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Vorschule der Ästhetik

Jean Paul Richter: Vorschule der Ästhetik - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleVorschule der Ästhetik
pages7-514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1804
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§ 24

Poesie des Aberglaubens

Der sogenannte Aberglaube verdient als Frucht und Nahrung des romantischen Geistes eine eigne Heraushebung. Wenn man lieset, daß die Auguren zu Ciceros Zeiten die 12 Geier, welche Romulus gesehen, für das Zeichen erklärten, daß sein Werk und Reich 12 Jahrhunderte dauern werde, und wenn man damit den wirklichen Sturz des abendländischen Reichs im 12ten vergleicht: so ist der erste Gedanke dabei etwas HöheresSogar ein Leibniz findet es findenswert, daß z. B. Christus im Zeichen der Jungfrau geboren worden. Otium Hanover. p. 187. Daher kann eine vorüberfliegende Anführung verziehen werden, daß, als im Kaiserbildersaale zu Frankfurt leerer Raum nur noch für ein einziges Bild eines deutschen Kaisers jahrelang leer stand, das Schicksal ihn wirklich mit dem Bilde des letzten füllte und schloß. als der spätere, der die Kombinationen des Zufalls ausrechnet. Jeder erinnere sich aus seiner Kindheit – wenn die seinige anders so poetisch war – des Geheimnisses, womit man die 12 heiligen Nächte nannte, besonders die Christnacht, wo Erde und Himmel, wie Kinder und Erwachsene, einander ihre Türen zu öffnen schienen zur gemeinschaftlichen Feier der größten Geburt, indes die bösen Geister in der Ferne zogen und schreckten. Oder er denke an den Schauder, womit er von dem Kometen hörte, dessen nacktes glühendes Schwert jede Nacht am Himmel über die untere bange Welt herauf- und hinübergezogen wurde, um, wie von einem Todesengel ausgestreckt, auf den Morgen der blutigen Zukunft zu zeigen und zu zielen. Oder er denke ans Sterbebette eines Menschen, wo man am meisten hinter dem schwarzen langen Vorhang der Geisterwelt geschäftige Gestalten mit Lichtern laufen sah; wo man für den Sünder offne Tatzen und heißhungrige Geisteraugen und das unruhige Umhergehen erblickte, für den Frommen aber blumige Zeichen, eine Lilie oder Rose in seinem Kirchenstand, eine fremde Musik oder seine doppelte Gestalt u. s. w. fand. Sogar die Zeichen des Glücks behielten ihren Schauder; wie eben die letztbenannten, das Vorüberschweben eines seligen weißen Schatten und die Sage, daß Engel mit dem Kinde spielen, wenn es im Schlummer lächelt. O wie lieblich! Verfasser dieses ist für seine Person froh, daß er schon mehre Jahrzehende alt und auf einem Dorfe jung gewesen und also in einigem Aberglauben erzogen worden, mit dessen Erinnerung er sich jetzo, da man ihm statt der gedachten spielenden Engel Säuere im Magen untergeschobenBekanntlich entsteht das Lächeln schlafender Kinder aus Säuere im Magen, welche aber bei Erwachsenen sich nicht sonderlich durch Lächeln oder Engel verrät., zu behelfen sucht. Wäre er in einer gallischen Erziehungsanstalt und in diesem Säkul sehr gut ausgebildet und verfeinert worden, so müßt' er manche romantische Gefühle, die er dem Dichter gleich zubringt, erst ihm abfühlen. In Frankreich gab es von jeher am wenigsten Aberglauben und Poesie; der Spanier hatte beides mehr; der heitere Italiener glich Römern und Griechen, bei welchen der Aberglaube nichts von unserm Geisterreiche an sich hatte, sondern sich auf ein Erdenglück, meist von bestimmten Wesen verkündigt, bezog; denn z. B. an deutsche Särge hätte man nie die lustigen, grausamen, mutwilligen Gruppen der alten Urnen und Sarkophage gemalt, wie die Griechen und sogar die düstern Hetrurier taten.

