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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 61
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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– Indes, meine Herren, fuhr ich fort, ist es hier der Ort und Tag, sämtliche Zeitungen und Journale wacker anzugreifen in dem

Fünften Kapitel

über Buchanzeiger und gelehrte Zeitungen überhaupt,

das ihnen manchen Text zu lesen hat. Mut, Hörsaal, ist der Flammen-Flügel des Lebens; Vorleser fürchtet kein Journal; kühn wie ein Carnot sagt er auf jeder Insel, auf jedem festen Lande seine Meinung und steht der Folgen gewärtig. Sterben – es sei vor Hunger oder sonst – ist das Höchste, was erfolgen kann; und wer von uns verschmäht es nicht! Ich werfe den Würfel; ich kündige hiermit ohne alles Bedenken an: ich werde mir in diesem Kapitel mehre vermischte, ungeordnete Winke über das Bücheranzeig-Wesen im allgemeinen erlauben. Wasser allein, möcht' ich fast wagen anzufangen, tuts bei ihnen; Wasser teils als kritisches Reinigmittel, weil die Kritik sonderbar ähnlich dem Wasser ist, ohne welches kein Schmutz-Fleck zu machen, aber auch keiner herauszumachen ist!... Eben nehm' ich, meine Herren, befremdet wahr, daß der Kunstknecht und der Naumburger Schweinborstenhändler still stehen und halb giftig auf mich herüberblicken, als hätt' ich beider Handwerk spöttisch zu Vorbildern der kritischen Wasserkunstknechte und jener kritischen Borsten, welche, auf dem unreinsten Tiere seßhaft, nachher selber zum Reinigen dienen, absichtlich angewandt; ich frage aber als Vorleser meine Leser und Nachleser, ob es nicht von jeher meine Art gewesen, gerade auf die fernsten Sachen anzuspielen, nicht aber auf so nahe, die bloß ein Meer von mir abtrennt. – –

Doch eben sind die allegorischen Herren still weitergegangen; ich tue es auch und merke ohne Absicht an: es gibt, wie das Zahl-Verhältnis der jetzigen Kunstrichter zu den jetzigen Künstlern zeigt, mehr Glaserdiamanten als Ringdiamanten, mehr schneidende als glänzende.

Man hat mehr Vertrauen auf seinen Geschmack als auf sein Genie; nicht jener, sondern dieses fodert Bürgen und Rückbürgen; der Geschmack, dieses ästhetische Gewissen, fragt nach niemand, aber wohl die ästhetische Tat will gebilligt werden. Jener tut Machtsprüche, dieses Machttaten.

Ein Kunsturteil überwältigt so leicht den Leser, bloß weil es so wenig Beweise gibt und so sehr den ganzen Menschen des Lesers voraussetzend in Anspruch nimmt.

Keine Rezensionen find' ich so leer, so halb wahr, halb parteiisch und unnütz als die von Büchern, die ich vor ihnen gelesen; aber wie trefflich sind mir die von solchen Büchern, die ich nie gekannt, von jeher vorgekommen, ich meine, so tief, rein und recht! Ich bejammere deshalb ordentlich ganz erbärmliche und ungelesene Autoren; denn die schreiendsten Ungerechtigkeiten soll man an ihnen so wie an Bettlern und Gefangnen verüben: sie können sich in ihrem Winkel nicht wehren und sich nicht aus dem Kerker winden, um der Welt ihre Wunden vorzuweisen.

