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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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VIII. Programm

Über den epischen, dramatischen und lyrischen Humor

§ 36

Verwechslung aller Gattungen

Zu Athen warNach Pauw über die Griechen, I. B., der es aus dem Athenäus anführt. Nicolai bewies indes in der Rezension dieser Stelle, daß mich Pauw belogen, und daß das ganze Gericht nur eine Sammlung von schmarotzenden Possenreißern war. ein Gerichthof von 60 Menschen niedergesetzt, um über Scherze zu urteilen. Noch hat kein Journalistikum unter so vielen akademischen Gerichten, gelehrten Wetzlarn, Friedens- und Zorngerichten und Judikaturbänken, welche in Kapseln umlaufen, eine Jury des Spaßes: sondern man richtet und scherzet nach Gefallen. Selten wird ein witziges Buch gelobt, ohne zu sagen, es sei voll lauter Witz, Ironie und Laune oder gar Humor; als ob diese drei Grazien einander immer an den Händen hätten. Die Epigrammatiker haben meist nur Witz. Sterne hat weit mehr Humor als Witz und Ironie; Swift mehr Ironie als Humor; Shakespeare Witz und Humor, aber weniger Ironie im engern Sinne. So nannte die gemeine Kritik das goldne Witz-, Sentenzen- und Bilder-Füllhorn, das goldne Kalb, humoristisch, was es nur zuweilen ist; eben dies wird der edle Lichtenberg genannt, dessen vier glänzende Paradieses-Flüsse von Witz, Ironie, Laune und Scharfsinn immer ein schweres Registerschiff prosaischer Ladung tragen, so daß seine herrlichen komischen Kräfte, welche schon allein ihn zu einem kubierten Pope verklären, (so wie seine übrigen) nur von der Wissenschaft und dem Menschen ihren Brennpunkt erhalten, nicht vom poetischen Geist. So galt die lustige Geschwätzigkeit Müllers oder Wezels in den Zeitungen für Humor; und Bode, dessen Übersetzung der schönste Abgußsaal eines Sterne und Montaigne ist, galt mit seiner Selbst-Verrenksucht für einen HumoristenIch zitiere zum Beweise seine Dedikationen und Noten. Wer z. B. zur Welt – die überhaupt mit der Schwerfälligkeit übertragen ist, welche nur Montaigne gut ansteht, als antiker Rost der Zeit – S. 114. B. I. diese Note machen konnte: »Was ein Engländer doch wohl von Höflichkeitsbezeugungen sprechen mag! Er, der jedermann, auch den Allervornehmsten, Ihrzet!! Hem!« – oder wer den erbärmlichen, von Mylius, Müller und andern nachgesprochnen Spaß-Laut de- und wehmütig wiederholen kann: dessen schaffende Kräfte stehen tief unter seinen nachschaffenden. Wie wenig die großen Muster – auch innigst verstanden und geliebt – die Zeugungkräfte veredlen, sieht man aus den matten siechen Geburten herrlicher Übersetzer und Anbeter der Neuern und Alten. Zur unbefleckten Empfängnis gehört stets auch eine unbefleckte Zeugung durch einen oder den andern heiligen Geist., indes Tiecks wahrhaft poetische Laune wenig gesehen wurde, bloß weil ihr Leib etwas beleibter und weniger durchsichtig sein könnte. Doch seit der ersten Auflage dieses Werkchens entstand fast eine verbesserte zweite auch der Zeit; denn jetzo wird wohl nichts so gesucht – besonders von Buchhändlern – als Humor, und zwar echter. Ein Unparteiischer findet fast auf allen Titelblättern, wo sonst nur »lustig«, »komisch«, »lachend« gestanden hätte, das höhere Beiwort »humoristisch«; so daß man beinahe ohne alle Vorliebe behaupten kann, daß sich jetzo im schreibenden Stande jene gelehrte Gesellschaft in Rom, die Humoristen (bell' humori), wiedergeboren habe, welche ein so schönes Sinn- und Wappenbild hatte, nämlich eine dicke, auf das Meer zurückregnende Wolke mit der Inschrift: redit agmine dulci, d. h. die Wolke (hier die Gesellschaft) fällt süß, ohne Salz in das Meer zurück, gleichsam wie reines Wasser ohne Nebengeschmack. Es erfreuet bei dieser Vergleichung noch die zufällige Nebenähnlichkeit, daß die gedachte römische Humoristen-Akademie erzeugt wurde auf einer adeligen Hochzeit, weil während derselben die nachherigen Humoristen den Damen mit Sonetten aufgewartet hatten. – Indes will der Verfasser diese so weit hergeholte Zusammenstellung mehr für Scherz gehalten wissen als für Paragraphen von Ernst.

Es gibt einen Ernst für alle; aber nur einen Humor für wenige, und darum weil dieser einen poetischen Geist und dann einen frei und philosophisch gebildeten begehrt, der statt des leeren Geschmackes die höhere Weltanschauung mitbringt. Daher glaubt das »goutierende« Volk, es »goutiere« Sternes Tristram, wenn ihm dessen weniger geniale Yoricks-Reisen gefallen. Daher kommen die elenden Definitionen des Humors, als sei er Manier oder Sonderbarkeit; daher eigentlich die geheime Kälte gegen wahrhaft-komische Gebilde. Aristophanes würde – obwohl von Chrysostomus und von Platon studieret und unter und auf beider Kopfkissen gefunden – für die meisten das Kopfkissen selber sein, wenn sie offenherzig wären, oder er ohne griechische Worte und Sitten. Die gelehrte und ungelehrte Menge kennt statt der poetischen humoristischen Gewitterwolke, welche befruchtend, kühlend, leuchtend, donnernd, nur zufällig verletzend in ihrem Himmel leicht vorüberzieht, nur jene kleinliche, unbehülfliche irdische Heuschreckenwolke des auf vergängliche Beziehungen streifenden Rach-Spaßes, welche rauscht, verdunkelt, die Blumen abfrisset und an ihrer Anzahl häßlich vergeht.

