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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 40

Der Hanswurst

Zum Übergang vom dramatischen Komus zum lyrischen find' ich keinen bessern Zwischengeist und Zwischenwind als den Hanswurst. Er ist der Chor der Komödie. Wie in der Tragödie der Chor den Zuschauer antizipierte und vorausspielte und wie er mit lyrischer Erhebung über den Personen schwebte, ohne eine zu sein: so soll der Harlekin, ohne selber einen Charakter zu haben, gleichsam der Repräsentant der komischen Stimmung sein und ohne Leidenschaft und Interesse alles bloß spielen, als der wahre Gott des Lachens, der personifizierte Humor. Daher, wenn wir einmal ein bestes Lustspiel erhalten, wird der Verfasser sein komisches Tierreich mit dem schönsten Schöpfungstage segnen und den Harlekin als den besonnenen Adam dazu erschaffen.

Was diesem guten Choristen den Einlaßzettel für die Bühne nahm, war nicht die Niedrigkeit seines Spaßes – denn dieser wurde bloß in mehre Rollen ausgeschrieben für das restierende Personale, besonders für die Bedientenstube, in welche unsere Schreiber ihre Unkenntnis des Herren-Komus verstecken –, sondern erstlich wirkte die Schwierigkeit eines solchen Humors mit einIn Shakespeare haben die Narren oder Rüpel in den eigentlichen Komödien mehr Witz als Laune, aber in den ernsten Stücken tritt aus komischen Mitspielern die Laune bis zum Humor hervor. (insofern er mit den höhern Forderungen der Zeit aufsteigen mußte), zweitens Harlekins unedle Geburt und Erziehung. Schon ehrlos, in beschorner Sklavengestalt bei den rohen Römern, wie noch bei dem Pöbel, als bloßer SchmarotzerDer Parasit der Alten ist der Harlekin, nach Lessings Vermutung., der mehr Spaß ertrug als vortrug, um nur zu essen – und darauf als ähnlicher Tisch-Narr, der mehr die Scheibe war als der Schütze, mehr passiv- als aktiv-komisch, nur daß er an den Höfen, wo der Hof-Narr als umgekehrter Hofprediger oder als der Wochen-Koadjutor desselben hinter gleichem Schirme über dieselben Texte, nur in mehren Rockfarben predigen durfte – da war seine zufällige Erscheinung immer so, daß der sittliche Schmerz über einen solchen Menschen-Verbrauch – nur den Römern erfreulich, die zum Spaße auf Bühnen wahre Kriege aufführten und wahre Torturen nachspielten – durch die Ausbildung das Übergewicht über die Freude gewann, welche der komische Geist austeilte, und daß man daher den Gegenstand des Mitleidens mehr als des Mitfreuens lieber hinter die Kulissen trieb. – Aber könnte nicht eben darum Harlekin wieder tafel- und bühnen-fähig werden, wenn er sich ein wenig geadelt hätte moralisch? Ich meine, wenn er bliebe, was er wäre im Lachen, aber würde, was einmal eine ganze Mokier-Sekte von Pasquinen war im Ernste? Nämlich frei, uneigennützig, wild, zynisch – mit einem Worte, Diogenes von Sinope komme als Hanswurst zurück, und wir behalten ihn alle.

Um aber feinere Seelen an der Pleiße, die ihn wegschwemmte, nicht durch die Aufhebung dieses Edikts von Nantes selber wieder zu vertreiben, muß dieser Mensch durchaus den Küchen-Namen Hanswurst, Pickelhäring, Kasperl, Lipperl fahren lassen. Schon Skapin oder Truffaldino ist vorzuziehen. Doch möcht' er sich uns mehr als ein sedater Mann von Gewicht und Scherz darstellen, wenn er einen oder den andern Namen – weil sie unbekannt sind und spanisch –, entweder Cosme oder Gracioso annähme; wiewohl ein Deutscher noch lieber wünschen wird, daß man den guten Hofnarren oder courtisan bei einem deutschen Namen erhielte, den er wirklich schon führt, und ihn nicht anders nennte als (veredelt) – indem man kurzweilig wegstriche, besonders da alle andere Räte eben Beinamen haben, z. B. Kammer-, Hof-, Legations- u. s. w. – Rat. Sogar in Leipzig müßte ein Hanswurst geduldet werden unter dem Namen Rat.

§ 41

Das lyrische Komische oder die Laune und die Burleske

Wenn im Epos der Dichter den Toren, im Drama der Tor sich und jenen, aber mit dem Übergewichte des objektiven Kontrastes spielte: so muß in der Lyra der Dichter sich und den Toren spielen, d. h. in derselben wahnsinnigen Minute lächerlich und lachend sein, aber mit dem Übergewichte der Sinnlichkeit und des subjektiven Kontrastes zugleich. Der Humor, als der komische Weltgeist, erscheint verkleinert und gefangen als Haus- und Waldgeist, als bestimmte Hamadryade des Dornenstrauchs, ich meine als Laune; und wie Ironie zur Persiflage, so verhält sich Humor zur Laune. Jener hat den höhern, diese einen niedern Vergleichungspunkt. Der Dichter wird bis zu einem gewissen Grade das, was er verlacht; und in dieser Lyra kommt jene Objekt-Subjektivität des Schellingischen Pans unter dem Namen burlesk wieder hervor. Denn der burleske Dichter malt und ist das Niedrige zu gleicher Zeit; er ist eine Sirene mit einer schönern Hälfte, aber eben die tierische erhebt sich über die Meersfläche, ja oft ists ein Hirtengedicht, das ein Hirtenhund bellt.

