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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 37

Die Ironie, der Ernst ihres Scheins

Der Ernst der Ironie hat zwei Bedingungen. Erstlich in Rücksicht der Sprache studiere man den Schein des Ernstes, um den Ernst des Scheines oder den ironischen zu treffen. Will der Mensch im Ernste eine Meinung behaupten, zumal ein Gelehrter: so tut ers nur verschämt – er zweifelt – er fragt – er hofft – er fürchtet – er verneint die Verneinung oder auch den Superlativ des GegnersIch meine jene Wendung des Ernstes, z. B. von einem Dummen zu sagen: er sei kein Mann von glänzenden Gaben. – er sagt: er unterfange sich nicht zu behaupten, daß – oder: denk' er unrecht, wenn – oder: andere mögen entscheiden, ob – oder: er möchte nicht gern sagen, daß – und es woll' ihm vorkommen, als ob – – und bedient sich dabei der Anfangs- und Konnexionformeln und Figuren nach Peucer oder einem andern erträglichen Stilistiker. Aber gerade mit diesem gelehrten Scheine der Mäßigung und Bescheidenheit lege auch der ironische Ernst seine Behauptung der Welt vor. Ich will, so gut man außer dem poetischen Zusammenhange vermag, ein Beispiel der bessern und darauf der schlechtern Ironie aufstellen. Zuerst jene, zugleich mit dem entwickelnden Kommentar in den Noten.

»Es ist angenehm zu bemerkenDie Ironie muß stets die zwei großen Unterschiede, nämlich die Beweise eines Daseins und die Beweise eines Werts, (wie der Ernst) gegeneinander vertauschen; wo sie Wert zu erweisen hätte (wie hier), muß sie Dasein erweisen und umgekehrt., wie viel eine gewisse parteilose ruhige Kälte gegen die Poesie, welche man unsern bessern Kunstrichtern nicht absprechen»nicht absprechen«, statt »zuschreiben muß«. darf, dazu beiträgt, sie aufmerksamer auf die Dichter selber zu machen, so, daß sie ihre Freunde und Feinde unbefangner schätzen und ausfinden ohne die geringsteHier »geringste«. Da hier gerade der Superlativ den Ernst verstärkt, so darf er auch den Schein verstärken. Einmischung poetischer Neben-Rücksicht. Ich findeIn der ruhigen, langsamen, ehrerbietigen Einführung niedriger Gleichnisse ist Swift der Meister. sie hierin, insofern sie mehr der Mensch und Gärtner als dessen poetische Blume besticht, nicht sehr von den Hunden verschieden»nicht sehr verschieden«. Man bemerke die Verneinung der Verneinung., welche eine kalte Nase und Neigung gegen Wohlgerüche zeigen, desgleichen gegen Gestank»Gestank«. Verträgt der Ernst ein niedriges oder ein sinnlich malendes Wort (wie weiter unten »abstumpfen«, oben »besticht«, wofür »bestechen« weniger anklänge), desto besser und swiftischer., die aber einen desto feinern Sinn (wenn sie ihn nicht durch Blumen abstumpfen, wie Hühnerhunde auf blühenden Wiesen) für Bekannte und für Feinde und überhaupt für Personen (z. B. Hasen) beweisen anstatt für Sachen.«

Denselben ironischen. Gedanken müßte man in der falschen und überall gewöhnlichen Manier etwa so zu geben suchen:

»Man muß gestehen, und alle Welt weißDies sind die beiden einzigen ironischen Anfangsformeln, welche ich in der französischen ironischen Literatur und der deutschen Nachäfferei antreffe. Il faut avouer ist sogar schon so oft ironisch dagewesen, daß es kaum mehr rein ernsthaft zu gebrauchen ist., daß die Herren Kunstrichter zwar nicht für poetische Schönheiten (das ist ja eine lächerliche Kleinigkeit), aber doch für jeden, wer so unter der Hand ihr Feinsliebchen oder ihr Feind ist, eine gar herzliche Spürnase haben. Meine Ehrenmänner sind hier baß den Hunden zu vergleichen (doch mit allem Respekt und ohne Vergleichung gesprochen), welche u. s. w.«

