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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 53

Maß des Witzes

Über keinen Mangel an Vorzügen beklagt sich der Deutsche so häufig als über den an ausländischen – denn zum Verluste inländischer ist er stiller, z. B. alter Freiheit und alter Religion –; werden aber endlich die fremden die seinigen, so macht er nicht viel daraus. Daher erhebt und bestellt er Witz – so wie Laune – so häufig, weil sie noch nicht als Artikel seines innern Handels umlaufen. Hat sich ein Deutscher mit diesen Artikeln reichlich versehen und legt sie ausLichtenberg, Musäus, Hippel, Hamann sind zwar Helden des Witzes; aber man sieht ihnen solchen wegen reeller wahrer Verdienste nach und entschuldigt gern. Bloß witzige Schriftsteller (wovon ich nur einen gewissen Bergius, Verfasser der Blätter von Aleph bis Kuf und der Handreise, zweier strömend-witzigen Werke, oder einen Paulus Ämilius im t. Merkur nenne) werden mit jener Kälte aufgenommen, welche der Witz, der selber sogar den Charakter erkaltet, sich gefallen lassen sollte. – Überhaupt verzeiht der Deutsche den Witz als Nebensache lieber denn als Sache – er will ihn als Putzkleid, nicht als Amtkleid erblicken, und er entschuldigt ihn zwar an einem gelehrten Professionisten als ein kurzes hors d'oeuvre, aber nicht an einem, dessen sämtliche Werke und opera solche hors d'oeuvre und opera supererogationis sind. : so wird er von den Rezensenten als ein Staatbürger abgestraft, der auswärtige Akademien bezogen hat oder auswärtige Lottos besetzt. Ein gesetzter helldenkender Mann – sagen die verschiedenen Richter und Leser – schreibt seinen guten reinen netten stillen Stil, seine fließende Prosa, er drückt sich leicht aus; aber ewiges Witzeln wird jedem zum Ekel, »und wenn man vollends«, setzen sie dazu, »einem Geschäftsmann solchen Schaum auftischt! O weh!« –

Eine Übersetzung auch des witzigsten Originals, z. B. des Hudibras, Tristrams, macht daher weit mehr Glück- denn sie schlägt ins gelehrte Fach – als ein deutsches, das nur halb, ja viertels so witzig ist. – Allerdings lassen sie einen und den andern schimmernden Einfall zu, aber die gehörige Menge Blätter sei zwischen zwei Einfälle, wie leere und volle zwischen Kupferstiche der Romane, gepackt – zwischen zwei müßigen Sonntagen des Witzes müssen sechs Werkeltage liegen – sie vergleichen den Witz und selber eine solche Vergleichung mit den altdeutschen und tatarischen Völkern, welche durch leere Strecken ihre Reiche auseinanderhielten. Auch hat man bei Werken recht, worin der Witz Diener ist – wie in den meisten poetischen und wissenschaftlichen, z. B. in Einladungschriften –; aber ist er denn in keinen Herr? – Und gibt es ein rein witziges Produkt, z. B. Lichtenbergs Hogarth: so sind Absätze und Pausen seiner Strahlen so wenig zu verlangen oder zu vergeben als in einer Epopöe Pausen des Erhabnen, obgleich beide Dichtarten dadurch dem Leser eine fortgesetzte Spannung zumuten. In einem Blumengarten ist der Überfluß an Blumen so wenig ein Tadel als der Mangel an Gras. Warum soll es nicht schnellste Reizmittel für den Geist so gut geben wie für sein Gehirn um ihn herum? Warum wollt ihr erst von einem Druckbogen und vom ganzen Nachmittage die Wirkung einer Seite und Stunde überkommen, und warum fodert ihr zum gefrornen Feuer-Wein das verdünnende Eis, woraus er abgezogen ist? Haltet lieber ein wenig innen! Die Zeit ist das beste Wasser, womit man sowohl Bücher als Getränke verdünnt. Gleichwohl muß gestanden werden, daß bloßer Witz als solcher – als Abbreviatur des Verstandes – nur abmattend ergötze, sobald er auf seinen bunten Spielkarten nicht etwas Wesentliches, z. B. Empfindung, Bemerkung etc. etc., zu gewinnen gibt. Der Scharfsinn ist das Gewissen des Witzes, und er erlaubt ihm wohl eine Spielstunde, aber desto verdrüßlicher sitzt er selber der nächsten Lehrstunde entgegen.