Dahin rechn' ich auch alles Travestieren – trotz dem Scheine epischer Form, die nirgends ist, wo der Dichter die Empfindung des Lesers oder Objekts selber vorempfindet –, dieses Widerspiel der Ironie, die ihr Lachen so zudeckt als jenes ihres auf. – Wie ist denn nun das Niedrig-Komische darzustellen ohne Gemeinheit? – Ich antworte: nur durch Verse. Der Verfasser dieses begriff eine Zeitlang nicht, warum ihm die komische Prose der meisten Schreiber als zu niedrig und subjektiv widerlich war, indes er den noch niedrigern Komus der Knittelverse häufig gut fand. Allein wie der Kothurn des Metrums Mensch und Wort und Zuschauer in eine Welt höherer Freiheiten erhebt: so gibt auch der Sokkus des komischen Versbaues dem Autor die poetische Maskenfreiheit einer lyrischen Erniedrigung, welche in der Prosa gleichsam am Menschen widerstehen würde.

Diese Stimmung will, wie man an den Travestien und am 17. Jahrhundert sieht, wo in Paris die burlesken Verse blühten, mehr sich als den Gegenstand lächerlich machen, indes die Ironie es umkehrt; und ihr froher Ausbruch wird durch die Phrase »sich über etwas lustig machen« wahr bezeichnet. – In einigen neuern Werken, z. B. in den Burlesken von Bode, noch weit höher aber im Herodes vor Bethlehem, schimmert in diesen niedersteigenden Zeichen der Poesie ein höheres Licht, der Sinn für das Allgemeine, da die frühern von Blumauer und andern tiefe Marschländer sind, voll Schlamm, obwohl voll Salz.

Derselbe Grund, welcher die Burleske in Versen fodert, begehrt auch, wenn sie in dramatischer (obwohl unpassender) Form erscheint, Marionetten statt Menschen zu Spielern. Eine lyrische Verrückung, welche z. B. in Bodens Burlesken vor der Phantasie leicht und nur als Sache vorüberfliegt, martert in der festen Gestalt eines lebendigen Wesens uns mit einer unnatürlichen Erscheinung; hingegen die Schaupuppe ist für das niedrigste Spiel das, was für das erhabenste die Maske der Alten war; und wie hier die individuelle lebendige Gestalt zu klein ist für die göttervolle Phantasie, so ist sie dort zu gut für die vernichtende.

Die komische und niedrig-komische Poesie hat das eigene, daß sie zweierlei Wörter und Phrasen am häufigsten gebraucht, erstlich ausländische, dann die allgemeinsten. – Warum machen wir gerade durch das Ausländische am stärksten lächerlich, so wie wir es dadurch gerade am meisten werden als Ehrenmitglieder und Adoptivkinder aller Völker, besonders des gallischen? Schon durch deutsche Biegung wird das ernste lateinische Wort uns lächerlich. Französische bezeichnen, deutsch umgeendet, immer etwas Verachtendes – z. B. peuple (Pöbel), courtisan (Hasenfuß), maitresse (Beischläferin), caressieren, canaille, infame, touchieren (als Beleidigung), blamieren, courtesieren – teils aus VolkshaßFranzosen und Engländern fehlt es zu dieser Quelle des Komischen nicht am gegenseitigen Hasse, sondern ihren Sprachen an gegenseitiger Unähnlichkeit und Beugungsfreiheit. Nur ihre heroischen und burlesken Metra tauschen sie wechselnd gegeneinander aus. gegen das vorige fürstliche repräsentative System, nach welchem die deutschen Fürsten Vice-Res und missi regii von Ludwig XIV. waren, teils weil die damalige Sprachmengerei der Höfe und Gelehrten (z. B. flattieren, charmieren, passieren) in das Volk heruntersank und also noch für uns bei ihm als Schöpf-Quelle gemeiner Sprechart bleibt. Lateinische Worte werden geachtet und erhoben; folglich recht gut als Kontraste burlesk geworben. Griechische sind tafelfähig sogar im Epos; ja sogar lateinische ohne deutsche Biegung.

Der reichste und helleste komische Sprach-Born, woraus Wieland glücklich seine komischen Pflanzungen begossen und gewässert, ist unser Schatz von gemein-allgemeinen Sprechweisen. Ich will einen ganzen folgenden Perioden aus ihnen formieren: »Es ist etwas daran, aber ein böser Umstand, wenn ein Mann in seinen Umständen überhaupt viel Umstände macht und (so lass' ich mir sagen), ohne selber zu wissen, woran er ist, zwar mit sich reden, aber doch nicht handeln lässet, sondern, weil er darin nicht zu Hause ist, Stunden hat, wo er die Sachen laufen lässet, wenn er auch Mittel hätte.« – Diese Phrasen, welche das Gemeinste ins Allgemeine hüllen und daher nie das Komische zu sinnlich aussprechen und woran der Deutsche so reich ist, stehen mit hohem Werte weit über allen den komischen sinnlichen plattdeutschen Wörtern, welche Mylius und andere für »humoristische« ausrufen. – Außerdem daß man mit gleichem Rechte auch scharfsinnige Wörter, elegische, tragische aufwiese, hasset gerade der Humor, ja sogar die burleske Laune die vorlaute Aussprecherei des Komischen.

Ich werde niemals ein Buch ansehen, auf dessen Titel bloß steht: zum Totlachen, zur Erschütterung des Zwerchfells u. s. w. Je öfter lachend, lächerlich, humoristisch in einem komischen Werke vorkommt, desto weniger ist es selber dieses; so wie ein ernstes durch die häufigen Wörter: »rührend, wunderbar, Schicksal, ungeheuer« uns die Wirkung nur ansagt, ohne sie zu machen.

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