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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 56
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Ein Ausländer könnte sagen: nichts ist in eurer Sprache so wohlklingend als die Ausnahmen, nämlich die der unregelmäßigen Zeitwörter. Allein wir haben eben deren mehr als ein jetziges Volk und noch dazu nur wohllautende; auch ist die Verwandtschaft eines einzigen solchen Zeitworts beträchtlich, z. B. von gießen: gegossen, goß, gösse, Guß etc. Adelung und halb die Zeit wollen uns zum Vorteil der Grammatiker, der Ausländer und der Gemeinheit diese enharmonischen Ausweichungen untersagen; aber das leide kein Schriftsteller, er schreibe »unverdorben«, niemals »unverderbt«. Adelung äußerte sogar Hoffnung, da Obersachsen sich zum regelmäßigen Beugen von mehren Zeitwörtern wie kneipen, greifen etc. neige, daß man überhaupt bei der Einerleiheit von Obersachsen und Hochdeutsch künftig bald kneipete, greifete etc. sagen werde, wie die – Kinder.

Aber diese Zeitwörter bewahren und bringen uns alte tiefe, kurze, einsilbige Töne, noch dazu mit der Wegschneidung der grammatischen Erinnerung, z. B. statt des langweiligen, harten, doppelten schaffte und schaffte, backte und backte: schuf und schüfe; buk und büke. Freilich flieht der Gesellschaft-Ton – auch der der Meißner höhern Klassen – den Feier-Ton eines tiefen reichen Selbstlauters; aber in den Fest- und Feiertagen der Dichtkunst ist er desto willkommner. Wie viele e werden unserer Eeeee-Sprache damit erspart und italienische Laute dafür zugewandt! Man wird dadurch doch ein wenig an ihre alte Verwandtschaft mit den Griechen erinnert, welche früher zu Otfrieds Zeiten viel lauter vorklang, wo Pein Pina hieß, Sterne Sterrono, meinen minon, bebte bibinota. Darum gebrauchte Klopstock so häufig und zu häufig – auf Kosten schärferer Bestimmungen – das großlautende Wort sank (so wie oft scholl). – Sind grammatische oder dichtende Autoritäten gleich: so lasse man dem Wohllaute das Übergewicht. Z. B. man ziehe mit Heynatz Schwane Schwänen vor (zumal da man nicht Schwänenhals und Schwänenfedern sagt) und wie Wieland das wiewohl dem obschon: ferner ungeachtet der liberale Heynatz gerächt und kömmt spricht: so gebe man doch dem lautern gerochen und kommt von Adelung den Preis; man wähle mit Heynatz den schönen Cretikus Diamant anstatt des zweifelhaften Spondeus Demant; und doch wähle man gegen Heynatz Fohlen statt seiner Füllen.

Hingegen falle man Adelung da an, wo ihm die mathematische, akustische Länge der Saite werter ist als der Klang derselben. Z. B. das e des schon durch den Artikel bestimmten Dativs will er als zweite Bestimmung nicht weggeben, sondern vergleicht es mit lateinischen und griechischen Fall-Endungen; aber lässet er denn nicht selber der Dichtkunst die Verbeißung des e's zu, welche nie zu erlauben wäre, wenn das e dem deutschen Dativ so angehörte als dem lateinischen in mensa? Und erstatten denn sich nicht dieses e und der Artikel gegenseitig, z. B. in: ich opfre Gotte Götzen statt dem Gott? So werd' auch bloß dem Wohlklange die Wahl gelassen, ob z. B. Staates oder Staats, ob lieset oder liest, kurz ob das e kommen oder weichen soll, woran ja das e schon durch den Vers gewohnt geworden.

Ferner sträuben sich manche seit Jahren gegen die Lessingsche, aber vor Lessing längst herkömmliche Ausstreichung der Hülfwörter haben und sein da, wo sie nur zu verlängern, nicht zu bestimmen dienen. Ich wähle aus Lessing das meinem Gedächtnisse nächste Beispiel: »Man stößt sich nicht an einige unförmliche Posten, welche der Bildhauer an einem unvollendeten Werke, von dem ihn der Tod abgerufen, müssen stehen lassen.« – Man setze nach abgerufen ein hat, oder man unterbreche durch ein hat die schönen, Lessing gewöhnlichen Trochäen, so geht der Wohlklang unter. »Hat, ist, sei, bist, hast, seist, seiet, seien« sind abscheuliche Rattenschwänze der Sprache; und man hat jedem zu danken, der in eine Schere greift und damit wegschneidet. Erlauben ja die strengsten Sprachlehrer, daß man ein in einem Perioden zu oft wiederkehrendes Hülfwort auf den Schluß verschiebt.

