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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 79

Darstellung der menschlichen Gestalt

Wenn die Gestalt malet, wer malet denn sie selber? besonders die schwierigste, nämlich die schönste? Die Handlung, antwortet Lessing. Aber da ohnehin im Gedicht alles eine sein soll: so muß diese näher für die Wirkung betrachtet werden.

Vor der Phantasie stehen nie bleibende, nur werdende Gestalten; sie schauet ein ewiges Entstehen, folglich ein ewiges Vergehen an. Jeder Blick erleuchtet und verzehrt mit demselben Blitze seinen Gegenstand, und wo wir lange den nämlichen anzuschauen glauben, ist es nur das irre Umherlaufen des Leuchtpunktes auf einer ausgedehnten Gestalt. Die gerade Linie, den Bogen und die Wellen-Linie halten wir leichter und fester vor das Auge, weil ihr Fortwachsen ihrer ähnlichen Teile sie nicht ändertDazu kommt ihre häufigere Erscheinung in der Außenwelt. ; hingegen jede Winkel-Figur muß vor dem ersten Blicke entspringen, und sie wird schon vom zweiten zerstückt. Es ist schade, daß wir noch nicht geistige Licht- und Zeitmesser für unsere Ideen und Gefühle haben – ein Buch voll Beobachtung zög' ich einem neuen metaphysischen Systeme vor.

Am schwersten wird der Phantasie die Vor- und Nachbildung einer menschlichen Schönheit aus Worten, welche wie die Kugel den größten Reichtum in die kleinste Form einschließt. Sie findet an ihr lauter Verschiedenheiten, aber ineinander schmelzende; folglich weder die Hülfe der Linie, worin das Ganze den Teil wiederholt, noch die Hülfe der Häßlichkeit, deren Bestandteile als ledige Kontraste sich schärfer und schneller vordrängen. Ohne Überblick festgehaltner Teile aber gilt es keine Schönheit, diese Tochter des Ganzen oder des Verhältnisses.

Nun ist die Phantasie überall mehr Wort-Schatten als Lebenfarben nach- und vorzubilden angewöhnt; die cogitationes coecae, wie Leibniz sie nennt, bewohnen uns den ganzen Tag, ich meine Schatten zur Hälfte aus der Sinnensprache, ein Viertel Ton- und ein Viertel Schriftsprache. »Wie leicht und leer«, sagt Jacobi, »gehen uns die unendlichen Wörter: Himmel, Hölle, durch den Geist und über die Lippe!« Wie kahl wird nicht Gott ausgesprochen und gelesen!

Farben bereitet die Phantasie am leichtesten, da sie ja durch das ganze Leben am unendlichen Raume färben und sogar den Schatten in ihren Färbekessel tauchen muß. Daher wachsen Blumen, da sie nur ans wenigen Farben und Bogenlinien bestehen und immer dieselben bleiben, so schnell in der Phantasie auf. Umrisse als die Einschränkung der Farbe werden ihr schon schwerer, außer solche, welche Bewegung – diesen Widerschein des Geistes – fodern und zeigen, z. B. eine lange Gestalt, weite Ferne, Landstraßen, hohe Gipfel.

Wie wird nun die fremde Phantasie zur plastischen Schöpfung gezwungen? Nie durch den bloßen Anstoß und Zuwink: »ein reizendes Gesicht, eine Venus«, oder durch folgende, in anderer Hinsicht vortreffliche Verse in Wielands Oberon:

Es war in jedem Teil, was je die Phantasie
Der Alkamenen und Lysippen
Sich als das Schönste dacht' und ihren Bildern lieh,
Es war Helenens Brust und Atalantens Knie
Und Ledas Arm und Erigonens Lippen u. s. w.

Eben jedes schöne Glied, welches hier als erschaffen vorausgesetzt wird, soll mir der Dichter erstlich verschaffen (denn das bloße Wort gibt mir so wenig, eine Anschauung als das Wort Himmel Himmelfreude); dann aber soll er eben alle Glieder, welche die Phantasie nicht festhalten kann, durch ein organisches Feuer zu einer warmen Gestalt verschmelzen. Nur der lyrische Dichter mag etwan sagen: er wolle dies singen – oder: er wolle es nicht, es sei zu groß, oder: hat je ein Dichter etwas Schöneres u. s. w.; denn durch die Empfindung gibt er den Gegenstand; aber der epische kann nur durch den Gegenstand die Empfindung geben und darf also mit dieser nicht beginnen, nur beschließen. – Sogar in der Lyrik wirkt es entkräftend, wenn z. B. Klopstock zum Besingen Gottes durch die Erklärung Anstalten macht, daß er das Besingen nicht vermöge; denn zwar das Unvermögen des Beschreibens wird bedeutend durch die Wichtigkeit des Beschreibers gehoben, aber nicht sonderlich der Gegenstand Gott; auch findet man ungern in der Nähe des Allerhöchsten so viel Reflexion und Blick auf sich und auf Beschreiben.

