmack verderben. Wenn ein Mensch mitten in den Achtzigerjahren die Teufels-Papiere und anfangs der Neunziger die unsichtbare Loge gibt, folglich noch früher ausdenkt: so kann er leicht manche Sachen und Richtungen früher gehabt haben als seine Nachsprecher und Widersprecher. Wer übrigens der Stifter von uns Poetikern ist, das ist schwer zu sagen; denn jeder Stifter wird selber gestiftet. – Nicht einmal Goethe kann man nennen; denn teils bildete Klopstock seine Werthers-Empfindsamkeit, teils Herder seine Jugend, teils Winckelmann seine Propyläen, teils Shakespeare seine Bühne und die Vorzeit seine Nachzeit. Diese alle wurden wieder gebildet. Und so geht es zurück; man muß nie schließen, weil man von keinem Sohne gezeugt worden, so habe man keinen Vater gehabt. Eine silberne Ahnenkette adeliger Geister reicht um die Länder und durch die Zeiten; und für jeden Jesus führen zwei Evangelisten zwei verschiedene Geschlechtsregister. Gleichwohl muß man, wenn man nicht aller Philosophie zuwider schon zu Gott zurück- und aufflüchtet, einen Ur-Ahnherrn und Stifter der neuern Sekte anerkennen, der meiner festen Überzeugung nach niemand ist als – Adam, es sei, daß man seine Allwissenheit und Unsterblichkeit und Tierherrschaft, oder daß man seinen Apfelbiß betrachte oder das Naturell seines bekannten Sohnes.

Wir wollen jetzo, da wir unter uns sind, miteinander nichts betrachten als unsere Flecken, sowohl unsere Schand- als Sonnen-, Monds- und Tigerflecken. Denn diese müssen abgewaschen oder abgekratzt werden, wenn aus der neuen Zeit etwas werden und die Morgenröte dazu nicht ohne Sonne in einen verdrüßlichen grauen Regentag zerfließen soll, oder wie an einem Wintermittage am Pole allein auftreten statt des Phöbus.

Ich will die Kapitel heute Kautelen nennen. Nun find' ich nach Anzahl der Kardinaltugenden gerade so viele Kardinalsünden an unserem Herzen, nämlich 4; und gleichfalls am Kopfe nach der Zahl der 4 Fakultäten ebenso vielfachen Mangel an Fakultäten. Dies zusammen gibt für unsere Kautelarjurisprudenz 8 Kautelen, wahre 8 partes orationis. Die Mutter dieser 8 Seelen unserer Arche erscheint am Ende.

Erste Kautel

für den Kopf.

Von jeher hab' ich dies als die erste Kautel, welche wir zu beachten haben, angesehen, daß wir jetzo noch eifriger als je darauf aus sein müssen, daß wir nicht – toll werden, oder, was man nennt, vom sogenannten Verstande kommen, sondern lieber, wenns sein soll, zu ihm. Es ist nicht zu sagen, was vollständiger Wahnsinn teils den Werken selber schadet – besonders bei den jetzigen Spaltungen –, teils dem Autor als Menschen. Jeder Tropf setzt sich heimlich über einen Wahnwitzigen; und selber unter seinesgleichen im Tollhause hat der größte Narr nicht mehr Ehre als der kleinste. Denn wie nach einem Alten jeder Wache in einer gemeinschaftlichen Welt, der Träumer aber in seiner eignen wohnt, so macht eben nichts so sehr als die Tollheit (dieser Jahr-Traum) einen Menschen einseitig, kalt, abgesondert, unabhängig und unduldsam; jeder wohnt im Tollhaus in seiner Kammer, gleichsam wie in einem Lehrgebäude, um welches ihm die fremden Kammern nur als seine Wirtschaftgebäude und als eine Fuggerei von petites maisons liegen; und nirgends ist weniger ein Publikum zu einer Wahrheitanstalt zusammenzubringen als in einer Irrenanstalt.

Ich warne aber nicht ohne Grund. Hat man es schon vergessen, daß erst neuerlich in der Ostermesse 1803 ein herrlicher deutscher Kopf voll Kraft und Witz völlig rasend geworden – ich meine den Bibliothekar Schoppe im 4ten Titan? – Wer von uns ist sicherer? Jeder ist unsicherer. Denn viele Quellen auf einmal dringen ersäufend auf jetzige Köpfe ein, daher man ganz natürlich seit einigen Jahrzehenden mehr Irrhäusler unter den Honoratioren aufzählt als sonst. Der vernichtende Idealismus der Philosophie, der das unwillkürliche Wachen und das unwillkürliche Träumen in einen höhern wechsellosen willkürlichen Traum auflöset, erinnert an Moritz' Bemerkung, daß Träume, die sich nicht verdunkeln, sondern sich hell ins Wachen mengen, leicht allmählich aus der Schlafkammer in eine dunklere geleiten.

