Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
Schließen

Navigation:

§ 29

Unterschied der Satire und des Komischen

Das Reich der Satire stößet an das Reich des Komus – das kleine Epigramm ist der Markstein –; aber jedes trägt andere Einwohner und Früchte. Juvenal, Persius und ihresgleichen stellen lyrisch den ernsten moralischen Unwillen über das Laster dar, mithin machen sie ernst und erheben uns; selber die zufälligen Kontraste ihrer Malereien verschließen dem Lachen durch Bitterkeit den Mund. Hingegen das Komische treibt mit dem Kleinen des Unverstandes sein poetisches Spiel und macht heiter und frei. Die verspottete Unmoralität ist kein Schein, aber die verlachte Ungereimtheit ist ein halber. Torheit ist zu schuldlos und unverständig für den Schlag der Satire, so wie das Laster zu häßlich für den Kitzel des Lachens, obgleich an jener die unmoralische Seite verhöhnet und an diesem die unverständige belacht werden mag. Schon die Sprache setzt Hohn, Spott, Stachelschrift, Hohnlachen scharf dem Scherzen, Lachen, Lustigmachen entgegen. Das satirische Reich ist, als die Hälfte des moralischen, kleiner, weil man nicht willkürlich verhöhnen kann; das lachende ist unendlich groß, nämlich so groß als das des Verstandes oder der Endlichkeit, weil zu jedem Grade sich ein subjektiver Kontrast erfinden lässet, der kleiner macht. Dort findet man sich sittlich angefesselt, hier poetisch freigelassen. Der Scherz kennt kein anderes Ziel als sein eignes Dasein. Die poetische Blüte seiner Nesseln sticht nicht, und von seiner blühenden Rute voll Blätter fühlt man kaum den Schlag. Es ist Zufall, wenn in einem echtkomischen Werke etwas satirisch scharf ausschlägt; ja man wird davon in der Stimmung gestört. Wenn in Lustspielen die Spieler zuweilen aufeinander ernste Satiren sagen: so unterbrechen sie das Spiel durch die moralische Wichtigkeit, die sie dadurch einander verleihen.

Werke, worin der satirische Unwille und der lachende Scherz, wie oft in der Philosophie Vernunft und Verstand, ineinander gemengt und verwirret sind, z. B. Youngs Satiren und Popes Dunciade, quälen mit dem gleichzeitigen Genusse entgegengesetzter Tonarten. Lyrische Geister werden daher leicht satirisch, z. B. Tacitus, J. J. Rousseau, Schiller in Don Carlos, KlopstockIn seiner Gelehrten-Republik., Herder; aber epische sind leichter komisch, besonders für die Ironie und die Komödie. Die Vermengung beider Gattungen hat eine moralische Seite und Gefahr. Belacht man das Unheilige, so macht man es mehr zu einer Sache des Verstandes; und das Heilige wird dann auch vor diesen unechten Richterstuhl gezogen. Züchtigt die Satire den Unverstand, so muß sie in Ungerechtigkeit übergehen und dem Willen das schuld geben, was der Zufall und Schein verbricht. Hier sündigen englische Satiriker; dort deutsche, und gallische Komödienschreiber, welche den Ernst des Lasters in ein Lustspiel verkehren.

Leicht ist indes der Übergang und die Vermischung. Denn da der moralische Zorn der Satire sich gegen die beiden Sakramente des Teufels, gegen den moralischen Dualismus, nämlich gegen die Lieblosigkeit und gegen die Ehrlosigkeit zu kehren hat: so wird sie im Kriege gegen die letzte dem Scherze begegnen, der die Eitelkeit am Unverstande beleidigt im Gefechte mit diesem. Die Persiflage des Welttons, eine rechte Mittlerin zwischen Satire und Scherz, ist das Kind unserer Zeit.

