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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 85

Vermischte Bemerkungen über die Sprache

Sprachkürze muß dem Leser nicht längere Zeit kosten, sondern ersparen. Wenn man nach zwei schweren langen Sätzen hinschreibt: »und so umgekehrt«, so hat sich der arme Leser wieder zurückzulesen und muß dann selber die Mühe des Umkehrens übernehmen. Nur unbedeutende kurze Umkehrungen drücke man so flüchtig aus. – Einen ähnlichen Zeitverlust erlitt ich im Lesen der trefflichen Biologie von Treviranus, welcher durch sein jener und dieser immer zurückzugehen zwang, indes zuweilen die Wiederholung des einsilbigen Wortes noch kürzer, wenigstens deutlicher gewesen wäre. Johnson sagte daher nie: der vorige, der letzte, und mied alle Parenthesen, deren kaum sechs in allen seinen WerkenBoswells Leben desselben. vorkommen. In der Tat kann der Leser nicht weich genug gehalten werden, und wir müssen ihn, sobald die Sache nicht einbüßt, auf den Händen tragen mit unsern Schreibfingern. Adelung verwirft alle Parenthesen; Klopstock (in seiner Gelehrtenrepublik) klammert einem Perioden zuweilen einen zweiten, sogar gleichartig gebauten und für sich durch da und so bestehenden mit einer Freiheit ein, nach welcher er wieder ebensogut einen zweiten Einschaltperioden in den ersten hätte stecken können. Sterne achtet hier weit mehr Maß. Kurze Parenthesen können, bandlos abgebrochen, als neue Perioden mitreden; ein langer Schmarotzer-Periode muß sich durchaus mit dem Stammperioden grammatisch verwurzeln; und die Probe der Güte ist, daß der Leser nicht dabei zurückzulesen hat. Jedes Dacapo und Ancora des Lesers, nämlich des Wiederlesers, ist das Gegenteil des Dacapo und Ancora des Hörers, nämlich des Wiederhörers; denn nur hier lobt die Foderung der Wiederholung, und dort tadelt sie nur.

Zur Achtung gegen den Leser gehört ferner weit mehr ein langer Periode als zwanzig kurze. Die letzten muß er zuletzt doch selber zu einem umschaffen, durch Wiederlesen und Wiederholen. Der Schreiber ist kein Sprecher, und der Leser kein Zuhörer; und deshalb darf der langsame Schreiber schon dem langsamen Leser so ausgedehnte Perioden vorgeben als Cicero, der Feuer-Redner, einem Feuervolke; und ich führe von ihm nur den seitenlangen und doch liebevollen Perioden aus der Rede für den Archias von sed ne cui vestrum bis genere dicendi an, dessen auch im Ramlerschen Batteux gedacht wird. Die Alten, die Engländer, die früheren Deutschen ließen großgebaute Perioden wachsen, nur die Zeiten fallenden Geschmacks (z. B. unter den Römern) und die des kleinlichen unter den Franzosen und den Gellerte-Rabenern verästelten den erhabnen Stamm in Weidenrütchen. Was ist ein Rabenersches Perioden-haché gegen einen Liscovschen roast beef!

Zum weichen Schonen unsers guten Lesers gehören noch Kleinigkeiten wie die: z. B. lieber An- und Verstellung als Ver- und Anstellung zu schreiben, weil ver niemals wie an ein Wort für sich ausmacht; – ferner: das langweilige und so oft überflüssige zu können, zu dürfen (z. B. er ist imstande, damit aushelfen zu können) wegzuwerfen; – ferner: so viel als möglich, nur Mögliches in Superlativen zu sagen, also nicht möglichst, auch nicht (wie Engel in seinem Fürstenspiegel) vollendetste, fühlendste Herzen und wohlwollendster Charakter; – ferner dem trefflichen Verfasser der Vergleichung des deutschen und französischen Wortreichtums in Rücksicht der trennbaren Zusammensetzungen der Zeitwörter nur im Ernste zu folgen, aber nicht im Scherze. Von letzten nämlich dieses Wort! Allerdings soll man Zeitwörter, zumal von Vorsetzungen mit ab, ein, an, bei, zu, selten trennen; denn der Periode schnappt, z. B. bei ab, zu, oft mit einem knappen ab ab, oder zu zu; auch bleibt zuweilen der Sinn eines ganzen Satzes auf die Endsilbe verschoben, z. B.: er sprach ihm alle Belohnungen, die er u. s. w. (jetzo nach vielen Zwischensätzen weiß man immer nicht, ob er schließt) zu, oder ab. Doch los, dar, unter, nieder, über tönen zuweilen wenigstens melodisch nach. Hingegen im Scherze kann es eine – zwar nicht kolossale, aber doch – zwerghafte Schönheit geben, wenn man stark sinnliche Zeitwörter, zumal bei großer Erwartung, getrennt voranstellt, z. B.: schnappt er endlich nach vielen Jahren etc. darnach: so etc. – oder solche Zeitwörter, welche ohne die Beisilbe nicht gebräuchlich sind, z. B.: fache, frische, schirre deine Tapferkeit wieder an etc. – Schrumpfen dem ans Große gewohnten Leser solche Farbenpunkte zu sehr ein: so denkt der Mann nicht an seine Schuljahre, wo er im Quintilian, Longin, Dionys von Halikarnaß und Klopstock noch kleinere Pünktchen behandelt fand.