Damit nun aus dem reißenden Flusse der Ideen eine Gestalt vor der Phantasie einen Augenblick lange aufspringe, müssen in den nächst vorhergehenden die Springfedern dazu gespannt werden. Man kann diese einteilen in die Aufhebung, in den Kontrast und in die Bewegung, die sich wieder in äußere und in innere zerteilt.

Die Aufhebung ist dies: zeigt im ersten Momente bloß den Vorhang der Gestalt, nehmt im zweiten ihn ganz weg, dann zwingt ihr die Phantasie, welche durchaus keinen leeren Raum vertragen und beschauen kann, ihn mit der Gestalt zu füllen, die ihr nur mit einem einzigen Worte vorher zu nennen braucht, z. B. Venus. Umstände, welche den Helden die geliebte Schönheit zu erblicken hindern, heben sie gerade dem Leser vor das Auge; so wirken z. B. die Springwasser gestaltend, hinter welchen Albano gern seine erblindete Liane ersehen möchte. – Sonst fragt' ich mich, warum gerade in 1001 Nacht alle Schönheiten so schön und so lebendig dastehen; jetzo antwort' ich: durch Aufhebung. Da nämlich jede vorher nach Landes-Sitte unter dem breiten Blatte des Schleiers glüht und da immer plötzlich das Laubwerk weggezogen wird: so sieht man natürlich darhinter die durchsichtig-zarte, weiß-rote Frucht beschämt niederhängen.

Auf dieselbe Weise wirkt der Kontrast entweder der Farbe oder der Verhältnisse. Nirgends zeigten mir Gedichte mehr blendende Zähne oder mehr blitzende Augen als an Mohrengesichtern, nirgends hellere Rosen-Lippen als im siechblassen Angesicht, das allmählich von der roten Rose zur weißen verwelkt. Dies ist optisch. – Ebenso der Kontrast der Verhältnisse. Wenn Wieland ein unangenehmes Gesicht durch die Lichter und Seelen schöner Augen verklärt, wie eine Nacht durch Sterne; – ja wenn die Alten eine Venus zornig oder die jungfräuliche Pallas ernst darstellen: so heben diese Kontraste schärfer hervor, als die Verwandtschaft-Farben »lächelnde Venus, liebende Pallas« jemals vermöchten. Ich entlehne vom trefflichen Gestalten-Schöpfer Heinse nur die nächste Schönheit in seiner Anastasia: »er führte heran, indem wir uns umdrehten, ein Frauenzimmer in weißem Gewand mit zurückgeschlagenem Schleier, groß und hehr, obgleich noch fast kindlich an Jugend, mit blitzenden Augen aus einer schwarzen Wetterwolke von Locken, das reizende Modell zu einer Pallas und doch schon Brüste und Hüften gewölbt, fast wie die mediceische Venus. Eine wunderbar fremdschöne Gestalt.«

Gibt man der Phantasie die Ursache, so nötigt man sie, die Wirkung dazu zu schaffen; gibt man ihr Teile eines unteilbaren Ganzen, so muß sie den Rest ergänzen. Daher hält drittens eine Handlung, d. h. eine Reihe von Bewegungen, am leichtesten die Reihe der an sie geknüpften Reize, d. h. der Gestalten, fest, das Bewegliche malet das Feste stärker als dieses jenes. Ihr malet den Hals, wenn ihr ihm ein Halsband anlegt oder abnehmt. Kleidet in der Poesie eine Schönheit vor den Lesern, z. B. wie Goethe Dorothea, an: so habt ihr sie gezeigt; dasselbe gilt noch mehr, wenn ihr sie entkleidet. Siebenkäs legt und drückt den Kopf seiner Lenette an das Silhouetten-Brett; dadurch schattet sie sich am Brette und in unserer Seele ab. Hätte Wieland in der vorigen Strophe aus einem römischen Ergänzmagazin einen Ledas-Arm oder dergleichen in die Hand genommen und als Möbleur der Person gesagt, so sei ihrer: so wäre uns allen, nur nicht ernst genug, ihre Gestalt ins Auge und in die Sinne gefallen.