Der nordische Aberglaube, welcher im Gefechte der Krähen oder im Kriegspielen der Kinder den blutigen Zeigefinger erblickte, welcher auf das schlachtende Stürmen der Völker wies, dieser war desto romantisch erhabner, je kleiner und unbedeutender die weissagenden Bilder waren. So erscheinen die Hexen in Shakespeares Macbeth desto fürchterlicher, je mehr sie in ihre Häßlichkeit einkriechen und verschrumpfen; aber in Schillers Macbeth sind die Kothurne, die er ihnen zur Erhöhung angeschuht, gerade die sogenannten Hexenpantoffeln des P. Fulgentius, welche ihre Zauberei bezwingen. Das Mißverhältnis zwischen Gestalt und Überkraft öffnet der Phantasie ein unermeßbares Feld des Schreckens; daher unsere unverhältnismäßige Furcht vor kleinen Tieren, und es muß ein kühner General sein, welcher vor dem nahen suchenden Summen einer erbosten Hornisse so ruhig und ungeregt fest sitzen kann als vor dem Summen einer Kanone. – In Träumen schaudert man mehr vor mystischen Zwergen als vor einer steilen offnen Riesengestalt.

Was ist nun am After- oder Aberglauben wahrer Glaube? Nicht der partielle Gegenstand und dessen persönliche Deutung – denn beide wechseln an Zeiten und Völkern –, sondern sein Prinzip, das Gefühl, das früher der Lehrer der Erziehung sein mußte, eh' es ihr Schüler werden konnte, und welches der romantische Dichter nur verklärter aufweckt, nämlich das ungeheure, fast hülflose Gefühl, womit der stille Geist gleichsam in der wilden Riesenmühle des Weltalls betäubt steht und einsam. Unzählige unüberwindliche Welträder sieht er in der seltsamen Mühle hintereinander kreisen – und hört das Brausen eines ewigen treibenden Stroms – um ihn her donnert es, und der Boden zittert – bald hie, bald da fällt ein kurzes Klingeln ein in den Sturm – hier wird zerknirscht, dort vorgetrieben und aufgesammelt – und so steht er verlassen in der allgewaltigen blinden einsamen Maschine, welche um ihn mechanisch rauschet und doch ihn mit keinem geistigen Ton anredet; aber sein Geist sieht sich furchtsam nach den Riesen um, welche die wunderbare Maschine eingerichtet und zu Zwecken bestimmt haben und welche er als die Geister eines solchen zusammengebaueten Körpers noch weit größer setzen muß, als ihr Werk ist. So wird die Furcht nicht sowohl der Schöpfer als das Geschöpf der Götter; aber da in unserm Ich sich eigentlich das anfängt, was sich von der Welt-Maschine unterscheidet und was sich um und über diese mächtig herumzieht, so ist die innere Nacht zwar die Mutter der Götter, aber selber eine Göttin. Jedes Körper- oder Welten-Reich wird endlich und enge und nichts, sobald ein Geisterreich gesetzt ist als dessen Träger und Meer. Daß aber ein Wille – folglich etwas Unendliches oder Unbestimmtes – durch die mechanische Bestimmtheit greift, sagen uns außer unserm Willen noch die Inschriften der beiden Pforten, welche uns in das und aus dem Leben führen; denn vor und nach dem irdischen Leben gibt es kein irdisches, aber doch ein Leben. Ferner sagt es der Traum, welchen wir als eine besondere freiere willkürliche Vereinigung der geistigen Welt mit der schweren, als einen Zustand, wo die Tore um den ganzen Horizont der Wirklichkeit die ganze Nacht offen stehen, ohne daß man weiß, welche fremde Gestalten dadurch einfliegen, niemals ohne einen gewissen Schauder bei andern kennen lernen.Fremde Träume hören wir nicht ohne ein romantisches Gefühl; aber unsere erleben wir ohne dasselbe. Dieser Unterschied des Du und des Ich reicht durch alle moralische Verhältnisse des Menschen und verdient und bekommt an einem andern Orte eine Erwägung.

Ja es wird, kann man sagen, sobald man nur einmal einen Menschengeist mit einem Menschenkörper annimmt, dadurch das ganze Geisterreich, der Hintergrund der Natur mit allen Berührkräften gesetzt; ein fremder Äther weht alsdann, vor welchem die Darmsaiten der Erde zittern und harmonieren. Ist eine Harmonie zwischen Leib und Seele, Erden und Geistern zugelassen: dann muß, ungeachtet oder mittelst der körperlichen Gesetze, der geistige Gesetzgeber ebenso am Weltall sich offenbaren, als der Leib die Seele und sich zugleich ausspricht; und das abergläubige Irren besteht nur darin, daß wir diese geistige Mimik des Universums, wie ein Kind die elterliche, erstlich ganz zu verstehen wähnen und zweitens ganz auf uns allein beziehen wollen. Eigentlich ist jede Begebenheit eine Weissagung und eine Geister-Erscheinung, aber nicht für uns allein, sondern für das All; und wir können sie dann nicht deuten.Höchst wahrscheinlich hat eben darum Moritz, mehr ein Geisterseher als Geisterschöpfer, in seine Erfahrung-Seelenkunde so viele Träume, Erscheinungen, Ahnungen etc. öfter aufgenommen als darin erklärt und so hinter dem Schirme eines Sammlers und Exegeten seine Geisterseherei in etwas vor der berlinischen und gelehrten Körperseherei gedeckt. – –

