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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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Wollte man die bedeckten Goldschachten altdeutscher Sprachschätze wieder öffnen: so könnte man z. B. aus Fischarts Werken allein ein Wörterbuch erheben. Ein frommer Wunsch wär' es – und doch zu erfüllen, von Heinrich Voß und einigen andern –, ein bloßes Wörterbuch aller seit einigen Jahrhunderten ergraueten Wörter zu bekommen, von welchen wir keine ähnlichen stammhaltigen Enkel haben. Ja, jedes Jahrhundert könnte sein besonderes Scheintoten-Register oder Wörterbuch dieser Art erhalten. Wollen wir Deutschen uns doch recht der Freiheit erfreuen, veraltete Wörter zu verjüngen, indes Briten und Franzosen nur die Aufnahme neugemachter wagen, welche sie noch aus ausländischem Tone formen, wenn wir unsere aus inländischem. – Der immer komplette Deutsche kann leichter jedes Buch vollständig schreiben als ein Wörterbuch seiner Sprache, welchem jede Messe einen Ergänzband voll neuester Wörter nachschickt, und das Campesche ist daher, obwohl schwer zu machen, doch leicht zu übertreffen. So reich springen aus dem Boden unserer Sprache überall neue Quellstrahlen auf, wohin der Schriftsteller nur tritt, daß er fast mehr zu meiden als zu suchen hat, und daß er oft im feurigen Gange der Arbeit kaum weiß, daß er ein neues Wort geschaffen. Diese Verwechslung eines neuen mit einem alten, dieses ungesuchte Entgegenschlüpfen führt auch zugleich den besten Beweis für den Wert eines neuen Worts; sogar Kindern entfliegen unbewußt neue sprachrechte Wörter; und der Verfasser setzt zu solchen Beispielen, welche er schon in der Levana angeführt, noch dieses, daß gerade dasselbe kleine Mädchen, welches für Fledermaus Luftmaus erfand, heute, da von Fernglas und Vergrößerglas die Rede war, bemerkte, man sollte statt des letzten sagen: Naheglas. Das Kind hat recht; denn das Vergrößern hat das Sternrohr mit dem Mikroskop gemein.

In Schlegels Shakespeare und in Vossens Übersetzungen läßt die Sprache ihre Wasserkünste spielen, und beider Meisterstück geben dem Wunsche des Verfassers Gewicht: daß überhaupt die Übersetzer wissen möchten, wie viel sie für Klang, Fülle, Reinheit der Sprache, oft sogar mehr als selber der Urschriftsteller, zu leisten vermögen, da ihnen, wenn dieser über die Sache zuweilen die Sprache vergißt, die Sprache eben die Sache ist.