Mich ekelt die weitere Nachahmung dieser ironischen Nachäffung. Swift – dieser einzige ironische Alte vom Berge, der ironische Großmeister unter Alten und Neuern, welcher unter den Briten bloß den Doktor ArbuthnotBeider Zusammenarbeiten ist bekannt. Literarisch bemerk' ich hier, daß Lichtenbergs Satire gegen den Taschenspieler Philadelphia mit den Hauptideen und mehren Nebenideen aus der Satire Arbuthnots gegen einen Taschenspieler: The wonder of all the wonders that ever the world wondered at, genommen ist. zu seinem Nebenritter und unter uns bloß LiscovEr schrieb alle seine Satiren im Zwischenraume vom J. 1732 bis 1736; so unbegreiflich in diesen bloßen vier satirischen Jahrzeiten auf der einen Seite ein so großer Unterschied zwischen seiner ersten und letzten Satire, nämlich ein so schnelles Fortschreiten ist: so unbegreiflich ist auf der andern das nachherige Verstummen und Verschließen eines so reichen Geistes; eine literarische Seltenheit einziger Art! – Und doch gab uns das Schicksal noch eine zweite neuere, wofür es ebensosehr unsere Klage als unseren Dank verdient, die nämlich, daß der Jüngling, welcher durch die »Inokulation der Liebe« unsere besten komischen Dichter erreichte, seinen ganzen blühenden Jahrraum, worin er sie alle hätte übertreffen können, in stummen Sabbatjahren und Ernteferien zubrachte, bloß um im Alter mit seinen »Reisen« die komischen Prosaiker zu übertreffen. zum Ritter der deutschen Zunge schlug – macht jedem, der ihn ehrt, solche Mißgeburten zuwider. Gleichwohl hab' ich aus deutschen Rezensionen, z. B. in der Neuen Allg. Deutschen Bibliothek – nicht die Fehler rügenden, sondern sie begehenden – und aus den deutschen Spaßmachern ein ironisches Idiotikon von wenigen Worten ausgezogen. Die Substantiva sind: Patron, Ehrenmann, häufiges Herr, Freund, Gast, Hochgelahrter, Hochweiser, ferner häufige Diminutiva als Schein-Zeichen der Liebe, z. B. Pröbchen.Ich sagte schon an e. a. O., daß die Liebe ihr Geliebtes gern verkleinernd anrede; daher in den Jahrhunderten der großem Liebe mehre Verkleinerung-Wörter waren. – Die AdjektivaDie falsche Ironie hat nur ein lobendes, superlatives Beiwort, indes die wahre immer abwechselt und statt des höchsten das bestimmteste aussucht. Schade, daß sogar nicht nur Voltaire (die Franzosen ohnehin) bloß das ironische Beiwort: beau ewig gebraucht, sondern auch Rabelais. sind stets die höchst lobenden: geschickte, unvergleichliche, werteste, hochgelahrte, treffliche, artige, weidliche, leckere, behagliche, stattliche, klägliche, herzbrechende, brillante, erkleckliche, saubere, ja gespickte (welches letzte Wort der Mißbrauch nicht einmal mehr im allegorischen Ernste zu gebrauchen erlaubt). – Die Adverbia sind: ganz, gar, baß, höchlich, ungemein, unfehlbar, augenscheinlich. Endlich braucht die After-Ironie noch gern das Pronomen mein, unser: »mein Held«. - Theologische Ausdrücke wie: fromm, erbaulich, gesalbt, Salbung, Kernsprüche, und veraltete wie: baß, gar schön, behagliche männiglich etc., stehen im größten ironischen Ansehen, weil beide einen spaßhaften Ernst zu haben scheinen. Will man die Ironie noch stechender zuschleifen und treffender aufstellen zu einem Rikoschetschusse: so setzt man die zweischneidigen Frage- oder Ausrufungzeichen und Gedankenstriche bei und gibt durch deren Verdoppelung doppelt Schach. Diese Schreiber, welche uns nicht den Ernst des Scheins, sondern den Schein des Scheins bringen, gleichen den Stummen, welche auch dann, wenn sie uns ihre Sache pantomimisch deutlich sagen, noch unangenehme, unnütze Töne eindicken. Durch die ganze Poesie, auch durch den Roman – gesetzt auch, der Verfasser dieses fiele dabei in eine und die andere Pfänderstrafe –, sollte wie in Nürnberg, wo der Meistersänger, der auf dem SingstuhleBragur B. III. sein Singen mit Reden unterbrach, nach der Zahl der Sprech-Silben abgestraft wurde, ebenso eine Rüge überall darauf stehen, wo der Verfasser dem Dichter ins Wort fällt.