Viel dürfte zur Tollheit auch der poetische Idealismus in seinem Bunde mit dem Zeitgeist hinwirken. Einst, wo der Dichter noch Gott und Welt glaubte und hatte, wo er malte, weil er schauete – indes er jetzo malt, um zu schauen –, da gab es noch Zeiten, wo ein Mensch Geld und Gut verlieren konnte und mehr dazu, ohne daß er etwas anderes sagte als: Gott hat es getan, wobei er gen Himmel sah, weinte und darauf sich ergab und still wurde. Was bleibt aber den jetzigen Menschen nach dem allgemeinen Verluste des Himmels bei einer hinzutretenden Einbuße der Erde? – Was dem auf dem Glanz-Schwanz eines poetischen Kometen nachschwimmenden Schreiber, wenn ihm der Kometen-Kern der Wirklichkeit plötzlich zermalmt wird? Er ist dann ohne Halt des Lebens, oder wie das Volk sich richtig ausdrückt, nicht mehr bei Troste.

Dieser Trost-Defekt offenbart sich schon im allgemeinen Streben, lieber etwas Lustiges als etwas Rührendes zu lesen – welches letzte allemal verdrüßlich fällt bei den entweder durch Schicksal oder durch Unglauben verlornen Realitäten. – Die letzte Fluchthöhle des aus einer festen Brusthöhle vertriebnen Herzens ist das Zwerchfell; es gibt ein Lachen des Zweifelns wie des Verzweifelns. Allein wo wird im ganzen mehr gelacht als in einer Irrenanstalt?

Ich komme auf die Tollbeeren des Parnasses zurück. Wenn Sophokles auf die Klagschrift seiner Kinder, daß er toll sei, keine andere Schrift bei den dasigen Wetzlaer Lesern einreichte als seinen Ödip: so gewann er durch Schreiben den Prozeß, den die meisten jetzigen Dichter dadurch eben verlören – so daß immer zwischen ihm und ihnen ein gewisser Unterschied bleibt. So vieles im Dichten neigt uns der Tollheit zu, – der Wunsch, neu zu zaubern, wozu man nach dem Volkglauben stets Worte ohne allen Sinn nehmen muß, z. B. Abrakadabra – das Sinn und Sache verlassende Arbeiten an bloßen Reimen, Assonanzen, Wortspielen und Füßen der guten Sonette – das willkürliche Nachträumen aller Völker-Träume und Zeiten-Träume – die Doppel-Dürre an Erfahrung und Gelehrsamkeit, eine Leere (sie kommt nachher unter den 4 Kautelen der Köpfe vor), welche, wie schon Bako an den Scholastikern bemerkte, desto mehr schadet und aufreizt zu phantastischen Schaumgeburten, je mehr Kräfte da sind, daher jetzo so viele poetische Werke nur zerschlagne kalte Eier sind, deren Inhalt ohne Bildung und Küchlein umherrinnt in Ei-Weiß und Dotter, den Sinnbildern der Philosophie und Poesie. Glücklicherweise sind wir seit fünf Jahren mehr im Tollsein vorgerückt, so daß man beinahe lieber mit demselben erscheint, als ohne solches auffällt und Ausnahme macht. In Klopstocks und Goethens Jugend-Zeiten, worin beider jung aufschießendes Kraftfeuer eine gerade Flamme, ihr Feuerwerk eine angeordnete Richtung nahm oder worin – unbildlich zu reden – so jung-starke Kräfte sich ohne Übermaß, Wahnsinn und Bombast aussprachen, hätte man vielleicht über manche jetzige Bedlamismen gestutzt. Jetzo ist Tollheit bis zu einem gewissen Grade gern erlaubt. So schäumen z. B. in Attila von Werner (sonst ein Bildner fester Gestalten) alle Spieler mitten im Kochen des Leidens zu einem freudigen Halleluja auf; so wird später dessen fester gediegne Luther von seinem Famulus verflüchtigt. Der Boden der Menschheit schmilzt durch einen gedichteten Mystizismus, welcher die höhere Potenz der Romantik sein will, in ein bestand-, erd- und charakterloses Luft- und Äther-Wehen ohne Form, in ein unbestimmtes Klingen des All – mit dem irdischen Boden sind die romantischen Höhen versunken, und alles wird, wie vom Schwindel schnell vorüberschießender Gestalten, zu einem Farbenbrei gerührt. Nichts steht, ja nichts fliegt – denn sonst müßte man doch etwas haben, worüber man fliegt –, sondern Träume träumen von einander – – Und mehr gehört nicht zu solider Tollheit von einigem Bestand und Gehalt! Dieser mystische Karfunkel, welcher sogar die geregelte innere oder geistige Wirklichkeit verflüchtigt, kommt auch in komischen Darstellungen als der Zeisigstein wieder, der das ganze Nest unsichtbar macht. Z. B. in den »Schattenspielen von Kerner« wird dem sonst trefflichen Witze und Komus und Darstellvermögen der feste Wohnplatz unter den Füßen weggezogen und alles in Luftschlösser eingelagert, welche bisher nicht einmal für Märchen bewohn- und haltbar waren.