§ 25

Beispiele der Romantik

Einzelne romantische Streiflichter fallen schon durch die griechische Poesie hindurch, wohin z. B. Ödips Dahinverschwinden im Sophokles, der fürchterliche Dämogorgon, das Schicksal etc. gehören. Aber der echte Zauberer und Meister des romantischen Geisterreichs bleibt Shakespeare (ob er gleich auch ein König mancher griechischen Inseln ist); und dieser schöne Mensch, der den Glauben der Geisterwelt würde erfunden haben, wenn er ihn nicht gefunden hätte, ist wie die ganze Romantik das Nachbild der Ebenen von Baku: die Nacht ist warm, ein blaues Feuer, das nicht verletzt und nicht zündet, überläuft die ganze Ebene, und alle Blumen brennen, aber die Gebirge stehen dunkel im Himmel.

Jetzo ist Schiller zu nennen. Wenn die Romantik Mondschein ist, so wie Philosophie Sonnenlicht: so wirft dieser Dichter über die beiden Enden des Lebens und Todes, in die beiden Ewigkeiten, in die Welt vor uns und die Welt hinter uns, kurz über die unbeweglichen Pole der beweglichen Welt seinen dichterischen Schein, indes er über der Mitte der Welt mit dem Tageslicht der Reflexion-Poesie steht; wie die Sonne nur an beiden Polen wechselnd nicht untergeht und den ganzen Tag als ein Mond dämmert. Daher der Mondschimmer, z. B. seiner Astrologie, seiner Jungfrau von OrleansNur daß auf letzten, wie oft bei theatralischen Vorstellungen vorfällt, zuweilen eine aufgehende Bühnen-Türe das äußere Weltlicht hereinlässet und so die poetische Beleuchtung unterbricht durch eine weltliche., seines Glockenlieds. Bei letztem ist schon die Wahl eines romantischen Aberglaubens romantisch, welcher den Guß der Glocken, als der heiligsten Werkzeuge, die nur aus dieser Welt in die andere rufen und uns in der jetzigen immer auf Herkules' Scheidewegen anreden, gewöhnlich von feindseligen Geistern bekämpft annahm.

Herders herrliche »Legenden« haben als christliche Romantik noch kein sprechendes Auge gefunden. – Die Mohrin Zorayda in Don Quixote schauet aus dem romantisch-gestirnten Himmel des Werks als näherer Stern herab. – Tieck (obwohl zu sehr aufgelöset in die romantische und deutsche Vorzeit, um eine Gegenwart anzunehmen und darzustellen) gab in SternbaldII. S. 306. fast eine shakespearesche humoristische Phantasie über die Phantasie. –

Gozzi schimmert mit einer warmen italienischen Zaubernacht neben Goldoni, welcher Rom kalt und rein überschneiet. – Hebels alemannische Gedichte sind köstlich-romantisch.

Durch den romantischen Meister von Goethe zieht sich, wie durch einen ungehörten Traum, ein besonderes Gefühl, als walte ein gefährlicher Geist über den Zufällen darin, als tret' er jede Minute aus seiner Wetterwolke, als sehe man von einem Gebirge herab in das lustige Treiben der Menschen, kurz vor einer Katastrophe der Natur. Unter den Märchen werden seines in den Horen und unter den Dramen sein Faust als romantische Himmels-Zwillinge über der Nachwelt schimmern.