Die Kontraste des Witzes sind daher für den Ernst des Scheins gefährlich, weil sie den Ernst zu schwach aussprechen und das Lächerliche zu stark. – Man sieht aus dem obigen Beispiel der Kunstrichter und Hunde, wie die Bitterkeit einer Ironie von sich selber mit ihrer Kälte und Ernsthaftigkeit zunimmt ohne Willen, Haß und Zutun des Schreibers; die swiftische ist nur darum die bitterste, weil sie die ernsteste ist. – Es folgt ferner, daß eine gewisse feurige Sprachfülle, z. B. von Sturz, Schiller, Herder, sich schwerer mit der ironischen Kälte und Ruhe verträgt; so auch schwer Lessings witziger dialektischer Zickzack und zweischneidige Kürze. Desto mehr Wahlverwandtschaft hat die Ironie mit Goethens epischer Prose. Möchte überhaupt der Verfasser des Fausts, bei so großen Kräften eines eigentümlichen Humors und einer ironisch kalten Erzählung des Törichten, seinem Flügelmann auf dem dramatischen Flügelpferde, Shakespearen, welchem Johnson sogar eine besondere Vorliebe für das Komische zuschrieb, wenigstens so weit nacharbeiten, daß er uns nur so viele scherzhafte Bände bescherte, als ernsthafte berühmte Kanzelredner hätten zurückbehalten sollen.

Aus allem Bisherigen ergibt sich die Kluft zwischen Ironie und Laune, welche letzte so lyrisch und subjektiv ist als jene objektiv. Zum größern Beweise will ich die obige Ironie in Laune übersetzen. Sie möchte etwa so lauten – oder ganz anders; denn die Laune hat tausend krumme Wege, die Ironie nur einen geraden wie der Ernst –:

»Herr, sagt' ich zum Herrn mit einiger Ehrerbietung (er war Mitarbeiter an fünf Zeitungen und Arbeiter an einer), ich wollte, er wäre dem wasserscheuen Kerl vernünftig ausgewichen und nicht ins Bein gefahren – denn ich schoß ihn darauf nieder, ob er gleich vielleicht einer meiner besten Hunde war –: so hätte die Welt noch eine der besten Hundsnasen mehr, die je darin geschnuppert. Ich kann schwören, Herr, die gute Ars (so schrieb er sich gern lateinisch) war für das gemacht, was sie trieb. Konnte der Hund, ich frage, mir nicht hier im Blumen-Garten nachspringen, durch Rosen, durch Nelken, durch Tulpen, durch Levkoien, und seine Nase blieb kalt gegen alles und sein Schwanz sehr ruhig? – Hunde, sagt' er oft, haben ihre beiden Nasenlöcher für ganz andere Sachen. Nun zeige ihm aber ein Mann, der ihn erforschen will, etwas anderes, von weitem einen Maulwurf in der Falle hängend, einen Bettler (seinen Erbfeind) unter der Gartentüre, oder Sie, meinen Freund, hereintretend – was meinen Sie, daß meine sel. Ars tat? – Ich kann mir das leicht denken, sagte der Herr. – Gewiß, sagt' ich, er rezensierte auf der Stelle, Freund! – Mir ist, versetzte nachsinnend der Herr, als habe jemand einen ähnlichen Ausdruck schon einmal von Hunden gebraucht. – Das war ich, o Bester, aber in einer Ironie, sagt' ich.«

