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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Wirf, sagt ein arabisches Sprichwort, keinen Stein in den Brunnen, woraus du getrunken. Himmel! in welche Brunnen werden mehr Steine aller Art, Höllensteine, Ecksteine, Stinksteine etc., geworfen als in den Brunnen der Wahrheit und des kastalischen Quells! Ein dumpfer dunkler Rezensent hat vielleicht in seinem Leben nicht eine einzige frohe Minute dem Dichter gereicht, der ihn mit Himmelsstunden trotz aller Fehler überhäuft und überladen: gleichwohl tunkt das Tier die Tatze ein und wirft ohne allen Dank dem Manne giftig und bissig die wenigen Zeilen vor, in welchen es nicht so leicht baden konnte als in den andern.... Gott! gibt es denn in der gelehrten Welt keine Dankbarkeit mehr? Oder kann ein Verdienst um alle anders belohnt werden als von allen einzelnen? Flammt euch euer Schönheitsinn so sehr an: warum spricht denn der verletzte seinen Zorn stärker aus als der befriedigte seinen Dank? Und warum wollt ihr euere Achtung für die Kunst mehr durch Bestrafen als durch Belohnen erklären? Den seltenen Fall des Willens ausgenommen, könnt ihr ja nur die Natur anklagen, daß sie dem Genius nicht alles gegeben, sondern nur viel; – dann brauchtet ihr aber einen stärkern Grund zu einer Klage nicht so weit außer euch zu suchen. Über Fehler des Genies sollte nur getrauert werden wieder von Genies, wie nur Große um Fürsten trauern dürfen. Ihr aber erlöset wie die Orthodoxie nur fallende Menschen und verdammt fallende Engel. Jede Verarmung vergebt ihr leichter als Verschwendung; der Mann wird literarisch pro prodigo (für einen Verschwender) erklärt und dadurch aller Bürger-Rechte eines akademischen Pfahl-Bürgers entsetzt: er kann keinen letzten Willen, keine Schulden, keine Verträge machen. Ich beschwör' euch, spielet doch der form- und stofflosen Mattigkeit und »Weitschweifigkeit« (ein gutes deutsches Wort) nur halb so übel mit! Aber ihr rügt zu große Kürze weit erzürnter als zu große Länge, als ob letzte nur eine angeborne wäre, was unwahr ist; denn es gibt zwei Kürzen und dazwischen eine Länge im Sprachleben, ordentlich als sei dieses ein Amphibrachys (v-v). In der ersten Kürze spricht der Wilde und das Kind, ja der Landmann und Bürger; alle ordnen die Darstellung dem Gegenstande unter und machen ungern Worte. Dann kommt die Länge des Gebildeten, welcher, weniger vom Gegenstande getroffen und überwältigt, sich freier und länger den Worten überläßt. Die zweite Kürze, z. B. die eines Tacitus, Seneka, J. J. Rousseau, wird künstlich gewonnen; und jeder kann sie sich zugewöhnen, da sie kein Geschenk des Genius ist, wie Plinius II., die Humanisten Lipsius und Danz, und Longolius u. a. beweisen. Große künstliche Kürze verrät sogar, als Widerspiel der Naturkürze, Liebe der Darstellung auf Kosten der Sache und der Liebe dafür. – Ich komme auf einem langen Wege zu euch und euren bureaux des longitudes zurück. Ihr wollt und lobt nämlich Länge – die der Prediger, die der Wissenschaften aller Art, die der Dichter –, weil ihr selber keinen guten schreibtafelfähigen Gedanken einführen könnt, ohne ihm seine ganze Ahnenreihe vorauszuschicken. Der Deutsche näht gern jeden Gedanken in ein zierliches Schleppkleid ein, und ihr zieht gern als Schleppenträger hinterdrein. Die deutsche Meile ist, als Vorbild deutscher Schreiberei, beinahe die längste in Europa; und mich wundert, daß der Spondeus uns schwer kommt. Wenn man den einzigen Vorteil ausnimmt, den euer rezensierender Amtbruder und andere Deutsche davon ziehen, daß wir nämlich einen guten, schnell weglesenden Aktenblick und größte Flüchtigkeit gewinnen und, gerade von schwerfälligen Schreibern zu schnellfüßigen Lesern gebildet, gleich Fußgängern ins Laufen geraten, weil der ferne Stadtturm ewig herschauet und wir doch nicht ankommen: so bleibt außer dem Gewinne der Eiligkeit nichts übrig als Langweile und Makulatur. Vorleser dies hebt eine Probe deutscher (Schreib-) Art und (Schreib-) Kunst nicht aus Kanzelrednern – bei welchen diese geistige Zungenwassersucht ohnehin sonntäglich zu finden ist, sogar bei den besseren, wie Zollikofer, Marezoll, ja Reinhard –, sondern für eine Ästhetik selber aus einer Ästhetik heraus und wählt aus »Eschenburgs Entwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften, neue umgearbeitete Ausgabe bei Fr. Nicolai 1789« Seite 294 folgende gute Stelle:

