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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Kurze Nachschrift oder Nachlese der Vorlesung über Schiller

Schiller ist der poetische Gott und der Gottleugner zweier Parteien, also zugleich vergöttert und verleugnet. Für die Mittelmärker oder Deutschbriten sind Schillersche Gedichte wie die Frauenwürde, die Freude, die Ideale hohe lyrische, denn sie stellen nicht die bloße Empfindung, sondern die Betrachtungen über dieselbe in guten Bildern dar. Z. B. die Ideale. In der ersten Strophe geht die goldne Zeit des Lebens ins Meer der Ewigkeit, d. h. die Zeit der Ideale – dann heißen sie »heitere Sonnen, die erhellten«. – Sogleich heißen die Ideale wieder Ideale, die zerronnen, und sonst das trunkne Herz geschwellt. – Sogleich heißen sie eine schöne, aber erstarrte Frucht. – Sogleich Träume, aus denen der rauhe Arm der Gegenwart weckt. – Sogleich wird die Gegenwart zu umlagernden Schranken. – Sogleich heißt das Ideale eine Schöpfung der Gedanken und ein schöner Flor der Dichtkunst. Am fehlerhaftesten ist die dritte und vierte Strophe, worin die vorigen Ideale darin bestanden, daß er, wie Pygmalion seine Bildsäule, so die tote Säule der Natur durch sein Umarmen zum Leben brachte, welches sie aber jetzo entweder wieder verloren oder nur vorgespiegelt. Das Folgende beschreibt bestimmter. Doch widerspricht das schöne Gleichnis vom Strom aus stillen Quellen, der sich mit stolzen Masten in den Ozean stürzt, dem Untergange der Jugend-Ideale. Auch der Schluß tröstet mit seiner Anweisung an Freundschaft und Tätigkeit nur karg und unpoetisch. Die erste, bildliche Hälfte seines Gedichtes konnte er so weit fortbauen und dehnen, als die Wirklichkeit Glanz-Gegenstände reicht, durch deren Erbleichung er den Untergang der Ideale ausdrückt; er hätte z. B. noch sagen sollen: die festen Gebirge der Ferne schwimmen nun in der Nähe nur als Gewölke in meinem Himmel – ferner: die durchsichtigen Glanzperlen hat der Essig, die Feuer-Diamanten die Glut des Lebens aufgelöset – – ferner: gesenkt stehen die Sonnenblumen meines Jugendtages jetzo in der kalten Mitternacht und können sich nach der vertieften Sonne nicht wenden – ferner: in der irdischen Nacht stand meine Zauberlaterne, aber ihr Licht und ihre Gestalten sind nun ausgelöscht – oder: einst schimmerte mir oben ein Wunderstern, welcher auf den neugebornen Heiland mit seinen Strahlen zeigte, aber er ist untergegangen, und nur die gemeinen Sterne der Zeit blieben am Himmel – – doch genug! Warum soll ich mich hier um so manche erträgliche Allegorie bringen und ärmer machen und Juwelenblitze verschleudern, womit ich künftig Schreibfinger bei wichtigsten Darstellungen ausstatten könnte? – – Ebenso lückenhaft ist das berühmte Gedicht »an die Freude« gebauet, in welchem sich an den Trinktisch nicht bloß, wie bei Ägyptern an den Eßtisch, »Tote« setzen, sondern auch »Kannibalen«, »Verzweiflung«, das »Leichentuch«, der »Bösewicht«, das »Hochgericht«, und worin aller mögliche Jammer zum Wegsingen und Wegtrinken eingeladen ist. Übrigens würd' ich aus einer Gesellschaft, die den herzwidrigen Spruch bei Gläsern absänge: »Wers nie gekonnt, der stehle weinend sich aus unserm Bund«Wie poetischer und menschlicher würde der Vers durch drei Buchstaben: »der stehle weinend sich in unsern Bund!« Denn die liebewarme Brust will im Freudenfeuer eine arme erkältete sich andrücken., mit dem Ungeliebten ohne Singen abgehen und einem solchen harten elenden Bunde den Rücken zeigen, zumal da derselbe kurz vor diesen Versen Umarmung und Kuß der ganzen Welt zusingt und kurz nach ihnen Verzeihung dem Todfeind, Großmut dem Bösewichte nachsingt. Hier fehlt nur Zeit, nicht Anlaß, zu zeigen, daß diese Betrachtungen und Entschlüsse bei Gelegenheit der Freude gerade so zusammenhingen wie die eine Zeile, worin die gehuldigte Sympathie zu den Sternen leitet, wo der Unbekannte thront, mit der andern, worin er über den Sternen wohnt. Dieses Lehrgedicht wurde, so wenig es ein Sanggedicht ist, gleichwohl auf Singnoten gebracht, weil die Tonkünstler so wenig ein Text abschreckt, daß sie nicht nur Gedankenleere desselben, was verzeihlich ist, sondern sogar philosophische Fülle tönen und statt des Luft-Elementes das Äther- und Lichtelement sich schwingen lassen.