Man erinnere sich nur noch einiger lobenden und einiger tadelnden Urteile, welche beide sich umzukehren hatten. Der phantasielose und engherzige satirische Kunstarbeiter und Ebenist Boileau galt wirklich einmal dem kritischen Volle (wenn nicht gar noch jetzo) für einen komischen Dichter; – ja ich bin imstande, es stündlich zu erweisen, daß man ihn mit dem Satiriker Pope verglichen, ob ihm gleich Pope an reicher Gedrungenheit, Menschenkenntnis, Umsicht, witziger Illumination, Schärfe, Laune nicht nur überlegen war, sondern in dem höhern Punkte sogar entgegengesetzt, daß er, wie die meisten britischen Dichter, aus der zugebornen Lebens-Furche und Wolke zu jener Berghöhe aufsteigt, worauf man Furchen und Wolken überblickt und vergißt. Soll dennoch Ähnlichkeit bleiben, so mag Boileau als eine satirische Distel für anflatternde Schmetterlinge blühen, und Pope als eine aufblühende Fackeldistel in der Wüste prangen. – So sind Scarron und Blumauer gemeine Lach-Seelen; und kein Witz kann ihre poetisch-moralische Blöße zudecken. Dahin gehört auch Peter Pindar; welcher außerhalb des britischen Staats-Körpers so gut das komische Leben verliert als der von ihm in der Lousiade (Lausiade) besungene Held, weggehoben vom menschlichen Körper, das physische.

Dem Erheben der Niedrigen geht leider das Erniedrigen der Höheren zur Seite. So werden über die Speckgeschwülste und Leberflecken Rabelais' des größten französischen Humoristen, sogar in Deutschland dessen gelehrte und witzige Fülle und vorsternische Laune vergessen, so wie seine scharfgezeichneten Charaktere vom loyalen edlen Pantagruel voll Vater- und Religionliebe bis zum originellen gelehrten Feiglinge Panurge.Eine Übersetzung mit angedruckter Urschrift wäre für den Forscher der französischen Sprache eine ungeheure Sprach-Schatzkammer (für das große Publikum wäre und sei sie nichts). Die schwierigen Zeit- und Ort-Anspielungen brauchte der Übersetzer nicht zu erklären, sondern nur zu übersetzen aus der trefflichen Ausgabe in Quart: Oeuvres de Maître François Rabelais avec des remarques historiques et critiques de Mr. le Duchat. A Amsterdam etc. 1741.

So wird der prosaische und sittenwidrige Tartuffe von Moliere erhoben, und seine genialen Possen werden einer Herablassung zum Gassenvolke angedichtet, anstatt daß man besser manche regelmäßigen Lustspiele einer Herablassung zum Hofvolke zuschriebe. Sein einziges L'impromptu de Versailles, worin er mit einem Wechselspiegeln anderer und seiner selber kräftig spielt, hätte August Schlegeln ein ebenso ungerechtes Urteil über ihn wie über Gozzi ersparen sollen, wenn er jemals anders loben könnte als entweder zu wenig oder zu viel.

Eine Blume werde auch hier auf das Grab des guten Abraham a Santa Clara gelegt, welches gewiß einen Lorbeerbaurn trüge, wär' es in England gemacht worden und seine Wiege vorher; seinem Witz für Gestalten und Wörter, seinem humoristischen Dramatisieren schadete nichts als das Jahrhundert und ein dreifacher Ort, Deutschland, Wien und Kanzel. Ja warum soll der Schreibfinger nicht ein Zeigfinger für einen andern vergeßnen deutschen Satiriker sein, welcher durch seine poetische Selbst-Freilassung, durch muntere wechselnde leichte Handhabung jedes Gegenstandes wohl das Abschreiben des Titels seines Buchs verdient: »Der kurzweilige Satiricus, welcher die Sitten der heutigen Welt auf eine lächerliche Art durch allerhand lustige Gespräche und curieuse Gedanken in einer angenehmen Olla Potrida des durchtriebenen Fuchsmundi etc. etc. vor Augen gestellt.« Anno 1728.

Bloß die Praxis ist noch ein wenig schlechter als die Kritik; denn diese kann doch nachsprechen, jene aber nicht nachschaffen. Wir wollen indes lieber von jener und dieser die wahre suchen als die irrige. Wenn die komische Poesie so gut als die heroische aus der großen dichterischen Dreieinigkeit – Epos, Lyra, Drama – die erste Person daraus muß spielen können, die epische; und wenn das Epische eine noch vollere, gleichere Objektivität verlangt als sogar das Drama, so fragt sich. wo zeigt sich die komische Objektivität? – Da – so folgt aus der Bestimmung der drei Bestandteile des Lächerlichen –, wo bloß der objektive Kontrast oder die objektive Maxime vorgehoben und der subjektive Kontrast verborgen wird – das ist aber die Ironie, welche daher, als reiner Repräsentant des lächerlichen Objekts, immer lobend und ernst erscheinen muß, wobei es gleichgültig ist, in welcher Form sie spiele, ob als Roman, wie bei Cervantes, oder als Lobschrift, wie bei Swift.

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