Wenige haben so wie Lessing die Tonfälle der Perioden-Schlüsse berechnet und gesucht. So will das Ohr gern auf einer langen End-Silbe ruhen und wie in einem Hafen ankommen. Ferner hat das Ohr nicht sowohl einen Schluß-Trochäus als mehre einander versprechende Trochäen lieb. ErfreulichSogar die Übergänge der Perioden begehren Wohl- oder Leichtklang. Z. B. anfangs hatte der Verfasser oben nach dem langen lieb wieder mit einem langen Schön beginnen wollen; wer ihn aber studiert oder weiterlieset, wird sehr leicht finden, warum er das Erfreulich mit der kurzen Vorschlag-Silbe vorgezogen. Ja wieder über die Längen- und Kürzen-Auswahl in dieser Note, sogar in der Erinnerung an diese wären neue Studien anzustellen, wenn dies nicht den Leser sozusagen ins Unendliche spazieren führen könnte heißen wollen. sind die Trochäen, durch welche die fünf Sinne das »zu« verwerfen in »kommen sehen, kommen hören, kommen fühlen«. Kommen schmecken und kommen riechen sagte man wenigstens richtiger als zu kommen schmecken etc. »Dürfen, sollen, lassen, mögen, können, lernen, lehren, heißen, bleiben« beschließen den zu kurzen Zug. Noch könnte man »gehen, führen, laufen, legen, finden, haben, spüren« gelten lassen, z. B. betteln gehen oder laufen, spazieren führen, schlafen legen, einen essen finden, auf Zinsen stehen haben, es kommen spüren.

Gruber findet den ersten und zweiten Päon (-vvv, v-vv), den Cretikus (-v-), den Anapäst (vv-) und den Jambus für die Prose am schönsten. LonginThem. 40. verwirft häufige Pyrrhichien (vv), aber mit weniger Recht auch viele Daktylen und Dichoreen (-v-v). Die letzten gebrauchte Lessing am Schlusse mit Reiz, z. B.: die Goldkörner bleiben dir unverloren; so das Tonwort auserkoren.

Am Schlusse hört man, ist sonst alles gleich, gern die lange Silbe, also den Anapäst, Spondeus, Jambus, Dijambus (v-v-), den Choriambus (-vv-). Dem bösen »zu sein scheint« – gerade kein Nach-, sondern ein Miß-Hall des esse videatur – sollte man wenigstens das »sein« grammatisch oder sonst beschneiden.

Mehre Spondeen, welche in der Prose reiner auftreten als in der Poesie, ferner mehre Molossen im Wechsel hintereinander sind dem Ohr ein schwerer Steig bergauf.Weit mehr als Tribrachyen und Daktylen, weil kurze Silben sich untereinander leichter auseinanderziehen als lange zu kurzen aufspringen. Um so schöner wird es gehoben und wie ein Auge gefüllt, wenn es nach einem dunkeln Ahnung-Schluß aus einer schweren hartsilbigen Konstruktion auf ein mühsames Fort- und Durchwinden – und das Ohr ahnet immer fort – sich auf einmal wie von Lüften leicht hinuntergewehet empfindet, wenn z. B. nach einsilbigen Längen der Jambe des Zeitworts, oder der Bacchius, oder auch der Amphibrachys beschließen.

Eine besondere melodische Scheu vor einsilbigen Anfängen und Vorliebe zur jambischen Ansprung-Silbe find' ich in den alten Auftaktsilben: jedoch (statt doch), dennoch, benebst, annoch, allda, dieweil, bevor, auf daß; bekanntlich die von den Sprachlehrern Prosthesis genannte Figur. Dahin gehören belassen, besagen, auch viele mit be, welche damit nichts viel Stärkeres sagen, z. B. bedecken, bezahlen; den Anfang macht schöner oft die kurze Silbe: z. B. statt Liebende lieber Geliebte, statt zahle lieber bezahle. Doch gesellet sich hier noch eine menschliche Eigenheit dazu: der Mensch platzt ungern heraus – er will überall ein wenig Morgenrot vor jeder Sonne – denn so ohne alle Vorsabbate, Vigilien, Rüsttage, Sonnabende, Vorfeste plötzlich ein Fest fertig und geputzt dastehen zu sehen, das widersteht ihm ganz – kein Mensch springt in einer Gesellschaft gern mitten in seine erlebte Geschichte hinein, sondern er gibt kurz an, wie er zu der Sache kam, auf welcher Gasse, in welchem Wagen, Rocke u. s. w. Daher schicken die meisten Boten einer Hiobs-Post der Nachricht derselben den Eingang voraus, man solle doch nicht erschrecken, denn sie hätten etwas sehr Trübes zu berichten – worauf natürlich der Zuhörer den weitgeräumten Raum lieber zum Bau einer Hölle als einer Vorhölle vernützt –; und es wird in der Tat jedem schwer, eine Geschichte ohne allen Voranfang anzufangen. Etwas Ähnliches ist die Vorbeschreibung, z. B. ein kleines Männchen, ein Paar Zwillinge, ein großer Riese (so wie dieser im Leben sich gewöhnlich noch an Kopf und Fersen Erhöhung zusetzt), ein winziger Zwerg. – Bewegt nun einmal ein Trieb unser ganzes Wesen, so regt er gewiß auch die Zunge zur kleinen Silbe, und in der unteilbaren Republik jeder Organisation geht ein Geist durch die Ilias und durch die Silbe.

Folglich, scheints mir, ist jene Vorsteck-Silbe nur die Vorrede zur zweiten längern; so wie eine ähnliche Anfurt sogar durch die Tautologie folgenden Gewichtwörtern vorsteht: Tod-Fall – Eid-Schwur – Rück-Erinnerung – Dieb-Stahl – wild-fremd – lobpreisend – niederknien – Oberhaupt.

Ja noch zwei ähnliche tautologische Zwillinge schließen diese Programmen gleichsam als Schließer ab und zu: nämlich der Still-Stand und das Still-Schweigen.

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