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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 44

Der unbildliche Witz

Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne, der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert, tut es mit verschiedenen Trauformeln. Die älteste, reinste ist die des unbildlichen Witzes durch den Verstand. Wenn Butler die Morgenröte nach der Nacht mit einem rotgekochten Krebse vergleicht – oder wenn ich sage: Häuser und Baßnoten beziffern – oder dies: Weiber und Elefanten fürchten Mäuse: so ist die Vergleichwurzel keine bildliche Ähnlichkeit, sondern eine eigentliche, nur daß solche Verhältnisse nicht, wie die des ökonomischen Witzes, sich als Vorder- oder Hintersätze in Reih und Glieder stellen, sondern wie Statuen allein und müßig stehen. Zu dieser Klasse gehört der spanische und attische Witz; z. B. folgender des Kato: »Es ist besser, wenn ein Jüngling rot als blaß wird; Soldaten, die auf dem Marsche die Hände, und in den Schlachten die Füße bewegen und die lauter schnarchen als schreien«Er meint das Schlachtgeschrei. – oder der Witz jener spanischen Mutter: »Komme entweder mit oder auf dem Schilde.« Woraus entsteht nun das Vergnügen über diesen Lichtzuwachs? Nicht aus dem Beisammenstande, z. B. im obigen Beispiele der »Weiber und Elefanten« – denn in der Naturgeschichte werden aus anderem Grunde beide oft Nachbarn –; aber auch nicht aus dem bloßen Gesamt-Prädikat der Maus-Scheu für zwei getrennte Wesen; denn im naturhistorischen Artikel von Mäusen könnten beide Fürchtende im breiten Raume aufgestellt werden; und man dächte an nichts. Welche fremdartige Ideen stehen nicht oft unter der Fahne eines Wortes verbunden in einem Lexikon, wie z. B. Weber-Schiffe, Krieg- und andere Schiffe! Wird man darum sagen, der lexikographische Adelung stecke voll Witz? Sondern der ästhetische Schein aus einem gleichwohl unbildlichen Vergleichpunkt entsteht bloß durch die taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache, welche halbe, Drittel-, Viertel-Ähnlichkeiten zu Gleichheiten macht, weil für beide ein Zeichen des Prädikats gefunden wird. Bald wird durch diese Sprach-Gleichsetzung im Prädikat Gattung für Unterart, Ganzes für Teil, Ursache für Wirkung oder alles dieses umgekehrt verkauft und dadurch der ästhetische Lichtschein eines neuen Verhältnisses geworfen, indes unser Wahrheitgefühl das alte fortbehauptet und durch diesen Zwiespalt zwischen doppeltem Schein jenen süßen Kitzel des erregten Verstandes unterhält, der im Komischen bis zur Empfindung steigt; daher auch die Nachbarschaft des Witzes und des Komus kommt. Z. B. »Ich spitzte Ohr und Feder«, sagt ein Autor; hier wird für ganz verschiedene Arten zu spitzen ein Wort gefunden, denn Ohr und Feder selber sind oft genug ohne Witz beisammen. Wenn ein Franzose sagt: »viele Mädchen, aber wenige Frauen haben Männer«: so bringt er diese Entgegensetzung nur durch das Wort haben zustande, das als Prädikat der Gattung und der Art zugleich in umgekehrtem Verhältnis beiden zugeschrieben wird.

Voltaire kann in seinen Briefen an den König gar nicht davon loskommen, daß dieser der Welt zugleich Verse lieferte und Schlachten.... In dieser Sekunde geb' ich ein Beispiel, indem ich über eines rede: ich bemerk' es aber nur der Stellung wegen; »Verse liefern« steht nämlich voran als das ungewöhnlichere, worauf, wenn einmal der Zuhörer dieses angenommen, das gewöhnliche »Schlachten liefern« leichter eingeht; hätt' ichs umgekehrt, so hätt' er geglaubt (und mit Recht), ich hätte mühsam die eine Lieferung zur zweiten genötigt.... Sagte nun Voltaire bloß, Friedrich II. sei ein Krieger und Dichter: so wollt' es eben nicht viel sagen; nur würde folgendes noch weniger bedeuten: »Du setztest während des siebenjährigen Krieges verschiedene Gedichte in französischer Sprache auf.« Schon mehr ist: »Er kriegt und schreibt«, aber auch unrichtiger; denn schreibt als das Bestimmtere enthält weniger als kriegt. – Noch mehr ist: »er belehrt, was er bekriegt«; denn im bekriegt stecken Städte, Pferde, Kornfelder etc., im belehrt nur Geister; dort ist das Ganze, hier der Teil, und beide werden gleichgesetzt. – Dieses geht ins Unendliche, wenn man gar bis zum Messen der Silben und Soldaten, zum englischen Bereiter-Wechsel zwischen Buzephalus und Pegasus gehen will. Hier wächst die Kürze und der Trug und der Zwist; von zweien weniger verschiedenen Ganzen (Krieg- und Dichtkunst, die im allgemeinen Begriff Kraft, ja Phantasie zusammenlaufen) werden Teilchen der Teile (Silben und Soldaten), also die unähnlichsten Unähnlichkeiten als Exponenten und Stellvertreter jener Ganzen ausgehoben, um diese Unähnlichkeiten und folglich ihre Ganzen einem einzigen, nur den Teilen bestimmten Prädikate ( messen) gleichzumachen, das zugleich geometrisch und arithmetisch oder akustisch genommen wird. – Wenn nun der Verstand eine solche Reihe von Verhältnissen auf die leichteste, kürzeste Weise während der dunkeln Perspektive einer andern wahren zugleich zu überschauen bekommt: könnte man dann nicht den Witz, als eine so vielfach und so leicht spielende Tätigkeit, den angeschaueten oder ästhetischen Verstand nennen, wie das Erhabene die angeschauete Vernunft-Idee und das Komische den angeschaueten Unverstand? Auch würd' ich nicht fragen, ob man könnte, wenn man nicht müßte. Oder man könnte auch Witz den sinnlichen Scharfsinn nennen und folglich Scharfsinn den abstrakten Witz.