Je unpoetischer eine Nation oder Zeit ist, desto leichter sieht sie Scherz für Satire an, so wie sie nach dem vorigen umgekehrt die Satire mehr in Scherz verwandelt, je unsittlicher sie wird. Die alten Eselsfeste in den Kirchen, der Geckenorden und andere Spiele der poetischern Zeit würden sich jetzo zu lauter Satiren ausspinnenMan erlaube mir, aus dem Neujahrs-Taschenbuch 1801 folgende Stelle aus meinem eignen Aufsatze abzuschreiben: »Gerade in die andächtigsten Zeiten fielen die Narren- und Eselsfeste, die Mysterienspiele und die Spaßpredigten am ersten Ostertage, bloß weil da das Ehrwürdige noch seinen weitesten Abstand von diesen Travestierungen behauptete, wie der xenophontische Sokrates vom aristophanischen. Späterhin verträgt die Zweideutigkeit des Ernstes nicht mehr die Annäherung des Scherzes, so wie nur Verwandte und Freunde, aber nicht Feinde einander vor den komischen Hohlspiegel führen dürfen.« –; statt des unschuldigen Gewebes der Seidenraupe, welche daraus als Schmetterling fliegt, ist ein Kankergespinste geworden, das eine Mücke fangen soll. Der Scherz fehlt uns bloß aus Mangel an – Ernste, an dessen Stelle der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, trat, welcher Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Daher kann sich gerade die persiflierende Nation am wenigsten im Humor und poetischen Komischen mit der ernsten britischen messen. Der freie Scherz wird in Paris, wie an Höfen, gefesselte Anspielung; so wie die Pariser sich durch ihre witzige Anspielung-Sucht sowohl die Freiheit als den Genuß der ernsten Dichtungen rauben. Daher haben die gravitätischen Spanier mehr Lustspiele als irgendein Volk und oft zwei Harlekine in einem Stück.

Ja der Ernst beweiset als Bedingung des Scherzes sich sogar an Individuen. Der ernste geistliche Stand hatte die größten KomikerDie meisten und besten Bonmots fallen auf Geistliche und auf Schauspieler; – auf diese noch besonders darum, weil ihre Bühne die dunkle Kammer und kleine Welt der ganzen ist und folglich alle komischen Kombinationen dieser, zumal durch den Schein- und Vexier-Apparat der großen, so sehr zusammendrängt, daß in Hogarths Komödianten nicht sowohl der Reichtum als die Enthaltsamkeit in witzigen Vermählungen herauszuheben ist; – beide aber bieten gemeinschaftlich durch die Höhe ihrer wahren und ihrer scheinbaren Verhältnisse dem Zufall die größeren Kontraste dar. So war im christlichen Mittelalter in allen Ländern gerade die dunkelfarbige Geistlichkeit das ausersehene Schwarz der satirischen Zielscheiben., Rabelais, Swift, Sterne, Young in gehöriger Ferne, Abraham a Santa Clara in noch größerer und Regnier, ja es läßt in der größten sich noch ein Pfarrsohn anführen. Man bestätigt sich diese fruchttragende Einimpfung des Scherzes in den Ernst noch mehr durch Nebenblicke. Z. B. ernste Nationen hatten den hölzern und innigern Sinn für das Komische; der ernsten Briten nicht zu gedenken, so haben die ebenso ernsten Spanier mehre Komödien (nach Riccobini) geliefert als Italiener und Franzosen zusammengerechnet. So stand (nach Bouterwek) das spanische Lustspiel gerade unter den drei Philippen von 1556 bis 1665 in Blüte und Glanz; und unter Albas Umhermorden an den Niederlanden wurde von Cervantes im Kerker Don Quixote geboren und von Lope de Vega, einem Familiare der Inquisition, die Luststücke gemacht. – Führt man diese historischen Zufälligkeiten ohne Anmaßung eines scharfen Entscheidens an: so kann man vielleicht fortfahren und sogar dazusetzen, daß das trübe Irland meisterhafte Komiker – die mithin eine große Zahl anderer, wenn auch nur geselliger voraussetzt – gezeugt, von welchen nach Swift und Sterne noch der Graf Hamilton zu nennen, welcher, wie der berühmte Pariser Carlin, so still und ernst im Leben gewesen. Endlich steigert sich an den Jahren Humor, Ironie und jede komische Kraft, und mitten in der kalt nebelnden Trübe des Alters spielt wie ein Nachsommer die komische Heiterkeit sich heiter ein.