Rezensionen haben selten – und das spornt ihre Väter an – wieder Korrezensionen auszuhalten. Auch würde das Beurteilen des Beurteilens ins Unendliche hin und her zurückprellen. Nur was die Sprache anbelangt, welche das Privilegium de non apellando hat, wäre vorzuschlagen, daß das gelehrte Reich sich einen Rezensur-Grammatiker hielte, der in einem eignen Werke aufpaßte und die Barbarismen, ohne welche das kritische Volk so wenig ein Zetergeschrei erheben kann als das römische ein Freudengeschrei, jedem Journale mit rechter Sprach-Polizei boshaft eintränkte. Ich glaube, sie würden rot. Es tut mir oft weh, daß die Einkleidung der gelehrten Zeitungen, nämlich die umlaufenden Kapseln derselben, durch Schmutz und Abgreifen ein Nachbild ihrer ästhetischen Einkleidung werden, so wie leider einen Freund der allgemeinen deutschen Bibliothek das elende Druck- und Papier-Werk nicht bloß als ein Widerschein der geistigen Einkleidung, sondern auch als eine ebenso typographische als allegorische Wiederholung der Wespennester sehr verdrießt, deren graues Papier nach Schäfer und andern wahres Papier ist.

Schlechte Werke sollte man wie Liscov bloß ironisch anzeigen, damit der Leser doch etwas hätte, da sonst den Tadel die gemeinen Verdammungformeln erst an sich, und dann durch die Notwendigkeit ihrer unzähligen Wiederkehr sehr ins Langweilige spielen. Gelehrte Anzeigen bloß ungelehrter Werke, eine allgemeine deutsche Bibliothek voll lauter ihr ähnlicher Dichter und Philosophen, kurz, eine Zeitung des Schlechten, aber eine ironische und launige, welch ein Zuwachs der Ironie und Laune würde hier aufblühen!

Ferner wünscht' ich manche Werke mit wahrer Gewissenhaftigkeit und Liebe und so schnell als möglich angezeigt – nämlich die namenlosen und die von jungen Autoren mit namenlosen Namen; beiden wird es so schwer, sich ohne Hülfe auf den Rednerstuhl vor das Publikum hinaufzuarbeiten. Manches Leben, mancher Geist ist an einem ersten Werke gestorben; das harte Lager eines Jünglings auf Rosen – knospen sollte man bald weich aufblättern.

Sogar kräftige Geister macht oft ein elendes Urteil so kraftlos als sonst das eingebildete Nestelknüpfen die Starken des Mittelalters. Die größten Schriftsteller haben weit mehr achtende Scheu vor dem öffentlichen Urteil, als sie eingestehen. So blitzte in die ausbrechenden Blüten des herrlichen Leisewitz ein solcher kritischer Tropf zu unser aller Schaden. So erfolgte, trotz der trotzigen Drohung, keine Nachfuhre neuer Xenien, welche, wie es scheint, abstanden wie ein Wagen voll Krebse, wenn ein Schwein unter ihm wegläuft. So kennt der Verfasser dieses noch zwei Löwen der Literatur, welche gleich tierischen sich in manchen Werken durch kritisches Hahnengeschrei bestürzt machen ließen; und Herder würde sich noch größere Palmen errungen haben, hätte man ihm nicht erst nach seinem Tode die jetzigen gereicht. Ein Lieblingschmierer des Publikums hat hier größeren Mut als der tapferste Kopf; jener bezieht mit Waren seine beiden Messen und läßt sich jährlich zweimal kritisch abprügeln für Ehrensold (wie Sineser sich körperlich um Geld für Missetäter), um wieder an neue Werke und Prügel zu gehen; der Genius, welcher nur sein heiligstes Innere in einem zweiten niederlegen und wiederfinden will, schrickt vor jeder Abweisung und Aussperrung zurück und wählt glaubig oder unglaubig nur Einkehr in sich. Schwerlich verzärtelt oder verwöhnt ihn, der den schärfsten Kunstrichter in seinem Ideale herumträgt, irgendein schmeichelnder; und alles Preisen des Werthers verzog Goethen zu nichts als zum Meister. Daher hätte jeder, auch der gerechteste Tadel gegen den Priester Melpomenens, Schiller, welcher Kraft, Leben, eigne und fremde Vorurteile unermüdet der Kunstschönheit opferte, nur mild und scheu und mehr mit Gefühlen eigner als mit dem Wunsche fremder Schmerzen ausgesprochen werden sollen; aber davon weiß die bellende Undankbarkeit nichts.