Etwas anderes und weniger Wohltätiges ist jene unaufhörliche Wiederholung von Anspannungen unter dem Lesen eines Bandes voll Sinngedichte. Hier mattet nicht bloß der immer wieder blitzende Witz, sondern das Vorübertragen immer neuer Gegenstände ab, welche in jedem Zeilen-Paare von vornen anzufangen zwingen; daher spürt man denselben Gedanken-Schwindel auch bei dem Lesen aller abgesetzten Sätze auch ohne Witz. Hingegen im witzigen Produkte springt zwar der Geist nach allen Kompaß-Ecken, aber von einem Standpunkte; indes er dort nach allen von allen kreuzt.

Die zweite Einwendung – denn die Anstrengung und Ermattung war die erste – gegen die totale Witz-Sündflut, die nur partial sein soll, ist diese, daß ein solcher Mann und Urheber ordentlich nach Witz jage – – wie der Frühling nach Blüten, oder Shakespeare nach Glut. Gibt es denn etwas in der Kunst, wornach man nicht zu jagen habe, sondern was schon gefangen, gerupft, gebraten auf die Zunge fliegt? Fallen einem Pindar seine Adler und Falken und Paradiesvögel von geflügelten Worten so gerade auf die Hand, ohne sein eignes Umherfliegen darnach? – Nur die Mattigkeit gibt uns ihre ewige Nachbarschaft; ja auch sie jagt; im Schweiße ihres Angesichts erwirbt sie etwas Ähnliches, den Schweiß ihres Gehirns.

Wo die Anstrengung sichtbar ist, da war sie vergeblich; und gesuchter Witz kann so wenig für gefundnen gelten als der Jagdhund für das Wildpret.

Die beste Probe und Kontrolle (Widerrechnung) des Witzes ist eben sein Überfluß; ein Einfall, welcher allein geschimmert hätte, erblasset in glänzender Gesellschaft; folglich wird der Vorwurf matter und gesuchter Einfälle gerade den Witz-Verschwender treffen. Wenn ökonomische Schreiber den Leser lange durch nötige Hungerkuren und Fastenzeiten durchgezogen, und sie ihn eben nun, da er fürchtet, in einen Ugolinos-Hungerturm hinabzusteigen, plötzlich vor eine Suppenanstalt bringen: Himmel, wer beschreibt das Entzücken und den Genuß! – Wollte jemand hingegen dieselbe Rumfordsche Suppe an andern Orten mit unter dem Nachtisch und feinen Weinen herumgeben: so fiele der Effekt schwächer aus.

In Werken, welche ganze Bilder-Kabinette sind, wie viele englische, entgeht man selten dem Über- und Verdruß, weil außerdem, daß die Farben nicht mehr der Zeichnung dienen, sondern selber Umrisse werden, d. h. Farbenkleckse, es auch noch unmöglich ist, nicht die neuen Bilder durch verbrauchte zu binden und zu unterbrechen. Hingegen der Witz, der ohnehin nichts darstellen will als sich selber, muß so lange neu sein, als er verschwendet; und er erspart, wenn nicht den Überdruß am Übermaße, doch den Verdruß am Verbrauche.

Auch muß der Witz darum gießen, nicht tröpfeln, weil er so eilig verraucht. Sein erster elektrischer Schlag ist sein stärkster; lieset man denselben Einfall wieder: er ist entladen; indes die dichterische Schönheit gleich der galvanischen Säule sich unter dem Festhalten wieder füllt. Der Witz gewinnt wie 10000 Dinge durch Vergessen, folglich durch Erinnerung; um ihn aber ein wenig zu vergessen, muß so viel da sein, daß man es muß. Daher Hippel und Lichtenberg bei der zehnten Lesung die zehnte Lieferung von Witz und Freude geben; es ist eine zehnte, obwohl innere, geistige Auflage, und wie verbessert und korrekt! Denn neben dem verpufften Witze findet man gerade noch so viel unangezündeten, daß der Mann sich mit korrekten Männern sehr wohl messen kann.

In Gesellschaft ist das witzige Wetterleuchten darum beschwerlich, weil es finsterer darauf wird. Jeder Reiz macht einen zweiten nötig und so fort, damit dieselbe Erregung bleibe. Mithin muß der Witz – wenn man nicht welken soll – fortreizen. Die Schönheit aber gleicht dem Nähren und Schlafen; durch Erquicken und Stärken macht sie empfänglicher, nicht stumpfer. – Der erste rechte Witz in einem Buche erregt gleich gewissen Getränken Durst darnach; – wie, und den Durst soll man stillen, indem man den Mund einem Staubregen aufmacht? Gebt uns Diogenes' volle Hand, oder vollen Becher, oder sein Faß!

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