Mit dem alten Kernernste ging den Deutschen – zuerst im lustigen Leipzig – der Hanswurst verloren. Gleichwohl wären wir vielleicht alle noch ernsthaft genug für einen oder den andern Spaß, wenn wir mehr Staat-Bürger (citoyens) als Spieß-Bürger wären. Da nichts öffentlich bei uns ist, sondern alles häuslich: so wird jeder rot, der nur seinen Namen gedruckt sieht, und ich erinnere mich, daß der Verfasser dieses, als er den Verlust seiner Patentschnalle auf der Redoute ins Wochenblatt setzen ließ, statt seines Namens bloß beifügte: »bei wem? erfährt man im Intelligenzkomptoir.« Da bei uns nur der Stand die öffentliche Ehre genießet, nicht, wie in England, das Individuum: so will dieses auch nicht den öffentlichen Scherz erdulden. Keine deutsche Frau ließe, wie jene Britin, ihre abgeschnittene Locke zu einem Heldengedichte verspinnen – außer zu einem ernsten –, und noch weniger ließe sie sich Popens scherzende Zuneigung, d. h. dessen bedingtes Lob gefallen. Der Deutsche denkt unsäglich diskret. Wird z. B. etwas Biographisches und Nekrologisches an Schlichtegroll eingesandt: so liefert ihm die Familie vielleicht mehre Familien-Geheimnisse des Menschengeschlechts, nämlich des Toten Tod, Geburt, Hochzeittag und Amtsjahre mit einer gewissen Freimütigkeit aus, desgleichen die Nachrichten, daß der Mann ein guter Vater, treuer Freund und sonst das Beste gewesen. Es soll aber ins Paket eine einzige Anekdote hineingeraten sein, welche den Seligen oder einen aus dem Städtchen in einem saubern Schlafrock aufgestellt und nicht in Silber und Seide: so lässet die Familie das Paket wieder holen von der Post und zieht die Anekdote heraus, um nichts zu kompromittieren. Nicht nur wird keine deutsche Familie den Kopf ihres Vaters abschneiden und an den Doktor Gall abschicken zu Kupferstichen (und niemand wird hier gern einen andern Kopf abliefern als seinen eignen), sondern sie würd' es auch nicht gerne sehen, wenn sie Voltaires Familie wäre, daß der Redakteur des Citoyen Français, le Maire, einen Zahn des alten bissigen Satirikers in goldner Fassung am Finger trägt; »warum soll« – würde die Familie sagen – »unser guter Großvater sich auf allen Straßen und Gassen umtreiben und seinen Hundszahn, der seiner Familie angehört, vor aller Welt aufdecken, zumal da der Zahn den Fraß hat und andere Makel?« –

§ 30

Quelle des Vergnügens am Lächerlichen

Dieser tief und schief laufenden Quelle nachzuspüren und nachzudringen, ist so schwierig als unerläßlich; denn sie bringt erst recht die Natur des Lächerlichen zutage. Aus welcher Definition desselben – bloß eine ausgenommen – man auch dessen Freudengaben abzuleiten suche: so kann doch keine, z. B. die unschädliche Ungereimtheit des Lächerlichen – oder das Verdunsten in nichts – oder die schmerzliche Unterbrechung der Verstandes-Totalität – kurz alle diese wahren Mängel können nicht für den ohnehin von Mängeln geängstigten Menschengeist Freude und Erheiterung, oder gar eine so erschütternde zubereiten, daß er über das körperliche Nachspiel dieses geistigen Spiels kaum mehr Herr bleibt, wie z. B. der griechische Philemon, noch dazu Lustspieldichter, noch dazu im 100ten Jahre, noch dazu am Lachen bloß über einen Feigen fressenden Esel starb. Sogar das Komische in der Kunst kann den geistigen Kitzel bis an die Nähe des geistigen Schmerzes treiben; z. B. wenn in Wielands Abderiten der ganzen Ratsversammlung bei einem plötzlichen Schrecken alle heimliche Dolche aus den Westen entfahren und sie vor sich selber in Waffen blinkend dastehen – oder wenn in Smolletts Peregrine Pickle dem Maler, der im Finstern in ein fremdes Bette gedenkend, die suchende Hand auf einem darneben kauernden kahlen Mönchkopf wie auf einer glatten Kugel aufzuliegen kommt, welcher sich und die Hand allmählich zu lieben anfängt, so daß der Maler über die unbegreifliche Erhebung so lange staunt, bis er mit der Hand ins Gebiß des Kopfes hineingleitet. – Eine ähnliche peinliche Überlust des Komischen empfand der uns allen bekannte Verfasser z. B. beim Malen von Stellen wie die, wo der zerstreute PfarrerQuintus Fixlein, zweite Auflage. S. 371. auf das Kanzelpult sich unter dem Kanzelliede zum Beten niederbückt und das Aussingen der Gemeine verhört und fortliegend bleibt, indem er die stumme, auf sein Aufrichten lauernde Gemeine so lange überdenkt, bis er sich endlich aus der zurückgelassenen Perücke in die Sakristei abschleicht und diese allein auf dem Pulte als Predigt-Adjunktus stehen läßt.