Ganz verschieden würde derselbe Gedanke in einem andern Humor, z. B. im Shakespeareschen, lauten. Wir wenden uns zur Ironie zurück. Man sieht, daß sie, so wie die Laune, sich nicht gut mit epigrammatischer Kürze verträgt – welche mit zwei Zeilen gesagt hätte: Kunstrichter und Hunde wittern nicht Rosen und Stinkblumen, sondern Freunde und Feinde –; allein die Poesie will ja nicht etwas bloß sagen, sondern es singen, was allzeit länger währt. Wielands Weitläufigkeit in seiner Prose (denn seine Verse sind kurz) entspringt häufig aus einem sanften humoristischen oder auch ironischen Anstrich, den er ihr mitten im Ernste gern lässet. Daher hat die englische Sprache, welche am meisten noch von der lateinischen Periodologie fortbewahrt, und folglich die lateinische den besten ironischen Bau; auch die deutsche, solange sie sich noch jener nachbildete wie zu Liscovs Zeiten.Daher ziehe ich Swifts lahme Übersetzung durch Waser den neuern gelenken vor. Wir wollen dem Himmel danken, daß sich jetzo kein kraftvoller Deutscher jenes französische atomistische Zersplittern eines lebendigen Perioden in Punkte – jene bunten Beete mit zerbrochnen Scherben – zum Muster erlieset, wie es Rabener u. a. getan, dessen Ironie eben wie die französische an diesem geistlosen Zerschneiden kränkelt, ohne doch die Vorteile dieser Sprache, die epigrammatische und persiflierende Geschicklichkeit, zu genießen. Man sollte wie Klotz und (zuweilen) Arbuthnot Ironien in lateinischer Sprache schreiben, weil diese durch die besondern eitel-bescheidenen »Konzessions-, Okkupations-, Dubitations- und Transitionsformeln« der neuern Lateinschreiber den ironischen Behauptungen einen unsäglichen Reiz darbeut. Denn ein Mensch sei noch so eitel, er sei ein Theaterdichter – ein Wort, was schon eine zweifache Eitelkeit aussagt – und in der Loge während seines Stücks – oder er sei das reichste, schönste, belesenste Mädchen in einer Kaufmannsstadt – oder er sei, wer er wolle, in einer Lage, wo er die Sünde der Eitelkeit in einer Stunde 60mal begehen kann: so begeht er sie doch in einer Stunde noch öfter, nämlich sooft er Worte macht, während seines Programms, ein Rektor, ein Konrektor, ein Subrektor u. s. w., der darin weiter nichts zu sagen hat als das Lateinische. Jede Floskel und Redeblume ist ein Lorbeerzweig, welchen vielleicht der böse Feind aufhebt und trocknet zu künftigem Fegfeuer.

Da die Ironie ein fortgehendes Ansichhalten oder Objektivieren auflegt: so sieht man leicht, daß dieses gerade desto schwieriger wird, je komischer der Gegenstand ist, – anstatt daß die subjektivierende und mehr lyrische Laune gerade durch den Überschwung des Stoffs gewinnt; daher jene in der überströmenden Jugend schwerer wird, im Alter aber immer leichter, wo ohnehin das lyrische Leben auf dem Durchgange durch das dramatische ein episches und nach zwei Gegenwarten, nach der innern und nach der äußern, eine feste stille Vergangenheit geworden ist. Auch neigen eben darum Männer von Verstand sich mehr zur Ironie, die von Phantasie mehr zur Laune.

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