Dichter übrigens führen, sobald man ihnen eine gelehrte Wahl zutraut, neue Wörter am leichtesten ein, weil die Dichtkunst sie durch ihre goldenen Einfassungen heraushebt und dem Auge länger vorhält. Man erstaunt über den Zuwachs neuer Eroberungen, wenn man in Lessings Logau oder in den alten Straf-Rezensionen Klopstocks und Wielands das Verzeichnis erweckter oder erschaffner oder eroberter Wörter lieset, welche sich jetzo mit der ganzen Völkerschaft vermischt und verschwägert haben. Sogar das indeklinable »wund«, das es nicht weniger war als »unpaß, feind«, hat Wieland durch einen Aufsatz für Rousseaus Band-Lüge für uns alle deklinabel gemacht. Jetzige Jünglinge, welche das Wort bieder in der Schule schon hörten, müssen sich wundern, daß Adelung in der deutschen Sprachlehre für Schulen und in der vollständigen Anweisung zur deutschen Orthographie und in den beiden Bänden über den deutschen Stil – im Wörterbuch ohnehin – gegen das gute, von der Vorzeit geborne und von Lessing wiedergeborne Wort soviel Kriegs-Geschrei erhebt. Adelung selber hingegen, so wie den Meißner Klassen – als den Kreisausschreibenden Sprach-Mächten und Reichsvikarien und Reichs-Oberhäuptern des Deutschen – will das Einführen und Vorstellen von Neulingen weniger gelingen; fast leichter bringt ein Wort sie als sie dieses in Gang. Adelung hatte z. B. einiges Verlangen geäußert, das neue Wort Gemütsstellung statt Stimmung – das er folglich höhern Orts her hatte, weil seines Wissens nur die höhern Meißner Klassen die Sprache bilden – etwan gemein in den tiefern Klassen, nämlich unter den Autoren, und dadurch allgemein zu machen; noch liegt das Wort bei ihm und wird nicht gangbar. Ich schlage es den Komikern zur Nutzung und Verbreitung vor; ihnen sind ja dergleichen Erfindungen ein schöner Fund.Adelung wie Nicolai gerade an allen unsern genialen Dichtern, ja sogar an den liberalen Sprachforschern Heynatz und Voß Feinde hat: so schreib' er es teils seinem Schweigen über die Erbschaft fremder Sprachschätze (z. B. von Heynatz, Ramler) zu, teils seinem Mangel an allem philosophischen und poetischen Sinne. Wer wie A. die Gellerte von unsern wahren Dichtern und Genien nur in der Lebhaftigkeit verschieden findet; wer das Genie für ein Mehr der niedern Seelenkräfte ausgibt und bei einer »fruchtbaren Einbildungskraft« fragt (Über den Stil II. S. 308): »wer hat die nicht?« und darauf antwortet: »der immer am meisten, der die höhern Kräfte am wenigsten bearbeitet und geübt hat«; – kurz, wem die Besten mißfallen, muß sich nicht wundern, daß er ihnen noch mehr mißfällt, besonders da unter allen geistesarmen Mustern des Stils, die er wählt und lobt, keines so dürftig ist als das, welches er selber gibt. Ich führe zum Beweise die Zueignung seiner Sprachlehre für Schulen an Herzberg an: »Ew. – haben unter so vielen andern erhabenen Vorzügen auch die deutsche Sprache Ihrer Aufmerksamkeit gewürdigt und ihre Bearbeitung der unter Dero weisen Leitung von neuen aufblühenden königl. Akademie der Wissenschaften empfohlen; ein Verdienst, welches Dero Namen auch in den Jahrbüchern dieser von den Großen der Erde nur zu sehr verachteten Sprache unvergeßlich machen wird. Leibnizens Entwurf bei Errichtung dieser Akademie, nach welchem die Ausbildung der deutschen Sprache mit in den Wirkungskreis derselben eingeschlossen ward, war eines so großen Mannes würdig; aber es blieb einem so großen Minister, welcher in den Gefilden der Wissenschaften ebensosehr glänzt als in dem Gebiete der Staatskunst, vorbehalten, ihn nach mehr als einem Jahrhundert werkstellig zu machen und dadurch der Schöpfer aller der bis her verspäteten Vorteile zu werden, welche der Sprache daraus zufließen müssen.« – Eines der besten Mittel, ein neues Wort einzuführen, ist, es auf ein Titelblatt zu stellen. Noch gedeihlicher und weiter pflanzen Zeitungsblätter neue Wörter (unblutige Neuigkeiten) fort, z. B. Heerschau statt Révue.

Neue Wendungen und Wortknüpfungen drängen sich am schwersten oder langsamsten durch die enge Pforte in die lebendige Sprachwelt, z. B. viele französische von Wieland, eigentümliche von Lessing, von Klopstock; erstlich, weil die Annahme einer ganzen fremden neuen Wendung einem halben Raube und Nachhalle ähnlich sieht, und zweitens, weil sich ihre Feierlichkeit nicht so leicht wie ein kurzes Wort mit der Anspruchlosigkeit der Gesellschaft und des gemeinen Stils verflicht. Indes hatten Klopstock (als Dichter) und Herder und Lessing (als Prosaisten) schon von 1760 bis 1770 in einem Jahrzehend durch die Keckheit und Kraft ihrer Wortfügungen (so wie ihrer Wortbauten) die Sprache mit einer Freiheit, Vielgliederung und Gelenkigkeit ausgesteuert, welche später von Goethe und der ganzen arbeitenden deutschen Schule wachsende Fülle bekamen. Aber ein Jahrhundert voll hundert schreibender Adelunge, Biester, Nicolais und ähnlicher hätten die Sprache nicht um eine Spanne freier gelüftet, ja kaum um eine enger gekettet. Überhaupt bildet und nährt die Prose ihre Sprachkraft an der Poesie; denn diese muß immer mit neuen Federn steigen, wenn die alten, die ihren Flügeln ausfallen, die Prose zum Schreiben nimmt. Wie diese aus Dichtkunst entstand, so wächst sie auch an ihr.