Wie Handlung oder Bewegung gestalte in der fließenden Phantasie, das zeigt euch jede Fackel. Sagt: »Ich sah den Apollo in Dresden, ich sah die Eisberge in der Schweiz«, ihr habt noch schwach uns die hohen Gestalten aufgerichtet und enthüllt. Aber setzt dazu: »Wir hatten Fackeln, z. B. in der Schweiz, und so wie der Schimmer hinunter in die schwarzen Gründe stürzte, an den Klüften auflief und wie lebendige Geisterspiele um grüne Gipfel und über Schneeflächen schweifte und Schatten gebar etc.«, so sieht man etwas.

Außer der äußern Bewegung gibt es noch eine höhere Malerin der Gestalt, die innere Bewegung. Unsere Phantasie malt nichts leichter nach als eine zweite. In einer Folio-Ausgabe von Youngs Nachtgedanken mit phantastischen Randzeichnungen von Blake ist z. B. auf dem Blatte, wo Träume gezeichnet werden, die Gestalt für mich fürchterlich, welche gekrümmt und schaudernd in ein Gebüsch starrt; denn ihr Sehen wird mir Gesicht. Um also unserm Geiste eine schöne Gestalt zu zeigen: – – zeigt ihm nur einen, der sie sieht; aber um wieder sein Sehen zu zeigen, müßt ihr irgendeinen Körperteil, und wär' es ein blaues Auge, ja ein weißes großes Augenlid, mitbringen; dann ist alles getan. Ihr wollt z. B. eine erhabene weibliche Gestalt abzeichnen, so mag ihr Gemüt sie mit opfernder Liebe verklärend durchstrahlen, daß Schimmer und Umriß ineinander verrinnen; aber irgendeine Verkörperung gründe den Geist: die Gestalt senke die reine lichte gerade Stirn, wenn sie gibt und liebt; dann werdet ihr sie sehen. Herder malt in den Horen einen Liebenden, der seine Geliebte vor dem Kalifen malt – man führt nur eine kranke blasse Gestalt daher – aber er fodert nur, mit seinen Augen schaue man sie – und so gibt er uns seine Augen. – Wie gedacht, irgendein sichtbares gefärbtes Blumenblatt – im vorigen Beispiel war es welk und weiß – muß dem unsichtbaren Dufte die Unterlage leihen, und wär' es einer von Homers festen Teilen der Rede: blau- und großäugig, weißarmig etc. – Werthers durchsichtige Lotte ist daher nur ein schöner Ton, eine Echo, aber die Nymphe bleibt verborgen.

Einige wollen uns die Gestalt erschließen lassen, indem sie ihr Maler, Dichter, Lobredner und alle schönen Künstler voraus- und nachschicken, welche sie ausposaunen. So machte es Richardson, der uns bekannte Verfasser und viele; aber ein Schluß ist kein Gesicht, ausgenommen in der Weltgeschichte. Lessing legt die freudigen Ausbrüche einiger Greise in der Ilias über Helenens Schönheit als volle Farbenkörner zu einem kräftigen Bilde der Griechin vor – und das sind sie gewiß; – aber nicht durch die bloßen Ausrufungen greiser hustender Stimmen (denn bei uns und bei Griechen wär' es ekel abstoßend; dann zweckwidrig, da eben des Dichters Zweck, zu preisen, so roh vorstäche; dann zwecklos, da ja Helenens Bild schon auf allen Schwertern widerglänzte, die ihrentwegen gezogen waren), sondern durch zwei andere Verhältnisse wird die Schilderung richtig und feurig: erstlich, daß die Greise Helenen verschleiert gehen sahen, folglich im doppelten Gestalt-Vorteil für die Phantasie, in der Hülle und in der Handlung; und zweitens dadurch, daß Helene in die allgemeine Weltgeschichte hineingehört. Der Historiker schreibe nämlich, daß Maria von Schottland eine große Schönheit gewesen, man glaubt eine, man sieht eine – und zwar so lebendig und leicht, als man auf der Gasse eine menschenliebende Seele auf einem Arme findet und sieht, der sich ausstreckt, um zu tragen oder zu reichen, – allein in der Dichtkunst wird Maria nicht eher schön, als bis ihr Schiller durch Mortimer die Augen, den Hals und alles schickt, obwohl widrig genug auf dem Enthauptung-Blocke aufgetischt.

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