Sogar an die »Frauenwürde« hat man die Tonleiter angesetzt und mithin Gedanken wie folgende gespielt und geblasen: »aus der Wahrheit Schranken schweift des Mannes wilde Kraft – gierig greift er in die Ferne – rastlos durch entlegne Sterne jagt er seines Traumes Bild – Aber mit zauberisch fesselndem Blicke winken die Frauen den Flüchtling warnend zurück in der Gegenwart Spur – (die Frauen) reicher als er in des Denkens Bezirken und in der Dichtung unendlichem Kreis – in der Welt verfälschtem Spiegel sieht er (der Mann) seinen Schatten nur – nur das Bild auf seinem NetzeWas ist denn Sehen sonst?, nur das Nahe kennt er nie.«... Doch hier werde lieber ausgelassen als ausgewählt; denn womit hat der Dichter eine Übersetzung in die Tonsprache verschuldet? Die holländische Zeitung, welche einst Rameau in Musik zu setzen sich anbot, läßt sich doch leichter mit Tönen begleiten und umschweben, da in einer Zeitung wenigstens Geschichten, Mord- und Wohl-Taten und dergleichen vorfallen; aber welche Tonkraft setzt einen Paragraphen in Musik und macht Gedanken-Bons zur klingenden Münze? – Je poetischer und plastischer ein Gedicht, desto leichter nimmt die Memnons-Bildsäule vom Lyra-Phöbus Töne an; daher Goethens Lieder, gleichsam wie in Italien die Opern, schon von Tonsetzern für deren Bedürfnisse bestellt zu sein scheinen. Immer wird sich die ältere Sonnennähe der Dicht- und der Tonkunst an der größern neuern Entfernung beider rächen.

Indes soll hier kein Tadel auf Gedichte wie die Ideale, die Frauenwürde fallen, welche keine Lieder, sondern, wie die Götter Griechenlands, die Künstler, nur Lehrgedichte sind. In Lehrgedichten aber – wozu beinahe Schillers ästhetische Abhandlungen gehören – müssen ihn alle neuern Völker auf einem Sieg-Wagen lassen, dem sogar die alten nicht weit vorfahren.

Noch mehr, als dem großen Dichter die Mittelmärker zu viel beilegen, entwenden ihm die Poetiker zu viel. In den einzelnen lyrischen Gemälden seiner spätern Trauerspiele – z. B. in denen des Kriegs, des Friedensfestes in Piccolomini, der katholischen Kunst und Religion in der Stuart und den Brüdern von Messina, des Traums über OktavioSchill. Theat. I. B. S. 270. – verklärt er sich rein poetisch und romantisch, ohne Rhetorik und Lehrdichterei. Was ist aber dies gegen den großen tragischen Geist, als welcher er hoch und geisterhaft über alle neuern Bühnen schreitet in Wallenstein und Tell! Selber Goethe fliegt in seinen poetischen Blütengipfeln herab vor ihn hin und richtet sich auf, um dem Hohen den tragischen Kranz auf das Haupt zu legen. Niemand hat nach Shakespeare so sehr als Schiller – welcher zwar unter, aber auch fern von jenem Genius steht und daher den Poetikern die Gelegenheit zur Verwechslung der Erniedrigung mit der Entfernung gab – die historische Auseinandersetzung der Menschen und Taten so kräftig zu einem tragischen Phalanx zusammengezogen, welcher gedrängt und keilförmig in die Herzen einbricht. In der Mitte von Dom Karlos fängt seine reine Höhe zu steigen an, und sie bildet vielleicht schon im Wallenstein ihren Gebirggipfel. Seine eigentliche romantische Tragödie ist weniger die von so vielen Gemeinheiten der Menschen und des Lebens umschattete Jungfrau von Orleans als Wallenstein, worin Erde und Sterne, das Überirdische (nämlich der Glaube daran) und alles große Irdische gleichsam zwischen Himmel und Erde die Blitze ziehen und laden, welche tragisch auf die Seelen niederfahren und das Leben erschüttern. Im romantischen All ist er überall mehr in der schauerlichen Tiefe der Unendlichkeit als in der heitern Höhe derselben geflogen. Dies ist an und für sich kein Vorwurf; nur einer, aber kein großer, daß er Melpomenens Dolch häufig zu glänzend und damasziert geschmiedet und geschliffen. Aber wahrlich jeder Kunstrichter oder Kunstschreiber und besonders die jetzige, weder sich noch andere bessernde Schreibzeit, welche wie Shakespeare keine Zeile ausstreicht, und sei sie noch so unshakespearisch, sollte, wie schon gesagt, nur in achtenden Schmerz jeden Tadel eines Mannes kleiden, der bei allen Fehlern immer kunst- und himmelwärts strebte und stieg, obgleich ein siecher Körper sich schwer an seine Flügel hing. Gern nehm' ich Gelächter über diese milde Gerechtigkeit an, schlagen es die Poetiker auf; es gibt einen ungezwungenen Übergang zur folgenden Vorlesung, wovon sie eben die Zuhörer sind, zur Tollhäuslerei.

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