Unzählig viel ist noch zu sagen, Zuhörer, und nicht ohne Ursache stell' ich die Tollheitkautel voran. Schon der ungemessene Stolz vieler Jetzo-Menschen (er kommt nachher unter den 4 Kautelen des Herzens vor) ist gefährlich genug; daher eben Kinder und Greise niemals rasend werden. Niemand ist aber mehr stolz und will sich mehr unterscheiden als die ersten Anhänger einer Sekte; die zweiten sind nur Anhänger, um sich nicht zu unterscheiden, die dritten werden gleich als solche geboren. Daher gibt der erste Wurf einer Sekte wie – wahrlich ich habe kein edleres Gleichnis zur Hand – der erste einer Hündin toll werdende Geburten.Nach Cettis Naturgeschichte von Sardinien, wo man den ersten Wurf wegwirft und daher nie Gefahren hat.

Freilich ein besseres Gleichnis ist es, aber nur auf den vorvorigen Satz passend, daß nämlich die Dichtkunst der mit Gift-Feuer gefüllte Blumenkranz, welchen Medea der Kreusa gab, geworden, der das verzehrte, was er schmückte. – Durch lauter Empfindungen und wiedergebärendes Darstellen derselben und Anschauen fremder Darstellungen von ihnen, aber ohne Taten und durch die zugleich sinnlich-schwelgende und poetische Verwüstung des Lebens sind viele Leute und Nihilisten in Residenzstädten dahin gekommen, daß sie keine Hunde sind, sondern diese beneiden, weil solche ohne Traum-Zerfließung noch mit einer gewissen Schärfe die Welt anfassen und anschauen, wie denn ein Hund sich von der Insel Malta wenig unterscheidet, die ein bloßer Niederschlag von Zähnen und von Knochen ist. – Doch wollen wir diesen Hohlbohrern der Wirklichkeit, besonders wenn es prosaisch und poetisch zugleich geschieht, nicht ableugnen, daß es wenigstens in höhern Ständen durch rechtes Entkräften, durch galenische Aderlaß des adeligen Blutes zu einem guten moralischen Durchbruche stärkt, wie sonst die Jesuiten den Leuten sogar physisch zur Ader ließen, um sie leichter zu bekehren.

Sonderbar genug ists in dem Welt-, Hof- und Schreibleben, daß den Menschen, denen schon alles untergesunken, Götter, Welten, Sinne, sogar Sünden, doch noch die Ehr- und Gefallsucht gesund stehen bleibt. Wird ihnen auch diese unheilbar verletzt: dann geht der Kopf verloren. Indes muß ich, wenn ich nicht den Anschein haben will, als hätt' ich gegen Tollsein an sich etwas, ausdrücklich anmerken, daß ich in unseren Zeiten Tollheit von gehöriger Stärke recht gut zu würdigen wisse, aus zwei Gründen: erstlich darum, weil Wahnsinnige Not, Kälte, Hunger und mehre Leiden fast ohne Empfindung aushalten, welche letzte uns Verständigen in Krieg- und Friedenszeiten so heftig zusetzt; und zweitens darum, weil nach den Bemerkungen der Ärzte Tollheit, so wie Fallsucht, das Zeugvermögen ganz ungewöhnlich reizt und stärkt; ein Umstand, welcher bei dem jetzigen Unvermögen wohl in manchen höheren Familien wenigstens einen Stammhalter wünschen läßt, bei welchem es (gemein zu reden) übergeschnappt hätte.

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