Das körperliche Lachen ist entweder nur Folge des geistigen, und dienet dann ebensogut dem Schmerze der Zornwut, des Verzweifelns u. s. f., oder es entstand ohne den erregenden Geist, dann ists nur schmerzlich; z. B. das Lachen bei Wunden des Zwerchfells, bei Hysterie, selber bei Kitzel. Übrigens kann dasselbe Glied ganz verschiedenen geistigen Bewegungen nachfolgen: dieselbe Träne hängt wie Tau an der Freude, wie Gewittertropfe am Schmerze, wie Giftschweißtropfe am Zorn, wie Weihwasser an der Bewunderung. Die Lust am geistigen Lachen aus körperlichem erklären, hieße das süße elegische Weinen aus dem Reize der Augen-Ausleerung quellen lassen.

Am meisten ist unter den Ableitungen der komischen Lust aus dem Geistigen die von Hobbes aus dem Stolze bestandlos. Erstlich ist die Empfindung des Stolzes sehr ernst, und gar nicht verwandt der komischen, obwohl der ebenso ernsten Verachtung. Unter dem Lachen fühlt man weniger sich gehoben (oft vielleicht das Gegenteil) als den andern vertieft. Der Kitzel der Selbstvergleichung müßte ja als komische Lust sich bei jeder Wahrnehmung fremden Irrtums und fremder Tiefe einstellen und desto lachender sein, je höher man stände, indes man doch gerade umgekehrt oft fremde Unterworfenheit mit Schmerz empfindet.

Und welches besondere Gefühl von Erhebung ist wohl möglich, da oft der belachte Gegenstand auf einem so niedrigen, mit uns ganz inkommensurabeln (unanmeßbaren) Vergleichgrade steht, wie z. B. der obige Esel mit Philemon, oder die körperlichen Lächerlichkeiten des Stolperns, des Fehlsehens u. s. w.? Lachende sind gutmütig und stellen sich oft in Reih und Glied der Belachten; Kinder und Weiber lachen am meisten; die stolzen Selbstvergleicher am wenigsten; und der sich für nichts ausgebende Arlekino lacht über alles, und der stolze Muselmann über nichts. – Niemand scheuet sich, gelacht zu haben; aber eine so deutliche Selbsterhebung, als Hobbes voraussetzt, würde jeder heimlicher halten. Endlich nimmt kein Lacher es übel, sondern recht gut auf, wenn noch Hunderttausende mit ihm lachen und sich also hunderttausend Selbsterhebungen um seine stellen; was aber, hätte Hobbes recht, unmöglich wäre, weil unter allen Gesell- und Gespannschaften eine von lauter Stolzen die unausstehlichste sein müßte, ganz unähnlich der liberalen einer von lauter Geizhälsen, ja Gurgeljägern.

Die Lust am Lächerlichen der Natur kann, wie jede Empfindung, nicht aus dem Mangel, sondern nur aus dem Dasein eines Guten entstehen. Wer sie, wie einige getan, als eine Zurückwirkung der Lust am ästhetischen Komischen erklärt, würde bloß die ähnliche Mutter aus der schöneren Tochter ableiten; aber die Lacher waren früher als die Komiker. Die komische Lust läßt sich zwar, wie jede, durch den Verstand auf dem Wege der umgebenden einwirksamen Verhältnisse in mehre Elemente zerlegen, aber im Brennpunkte der Empfindung selber schmelzen alle (wie die Bestandteile des Glases) zu einem dichten durchsichtigen Gusse. – Der Elementargeist der komischen Lust-Elemente ist der Genuß dreier in einer Anschauung vor- und festgehaltenen Gedankenreihen, 1) der eignen wahren Reihe, 2) der fremden wahren und 3) der fremden von uns untergelegten illusorischen. Die Anschaulichkeit zwingt uns zum Hinüber- und Herüber-Wechselspiel mit diesen drei einander gegenstrebenden Reihen, aber dieser Zwang verliert durch die Unvereinbarkeit sich in eine heitere Willkür. Das Komische ist also der Genuß oder die Phantasie und Poesie des ganz für das Freie entbundnen Verstandes, welcher sich an drei Schluß- oder Blumenketten spielend entwickelt und daran hin- und widertanzt. Drei Elemente sondern diesen Genuß des Verstandes von jedem andern desselben an. Erstlich stört keine sich eindrängende starke Empfindung seinen freien Lauf; das Komische gleitet ohne Friktionen (Reibungen) der Vernunft und des Herzens vorüber, und der Verstand bewegt sich in einem weiten luftigen Reiche frei umher, ohne sich an etwas zu stoßen. – Ein dermaßen frei gelaßnes Spiel hat er, daß ers sogar an geliebten und geachteten Personen treiben kann, ohne sie zu versehren; denn das Lächerliche ist ja nur ein von und in uns selber geworfener Schein, und in diesem Vexier-Lichte kann der andere gesehen zu werden schon vertragen.