»In der Bemerkung, daß nicht bloß Ähnlichkeit, sondern auch Widerspiel und Kontrast der Begriffe ihre gemeinschaftliche Erweckung und Verknüpfung in unserer Seele veranlaßt, hat die Ironie ihren Grund, eine Figur des Spottes, welche die Wörter ihres Widerspiels wegen miteinander vertauscht und das Gegenteil von dem andeutet, was sie, dem gewöhnlichen Wortverstande nach, ausdrückt. Man pflegt sie jedoch nicht in einzelnen Wörtern, sondern in einer Folge von Redensarten zu brauchen, deren Mißdeutung durch Inhalt, Zusammenhang und Kenntnis ihres Gegenstandes verhütet werden muß, noch mehr aber beim mündlichen Vortrage durch Ton der Stimme und Gebärdensprache deutlich wird.« –

Himmel, welche Unsprache, welche Fläche, Leere, Schwere! Und dieses alles bei einem Geschmacklehrer, welcher selber eine ganze Beispielsammlung guter Schriftsteller gegeben und der uns hier mit dem ersten Beispiel einer ganz andern Sammlung beschenkt! – So aber schreiben nun ganze Bibliotheken und die Lobredner und Tadler derselben – jeder Deutsche hält auf das Vorrecht eines römischen Senators, der, wenn er seine Meinung über das Vorliegende gesagt hatte, ein besonderes Recht besaß, noch eine über etwas Fremdes beizubringen – die gemeinsten Gedanken treten, besonders in Lehrwerken, wie schon gesagt, mit allen ihren Ahnen auf und lassen sich deren wie Bürgerliche vorausgeben, um sich zu adeln – und nichts wird gegen diese Schreiberei geschrieben. Bloß getan wird etwas dagegen, was mich desto herzlicher freuet. Ich meine die tägliche Steigerung der Einrückgebühren. Durch diese Geldstrafe des wortreichen Stils werden sämtliche Weitschreiber – sogar die wohllöblichen Gerichte – zu Tacitis eingepreßt. Mit Vergnügen – mit satirischem – stell' ich mir oft einen ergrimmten, auf eine Rezension einiges versetzenden Gelehrten und Antikritiker vor, welcher, von Worten und Galle ganz geschwollen, gar nie aufhören möchte, sich zu ergießen, – wie der erboste Mann sich daran durch das Einrückgeld, wie durch ein Kompressorium, gehindert spürt, weil er für die feindliche Anstalt, der er keinen Heller gönnt, jedem zugefertigten Schmerz sogleich das Schmerzengeld beilegen, und wie er in den elektrischen Verdichter (Kondensator) einer Antikritik sein Zornfeuer eng einfangen muß. – Und dann sieht er noch vollends voraus, daß der glückselige Rezensent ihn auf demselben Druckbogen so lange gratis wieder stäupen und streichen kann, als er will – – Aber kurz, die Kürze gewinnt dabei unsäglich; und mögen nur die verschiedenen Reich- und Musen-Anzeiger in Zukunft Liebe genug für den Stil haben, um die Einrückkosten weit mehr zu erhöhen als zu erniedrigen!

Ich komme zu den vermischten Winken für gelehrte Zeitungen zurück. Könnten die Redakteurs nicht künftig das römische Gesetz aufstellen, das in den Komitien jedem zu stimmen verbot, der erstlich über 59 Jahre alt war und zweitens unter 17 Jahre? Denn jetzo, da der Stilistiker seinen Göttern und Zwecken die Jünglinge schlachtet, der Poetiker aber seinen die Greise, steht leider eine andere Römer-Sitte fest, welche junge Tiere opferte, sobald etwas langsam, alteAlex. ab Alex. L. III. aber, wenn es schnell gehen sollte.