§ 45

Sprachkürze

Die Kürze der Sprache verdient, ehe wir den unbildlichen Witz weiter verfolgen bis zum bildlichen, noch ein paar besondere Blicke. Kürze, d. h. die Verminderung der Zeichen, reizt uns angenehm, nicht durch Vermehrung der Gedanken – denn da man immer denkt, so ist die Zahl immer gleich, indem auch Wiederholung desselben Gedanken eine Zahl und jedes überflüssige Zeichen einen gibt –, sondern durch die Verbesserung derselben auf zweierlei Weise; erstlich dadurch, daß sie uns statt der grammatischen leeren Gedanken sofort den wichtigern vorführtDie Unterschrift unter die Bildsäule eines untätigen französischen Königs: Statua Statuae, oder der Einfall über ein leeres Parterre, es sei le double de l'autre. und uns mit einem Regenbache trifft statt mit dem Staubregen; und zweitens dadurch, daß sie die Vergleichpunkte und Gegenstände durch das Wegräumen aller unähnlichen Nebenbestimmungen, welche die Vergleichung entkräften und verstecken, einsam in helle Strahlen scharf aneinanderrückt. Jede Unähnlichkeit erweckt die Tätigkeit; aus dem Schlich auf dem platten Gartensteig wird auf dem abgesetzten Klippenweg ein Sprung. Die Menschen hoffen (in ihrem halben Lese-Schlafe) stets, im Vordersatze schon den Untersatz mitgedacht zu haben und mithin die Zeit, welche sie mit dem Durchlesen des letzten verbringen, angenehm zur Erholung verwenden zu dürfen – wie fahren sie auf (das kräftigt sie aber), wenn sie dann sehen, daß sie nichts errieten, sondern von Komma zu Komma wieder denken müssen!

Kürze ist der Körper und die Seele des Witzes, ja er selber, sie allein isoliert genugsam zu Kontrasten; denn Pleonasmen setzen ja keine Unterschiede. Daher hat das Gedicht, das allein zur Scheide des Witzes gemacht ist, die wenigsten Zeilen und Worte zugleich, das Sinngedicht. Tacitus und die Sparter, wie oft die Volksentenzen, wurden nur witzig, weil sie kurz waren nach ihrem lex minimi überall. So Kato, so Hamann, Gibbon, Bako, Lessing, Rousseau, Seneka. Bei dem Witze gibt es so wenig einen Pleonasmus der Zeichen – obwohl leicht der Gedanken, wie z. B. bei Seneka –, daß eben darum die Engländer unterstreichen, um verwandte Wörter durch das äußere Auge abzusondern für das innere; z. B. Genie und Kenntnis sinken, sagt Young, unsere abnehmenden Tage sind dunkel und kalt. In der Phantasie hätten Finsternis und Kälte sich ohne den Druck leicht so durchdrungen wie in jeder Nacht. – Die Franzosen verdanken ihre Sprachbestimmtheit ihrem unbildlichen oder Reflexion-Witze und diesen jener. Welche witzige Vorteile verschafft ihnen nicht ihr bloßes en der Beziehung! Die englische und die deutsche Prose, welche die Kette der klassischen Perioden noch nicht so, wie die französische, in einzelne Ringe zersprengt haben, verbinden daher mehr mit Kettend. h. mehr mit einer Reihe bildlicher Ähnlichkeiten als mit einer Antithese, wie weiter unten bei dem bildlichen Witze gezeigt wird. als mit Ringen. Wenn jener römische Kaiser einen Fremden, über die Familienähnlichkeit spottend, fragte: »War deine Mutter nicht in Rom gewesen?« – und dieser versetzte: »Nie, aber wohl mein Vater«: so springt der Witz-Funke der Antwort aus einem Zusammenschlagen nicht sowohl fernster Ähnlichkeiten als nächster, welche man bloß in ihre deutliche Wahrheit aufzulösen braucht, und dadurch den ganzen Witz in nichts. Aber wo bleibt der Witz? In der Kürze; die erste Gedankenreihe der Frage, die plötzlich sich umwendende der Antwort werden in einigen Zwingwörtern durchlaufen. Gesetzt, ich sagte hier mehr Beispiels als Scherzes wegen: sonst im alten Rom bewahrten Tempel die Bibliotheken auf, jetzo aber Bibliotheken die TempelDenn unser Gottesdienst wird jetzo meist in Büchern gehalten., so zwäng' ich den Verstand in wenigen Worten und Augenblicken zu schnellem Umwenden und zweimaligem Durchlaufen einer Gedankenreihe.