Bei den folgenden romantischen Beispielen bemerk' ich voraus, daß ich nur sie selber, aber nicht deren ganze Verfasser für romantisch und dichterisch erkläre. Damit entschuldige man mich, wenn ich in Klingers goldnem Hahn die Liebe des Pagen Fanno und der Prinzessin Rose, oder dessen Bambino für romantisch ausgebe und mit Recht behaupte, daß er dort zuerst auf das Hofleben romantisches Rosen- und Lilienlicht fallen ließ; denn seine Dichterjugend, worin die dichtende und die bürgerliche Welt sich so lange bekämpfte, bis endlich diese siegend vorweg, wie es denn sein neuestes Werk (»Bemerkungen« u. s. w.) durch die Urteile bewies, die es teils fällte, teils gewann. Ich frage jeden Revisor der Romanen oder gar der ästhetischen Literatur in Ergänzungblättern allgemeiner Literaturzeitungen, ob er nicht – sobald er nur einmal reifer ist als sein Urteil – zugeben und einsehen muß, daß Klingers Poesien den Zwiespalt zwischen Wirklichkeit und Ideal, anstatt zu versöhnen, nur erweitern, und daß jeder Roman desselben, wie ein Dorfgeigenstück, die Dissonanzen in eine schreiende letzte auflöse. Zuweilen in Giafar und andern schließt den gut motivierten Krieg zwischen Glück und Wert der matte kurze Frieden der Hoffnung oder ein Augen-Seufzer. Aber ein durch seine Werke wie durch sein Leben gezogenes Urgebirge seltener Mannhaftigkeit entschädigt für den vergeblichen Wunsch eines froheren farbigen Spiels. – Romantisch ist ferner Schlegels Sonett »die Sphinx« im Athenäum. Romantisch wird im Alarkos sowohl Schlegels als des ersten Bearbeiters in dem alten spanischen Romançe del Conde Alarcos der schauerliche Volksglaube gebraucht, daß der Missetäter in drei Tagen sterbe, wenn ihn das Opfer desselben vor Gottes Gericht im Sterben lade; auch verliert sich das Gebäude schön in eine romantische Abenddämmerung. Erhaben und wahr, nur zu kurz angedeutet ist der Zug, daß die Sterbende in der kalten Scheideminute, wo schon die zweite strengere Welt anfängt, die Erdenliebe gegen ihren Mörder verliert und wie ein Totengericht nur Gerechtigkeit befiehlt. – Romantisch ist die Liebgeschichte in der 185ten bis 210ten Nacht der arabischen Märchen; – ferner die Dichtung der Jahrszeiten in Mniochs Analekten (I. S. 67), aber desto unpoetischer die Dichtung über das Innere. Weit mehr romantisch, und sehr selten griechisch ist Klopstock, welcher, so wie Haydn in der Schöpfung mit Musik malt, so umgekehrt oft mit Malerei nur tönt; und man sollte nicht jede (oft nur philosophische) Einfachheit mit griechischem Geiste vermengen.Die Alten drückten sich unbewußt mit Kürze und Einfachheit aus und wollten einfältig nur die sie erfüllende Wirkung des Gegenstandes weiter geben. Die Neuen schneiden sich erst aus der selber bewußten Vielversteherei eine kokette Kürze zu, welche die Preise der Einfachheit und des Reichtums zugleich gewinnen will.

Nichts ist seltener als die romantische Blume. Wenn die Griechen die schönen Künste eine Musik nannten: so ist die Romantik die Sphärenmusik. Sie fodert das Ganze eines Menschen, und zwar in zartester Bildung, die Blüten der feinsten höchsten Zweige; und ebenso will sie im Gedichte über dem Ganzen schweben, wie ein unsichtbarer, aber mächtiger Blumenduft. Ein uns allen wohl bekannter und naher Verfasser macht zuweilen seinen romantischen Duft zu sichtbar und fest wie durch Frost. – Die Deutschen, deren poetischen Charakter Herder in Biedersinn und Hausverstand setzte, sind für die romantische Poesie zu schwer und fast für die plastische geschickter; und der große Lessing, welcher fast jeden Geist hatte, nur nicht den romantischen, könnte als charakteristischer Sprecher und Abgesandter des deutschen gelten, wiewohl er (ist der kühne Ausdruck erlaubt) zwar nicht in der Dicht-, aber in der Denk-Kunst romantisch war. Vossens plastische Idyllen stehen daher weit über seinen Oden, denen, wie noch mehr seinen Scherzgedichten, zwar nicht poetischer Körper, aber oft der ideale Geist zu mangeln scheint. Ebenso selten als das romantische Talent ist daher der romantische Geschmack. Da der romantische Geist, diese poetische Mystik, niemals im Einzelnen aufzufassen und festzubannen ist. so sind gerade die schönsten romantischen Blüten bei der Volksmenge, welche für die lesende die schreibende richtet, einem tierischen Betasten und Ertreten ausgesetzt; daher das schlimme Schicksal des guten Tiecks und besonders echter Märchen. – Dabei erschwert noch der Wechsel das Nachsprechen einer Regel; denn die plastische Sonne leuchtet einförmig wie das Wachen; der romantische Mond schimmert veränderlich wie das Träumen. – –

Wendet man das Romantische auf die Dichtungarten an: so wird das Lyrische dadurch sentimental – das Epische phantastisch, wie das Märchen, der Traum, der Roman – das Drama beides, weil es eigentlich die Vereinigung beider Dichtungarten ist.

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