Ferner mittelmäßige Vielschreiber wünscht' ich gar nicht angezeigt; ihr häufiger Name ist ihr Stummenglöckchen und sagt, da sie sich ja nie ändern, laut genug die Wiederholung ihres Daseins an.

Endlich wünscht' ich über geniale Werke zwei ganz verschiedene Journale. Das eine müßte an einem Meister-Werke nichts als die Mängel rügen, jede falsche Mitteltinte, Falte, Linie bezeichnen und es ohne Scheu vorrücken, wenn ein Winkel des Rahmens um das Bild kein rechter wäre, oder die Vergoldung verschlissen. Denn alle Foderungen des Geschmacks und der Sprachlehre, kurz, der äußern Form will ich doch lieber an großen als an kleinen Autoren lernen; und Sprachnachlässigkeiten werden wir z. B. an Goethens neuester Prose im Anhange zu Cellini mit mehr Reiz finden und fliehen lernen als an einem matten Lang- und Breitschreiber. Solche fliegende Finsternisse des Genies würden, wie die der Sonne und des Saturns durch Trabanten, am schönsten dienen, die Landkarten der Erde zu machen und zu bessern. Auch wäre ein solches Journal für das Genie (besonders für dessen Nachahmer) der Nacht- und Richterstuhl, der einem Alexander sagte, er sei noch kein ganzer Gott.

Diesem gelehrten schwarzen Buch müßte sich ein zweites (es mag das goldne Buch heißen) beigesellen, das mit heiliger Seele nichts im Kunstwerke und göttlichen Ebenbilde anschauete (wie ein Liebender an der Geliebten) als die Schönheit oder den Gott, dem es ähnlich ist. Auf der hohen himmlischen Stelle, wo der Mensch vor der Größe steht, verschwinden ihm an ihr die Ecken der Nähe und Tiefe, wie einem Sternbewohner die Berge an der Erde versinken und nur die strahlende Kugel erscheint. Schon der edle Winckelmann ermahnt, Schönheiten früher und brünstiger zu suchen als Flecken. Nur ists das Schwierigere; im Finden der Schönheit gehen die Menschen weit mehr und uneiniger auseinander als im Finden des Häßlichen; gegen dieses rüstet die allgemeine Natur; für jene wird erst eine besondere ähnliche Seele erschaffen; so ahnet ja im Moralischen der Sinkende nur immer tiefere Versunkenheit und allein der Emporgehende nur immer höhere Himmel voraus. Das goldne Buch, das ich wünsche, stellet nun, so gut es ohne Darstellung möglich ist, erstlich den Geist des Kunstwerks dar, zweitens den Geist des Meisters. Der letzte Geist kann nur in allen Werken zusammengenommen, gleichsam wie ein Gott in der ganzen Weltgeschichte, recht gefunden werden, – indes ein Buch den Gelehrten ausspricht und ausschreibt. – Fragt man: wozu kann gleichsam eine Darstellung einer Darstellung – denn alle echte positive Kritik ist doch nur eine neue Dichtkunst, wovon ein Kunstwerk der Gegenstand ist – helfen und führen? – so antwort' ich: eine fremde Anschauung gibt der eignen mehr Sprache, also mehr feste Klarheit; und reifet uns, nicht nur wie wiederholtes Lesen oder steigende Jahre, sondern zieht uns nach wie ja das Werk selber. Oder wie könnte denn je ein Volk – das, organisch betrachtet, immer sich mit wenigen Erhöhungen der Einzelwesen wiedergebiert – höher und eines über das andere steigen?