Wenn man den Reichtum unserer Sprache, gleichsam eines Spiegelzimmers, das nach allen Seiten wiedergibt und malt, am vollständigsten ausgelegt sehen will: so überzähle man den deutschen Schatz an sinnlichen Wurzel-Zeitwörtern.Der Verfasser hat schon vor vielen Jahren ein kleines Wurzel-Register der sinnlichen und ein größeres aller Zeitwörter verfasset zum allgemeinen Besten seiner selber; die Haupteinteilung ist in die intransitiven und in die handelnden Verba. Der intransitiven der Bewegung nach einem Orte z. B. sind über 80 (gehen, schreiten, rennen, stürzen etc.), der handelnden über 70 (legen, stellen, werfen etc.); jetzo diese unendlich fortgepflanzt durch: be, an, ein, auf, ver etc. etc. Für den Schall haben wir 100; vom allgemeinen an: rauschen, hallen etc. zum bestimmtem: knallen, schmettern etc.; dann zum musikalischen: klingen, tönen etc.; dann zum menschlichen: flüstern, lallen, plärren etc.; dann zum reichen tierischen: schnattern, piepen, zirpen etc. – Als kürzeste Probe setz' ich die Verba einer gewissen Bewegung im Orte, nämlich der zitternden, her: zittern, wirbeln, wanken, schwanken, nicken, zappeln, flattern, zucken, tanzen, taumeln, gaukeln, schaukeln, beben, wogen, wallen, schwindeln, wedeln, wackeln, schweppern, schlottern, bammeln; jetzo noch enger: runzeln, kräuseln, fluten, gären, kochen, wirbeln, sprudeln, brudeln, strudeln, sieden, ringeln, perlen, flackern; – dann handelnd: regen, rühren, schwenken, wiegen, rütteln, gurgeln, schütteln, schüttern, schaukeln, schwanken, kräuseln, fächern, quirlen, wirbeln, ringeln, fälbeln, lockern. – Ungeheuer ist der Reichtum an den Wörtern a) des Sterbens b) und des Tötens; aber am meisten des Hassens und Trennens. Nicht halb so reich ist die Sprache für paaren, gatten etc.; ganz arm für Wörter der Freude. Überhaupt nur durch die Gewalt über die Zeitwörter erhält der Autor die Herrschaft über die Sprache, weil sie als Prädikate dem Subjekte am willigsten zulaufen und sich in jede grammatische Einkleidung am leichtesten zerteilen; z. B. aus: die jetzige Zeit blüht, wird leicht: sie treibt Blüten, steht in Blüte, steht blühend da, die blühende Zeit, die Blüten der Zeit etc. Wer die Sprache mit erschaffnen Wörtern zu bereichern sucht, lebt meistens an alten verarmet; solche Blumen sind nur aus kranker Schwäche gefüllte und treiben neue Blätter. Lavater hat eben darum mehr Wörter geschaffen als Lessing und Herder und Goethe zusammen; sooft. er sich nicht auszudrücken wußte, schuf er.bleibe seinen neuen Formen der physiognomischen Form, seinen gestaltenden Schöpfung-Wörtern der Ruhm. Wer die meisten neuen im sprachlahmen Drange der Unkunde erfindet, sind Kinder. Sonst suchte ein Schriftsteller das Wagen eines neuen Wortes, z. B. Anno 1770 der Übersetzer Hemsterhuis das Wort Wesenheit statt Essence, oder Bode das Wort Empfindsamkeit, mit einem gelehrten Ansehen, beide mit Lessings seinem, zu entschuldigen; jetzo läßt jeder sich hinlaufen und fortspulen und bittet so wenig um Verzeihung neuer Wörter, als wären es neue Gedanken. Aber jenen Neulingen hängen zwei Nachteile an: – daß sie in der scharf objektiven Dichtkunst, in der rein epischen, in der rein komischen, mit ihren vordringenden Ansprüchen mehr stören als wirken; und dann, daß sie da, wo die Malerei ein Blitz ist und kein Regenbogen, viel zu lange sind. Je länger aber ein Wort, desto unanschaulicher; daher geht schon durch die Wurzel-Einsilbigkeit der »Lenz« dem »Frühling« mit seinen Ableitern vor, ebenso »glomm« dem »glimmte«. Da man nicht neue Wurzeln erschafft, sondern nur die alten zu Zweigen und Ausschößlingen nötigt und verlängert: so können sie selten ohne vor- und nachsilbiges Schlepp-Werk, oder doch nicht ohne Spuren von dessen Abschnitte erscheinen.

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