Das zweite Element ist die Nachbarschaft des Komischen mit dem Witze, nur aber mit dem Vorteile, daß jenes weit über diesen erquickend hinaus herrscht. Da der Witz – was leider erst im zweiten Bändchen der Vorschule weitläuftig zu erweisen ist – eigentlich anschaulicher Verstand oder sinnlicher Scharfsinn ist, so wurde zur Verwechslung desselben mit dem Komischen zu leicht verführt, so sehr auch Beispiele eines ernsten und erhabnen Witzes und eines witz-freien Komischen dagegen sprachen. Denn der wichtigere Unterschied zwischen beiden ist, daß der Verstand am Witze nur einseitige Verhältnisse der Sachen, am Komischen aber die vielseitigen Verhältnisse der Personen durchläuft und genießt, dort einige intellektuelle Glieder, hier handelnde; dort verfliegen die Verhältnisse ohne festen Grund, hier wohnen ungezählte in einem Menschen. Das Persönliche gibt, wie dem Herzen einen Spielraum, ebenso dem Verstande einen noch unbestimmtern und weitern. Allem diesem fügt das Komische noch den Vorzug der sinnlichen Anschaulichkeit bei. Erscheint bloßer Witz zuweilen komisch: so bedenke man, daß er diese Stärke erst aus einer komischen Umgebung oder Stimmung holen muß. Wenn z. B. Pope in seinem Lockenraube von der Heldin sagt: »sie sei in Angst, ob sie ihre Ehre oder ihr Brokatkleid beflecken, ob sie ihr Gebet oder eine Maskerade versäumen, auf dem Ball ihr Herz oder ihr Halsband verlieren werde«, so entspringt die komische Kraft nur aus der Ansicht der Heldin, aber nicht aus der Paarung des Ungleichartigsten; denn in Campens Wörterbuch würde Beflecken der Kleider und darauf als uneigentlich das Beflecken der Ehre ohne komische Wirkung stehen.

Ein drittes Element des komischen Genusses ist der Reiz der Unentschiedenheit, das Kitzeln des Wechsels zwischen scheinbarer Unlust (an dem Minimum des fremden Verstandes) und zwischen der eignen Lust der Einsicht, welches beides, in unserer Willkür stehend, um so süßstechender (pikanter) berührt und neckt. Insofern daher nähert sich das Komische dem körperlichen Kitzel, der als ein närrischer Doppellauter und Doppelsinn zwischen Schmerz und Lust auszittert. Seltsam genug und fast komisch trifft der Umstand – den ich jetzo bei der zweiten Auflage wahrnehme – mit meiner Definition des Lächerlichen in der ersten allegorisch zusammen, nämlich der, daß wir sogar den körperlichen Achsel- und Fersenkitzel halb willkürlich nur fühlen, wenn wir uns in einen fremden Finger versetzen, indes der eigne nichts dergleichen erwirkt, ja daß, wenn man mit dem fremden in der eignen Hand sich berührt, nur die Viertel Wirkung erfolgt – sobald man nur nach eignem Willen ihn umherruckt –, aber sogleich die ganze, wenn er sich, obwohl in unserer Hand, selbst tätig bewegt. Ein so närrisches Ding, als das selber ist, woran es klebt, der Mensch!

Das Lächerliche bleibt daher ewig im Gefolge der geistigen Endlichkeit. Wenn der Flötenspieler Quod deus vult (im noch nicht erschienenen 29ten Bändchen der Flegeljahre) klagt – doch wahrscheinlich mehr aus Scherz –, daß er oft verdrüßliche Stunden habe, wo er sichs zu sehr ausmale, daß er selig werde und folglich Ewigkeiten hindurch als Vollendeter unter lauter Vollendeten ohne alles das leben müßte, was man hienieden noch Scherz nenne oder Spaß: so ängstigt sich der Mann zuverlässig unnütz; denn sowohl der anschauenden als der angeschaueten Endlichkeit bleibt eben als einer die Täuschung des komischen Stellen-Wechselns fort und anhängend, nur eine andere auf höherer Stufe; und noch über einen Engel ist zu lachen, wenn man der Erzengel ist.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.