Diese doppelte Journal- oder italienische Buchhaltung über geniale Werke ist unbeschreiblich unentbehrlich, eben das grammatische Soll und das geniale Haben. Wirklich haben wir Deutsche – wenn ich stolz genug sein darf, es zu behaupten – schon das Soll, oder eine schöne seltne Vereinigung von Köpfen, welche grammatische und rhetorische Fehler des Genies mit größtem Eifer suchen und zeigen, gleichsam ein Prisen-Rat eroberter Genien; ich weiß aber nicht, ob wir mit ähnlichem Rechte uns des zweiten Journal-Buchs, des Habens, rühmen dürfen. Herder, Lessing, zum Teil Schlegel und einige hoben den Anfang an.In der Kritik der kongenialen Philosophie geschieht, wenn man Leibniz, Lessing, Jacobi und wenige ausnimmt, noch weniger. Ein philosophisches Werk glauben sie zu kosten, wenn sie einige Meinungen daraus als Proben vorzeigen; was nichts anders heißet, als Nägel und Haare eines Menschen abschneiden und sie als so viele Beweise produzieren, daß er keine Nerven und Empfindungen habe. Teilweiser Irrtum könnte ja in der System-Ganzheit eines Organismus relative Wahrheit sein. Wie in der Dichtkunst, so gibts in der Philosophie einen äußern Stoff (Meinungen überhaupt) und einen innern (den neuen Geist, der die Welt neu anschauet und seiner unbeschadet Meinungen wechseln kann); und dann eine äußere Form (Vernunftlehre) und eine innere (Dichtkunst); daher geschah noch keinem Heidenreich, Mendelssohn, sogar Kant so viel Unrecht als einem Jacobi oder wer ihm ähnlich wäre.

Der Geist eines Buchs ist so sehr der Glaube, wodurch es selig wird oder nicht, ohne Rücksicht auf dessen gute oder böse Werke, daß ein gemeiner katholischer Kunstrichter, der den Geist nicht achtet und fasset, mit derselben Unparteilichkeit und Wahrheit über jedes Werk zwei ganz entgegengesetzte Urteile fällen und bewahren kann durch willkürliche Wechsel-Zählung entweder der Schönheiten oder der Fehler. Wenigstens urteilen oder vielmehr urteln die jetzo lebenden Stilistiker nie anders.

Ich fahre fort: je eingeschränkter der Mensch, desto mehr glaubt er Rezensionen.

Doch setz' ich dazu: je entfernter von Hauptstädten und Musensitzen. Ein Provinzial-Landpfarrer z. B. glaubt fast zu sehr darum Sätze, weil sie der Setzer gesetzt; der Drucker-Herr ist sein Glaubens-Herr.

Ein Rezensent fälle ein mündliches Urteil, aber stark: jeder stellet ihm doch eignes entgegen. Aber einem gedruckten widerstrebt der Mensch schwer; so sehr und so zauberisch bannt uns Doktor Fausts schwarze Kunst auf seinen Mantel oder in seinen Magus-Kreis. Diese Allmacht des Drucks liegt aber nicht in der Abwesenheit des aussprechenden Geistes – denn sonst hätte sie der Brief und das Manuskript –, sondern teils in der dankbaren verehrenden Erinnerung, das Höchste und Schönste von jeher nur auf dem Druckpapier gefunden zu haben, teils in der närrischen Schlußkette, daß der Druck-Redner, der zu allen spricht, desto unparteiischer zu jedem Einzelnen spreche und daß ihm also etwas zu trauen sei; »vorzüglich,« fügt man bei, »da der Mann ja nichts davon hat und davon weiß, wenn er jemand umarbeitet, der sich deshalb auch ohne Erröten bekehrt.« So stehen die Sachen. Selber diese kritische Vorlesung, Verehrte, hat zu viele Mängel, um früher zu beweisen, als sie gedruckt ist; die offenen Lücken machen es, welche dem Lichte nicht eher zu Fenstern dienen können, bis Druckpapier darin eingesetzt ist.

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