In der Prose, sobald sie der bloßen Philosophie dienstbar ist, siegt die französische Abkürzung. Für das Begreifen, das nur Verhältnisse, nicht lebendige Gestalten begehrt (wie etwan die Phantasie), ist keine Kürze zu kurzNur die Hamannsche ausgenommen, deren Kommata zuweilen aus Planetensystemen und deren Perioden aus Sonnensystemen bestehen; und deren Worte (gleich den ursprünglichen, nach Herder) ganze Sätze sind. Oft ist die Kürze leichter zu haben als zu lesen; der Verfasser kömmt zum ausgedrückten Gedanken durch lauter weggeschnittene Nebengedanken; der Leser muß diese erst ergänzen aus jenem. ; denn diese ist Klarheit. Die meisten deutschen Philosophen – auch die englischen – sollten sich in französische übersetzen (so wie in Fichtens Sprachschärfe das Anüben der Rousseauschen erscheint). So ist z. B. die Antithese zwar nicht der dichterischen Darstellung günstig, aber desto mehr der philosophischen durch ihr Abkürzen; und Lessing und Rousseau erfuhren ihre Gunst. – Kant und noch mehr die Kantianer verfinstern sich durch ihr Verdoppeln – wie der durchsichtige Körper durch seine eigne Wiederholung opak wird. Viele Deutschen sagen kein Wort, welchem sie nicht einigen Nachklang und darauf Wiederklang beifügen, so daß wie in resonierenden Kirchen die Stimme des Predigers ganz verworren umherhallt. Nur bei seltener Kürze schreiben sie so: Un tel reçu à St. Come, Oculiste pour les yeux. – Eine Gegend lernt man zwar durch ein Verkleinerungglas kennen, aber nicht durch ein Vergrößerungglas. Ferner liest ein Mensch nichts so äußerst eilig als einen weitläuftigen; wie sehr der Verfasser dieses in philosophischen Werken alle Blätter zu fliegenden macht, um zur Sache zu gelangen, wie sehr er von abstrakten Werken von neuem abstrahieret oder abzieht, um nur einigermaßen zu reflektieren, das gesteht er ungern, um nicht Schreiber zu beleidigen, bei welchen man früher die Schale abzuschälen hat als den Kern. Warum wollen denn Philosophen nicht so schreiben, wie Klopstock malte? –

– Aber warum malte dieser nicht öfter so, wie jene schreiben? Denn philosophische Kürze ist nur poetische Zwergin. Wenn der Verstand aus allen Gestalten nur unsichtbare Verhältnisse abzieht (destilliert): so breitet die Phantasie jene lebendig aus. Für Poesie gibt es keine absolute Kürze; und ein kürzester Tag bei ihr ist wenig von einer Nacht verschieden. Daher ist Klopstock, zumal in seinen neuern Oden, um so weniger poetisch, als er sich für den Verstand abkürzt. Er gibt uns eine Zelle voll Rosen-Honig statt des Rosenbusches selber, und statt des Veilchenufers einen Medizinlöffel voll Veilchen-Sirup. Ich frage – um dieses zu beweisen –, ob er je viele Oden (besonders neuere) geschrieben, worin nicht der ihm eigne Komparativ – dieser prosaische Reflexion-Schößling – den dürren Ast ausstreckte. – Einen unvergleichbar höhern Rang behaupten die epigrammatische Erhabenheit oder die erhabenen Spitzen, womit er häufig schließet, so wie sein Erinnern an die selbstvergeßne Kürze der Einfalt. Um nicht die Kürze über sie selber zu vergessen, wollen wir sie verlassen und zum – witzigen Zirkel kommen.

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