Haltet euch, meine Amtbrüder, nicht für untrüglich, da es nicht einmal der Genius ist; sondern bedenkt, daß, so wenig ein Einzelwesen im Besitze aller Wahrheiten, ebensowenig eines im Besitze des Geschmacks für alle Schönheiten sein kann. Bedenkt, wie ganze Völker und Zeiten einen Aristophanes, einen Shakespeare und Calderon verwarfen und verwerfen, und ein Corneille einen Racine – wie in der von Jahrtausenden bewunderten Ilias der große Sprachkenner Schneider das 18, 19, 20, 21te Buch für die Geburt eines recht dummen Nachahmers hält, das 14te jedoch einem erträglichen Kopfe zuschreibt – wie ein Wolf die lange geachtete Rede Ciceros pro Marcello für unecht erklärt, Weiske dagegen sie für echt – wie in vorigen Jahrhunderten die größten Humanisten durch Falschmünzen von Klassikern einander glücklich betrogen und halb tot geärgert – wie sogar ein Winckelmann (nach Fernow) mitten in Italien ein Gemälde von Mengs für ein antikes, oder Boysen nach J. von Müller mitten im Sprach-Orient Gleims Halladat für eine Übersetzung aus dem Arabischen genommen....... Richtamtbrüder! bedenkt dies alles und bleibt noch unbescheiden, wenn ihr könnt!

Mein letzter Wink ist: beurteilt, aber vierteilt nicht ein Kunst-Werk; zieht aus demselben weder den Plan – denn das heißet das Knochengerippe einer Venus geben, das ebensogut in einer widrigen Bauerdirne stecken könnte –, noch einzelne Schönheiten – denn das heißt einen Fensterstein als Prüfstein des Hauses vorzeigen –, noch einzelne Fehler – denn es gibt keine schlechte Zeile, die nicht ein guter Autor durch die rechte Stelle zu einer schönen machen könnte –, und überhaupt nichts einzelnes. Schlagt ein Schauspiel, das ihr noch nicht gelesen, in der Mitte auf und leset irgendeine Stelle: sie muß euch sehr matt vorkommen; behaltet sie (z. B. bloß das kleine Wort moi der Medea) in euerm Kopfe so lange, bis ihr von vornen wieder daraufkommt: Himmel, wie ist und glüht da alles anders! – Noch mehr gilt dies für das Komische, dessen Einzelheiten, aus der mildernden Ähnlichkeit des Ganzen herausgestürzt in die schreiende Unähnlichkeit einer ernsten Rezension, so erscheinen müssen wie ein Falstaff mitten in einer Messiade.

Lasset mich einmal eine Rezension von einem bekannten Buche nach eurer Weise machen: »Wessen Geistes Kind dies saubere Produkt ist, dessen Verfasser für die elegante Welt (risum teneat.) zu schreiben hofft, das wollen wir mit einigen Pröbchen bloß aus einer Erzählung belegen und dem Leser das Urteil selber überlassen. S. 128 sagt der Held von den Damen, sie lägen wie Kälber da – S. 183 sagt ein Fürst zu seinen Hofleuten, sie hätten nicht mehr Verstand als die Kälber – der Held heißet bald S. 125 der Lümmel, bald S. 126 mein Flegel, bald S. 165 der Haubenstock, bald S. 147 das Ideal von einem Besenbinder (wie witzig!); er weiß S. 150 weder Gicks noch Gacks, gibt S. 152 einen derben Schmatz, gähnt S. 129 aus vollem Rachen so laut als eine Eselin (der Versbau, denn das Ding ist in Versen, ließ keinen Esel zu) – S. 135 wird von der Jungfern-Angst vor einer gewissen Wassersucht (Pfui! Herr Autor!) gesprochen. Ohe, jam satis est! Diese Pöbelhaftigkeiten sind aber der beliebte Ton der neuesten Literatur. So schrieb sonst Wieland für die elegante Welt nicht.« –

Inzwischen, meine Herren, ist diese Erzählung, die ich so rezensiert habe wie mich das Volk, eben von Wieland selber, steht unter dem Titel Pervonte im 18. Band seiner Werke, und diese Schein-Flecke werden vom Ganzen in leichte Halbschatten aufgelöset.

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