In einem Fragment über die deutsche Sprache ist es erlaubt, an den großen Sprachforscher Wolke zu erinnern, um einige Neuerungen, die ich von ihm mit furchtsamer, unentschiedener Hand in dieses Werk aufgenommen, wenigstens zu bezeichnen. Es betrifft nämlich bei Wortzusammensetzungen die Beugung des Bestimmwortes. Wir sagen im männlichen Geschlechte richtig Ratgeber, Rathaus, und doch Ratsherr – richtig Leibspeise, Leibschneider, und doch Leibesfrucht – richtig Bergmann etc. etc., und doch Hundsstern – Himmelbett, und doch Himmelstür – Verfallzeit, und doch Verzugszinsen – Sommersaat, und doch Frühlingszeit. – Wir sagen im Nicht-Geschlecht richtig Amtmann, -haus etc., und doch Amtskleid, -bruderWarum nicht auch gar Hauseshofesmeistersamt? – richtig Kindtaufe, -bette, und doch Kindskopf, -vater – Schiffleute, -segel, -herr, und doch Schiffswerft – Buchladen, und doch Volksbuch etc. – Wasserscheue, Feuerlärm, aber Wassers-, Feuersgefahr. – Aber mit dem weiblichen Geschlecht springt man, wie auch außerhalb der Sprachlehre, sündlich-unregelmäßig um, zumal da man den Wörtern auf schaft, heit, keit, ung, ion ein männliches Genitiv-s anheftet, das dadurch seine Unstatthaftigkeit nicht durch den Namen Biegung-S oder Biegung-s verliert. Viele auf e werfen dieses weg, z. B. Rachsucht, Ehrliebe, Lehrbuch, Liebhaber, Kirchturm, und doch wieder Ehrensache, Kirchendienst, Liebesbrief, Hülfsquelle – Vernunftlehre, und doch Zukunfts-, Auskunftsmittel. Wohllaut allein war hier nicht der Ab- und Zusprecher; dagegen spricht Vernunftlehrer und Auskunftsmittel (mit seinem artigen Mitlauter-Quintett nftsm) oder die langen: Gerechtigkeitspflege, Beschimpfungswort etc. Nur die weiblichen einsilbigen Bestimmwörter werden unverfälscht angepaart, z. B. Brautkleid, Luft-, Lustschloß, Zuchtmeister, Nachtwächter etc. etc.; so im Nicht-Geschlecht Werkmeister, aber Geschäftsträger, so im männlichen Herbstzeit, aber Sommerszeit. – Je länger das Bestimmwort ist, desto gewisser verzerren wir es noch durch eine neue Verlängerung mit S.

Der Verfasser hat besonders die weiblichen Bestimmwörter von dem unehelichen Genitiv-s zu befreien gesucht und also z. B. Wahrheitliebe gewählt. Indes war der böse Nachmißklang in den sperrigen Leser-Ohren zu schonen. Mit Schwierigkeit wirft er in einigen Gegenden das S an Legations-Rat ab; indes in andern, z. B. in Dresden, sogar der gemeine Sprachgebrauch sagt Kommission-, Legation-Rat.

Die Bestimmwörter auf ung, z. B. Bestimmungswörter, reichen eine kleine Hülfe. Wozu nämlich denn die Substantiv-Endigung ung, da wir ja dem Zeitwort bloß den Infinitiv abzuschneiden brauchen; also nicht Denkungs-, Heilungskraft sagen sollen, sondern Denk-, Heilkraft; so wie wir Seh-(nicht Sehungs-)kraft, Schreibart, Dicht-, Reit-, Fechtkunst, Hörrohr, Brennpunkt, Leuchtkugeln, Steckgarn schon haben. Ja sogar mit zwei Silben desgleichen: Vorsteckblume, Vorstellkraft, Gedenkvers. – Auch sieht man nicht, warum man nicht nach Leitfaden auch Ableitsilbe, nach Bindwerk Entbindkunst etc. bilden dürfe. Der Verfasser wagte hierin weniges, aber nur um zu versuchen, nicht um zuzumuten. Der ganze Versuch kränkelt überhaupt an Halb- und Viertelseitigkeit, da dem allherrschenden Ohre des Publikums nicht unbedingt zu befehlen ist, und man also wie ein Minister auf Kosten der Hälfte den Gewinn der Hälfte retten muß. Gibt doch selber der sonst rüstig alte Hecken durchtretende Klopstock in seiner Gelehrtenrepublik, welche kein Deutschenfreund ungelesen lasse, den Rat, nur allmählich auszustoßen und einzuführen.Späterer Zusatz. Nach der Vollendung dieses Bruchstückchens kamen dem Verfasser einundzwanzig Bogen von Wolkens längst gewünschtem Anleit etc. in die Hände. Wolke – vielleicht unser reichster und tiefster Sprachforscher – öffnet im Werke nicht einen Schatzkasten des Sprachschatzes, sondern ganze Goldschachte, verfallne und unbenutzte, und liefert noch gute Präg- und Rändelmaschinen zum Ausmünzen dazu. Indes läßt der Verfasser dies doch lieber seine Dürftigkeit oben im Texte stehen, als daß er einen Reichtum aufstellte durch Borgen. Da Wolke so oft und schreiend recht hat, so wären seine oft bloß erneuerte Altertümer der Sprache in die jetzige einzuverleiben, wenn die Schriftsteller genug Selbst-Entsagung und Muttersprachliebe hätten, um nur allmählich ohne Pochen auf Neuerungen und mit Schonen ungelehrter Ohren die Leser an Verbesserungen zu gewöhnen. Wenigstens die Meisterworte Wolkens über die oben berührte Materie müssen Schüler finden und über verdorbene Ohren siegen.

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